# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 29_S120 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) beklagen, ſo thun wir es doch nicht allein. Es ſind drüben viel fromme Chriſten, welche ohne Unterkaß zu dem HErrn flehen, daß er ſein ge⸗ fangenes Volk erlöſe, und Gott erhört Gebet. — Doch ſage, wie war es nur möglich, daß die Conſiſtorien aufkamen? S. Du weißt, wie klar und kräftig unſere Bekenntnißſchriften und Luther, z. B. in der Schrift: „Daß eine chriſtliche Verſammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urtheilen und Lehrer zu berufen, ein— und abzuſetzen;“ ferner in einem „Sendſchrei⸗ ben, wie man Kirchendiener wählen und ein— ſetzen ſoll, an den Rath und Gemeine der Stadt Prag,“ — die Freiheit der Kirche auf Grund des Wortes Gottes predigen. E. Und doch ging jene Freiheit verloren. S. Es fehlte den Gemeinden zur Zeit der Reformation zu ſehr an der nöthigen chriſtlichen Erkenntniß, als daß ſie aller Orten ſelber ſich hätten regieren können. E. Dahin hatten es freilich die papiſtiſchen Pfaffen gebracht. S. Da waren es nun die gottſeligen Für— ſten und frommen Obrigkeiten jener Zeit, wel— che aus Liebe die Angelegenheiten der Gemein— den leiteten, die vertrauensvoll ihre Rechte den Conſiſtorien überließen, zumal dieſe außer der geiſtlichen auch aus ſolchen weltlichen Beiſitzern beſtanden, welche den Glauben der Kirche theil— ten und das Beſte derſelben von Herzen ſuchten. E. So war alſo die Conſiſtorial-Verfaſſung den Bedürfniſſen der damaligen Zeit ganz an— gemeſſen? S. Gewiß. Sie iſt in der Hand des HErrn ein Werkzeug geweſen, wodurch er ſein Volk geſegnet hat. Allein die Gemeinden wachten nicht, darum kam die Kirchengewalt mit der Zeit immer mehr in die Hände der weltlichen Obrigkeit, wenn auch einzelne Lutheraner äu⸗ ßerſt ernſt dagegen proteſtirten, daß Chriſtus die Seinen nicht aus der päbſtlichen Sclaverei errettet habe, um ſie zu Knechten der Politici (der weltlichen Obrigkeit) zu machen.“) E. Das klingt ja herrlich! Ach, daß ſie doch alle ſo gezeugt hätten! S. Dann wäre die Kirche frei geblieben. Doch da ſie es nicht thaten, ſo ſtellte das Kir— chenrecht endlich ſogar die gräuliche Lehre auf, die Fürſten ſeien die „oberſten Biſchöfe“ der Kirche. E. Nein, es iſt doch nicht möglich. Mit demſelben Rechte nennt ſich Pabſt und Biſchof Bräutigam der Kirche. S. So regieren nun die „königlichen, groß— herzoglichen, herzoglichen Conſiſtorien“ die lu⸗ theriſche Kirche Deutſchland's im Namen der Fürſten. E. So haben alſo die Könige Chriſto die Herrſchaft und die Ehre genommen und ſich ſelbſt angemaßt. S. Du haſt gewiß von Sr. Majeſtät, dem Könige von Baiern gehört, ſein Leben iſt be— kannt; er iſt Papiſt und als ſolcher der oberſte Biſchof der lutheriſchen Kirche in ſeinem Lande. Seine lutheriſchen Pfarrer heißen auch buch— ſtäblich „Königliche Pfarrer!“ *) Gurricke, Kirchengeſchichte II, 343. — E. Du ſcherzeſt. S. Es iſt leider die bitterſte Wahrheit. Doch iſt das nicht das einzige Beiſpiel. Schlimmer iſt es noch in Preußen. Dort re— gierte der vorige König in eigner Perſon die Kirche, dichtete eigne Glaubensartikel und ſtif— tete ſogar eine eigene Kirche, die Evangeliſche, indem er als oberſter Biſchof die lutheriſche und reformirte Kirche vereinigte. E. Nicht wahr, es iſt daſſelbe, was ſich hier, „vereinigt, und reformirt-lutheriſch und lutheriſch⸗reformirt nennt?“ S. Es iſt dieſelbe Miſchung, welche aus dem Irrthume hervorgeht, daß es gleichgültig ſei, was wir im heil. Abendmahl empfangen. Dieſe Gleichgültigkeit iſt der oberſte Glaubens— artikel, auf welchem die Union beruht, die ei— gentliche Grundlage. E. Die ſcheint mir aber nicht gar dauerhaft zu ſein. Begriffen denn die Preußiſchen Lu⸗ theraner dieſe tiefſinnige Lehre ihres Königs? S. Er verſuchte es, durch ſeine geiſtlichen und weltlichen Soldaten, ſie ihnen zu erklären, aber umſonſt. E. Wie meinſt du das? S. Nun, zuerſt mußten ſeine geiſtlichen Un— terthanen, d. h. ſeine hohen königlichen Con— ſiſtorialräthe, Profeſſoren und Paſtoren den Lutheranern den Glaubensartikel von der Union beweiſen, und als ſie ihn noch immer nicht einſahen, ſo ſchickte er ihnen ſeine könig⸗ lichen Soldaten. E. Und dieſe predigten ordentlich von der Union? S. Ja, mit Bayonetten. Die geiſtlichen Soldaten des Königs hatten behauptet, die brüderliche Liebe ſei eigentlich der innere Grund der Union, und die weltlichen Soldaten mußten dieſes nun auch äußerlich zeigen, in— dem ſie die Agende des Königs mit Gewalt einführten und die Widerſtrebenden mit Kerker, Geldſtrafen und Einquartierung belegten. E. Aehnlich pflegte früher der Römiſche Pabſt unſern Vätern ſeine ſelbſt gemachten Glaubensartikel zu beweiſen. S. Es iſt auch offenbar Cäſareopapie, d. i. weltlicher Papismus. E. Was ethaten darauf unſere Glaubensbrü— der in Preußen? S. Viele duldeten als Märtyrer und prote⸗ ſtirten als Männer. E. Und was antwortete der Preußiſche Pabſt— könig darauf? S. Als oberſter Biſchof' ließ er den Luthe— ranern ihre Kirchen wegnehmen. Seine ganze pabſtkönigliche Kirche ſchrie Zeter über die boshaftigen Lutheraner, daß ſie ſeinem Bilde nicht räuchern und ſein Abendmahl nicht genie— ßen wollten. Unſäglicher Jammer, Trübſal und Gewiſſensnoth kam über ſie, zu Tauſen⸗ den wanderten ſie aus und ſuchten in Nord— America und Südauſtralien die Gewiſſensfrei⸗ heit, welche ihnen das Vaterland verſaͤgte. E. Jetzt ſteht es wohl beſſer dort? S. Der jetzige preußiſche König hat die lutheriſche Kirche zu einer Secte geſtempelt, ſie hat ſo viel Freiheit wie die Juden. E. Iſt es dahin gekommen mit der Kirche des HErrn, welche im Laufe der Jahrhunderte den Namen lutheriſche' erhalten hat, die aber laut ihres Bekenntniſſes eins iſt mit der einen heiligen chriſtlichen Kirche? Iſt es dahin ge— kommen mit ihren Kindern, daß ſie nun auf die Berge fliehen müſſen? Denn der Gräuel ſteht wiederum an heiliger Stätte. Gott hatte ihn durch Luther hinausgetrieben, aber die Könige mit ihren Knechten haben ihn wieder hineingetragen. Ja, das Ende naht, die letz— ten Zeiten ſind da, es gilt den letzten, den ſchwerſten Kampf. Die Könige waren Pfleger und die Fürſten waren Sängammen der Kirche, aber was ſind ſie jetzt? Ränber und Tyrannen, welche dem HErrn ſeine Ehre, ſeiner Kirche ihre königliche Krone, ihr Recht und ihre Frei— heit entriſſen haben. Sie muß nun dienen, die edle Königin, denen, welche ihr dienen ſollten, denn das Scepter der Gottloſen herrſchet über ſie; ihr Schmuck und ihre Frende iſt dahin, verlaſſen, verſtoßen und vertrieben klagt ſie Tag und Nacht im Trauergewande, und Nie⸗ mand iſt, der ſie leitet, und ihr Feind pranget ſehr. O HErr JEſu Chriſte, du unſer allei— niger himmliſcher König, du alleiniger oberſter Hirte und Biſchof unſerer Seelen, ſiehe an dei— nen Weinberg! Es haben ihn zerwühlet die wil⸗ den Säue und die wilden Thiere haben ihn ver— derbet. Siehe an deine Kirche im Oſten, ſie ſchmachtet in babyloniſcher Gefangenſchaft. S. Sei getroſt, Erich, ſie iſt gegründet auf den heiligen Bergen. E. Das römiſche Pabſtthum ſteigt, ein hölli⸗ ſches Ungeheuer mit lügenhaftigen Kräften, verſtärkt wieder aus dem Abgrunde hervor und ſtreckt blutgierig ſeine Krallen über Europa und America aus, während viele Verblendete nach ſeiner buhleriſchen Schönheit lüſtet. Der griechiſch-katholiſche Pabſtkaiſer von Rußland verfolgt die Kirche mit ſelaviſcher Despoten— härte; deutſche Pabſtkönige haben ſie gefeſſelt mit den Banden weltlicher Macht; Irrlehre, Unglaube und loſe Philoſophie nehmen über— hand in der Welt: fürwahr Gog und Magog umringen ſchon die geliebte Stadt. Ach, ich ſehe lauter Nacht. S. Und ich ſehe lauter Sonnenſchein. Mußte nicht Chriſtus durch Leiden zu ſeiner Herrlich— keit eingehen? E. Es iſt wahr, darum mußte auch die Kirche nur durch Märtyrerthum ſiegen, darum muß ſie auch jetzt durch Märtyrerthum ſich ihre Freiheit und ihr Recht erſtreiten. S. So muß es gehen, wir müſſen durch viel Trübſal ins Reich Gottes gehen. Es muß gelitten, aber auch geſiegt ſein, denn unſer Glaube iſt der Sieg, der die Welt überwunden hat. E. Das iſt die alte Regel. S. Und dazu nimm die alte, ewig junge Verheißung: Der HErr ſprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Der HErr wird das Seepter deines Reiches ſenden aus Zion. Herrſche unter dei⸗ nen Feinden. Der HErr zu deiner Rechten wird zerſchmeißen die Könige zur Zeit ſeines Zornes.