Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 22 › Seite 119

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-06-29, Seite 119

119 120 121 122 123 124

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche und Staat 9 · Synode · Synode 6

⤓ Download .txt · copy text

Der Lutheraner.

2— „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“

*

—:t .;&' ùẽì ——ͤͤ

Herausgegeben von C. F. W. Walther.

Jahrgang 3.

St. Louis, Mo., den 29. Juni 1847.

No. 22.

Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte
vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.

(Eingeſandt.) 7
Geſpräch zweier Lutheraner über
kirchliche Verfaſſung.

I.

Es war in den erſten Maientagen dieſes
Jahres; ſchon kleideten ſich die Urwälder und
Prairien in ihr erſtes zartes Grün und der
Himmel prangte in dunklem Blau, als ein
Dampfſchiff einen jener ſchönen Flüſſe hinun⸗—
terfuhr, welche den Weſten America's ſchmücken.
Unter anderen Reiſenden trug daſſelbe auch ei⸗
nen Depntirten, welcher zu Chicago den erſten
Sitzungen der deutſchen evgl.-lutheriſchen Sy—
node von Miſſouri, Ohio und andern Staaten
beigewohnt hatte und nun ſeiner Heimath zu—
eilte, vorher aber noch ſeinen Freund Erich be—
ſuchen wollte. Nicht lauge, und es zeigte ſich
am linken Ufer eine freundliche Niederlaſſung,
welche deutſcher Fleiß in kurzer Zeit gegründet
hatte. Die Glocke des Steuermanus ertönte,
die Räder ſchwiegen und das Schiff trieb lang—
ſam dem Lande zu. Die Bretter wurden aus⸗—
gelegt und mehrere gingen ans Ufer, unter wel—
chen unſer Deputirter, der einem Hauſe zu—
ſchritt, welches auf einem Hügel lag.

Nun grüß' dich Gott, mein Siegfried, be—
willkommnete ihnſein Freund und beide feierten
die Stunde des Wiederſehens, welche zu den
ſchönſten in dieſem Leben gehört.

Woher kommſt du dennn, du Lieber, fragte
Erich, als nachher beide traulich unter der
Sommerhalle des ländlichen Häuschens ſaßen.

Siegfried. Von unſerer Synode, die
in Chicago ihre erſte Sitzung gehalten hat.

Erich. Von einer Synode?! fragte Erich
erſtaunt.

S. Ja, warum nicht?

E. Das hätte ich doch nimmermehr von dir
gedacht.

S. Was iſt denn eine Synode Uebels?

E. Was anders als ein deutſches Conſiſto⸗
rium?

S. Gewiß nicht.

E. Weh mir, daß ich das erleben muß, daß
mein Freund mithilft, unſere lutheriſchen Ge—
meinden ihrer theuren Rechte und Freiheiten
zu beranben.

S. Erich!

E. Wie werden Chriſti Feinde, wie werden
die Antipfaffen höhnen, wenn ſie das erfahren.
Schon jetzt ſpotten ſie über den Synodalſack,

in welchen die Gemeinden geſteckt würden und
den dann die Pfaffen nur zu Zeiten öffneten,
um ſie ſehen zu laſſen.

S. Laß —

E. Gedenkſt du nicht mehr der ſchönen Zeit,
mein Bruder, als wir vom deutſchen Drucke
erlöst, hier in uuſerm neuen Vaterlande durch
Gottes Gnade zur Erkenntuiß der Kirche und
wahrer kirchlicher Freiheit kamen? Wir laſen
täglich mit einander in Gottes Wort und fan⸗—
den darin mit klaren Zügen eine Gemeinſchaft
verzeichnet, ſo herzlich, ſo brüderlich und frei,
als wir es nicht geahnt, nur im tiefſten Her—
zensgrunde erſehnt hatten. Wie waren wir
dazumal ſo ſelig! So arm nnſere jetzige Hei—
math uns zuerſt an Wiſſenſchaft, Kunſt und
Gemüthlichkeit erſchien: nun ſchien ſie uns
reich, denn wir ſahen ihre Berge, Urwälder und
Prairien im Lichte der Freiheit glänzen, und

ein heiliger Eifer erfüllte unſere Brnſt, hier an.

der freien Kirche des HErru zu bauen. Du
ſangeſt damals voller Freuden von der Lieb—
lichkeit freier, brüderlicher Gemeinſchaft:

Da gibt's nicht Pfaff' noch Laie

Und keinen Prieſterſtand,

Nein! Brüder nur und Freie,

Und nur der Liebe Band ꝛc.
und jetztich muß es dir offen ſagen, ſo wehe
mir es thut, du arbeiteſt den Pfaffen wieder
in die Hände.

S. So dank' ich Gott im Himmel, daß er
mich zu dir führte, damit wir uns ausführlich
über kirchliche Verfaſſung ausſprechen können.
Ich bitte dich nur, bleibe ſo offen, ſag alle dei—
ne Bedenken frei heraus, und ich zweifle nicht,
wir werden uns verſtändigen und einigen.
Denn wie früher, ſo will ich auch fernerhin für
die Freiheit der Kirche ſtreiten, und wenn es
ſein muß, ſterben, ſo wahr mir Gott helfe. Du
nanuteſt unſere Synode ein deutſches Conſiſto—
rium?

E. Darum haſſe ich beide, weil es Tyran⸗
nen ſind. Deutſche Conſiſtorien nehmen den
Gemeinden das Recht, ſelbſt ihre Prediger zu
wählen und zu berufen und ſich ſelbſt zu regie—
ren. Dagegen dringen ſie ihnen oft offenbare
Ungläubige, Rationaliſten und ſonſtige Irr—
lehrer als Prediger auf, und mit weltlicher
Macht gerüſtet, verbieten ſie ihnen zugleich,
ſolche gottloſe Pfaffen abzuſetzen. Deutſche
Conſiſtorien haben unſer Volk um die alten,

ſchönen, lutheriſchen Kernlieder gebracht, indem

ſie dieſelben mit rationaliſtiſchem Unſinn ver—
wäſſerten, und haben falſchgläubige Katechis—
men, Lehrbücher und Agenden eingeführt. Ue—
berhaupt wie verächtlich behandeln ſie recht—
gläubige Prediger und Gemeinden! ich weiß
ſogar ein Conſiſtorium, welches den Grundſatz
hatte, ſo oft ſich eine Gemeinde Jemanden zum
Prediger erbat, dieſe Bitte regelmäßig abzu⸗
ſchlagen, damit ja Niemand auf den Gedanken
käme, als habe die Gemeinde ein Recht, ihren
Prediger ſelbſt zu berufen. Feinde Chriſti,
Läſterer ſeines hl. Evangeliums ließ das Con⸗
ſiſtorium in ihren Aemtern, und wenn ſie end—
lich wegen ihrer Schändlichkeiten verklagt wur—
den, ſprach es ihnen Recht. Kurz! unſere lu—
theriſchen Gemeinden in Deutſchland haben nur
das Recht, zu gehorchen und zu bezahlen. Und
ich ſollte als Lutheraner ſolche Gräuel nicht
haſſen bis in den Tod?

S. Es iſt wahr, manche der heutigen Con—
ſiſtorien Deutſchlands ſind ſo, aber ſie waren
nicht immer ſo und ſind es auch jetzt nicht alle.

E. Hat uns Gott durch Luthers Dienſt et⸗
wa von der Tyrannei des Pabſtes erlöst, um
uns unter die Tyrannei weltlicher Conſiſtorien
zu verkaufen? Zur Freiheit hat uns Chriſtus
berufen.

S. So ſchmerzlich nun auch ich mit dir die
Uebelſtände unſerer Kirche in Deutſchland an—
erkenne, ſo iſt es mir doch ein Greuel, wenn ſo
manche Deutſche, ſo wie ſie den americaniſchen
Boden betreten, mit giftigen Läſterungen über
unſer altes Vaterland herfallen, und nichts
Gutes an demſelben laſſen.

E. Das iſt allerdings ſchändlich. Denn
was wir hier Gutes haben, das haben wir von
Gott und von Deutſchland.

S. Du weißt, wie treulich und herrlich ſich
unſere Glaubensbrüder in Deutſchland der ver⸗
laſſenen Lutheraner in America annehmen.

E. Gott ſegne ſie dafür!

S. Wenn wir daher die kirchlichen Schäden
Deutſchlands aufdecken, ſo laß uns das mit je⸗
ner Liebe thun, welche die Schmerzen unſerer
Brüder, die darunter leiden, eben ſo innig fühlt,
als wären es unſere eigenen. Die lutheriſche
Kirche America's und Deutſchlands iſt nur eine,
denn der Leib des HErrn iſt nur einer in der
ganzen Welt, und wenn ein Glied leidet, ſo
leiden die andern mit.

E. Gott wolle ſie heilen! So innig wir auch
die Knechtſchaft der Gemeinden in Deutſchland

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

Der Lutheraner.

"God's Word and Luther's teaching shall never, ever pass away."

[illegible]

Published by C. F. W. Walther.

Volume 3.

St. Louis, Mo., June 29, 1847.

No. 22.

Terms: The Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for out-of-town subscribers, who must pay half of this in advance and bear the postage. — In St. Louis, each individual issue is sold for 5 cents.

(Submitted.)
Conversation of Two Lutherans on Church Polity.

I.

It was in the first days of May of this year; already the primeval forests and prairies were clothing themselves in their first tender green, and the sky shone in deep blue, as a steamship traveled down one of those lovely rivers that adorn the American West. Among the other travelers it carried also a delegate who had attended, at Chicago, the first sessions of the German Evangelical Lutheran Synod of Missouri, Ohio, and other states, and who was now hastening toward his home, but wished first to visit his friend Erich. Before long, a pleasant settlement came into view on the left bank, one that German industry had founded in a short time. The pilot's bell rang, the wheels fell silent, and the ship drifted slowly toward the shore. The gangplanks were laid out and several went ashore, among them our delegate, who walked toward a house that lay on a hill.

"Now, God greet you, my Siegfried," his friend welcomed him, and the two celebrated the hour of reunion, which ranks among the most beautiful in this life.

"Where do you come from, then, my dear fellow?" asked Erich, as afterward the two sat companionably under the summer arbor of the little country house.

Siegfried. From our synod, which held its first session in Chicago.

Erich. A synod?! asked Erich in astonishment.

S. Yes, why not?

E. I would never have thought that of you.

S. What is so evil about a synod, then?

E. What else but a German consistory?

S. Certainly not.

E. Woe is me, that I must live to see my friend helping to rob our Lutheran congregations of their precious rights and freedoms.

S. Erich!

E. How Christ's enemies, how the anti-clerics will jeer when they learn of this. Already they mock the "synodal sack" into which the congregations would be stuffed, which the priestlings would then open only now and then, just to let them have a look.

S. Let it —

E. Do you no longer remember, my brother, that beautiful time when, freed from German coercion, we came here in our new fatherland, by God's grace, to a knowledge of the church and of true ecclesiastical freedom? Daily we read together in God's Word and found recorded there, in clear outline, a fellowship so heartfelt, so brotherly and free, as we had never imagined, but had only longed for in the deepest ground of our hearts. How blessed we were in those days! However poor our new homeland at first seemed to us in learning, art, and refinement, it now seemed rich to us, for we saw its mountains, primeval forests, and prairies gleaming in the light of freedom, and a holy zeal filled our breast to build here upon the free church of the Lord. You sang then, full of joy, of the loveliness of free, brotherly fellowship:

There is no priest nor layman here,
No priestly caste at all,
No! Only brothers, only free men,
And only the bond of love, etc.

and now, I must say it to you openly, however much it grieves me, you are working once more into the hands of the priestlings.

S. Then I thank God in heaven that he led me to you, so that we might speak at length about church polity. I only ask you, remain just as open, speak out all your misgivings freely, and I have no doubt we will come to understand and agree with one another. For as before, so will I continue to fight for the freedom of the church, and if it must be, die for it, so help me God. You called our synod a German consistory?

E. That is exactly why I hate both, because they are tyrants. German consistories take from the congregations the right to choose and call their own preachers and to govern themselves. Instead they often force upon them avowed unbelievers, rationalists, and other false teachers as preachers, and, armed with worldly power, at the same time forbid them to depose such godless clerics. German consistories have robbed our people of the old, beautiful, core Lutheran hymns by watering them down with rationalist nonsense, and have introduced falsely-believing catechisms, textbooks, and liturgies. Indeed, how contemptuously they treat orthodox preachers and congregations! I even know of one consistory that made it a rule, whenever a congregation requested someone as preacher, to routinely refuse the request, so that no one should get the idea that the congregation had a right to call its own preacher. The consistory left enemies of Christ, slanderers of his holy Gospel, in their offices, and when such men were finally charged on account of their disgraceful conduct, it ruled in their favor. In short! Our Lutheran congregations in Germany have only the right to obey and to pay. And should I, as a Lutheran, not hate such outrages unto death?

S. It is true, some of today's consistories in Germany are like that, but they were not always so, and not all of them are so even now.

E. Did God, through Luther's service, deliver us from the tyranny of the pope only to sell us into the tyranny of worldly consistories? Christ has called us to freedom.

S. However painfully I too, along with you, acknowledge the shortcomings of our church in Germany, it is nonetheless an abomination to me when so many Germans, no sooner have they set foot on American soil, fall upon our old fatherland with venomous slanders and allow nothing good to remain of it.

E. That is indeed shameful. For whatever good we have here, we have it from God and from Germany.

S. You know how faithfully and splendidly our brothers in the faith in Germany take up the cause of the forsaken Lutherans in America.

E. God bless them for it!

S. So when we expose the ecclesiastical harms of Germany, let us do so with that same love which feels the sufferings of our brothers who suffer under them just as intimately as if they were our own. The Lutheran church of America and of Germany is but one, for the body of the Lord is but one in the whole world, and when one member suffers, the others suffer with it.

E. God grant that he heal them! However intimately we too lament the bondage of the congregations in Germany