Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 22 › Seite 120
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-06-29, Seite 120
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche und Staat 8 · Kirche und Staat 9 · Synode
beklagen, ſo thun wir es doch nicht allein. Es
ſind drüben viel fromme Chriſten, welche ohne
Unterkaß zu dem HErrn flehen, daß er ſein ge⸗
fangenes Volk erlöſe, und Gott erhört Gebet.
— Doch ſage, wie war es nur möglich, daß die
Conſiſtorien aufkamen?
S. Du weißt, wie klar und kräftig unſere
Bekenntnißſchriften und Luther, z. B. in der
Schrift: „Daß eine chriſtliche Verſammlung
oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle
Lehre zu urtheilen und Lehrer zu berufen, ein—
und abzuſetzen;“ ferner in einem „Sendſchrei⸗
ben, wie man Kirchendiener wählen und ein—
ſetzen ſoll, an den Rath und Gemeine der Stadt
Prag,“ — die Freiheit der Kirche auf Grund
des Wortes Gottes predigen.
E. Und doch ging jene Freiheit verloren.
S. Es fehlte den Gemeinden zur Zeit der
Reformation zu ſehr an der nöthigen chriſtlichen Erkenntniß, als daß ſie aller Orten ſelber ſich
hätten regieren können.
E. Dahin hatten es freilich die papiſtiſchen Pfaffen gebracht.
S. Da waren es nun die gottſeligen Für—
ſten und frommen Obrigkeiten jener Zeit, wel—
che aus Liebe die Angelegenheiten der Gemein—
den leiteten, die vertrauensvoll ihre Rechte den
Conſiſtorien überließen, zumal dieſe außer der
geiſtlichen auch aus ſolchen weltlichen Beiſitzern
beſtanden, welche den Glauben der Kirche theil—
ten und das Beſte derſelben von Herzen ſuchten.
E. So war alſo die Conſiſtorial-Verfaſſung
den Bedürfniſſen der damaligen Zeit ganz an—
gemeſſen?
S. Gewiß. Sie iſt in der Hand des HErrn
ein Werkzeug geweſen, wodurch er ſein Volk
geſegnet hat. Allein die Gemeinden wachten
nicht, darum kam die Kirchengewalt mit der
Zeit immer mehr in die Hände der weltlichen
Obrigkeit, wenn auch einzelne Lutheraner äu⸗
ßerſt ernſt dagegen proteſtirten, daß Chriſtus
die Seinen nicht aus der päbſtlichen Sclaverei
errettet habe, um ſie zu Knechten der Politici
(der weltlichen Obrigkeit) zu machen.“)
E. Das klingt ja herrlich! Ach, daß ſie doch
alle ſo gezeugt hätten!
S. Dann wäre die Kirche frei geblieben.
Doch da ſie es nicht thaten, ſo ſtellte das Kir—
chenrecht endlich ſogar die gräuliche Lehre auf,
die Fürſten ſeien die „oberſten Biſchöfe“ der Kirche.
E. Nein, es iſt doch nicht möglich. Mit
demſelben Rechte nennt ſich Pabſt und Biſchof
Bräutigam der Kirche.
S. So regieren nun die „königlichen, groß—
herzoglichen, herzoglichen Conſiſtorien“ die lu⸗
theriſche Kirche Deutſchland's im Namen der
Fürſten.
E. So haben alſo die Könige Chriſto die
Herrſchaft und die Ehre genommen und ſich
ſelbſt angemaßt.
S. Du haſt gewiß von Sr. Majeſtät, dem
Könige von Baiern gehört, ſein Leben iſt be—
kannt; er iſt Papiſt und als ſolcher der oberſte
Biſchof der lutheriſchen Kirche in ſeinem Lande.
Seine lutheriſchen Pfarrer heißen auch buch—
ſtäblich „Königliche Pfarrer!“
*) Gurricke, Kirchengeſchichte II, 343.
—
E. Du ſcherzeſt.
S. Es iſt leider die bitterſte Wahrheit.
Doch iſt das nicht das einzige Beiſpiel.
Schlimmer iſt es noch in Preußen. Dort re—
gierte der vorige König in eigner Perſon die
Kirche, dichtete eigne Glaubensartikel und ſtif—
tete ſogar eine eigene Kirche, die Evangeliſche,
indem er als oberſter Biſchof die lutheriſche und
reformirte Kirche vereinigte.
E. Nicht wahr, es iſt daſſelbe, was ſich
hier, „vereinigt, und reformirt-lutheriſch und
lutheriſch⸗reformirt nennt?“
S. Es iſt dieſelbe Miſchung, welche aus
dem Irrthume hervorgeht, daß es gleichgültig
ſei, was wir im heil. Abendmahl empfangen.
Dieſe Gleichgültigkeit iſt der oberſte Glaubens—
artikel, auf welchem die Union beruht, die ei—
gentliche Grundlage.
E. Die ſcheint mir aber nicht gar dauerhaft
zu ſein. Begriffen denn die Preußiſchen Lu⸗
theraner dieſe tiefſinnige Lehre ihres Königs?
S. Er verſuchte es, durch ſeine geiſtlichen
und weltlichen Soldaten, ſie ihnen zu erklären,
aber umſonſt.
E. Wie meinſt du das?
S. Nun, zuerſt mußten ſeine geiſtlichen Un—
terthanen, d. h. ſeine hohen königlichen Con—
ſiſtorialräthe, Profeſſoren und Paſtoren den
Lutheranern den Glaubensartikel von der
Union beweiſen, und als ſie ihn noch immer
nicht einſahen, ſo ſchickte er ihnen ſeine könig⸗
lichen Soldaten.
E. Und dieſe predigten ordentlich von der
Union?
S. Ja, mit Bayonetten. Die geiſtlichen
Soldaten des Königs hatten behauptet, die
brüderliche Liebe ſei eigentlich der innere
Grund der Union, und die weltlichen Soldaten
mußten dieſes nun auch äußerlich zeigen, in—
dem ſie die Agende des Königs mit Gewalt
einführten und die Widerſtrebenden mit Kerker,
Geldſtrafen und Einquartierung belegten.
E. Aehnlich pflegte früher der Römiſche
Pabſt unſern Vätern ſeine ſelbſt gemachten
Glaubensartikel zu beweiſen.
S. Es iſt auch offenbar Cäſareopapie, d. i.
weltlicher Papismus.
E. Was ethaten darauf unſere Glaubensbrü—
der in Preußen?
S. Viele duldeten als Märtyrer und prote⸗
ſtirten als Männer.
E. Und was antwortete der Preußiſche Pabſt—
könig darauf?
S. Als oberſter Biſchof' ließ er den Luthe—
ranern ihre Kirchen wegnehmen. Seine ganze
pabſtkönigliche Kirche ſchrie Zeter über die
boshaftigen Lutheraner, daß ſie ſeinem Bilde
nicht räuchern und ſein Abendmahl nicht genie—
ßen wollten. Unſäglicher Jammer, Trübſal
und Gewiſſensnoth kam über ſie, zu Tauſen⸗
den wanderten ſie aus und ſuchten in Nord—
America und Südauſtralien die Gewiſſensfrei⸗
heit, welche ihnen das Vaterland verſaͤgte.
E. Jetzt ſteht es wohl beſſer dort?
S. Der jetzige preußiſche König hat die
lutheriſche Kirche zu einer Secte geſtempelt, ſie
hat ſo viel Freiheit wie die Juden.
E. Iſt es dahin gekommen mit der Kirche
des HErrn, welche im Laufe der Jahrhunderte
den Namen lutheriſche' erhalten hat, die aber
laut ihres Bekenntniſſes eins iſt mit der einen heiligen chriſtlichen Kirche? Iſt es dahin ge—
kommen mit ihren Kindern, daß ſie nun auf
die Berge fliehen müſſen? Denn der Gräuel
ſteht wiederum an heiliger Stätte. Gott hatte
ihn durch Luther hinausgetrieben, aber die
Könige mit ihren Knechten haben ihn wieder
hineingetragen. Ja, das Ende naht, die letz—
ten Zeiten ſind da, es gilt den letzten, den
ſchwerſten Kampf. Die Könige waren Pfleger
und die Fürſten waren Sängammen der Kirche,
aber was ſind ſie jetzt? Ränber und Tyrannen,
welche dem HErrn ſeine Ehre, ſeiner Kirche
ihre königliche Krone, ihr Recht und ihre Frei—
heit entriſſen haben. Sie muß nun dienen, die
edle Königin, denen, welche ihr dienen ſollten,
denn das Scepter der Gottloſen herrſchet über
ſie; ihr Schmuck und ihre Frende iſt dahin,
verlaſſen, verſtoßen und vertrieben klagt ſie
Tag und Nacht im Trauergewande, und Nie⸗
mand iſt, der ſie leitet, und ihr Feind pranget
ſehr. O HErr JEſu Chriſte, du unſer allei—
niger himmliſcher König, du alleiniger oberſter
Hirte und Biſchof unſerer Seelen, ſiehe an dei—
nen Weinberg! Es haben ihn zerwühlet die wil⸗
den Säue und die wilden Thiere haben ihn ver—
derbet. Siehe an deine Kirche im Oſten, ſie
ſchmachtet in babyloniſcher Gefangenſchaft.
S. Sei getroſt, Erich, ſie iſt gegründet auf
den heiligen Bergen.
E. Das römiſche Pabſtthum ſteigt, ein hölli⸗
ſches Ungeheuer mit lügenhaftigen Kräften,
verſtärkt wieder aus dem Abgrunde hervor und
ſtreckt blutgierig ſeine Krallen über Europa
und America aus, während viele Verblendete
nach ſeiner buhleriſchen Schönheit lüſtet. Der
griechiſch-katholiſche Pabſtkaiſer von Rußland
verfolgt die Kirche mit ſelaviſcher Despoten—
härte; deutſche Pabſtkönige haben ſie gefeſſelt
mit den Banden weltlicher Macht; Irrlehre,
Unglaube und loſe Philoſophie nehmen über—
hand in der Welt: fürwahr Gog und Magog
umringen ſchon die geliebte Stadt. Ach, ich
ſehe lauter Nacht.
S. Und ich ſehe lauter Sonnenſchein. Mußte
nicht Chriſtus durch Leiden zu ſeiner Herrlich—
keit eingehen?
E. Es iſt wahr, darum mußte auch die
Kirche nur durch Märtyrerthum ſiegen, darum
muß ſie auch jetzt durch Märtyrerthum ſich ihre
Freiheit und ihr Recht erſtreiten.
S. So muß es gehen, wir müſſen durch
viel Trübſal ins Reich Gottes gehen. Es muß
gelitten, aber auch geſiegt ſein, denn unſer
Glaube iſt der Sieg, der die Welt überwunden
hat.
E. Das iſt die alte Regel.
S. Und dazu nimm die alte, ewig junge
Verheißung: Der HErr ſprach zu meinem
Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß
ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße
lege. Der HErr wird das Seepter deines
Reiches ſenden aus Zion. Herrſche unter dei⸗
nen Feinden. Der HErr zu deiner Rechten
wird zerſchmeißen die Könige zur
Zeit ſeines Zornes.
English translation AI translation
lament, yet we do not do so alone. Over there are many devout Christians who plead unceasingly with the Lord that he deliver his captive people, and God hears prayer. — But tell me, how was it even possible that the consistories arose?
S. You know how clearly and forcefully our confessional writings, and Luther — for instance in the treatise "That a Christian assembly or congregation has the right and power to judge all doctrine and to call, install, and depose teachers," and further in a letter "concerning how a Christian assembly should choose and install ministers, addressed to the council and congregation of the city of Prague" — preach the freedom of the church on the basis of the Word of God.
E. And yet that freedom was lost.
S. At the time of the Reformation, the congregations lacked too much of the necessary Christian understanding for them to have been able to govern themselves everywhere.
E. To that point, indeed, the papist priests had brought things.
S. It was then the godly princes and pious authorities of that time who, out of love, guided the affairs of the congregations, which trustingly left their rights to the consistories, especially since these consisted, besides clergy, also of such lay assessors who shared the faith of the church and sincerely sought its best interest.
E. So the consistorial constitution was then entirely suited to the needs of that time?
S. Certainly. It was, in the hand of the Lord, an instrument by which he blessed his people. But the congregations did not stay watchful, and so church authority passed more and more, with time, into the hands of the civil government, even though individual Lutherans protested most earnestly against this, saying that Christ had not rescued his own from papal slavery in order to make them servants of the politici (the civil government).*)
E. Well, that sounds splendid! Ah, would that they had all testified thus!
S. Then the church would have remained free. But since they did not, church law finally even set up the abominable doctrine that the princes were the "supreme bishops" of the church.
E. No, surely that cannot be. By the same right the pope and bishop call themselves the bridegroom of the church.
S. So now the "royal, grand-ducal, ducal consistories" govern the Lutheran church of Germany in the name of the princes.
E. So then the kings have taken the dominion and the honor from Christ and arrogated it to themselves.
S. You have surely heard of His Majesty the King of Bavaria; his life is well known; he is a papist, and as such is the supreme bishop of the Lutheran church in his land. His Lutheran pastors are indeed literally called "Royal Pastors!"
*) Gurricke, Kirchengeschichte II, 343.
E. You are joking.
S. Unfortunately it is the bitterest truth. But that is not the only example. It is worse still in Prussia. There the previous king personally governed the church, composed his own articles of faith, and even founded his own church, the Evangelical [Church], in that as supreme bishop he united the Lutheran and Reformed churches.
E. Isn't that the same thing that here calls itself "united," and "Reformed-Lutheran" and "Lutheran-Reformed"?
S. It is the very same mixture, which arises out of the error that it is a matter of indifference what we receive in the Holy Supper. This indifference is the supreme article of faith on which the Union rests — its true foundation.
E. That does not seem to me a very lasting foundation, though. Did the Prussian Lutherans, then, grasp this profound doctrine of their king?
S. He attempted, through his spiritual and worldly soldiers, to explain it to them, but in vain.
E. What do you mean by that?
S. Well, first his spiritual subjects — that is, his high royal consistorial counselors, professors, and pastors — had to prove to the Lutherans the article of faith concerning the Union, and when they still would not see it, he sent them his royal soldiers.
E. And did these preach properly about the Union?
S. Yes, with bayonets. The king's spiritual soldiers had asserted that brotherly love was actually the inner ground of the Union, and now the worldly soldiers had to demonstrate this outwardly as well, by forcibly introducing the king's liturgy and punishing those who resisted with imprisonment, fines, and forced billeting.
E. In a similar way, the Roman pope formerly used to prove his self-made articles of faith to our forefathers.
S. It is indeed clearly Caesaropapism, that is, worldly papism.
E. What did our brothers in the faith in Prussia do about this?
S. Many suffered as martyrs and protested as men.
E. And how did the Prussian pope-king respond to that?
S. As supreme bishop he had the Lutherans' churches taken from them. His whole pope-king church cried out against the malicious Lutherans, because they would not burn incense to his image and would not partake of his Supper. Unspeakable misery, tribulation, and anguish of conscience came upon them; by the thousands they emigrated and sought in North America and South Australia the liberty of conscience which their fatherland denied them.
E. Is it perhaps better there now?
S. The present Prussian king has branded the Lutheran church a sect; it has as much freedom as the Jews.
E. Has it come to this with the church of the Lord, which in the course of the centuries has received the name "Lutheran," but which according to its confession is one with the one holy Christian church? Has it come to this with her children, that they must now flee to the mountains? For the abomination again stands in the holy place. God had driven it out through Luther, but the kings with their servants have carried it back in. Yes, the end draws near, the last times are here; the last, the hardest battle is at hand. The kings were guardians and the princes were nursing-mothers of the church, but what are they now? Robbers and tyrants, who have torn from the Lord his honor, and from his church her royal crown, her right, and her freedom. Now she must serve — the noble queen — those who should have served her, for the scepter of the godless rules over her; her adornment and her joy are gone; forsaken, rejected, and driven out, she laments day and night in mourning garments, and there is no one to guide her, and her enemy struts about greatly. O Lord Jesus Christ, our sole heavenly King, our sole supreme Shepherd and Bishop of our souls, look upon your vineyard! The wild boars have rooted it up, and the wild beasts have laid it waste. Look upon your church in the East; she languishes in Babylonian captivity.
S. Take comfort, Erich; she is founded upon the holy mountains.
E. The Roman papacy rises, a hellish monster with lying powers, strengthened again out of the abyss, and stretches its bloodthirsty claws over Europe and America, while many, deceived, lust after its seductive beauty. The Greek-Catholic pope-emperor of Russia persecutes the church with slavish despotic harshness; German pope-kings have fettered her with the bonds of worldly power; false doctrine, unbelief, and loose philosophy gain the upper hand in the world: truly Gog and Magog already surround the beloved city. Ah, I see nothing but night.
S. And I see nothing but sunshine. Did not Christ have to enter into his glory through suffering?
E. It is true; that is why the church too had to conquer only through martyrdom, and that is why she must now also fight her way to her freedom and her right through martyrdom.
S. So it must be; we must enter the kingdom of God through much tribulation. There must be suffering, but there must also be victory, for our faith is the victory that has overcome the world.
E. That is the old rule.
S. And besides this, take the old, ever-young promise: The LORD said unto my Lord: Sit at my right hand, until I make your enemies the footstool of your feet. The LORD will send the scepter of your kingdom out of Zion. Rule in the midst of your enemies. The LORD at your right hand will shatter kings in the day of his wrath.