Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 21 › Seite 115

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-06-15, Seite 115

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gemeindeverſammlung 7 · Gemeindeverſammlung 9

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würden weniger geredet worden ſein, wie viel
Erbitterungen der Gemüther würden weniger
vorgekommen ſein, wie viel Schritte zur Beſ⸗—
ſerung würden wir mehr gethan haben, wie
viel weiter würden wir in vielen Stücken jetzt
ſein, wenn ein jedes Glied beſſer der Pflicht
nachgekommen wäre, die es für das allgemeine
Wohl an ſeinem Theile hat! O, möchten doch
diejenigen, die ſich hier getroffen fühlen, ſich
dadurch nicht das Herz erbittern und vergiften,
ſondern es erweichen laſſen, zu ſprechen: Liebe
Brüder! ihr ſollt nicht länger für mich arbei—
ten; ich will ſelbſt mit Hand anlegen; ihr
ſollt durch meine Schuld auch nie wieder ver—
gebliſch arbeiten; habe ich eine Widerrede,

ſo ſollt ihr ſie zur rechten Zeit hören; ich will

mich gerne beugen unter das Gebot der Liebe,
denn daran ſoll ja jedermann erkennen, ob wir
Chriſti Jünger ſeien, oder nicht.

Wenn aber nun hierbei vielleicht Mancher
einwenden möchte, ich gehöre nicht unter die,

welche irgend Sachen ohne Noth aufhalten;.

ich verzichte auf meine Stimme, ſo oft ich

nicht in der Verſammlung zugegen bin, und

heiße alles gut, was man auch ohne mich be—
ſchloſſen hat; dieſem gebe ich nun meinen
fünften Grund zu bedenken; es iſt dieſer:
Weil es wieder das Gewiſſen iſt,
ohne die nöthige Prüfung zu allem
Ja zu ſagen, was andere ausmachen.
Man kann über eine Sache viel ſicherer urthei—
len, wenn man die Gründe für und wider ge—
hört und erwogen hat. Es ſcheint uns oft
eine Sache bei flüchtiger Betrachtung höchſt
zweckmäßig und unbeſtreitbar, aber eine einzige
Bemerknng, die etwa ein Bruder darüber macht,
wirft ein ſo helles Licht auf dieſelbe, daß wir
ſogleich unſere Meinung zu ändern bewegt wer—
den. Iſt es nun nicht wider das Gewiſſen,
ohne der Beſprechung beigewohnt zu haben,
ſeine entſcheidende Stimme oft für wichtige
Angelegenheiten abzugeben? Mit meinem
Gewiſſen verträgt ſich das keinesweges. Hier—
bei muß ich auch das erwähnen, in unſeren
Verſammlungen wird auf Umfrage der Fremde,
der ſich meldet, auf Zeugniß angenommen;
wenn nun derjenige gerade fehlt, der viel—
leicht einen beſſeren Aufſchluß über eine ver—
dächtige Perſon geben könnte, ſo wird durch
ſeine Schuld ein räudiges Schaf aufgenom—
men, das die ganze Heerde anſtecken, oder doch
wenigſtens die Feinde über uns und unſere
Lehre läſtern machen und uns in übeln Ruf
bringen kann.

Doch höret nun meinen ſechsten Grund.
Er beſteht darin: „weil durch jene Theilnahm—
„loſigkeit die Freiheit der Gemeinde noth—
„wendig gefährdet werden und das Regiment
„in die Hände Einzelner kommen muß.“ Was
iſt es, liebe Brüder, ich frage euch, was wir
nach jahrelanger Gewiſſensnoth und Bedräng—
niß hier außer der reinen Predigt des Evange⸗
liums durch Gottes unausſprechliche Barm-—
herzigkeit gefunden haben, was von ſo unbe—
rechenbarem Segen für uns iſt? Es iſt die

kirchliche Freiheit, es iſt die Errettung aus ty⸗

ranniſcher, geiſtlicher Bevormundung, es iſt
der Genuß einer apoſtoliſchen Verfaſſung der

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Gemeinde, in welcher alle einander gleich find,

alle ihre Stimme haben, alle gehört werden

müſſen, niemand menſchliche Befehle aus—
theilen darf und niemand Menſchen gehorſam
ſein muß; in welcher das Wort Gottes und
das Geſetz der Liebe, des Friedens und der
Zucht und Ordnung allein herrſcht. Ja, Gott
ſei Dank, es beſteht unter uns das Verhältniß
zwiſchen Gemeinde und Lehrer und Vorſteher
und zwiſchen den Gliedern ſelbſt, wie wir es
in der Schrift finden. Denn da leſen wir, daß
in den Verſammlungen, in welchen Sachen
der Lehre, Kirchenverwaltung und Kirchenzucht
ausgemacht werden ſollten, alle zugegen waren
und alle gleichmäßige Stimmen hatten. Wie
wir denn unter andern, um nur ein Beiſpiel
anzuführen, im 15. Kapitel der Apoſtelge—
ſchichte leſen: In Antiochien war ein Streit
entſtanden, ob ſich die neubekehrten Heiden be—
ſchneiden laſſen müßten. Als man darüber nicht
einig werden konnte, ſandte man Paulus und
Barnabas nach Jeruſalem, hier eine Entſchei—
dung nach Gottes Wort zu holen. In Jeru—
ſalem verſammelte ſich hierauf die ganze Ge—
meinde ſammt den Aelteſten und Apoſteln. Die
letztern führten den Vorſitz; es entſtand ein
großer Zank, der endlich durch zwei Reden,
nehmlich Petri und Jacobi, beigelegt wurde.
Der Beſchluß wurde endlich ſchriftlich gemacht
und im Namen der Apoſtel und Aelteſten und
aller Brüder unterzeichnet. Sehet hier die herr—
liche Gleichheit, die man damals in der Kirchen—
regierung beobachtete. Es verſteht ſich hier von
ſelbſt, daß freilich die Weiber und Kinder da—
von ausgeſchloſſen waren, denn der Apoſtel
Paulus ſagt deutlich‚! Cor. 14. „Eure Wei—
ber laſſet ſchweigen unter der Gemeine; denn
es ſoll ihnen nicht zugelaſſen werden, daß ſie
reden, ſondern unterthan ſein, wie auch das
Geſetz ſagt. Wollen ſie aber etwas lernen, ſo
laßt ſie daheim ihre Männer fragen. Es ſtehet
den Weibern übel an, unter der Gemeine re—
den.“ Von den Unmündigen aber ſagt der Apo—
ſtel Petrus, I, 5, 5. „Ihr Jungen, ſeid unter—
than den Aelteſten.“ Die Jüngeren alſo, wie
im Griechiſchen ſteht, ſollen nicht zur Theil—
nahme an der Kirchenregierung gezogen wer—
den. — Vergleichet hiermit unſere Verfaſſung,
ſo werdet ihr die rechte apoſtoliſche Form wie—
derfinden. Niemand hat es mit größerem See—
lenſchaden erfahren, wie traurig es iſt, wenn
hier ein Mißverhältniß beſteht, als der Stamm
unſerer Gemeinde; niemand ſollte es daher
lebendiger erkennen, welche Wohlthat wir in
dieſer Hinſicht genießen, als gerade wir. Tau-—
ſende ſehnen ſich nach derſelben vergeblich.
Wie? können wir daher thörichter und unge—
wiſſenhafter handeln, als wenn wir nicht alles
thun, um das große Beſitzthum kirchlicher Frei—
heit zu bewahren? Was kann aber aus der ſich
immer mehr einſchleichenden Gewohnheit, die
Gemeindeverſammlungen zu verſäumen, ſich
endlich anders ergeben, als daß nur einige
Wenige alles, was zum Kirchenregiment ge—
hört, beſorgen werden und müſſen? was wird
aber darauf folgen, wenn unredliche Männer
an der Spitze ſtehen? — Dieſe werden endlich
ein ihnen ausſchließlich zuſtehendes Recht

daraus machen, und die Geringſchätzung
der Freiheit wird den Verlu ſt derſelben zur
Folge haben. Sollte inſonderheit, was Gott
verhüten wolle, die Gemeinde einmal einen
herrſchſüchtigen Prediger bekommen, ſo wird
dieſer mit Freuden die Lauheit der Gemeinde
in den Verwaltungsſachen benutzen, mit weni—
gen ſeiner Lieblinge alles nach ſeinem Willen
einzurichten; und ſeine Gewiſſensherrſchaft
vielleicht nur zu ſpät entdeckt werden. Warum
ſind viele Gemeinden im Oſten nicht mehr frei?
Etwa weil ſie nicht frei bleiben konnten? Nein;
kein Kirchentyrann, ſei es nun ein Einzelner
oder ein kleinerer Körper, findet in den america—
niſchen Geſetzen einen Schutz. Die Urſache liegt
alſo darin: Geringachtung und Trägheit hat
das köſtliche Gut freiwilltig verkauft und ver—
ſchleudert. Wehe uns daher, wenn der Einzelne
das Intereſſe für das Ganze verliert; wenn
endlich der Einzelne meint: Ich gehe in die
Kirche, und damit gut! Ich habe keine Zeit, mich
um dos Ganze zu bekümmern! Das iſt meines
Amtes nicht. — Wo ſolche Anſichten endlich bei
der Mehrzahl durchdringen, und ſolche Verdroſ⸗
ſenheit und Gleichgültigkeit für die gemeine
Wohlfahrt herrſchend wird, dann iſt auch die
Zeit gekommen, wo wir unſerer köſtlichen Frei—
heit ſelbſt das Leichenbegängniß beſtellen.
Aber, ſo höre ich nun den einen oder den an—
dern einwenden, wer will mir's wehren, wenn
ich eines Rechtes, das ich habe, mich begebe?
Habe ich nicht auch dieſe Freiheit? — Freilich
kann dir das niemand wehren, freilich kanuſt
du dich dieſer Freiheit in America und allent—
halben gebrauchen, aber eine andere Frage iſt,
ob du vor Gott entſchuldigt biſt, wenn du ſie
ohne Noth hingibſt. Und das iſt es, was ich dir
abſtreite. Dies führt mich auf meinen ſieben—
ten Grund; er lautet alſo: „Wir haben kein
„Recht, ohne Noth uns eines Rechtes zu be—
„geben, das Gott uns verliehen hat.“ Gott
weiß am beſten, was uns heilſam iſt; ſeine
Weisheit aber hat der ganzen Kirche die Schlüſ—
ſel des Himmelreichs, das iſt, die ganze Kir—
chengewalt überantwortet; er hat es gethan zu
unſerm Heile. Dürfen wir nun eine ſolche
Gabe wegwerfen? Nimmermehr; Gott will
ſeine Gaben unverachtet haben. Alles das See—
lenverderben, was aus dem von uns verſchul—
deten Verluſte der kirchlichen Freiheit und der
vollſtändigen Ausübung der Gemeinderechte
entſteht, das fällt auf uns und darüber werden
wir einſt Gott Rechenſchaft zu geben haben.
So wichtig nun gerade dieſer Punct iſt, ſo
breche ich doch ab, da ich bei dieſer ſo viel be—
ſprochenen Sache gewiß nur Andeutungen nö—
thig habe. Ich halte mich Aller Uebereinſtim—
mung ohne großen Aufwand von Worten feſt
verſichert. Die Vergaͤngenheit redet zu mäch—
tig hier an unſere Herzen, als daß wir der
Kraft dieſes Beweiſes widerſtehen könnten.
Ich rufe euch daber nur nochmals zu: Seid
gewarnt, liebe Brüder, öffnet die Augen und
erkennet, was der Satan wieder im Sinne hat.
Ich kann jedoch noch nicht ſchließen. Gön—
net mir noch einige Augenblicke ein offnes
Ohr. Mein achter Grund für die Schul—
digkeit aller, au den Verſammlungen Theil zu
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English translation AI translation

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would have been spoken, how many bitternesses of spirit would have occurred less often, how many steps toward improvement we would have taken more, how much further along we would now be in many respects, if each member had better fulfilled the duty that rests upon him for the common good! Oh, would that those who feel themselves struck by this would not thereby embitter and poison their hearts, but rather let them be softened, so as to say: Dear brothers! you shall no longer work for me; I will myself lend a hand; through my fault you shall never again labor in vain; if I have an objection, you shall hear it at the proper time; I will gladly bow beneath the commandment of love, for by this shall all men know whether we are Christ's disciples, or not.

But if now perhaps someone should object here that he does not belong among those who hold matters up without necessity; that he renounces his vote whenever he is not present at the meeting, and approves everything that is decided even without him — to him I now give my fifth reason to consider; it is this: because it is against conscience to say yes to everything that others determine, without the necessary examination. One can judge a matter far more surely when one has heard and weighed the reasons for and against it. A matter often seems to us, on hasty consideration, highly expedient and beyond dispute, but a single remark that some brother makes about it casts so bright a light upon it that we are at once moved to change our opinion. Is it not, then, against conscience to give one's decisive vote, without having been present at the discussion, often on important matters? With my own conscience this by no means agrees. Here I must also mention this: in our meetings, when inquiry is made, a stranger who presents himself is received on the basis of testimony given; now if the very person who might perhaps give a better account of a suspicious individual happens to be absent, then through his fault a mangy sheep may be taken in, one that can infect the whole flock, or at least give occasion for our enemies to slander us and our doctrine and bring us into ill repute.

But hear now my sixth reason. It consists in this: "because through such indifference the freedom of the congregation must necessarily be endangered, and the government must fall into the hands of a few individuals." What is it, dear brothers, I ask you, that we, after years of distress and affliction of conscience, have here found, besides the pure preaching of the Gospel, through God's inexpressible mercy, and which is of such incalculable blessing to us? It is churchly freedom; it is deliverance from tyrannical, spiritual guardianship; it is the enjoyment of an apostolic constitution of the

congregation, in which all are equal to one another, all have their vote, all must be heard, no one may issue commands to men, and no one need be obedient to men; in which the Word of God alone, and the law of love, peace, discipline, and order alone, hold sway. Yes, thank God, there exists among us the relationship between congregation and teacher and elders, and among the members themselves, as we find it in Scripture. For there we read that in the meetings in which matters of doctrine, church administration, and church discipline were to be settled, all were present and all had equal votes. As we read, among others — to cite but one example — in the fifteenth chapter of the Acts of the Apostles: at Antioch a dispute had arisen as to whether the newly converted Gentiles must be circumcised. When they could not agree about this, Paul and Barnabas were sent to Jerusalem to obtain a decision there according to God's Word. In Jerusalem the whole congregation, together with the elders and apostles, then assembled. The latter presided; a great dispute arose, which was finally settled by two speeches, namely those of Peter and of James. The decision was at last put in writing and signed in the name of the apostles and elders and all the brethren. Behold here the glorious equality that was observed at that time in church government. It is, of course, understood that women and children were excluded from this, for the apostle Paul says plainly, 1 Corinthians 14: "Let your women keep silence in the churches: for it is not permitted unto them to speak; but they are commanded to be under obedience, as also saith the law. And if they will learn any thing, let them ask their husbands at home: for it is a shame for women to speak in the church." Concerning minors, however, the apostle Peter says, 1 Peter 5:5: "Ye younger, submit yourselves unto the elder." The younger, then, as it stands in the Greek, are not to be drawn into participation in church government. — Compare with this our own constitution, and you will find the true apostolic form again. No one has learned, to his own greater spiritual harm, how sad it is when a discrepancy exists here, more than the stock from which our congregation sprang; no one, therefore, ought to recognize more vividly what a blessing we enjoy in this respect than we ourselves. Thousands long for it in vain. How, then, could we act more foolishly and more unconscionably than by not doing everything to preserve this great possession of church freedom? But what else can finally result from the ever more insidiously creeping habit of neglecting the congregational meetings, than that only a few will, and must, attend to everything belonging to church government? And what will follow from that, when dishonest men stand at the head? — These will in the end make of it a right belonging exclusively to themselves, and the disregard of freedom will have as its consequence the loss of that same freedom. Should the congregation, in particular — which God forbid — ever obtain a domineering preacher, then he will gladly make use of the congregation's lukewarmness in administrative matters, in order to arrange everything according to his own will together with a few of his favorites; and his tyranny over conscience will perhaps be discovered only too late. Why are many congregations in the East no longer free? Is it perhaps because they could not remain free? No; no church tyrant, whether a single individual or a smaller body, finds any protection in American law. The cause lies, therefore, in this: disregard and indolence have voluntarily sold and squandered away the precious possession. Woe to us, therefore, if the individual loses interest in the whole; if at last the individual thinks: I go to church, and that is enough! I have no time to concern myself with the whole! That is not my office. — Where such views finally gain the upper hand among the majority, and such indifference and apathy toward the common welfare become dominant, then the time has also come when we ourselves arrange the funeral for our own precious freedom. But, I hear one or another object at this point, who will hinder me if I give up a right that I have? Do I not also have this freedom? — Indeed, no one can hinder you in this; indeed, you may make use of this freedom in America and everywhere, but it is another question whether you are excused before God when you surrender it without necessity. And that is what I deny to you. This brings me to my seventh reason; it runs thus: "We have no right, without necessity, to give up a right that God has granted us." God knows best what is salutary for us; but in His wisdom He has entrusted to the whole church the keys of the kingdom of heaven, that is, the entire authority of the church; He has done this for our salvation. May we then cast away such a gift? By no means; God will have His gifts not despised. All the ruin of souls that arises from the loss, brought about through our own fault, of churchly freedom and of the full exercise of congregational rights, falls upon us, and for it we shall one day have to give account to God. As important as this point in particular is, I nevertheless break off here, since in this matter, so often discussed, I am certain that only hints are needed. I hold myself firmly assured of the agreement of all, without any great expenditure of words. The past speaks too powerfully here to our hearts for us to be able to resist the force of this proof. I therefore call to you once more only this: Be warned, dear brothers, open your eyes, and recognize what Satan again has in mind.

I cannot, however, yet conclude. Grant me still a few moments of an open ear. My eighth reason for the obligation of all to take part in the meetings,