# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 15_S115 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) würden weniger geredet worden ſein, wie viel Erbitterungen der Gemüther würden weniger vorgekommen ſein, wie viel Schritte zur Beſ⸗— ſerung würden wir mehr gethan haben, wie viel weiter würden wir in vielen Stücken jetzt ſein, wenn ein jedes Glied beſſer der Pflicht nachgekommen wäre, die es für das allgemeine Wohl an ſeinem Theile hat! O, möchten doch diejenigen, die ſich hier getroffen fühlen, ſich dadurch nicht das Herz erbittern und vergiften, ſondern es erweichen laſſen, zu ſprechen: Liebe Brüder! ihr ſollt nicht länger für mich arbei— ten; ich will ſelbſt mit Hand anlegen; ihr ſollt durch meine Schuld auch nie wieder ver— gebliſch arbeiten; habe ich eine Widerrede, ſo ſollt ihr ſie zur rechten Zeit hören; ich will mich gerne beugen unter das Gebot der Liebe, denn daran ſoll ja jedermann erkennen, ob wir Chriſti Jünger ſeien, oder nicht. Wenn aber nun hierbei vielleicht Mancher einwenden möchte, ich gehöre nicht unter die, welche irgend Sachen ohne Noth aufhalten;. ich verzichte auf meine Stimme, ſo oft ich nicht in der Verſammlung zugegen bin, und heiße alles gut, was man auch ohne mich be— ſchloſſen hat; dieſem gebe ich nun meinen fünften Grund zu bedenken; es iſt dieſer: Weil es wieder das Gewiſſen iſt, ohne die nöthige Prüfung zu allem Ja zu ſagen, was andere ausmachen. Man kann über eine Sache viel ſicherer urthei— len, wenn man die Gründe für und wider ge— hört und erwogen hat. Es ſcheint uns oft eine Sache bei flüchtiger Betrachtung höchſt zweckmäßig und unbeſtreitbar, aber eine einzige Bemerknng, die etwa ein Bruder darüber macht, wirft ein ſo helles Licht auf dieſelbe, daß wir ſogleich unſere Meinung zu ändern bewegt wer— den. Iſt es nun nicht wider das Gewiſſen, ohne der Beſprechung beigewohnt zu haben, ſeine entſcheidende Stimme oft für wichtige Angelegenheiten abzugeben? Mit meinem Gewiſſen verträgt ſich das keinesweges. Hier— bei muß ich auch das erwähnen, in unſeren Verſammlungen wird auf Umfrage der Fremde, der ſich meldet, auf Zeugniß angenommen; wenn nun derjenige gerade fehlt, der viel— leicht einen beſſeren Aufſchluß über eine ver— dächtige Perſon geben könnte, ſo wird durch ſeine Schuld ein räudiges Schaf aufgenom— men, das die ganze Heerde anſtecken, oder doch wenigſtens die Feinde über uns und unſere Lehre läſtern machen und uns in übeln Ruf bringen kann. Doch höret nun meinen ſechsten Grund. Er beſteht darin: „weil durch jene Theilnahm— „loſigkeit die Freiheit der Gemeinde noth— „wendig gefährdet werden und das Regiment „in die Hände Einzelner kommen muß.“ Was iſt es, liebe Brüder, ich frage euch, was wir nach jahrelanger Gewiſſensnoth und Bedräng— niß hier außer der reinen Predigt des Evange⸗ liums durch Gottes unausſprechliche Barm-— herzigkeit gefunden haben, was von ſo unbe— rechenbarem Segen für uns iſt? Es iſt die kirchliche Freiheit, es iſt die Errettung aus ty⸗ ranniſcher, geiſtlicher Bevormundung, es iſt der Genuß einer apoſtoliſchen Verfaſſung der 115 Gemeinde, in welcher alle einander gleich find, alle ihre Stimme haben, alle gehört werden müſſen, niemand menſchliche Befehle aus— theilen darf und niemand Menſchen gehorſam ſein muß; in welcher das Wort Gottes und das Geſetz der Liebe, des Friedens und der Zucht und Ordnung allein herrſcht. Ja, Gott ſei Dank, es beſteht unter uns das Verhältniß zwiſchen Gemeinde und Lehrer und Vorſteher und zwiſchen den Gliedern ſelbſt, wie wir es in der Schrift finden. Denn da leſen wir, daß in den Verſammlungen, in welchen Sachen der Lehre, Kirchenverwaltung und Kirchenzucht ausgemacht werden ſollten, alle zugegen waren und alle gleichmäßige Stimmen hatten. Wie wir denn unter andern, um nur ein Beiſpiel anzuführen, im 15. Kapitel der Apoſtelge— ſchichte leſen: In Antiochien war ein Streit entſtanden, ob ſich die neubekehrten Heiden be— ſchneiden laſſen müßten. Als man darüber nicht einig werden konnte, ſandte man Paulus und Barnabas nach Jeruſalem, hier eine Entſchei— dung nach Gottes Wort zu holen. In Jeru— ſalem verſammelte ſich hierauf die ganze Ge— meinde ſammt den Aelteſten und Apoſteln. Die letztern führten den Vorſitz; es entſtand ein großer Zank, der endlich durch zwei Reden, nehmlich Petri und Jacobi, beigelegt wurde. Der Beſchluß wurde endlich ſchriftlich gemacht und im Namen der Apoſtel und Aelteſten und aller Brüder unterzeichnet. Sehet hier die herr— liche Gleichheit, die man damals in der Kirchen— regierung beobachtete. Es verſteht ſich hier von ſelbſt, daß freilich die Weiber und Kinder da— von ausgeſchloſſen waren, denn der Apoſtel Paulus ſagt deutlich‚! Cor. 14. „Eure Wei— ber laſſet ſchweigen unter der Gemeine; denn es ſoll ihnen nicht zugelaſſen werden, daß ſie reden, ſondern unterthan ſein, wie auch das Geſetz ſagt. Wollen ſie aber etwas lernen, ſo laßt ſie daheim ihre Männer fragen. Es ſtehet den Weibern übel an, unter der Gemeine re— den.“ Von den Unmündigen aber ſagt der Apo— ſtel Petrus, I, 5, 5. „Ihr Jungen, ſeid unter— than den Aelteſten.“ Die Jüngeren alſo, wie im Griechiſchen ſteht, ſollen nicht zur Theil— nahme an der Kirchenregierung gezogen wer— den. — Vergleichet hiermit unſere Verfaſſung, ſo werdet ihr die rechte apoſtoliſche Form wie— derfinden. Niemand hat es mit größerem See— lenſchaden erfahren, wie traurig es iſt, wenn hier ein Mißverhältniß beſteht, als der Stamm unſerer Gemeinde; niemand ſollte es daher lebendiger erkennen, welche Wohlthat wir in dieſer Hinſicht genießen, als gerade wir. Tau-— ſende ſehnen ſich nach derſelben vergeblich. Wie? können wir daher thörichter und unge— wiſſenhafter handeln, als wenn wir nicht alles thun, um das große Beſitzthum kirchlicher Frei— heit zu bewahren? Was kann aber aus der ſich immer mehr einſchleichenden Gewohnheit, die Gemeindeverſammlungen zu verſäumen, ſich endlich anders ergeben, als daß nur einige Wenige alles, was zum Kirchenregiment ge— hört, beſorgen werden und müſſen? was wird aber darauf folgen, wenn unredliche Männer an der Spitze ſtehen? — Dieſe werden endlich ein ihnen ausſchließlich zuſtehendes Recht daraus machen, und die Geringſchätzung der Freiheit wird den Verlu ſt derſelben zur Folge haben. Sollte inſonderheit, was Gott verhüten wolle, die Gemeinde einmal einen herrſchſüchtigen Prediger bekommen, ſo wird dieſer mit Freuden die Lauheit der Gemeinde in den Verwaltungsſachen benutzen, mit weni— gen ſeiner Lieblinge alles nach ſeinem Willen einzurichten; und ſeine Gewiſſensherrſchaft vielleicht nur zu ſpät entdeckt werden. Warum ſind viele Gemeinden im Oſten nicht mehr frei? Etwa weil ſie nicht frei bleiben konnten? Nein; kein Kirchentyrann, ſei es nun ein Einzelner oder ein kleinerer Körper, findet in den america— niſchen Geſetzen einen Schutz. Die Urſache liegt alſo darin: Geringachtung und Trägheit hat das köſtliche Gut freiwilltig verkauft und ver— ſchleudert. Wehe uns daher, wenn der Einzelne das Intereſſe für das Ganze verliert; wenn endlich der Einzelne meint: Ich gehe in die Kirche, und damit gut! Ich habe keine Zeit, mich um dos Ganze zu bekümmern! Das iſt meines Amtes nicht. — Wo ſolche Anſichten endlich bei der Mehrzahl durchdringen, und ſolche Verdroſ⸗ ſenheit und Gleichgültigkeit für die gemeine Wohlfahrt herrſchend wird, dann iſt auch die Zeit gekommen, wo wir unſerer köſtlichen Frei— heit ſelbſt das Leichenbegängniß beſtellen. Aber, ſo höre ich nun den einen oder den an— dern einwenden, wer will mir's wehren, wenn ich eines Rechtes, das ich habe, mich begebe? Habe ich nicht auch dieſe Freiheit? — Freilich kann dir das niemand wehren, freilich kanuſt du dich dieſer Freiheit in America und allent— halben gebrauchen, aber eine andere Frage iſt, ob du vor Gott entſchuldigt biſt, wenn du ſie ohne Noth hingibſt. Und das iſt es, was ich dir abſtreite. Dies führt mich auf meinen ſieben— ten Grund; er lautet alſo: „Wir haben kein „Recht, ohne Noth uns eines Rechtes zu be— „geben, das Gott uns verliehen hat.“ Gott weiß am beſten, was uns heilſam iſt; ſeine Weisheit aber hat der ganzen Kirche die Schlüſ— ſel des Himmelreichs, das iſt, die ganze Kir— chengewalt überantwortet; er hat es gethan zu unſerm Heile. Dürfen wir nun eine ſolche Gabe wegwerfen? Nimmermehr; Gott will ſeine Gaben unverachtet haben. Alles das See— lenverderben, was aus dem von uns verſchul— deten Verluſte der kirchlichen Freiheit und der vollſtändigen Ausübung der Gemeinderechte entſteht, das fällt auf uns und darüber werden wir einſt Gott Rechenſchaft zu geben haben. So wichtig nun gerade dieſer Punct iſt, ſo breche ich doch ab, da ich bei dieſer ſo viel be— ſprochenen Sache gewiß nur Andeutungen nö— thig habe. Ich halte mich Aller Uebereinſtim— mung ohne großen Aufwand von Worten feſt verſichert. Die Vergaͤngenheit redet zu mäch— tig hier an unſere Herzen, als daß wir der Kraft dieſes Beweiſes widerſtehen könnten. Ich rufe euch daber nur nochmals zu: Seid gewarnt, liebe Brüder, öffnet die Augen und erkennet, was der Satan wieder im Sinne hat. Ich kann jedoch noch nicht ſchließen. Gön— net mir noch einige Augenblicke ein offnes Ohr. Mein achter Grund für die Schul— digkeit aller, au den Verſammlungen Theil zu 42