Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 4 › Seite 23
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-10-13, Seite 23
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Heiligung 10 · Sünde 25
ſchichten ſind zwar in unſern Tagen nicht ſel—
ten; ſie werden in Tauſenden von Tractaten
unter das Volk gebracht, ſo daß jedermann der—
ſelben faſt müde und gewohnt iſt. Man möchte
darum wohl Bedenken tragen, in dieſer Art
etwas neues zu geben. Indeß bleibt dennoch
die Bekehrung eines Menſchen ein großes
Werk Gottes, das man nicht verſchweigen ſoll;
beſonders wenn alle Umſtände der Art ſind, daß
ſie an der Wahrhaftigkeit der Bekehrung kei—
nen Zweifel übrig laſſen. Denn die meiſten
Bekehrungsgeſchichten, wie ſie in Tractaten
und dergleichen unter das Publicum gebracht
werden, laſſen in den Herzen erfahrener chriſt—
licher Leſer vielerlei Bedenken übrig, ob es
auch eine wahre Bekehrung iſt. Sie beſtehen
meiſt nur in einer wortreichen Beſchreibung
von Empfindungen und Gefühlen, welche in
den ſogenannten Bekehrten vorgegangen ſind,
führen aber nicht auf den Grund der rei—
nen und lautern Lehre des göttlichen Wortes.
Um ſo mehr hoffe ich, daß die nachfolgende
Erzählung deſſen, was der ewig lebendige Sohn
Gottes an den Seelen zweier Mädchen gethan
hat, diejenigen mit Freude und Lob Gottes er—
füllen wird, welche vor allem auf den rechten
Grund der Lehre ſehen und dieſen Prüfſtein
an alle Empfindungen und Erfahrungen ſo—
wohl bei ſich als bei andern legen. Die Sache
iſt kürzlich die:
Als ich im Jahre 1837 in Chemuitz (Königr.
Sachſen) lebte, zählte ich unter meiner Ver—
wandtſchaft daſelbſt auch zwei junge Mädchen,
beide Schweſtern, von 14 — 16 Jahren. Ihr
Vater war frühzeitig geſtorben. Sie waren
unter den ſchädlichen Einflüſſen einer rationa⸗—
liſtiſchen Lehre, wie ſie in Chemnitz bis auf den
heutigen Tag in allen Kirchen und Schulen
herrſcht, aufgewachſen; und wie ſie ſich mir
damals darſtellten, ſammt dem ganzen Kreis,
in dem ſie lebten, ſo konnte ich meuſchlicher
Vermuthung nach nichts anders erwarten, als
daß ſie immer mehr der Welt anheimfallen,
und Chriſtus ſchwerlich Zugang zu ihrem Her—
zen finden würde. Doch welch ein erbarmen—
der und allmächtiger Heiland, welcher den
Schlüſſel zu allen Herzen hat! Seit meiner
Auswanderung nach America erfuhr ich nichts
von dieſen beiden Mädchen, außer, daß die
jüngſte von ihnen an einem unheilbaren Uebel
litt. Wider mein Verhoffen aber, indem ich
mit ihnen in keinem directen Briefwechſel ſtand,
bekam ich im vorigen Jahr einen kurzen Brief
von denſelben, welcher zwar in der Abſicht ge⸗
ſchrieben war, mir ihren religiöſen Standpunct
anzudeuten, mich aber doch denſelben nicht be—
ſtimmt genug erkennen ließ, außer einigen
Muthmaßungen, die ich aus der Bemerkung
ſchöpfte, daß ſie Dr. Wolf's (weiland Paſtor
zu St. Petri in Leipzig) Predigten zu ihrem
Erbauungsbuch erwählt und darin Erſatz für
den ihnen fehlenden chriſtlichen Umgang ge—
funden hätten. In meiner Antwort an ſie hielt
ich es für das Beſte, weil mir, wie geſagt, ihr
wahrer Standpunct noch zweifelhaft war, ſie
auf den rechten Grund der Lehre zu weiſen
und ihnen zu dem Ende beſonders die heilige
Schrift, den Katechismus Luthers, deſſen
Hauspredigten und die Augsburg. Confeſſion
zu ſorgfältiger Leſung und Durchforſchung
nebſt herzlichem Gebet um Erleuchtung des
heiligen Geiſtes zu empfehlen, ſie auch vor dem
vielen religiöſen Getreibe, Gefühls- und Mo—
dechriſtenthum unſrer Tage zu warnen. Hier—
auf bekam ich nun im Auguſt dieſes Jahrs
eine Antwort, die ich als ein Gemeingut aller,
die ſich über Chriſti herrliche Werke freuen
können, anſehen zu müſſen glaube, und darum
kein Bedenken trage, ſie für deu „Lutheraner“
einzuſenden, in der Hoffnung, daß ſie manche
ſeiner Leſer eben ſo erfreuen werde, als mich
ſelbſt. Der Brief lautet mit Weglaſſung eini—
ger Nebendinge wörtlich folgendergeſtalt:
„Das dringendſte Bedürfniß unſres Herzens
war es, wodurch wir zum Schreiben veran⸗
laßt wurden, der ſehnlichſte Wunſch, einmal mit
einem treuen Diener des HErrn die wichtigſten
Angelegenheiten der Seele zu erörtern, unſere
religiöſe Ueberzeugung darlegen und beſprechen
zu können. So ſehnſüchtig auch unſer Herz
war, Gott wohlgefällig zu werden, ſo unbe—
kannt war uns die Heilsordnung, alſo die Mit—
tel es zu werden; ſo tiefe Ehrfurcht wir vor
jedem Worte der Bibel hatten, ſo verſtanden
wir ſie doch nicht. Aber Gott hat geholfen,
und obgleich wir noch auf der unterſten Stufe
des Glaͤubens ſtehen, ſo haben wir doch eine
Zuverſicht des Wachsthums in demſelben; wir
leſen die heil. Schrift mit neuem Verſtändniß
und beſitzen auch mehrere Schriften, welche uns
darin fördern können. Unter dieſen befindet
ſich auch ein, von dem uns von Ihnen empfoh⸗
lenen Hrn. Paſtor Meurer in Callenberg
herausgegebenes Werk: „Luthers Leben,“
welches eine reiche Quelle der Belehrung für
uns wurde. Dann mehrere Schriften von
Hru. Dr. Franz Delitzſch in Leipzig (jetzt
Prof. der Theologie in Roſtock), welche ſind:
„Lutherthum und Lügenthum,“ „das Sacra—
ment des wahren Leibes und Blutes unſeres
HErrn und Heilandes JEſu Chriſti,“ „Schatz—
käſtlein geiſtlicher Sinngedichte und Reim—
ſprüche auf alle Tage des Jahres, zur Erweck—
ung, Uebung und Förderung des mit Chriſto
in Gott verborgenen Lebens.“ Das uner⸗
ſchütterliche Feſthalten an den Grundlehren
unſerer heiligen Kirche, die tiefe Ehrfurcht vor
jedem Worte der heil. Schrift, das ſtrenge
Strafen der jetzt allgemein herrſchenden Irrleh—
ren, das ſanfte, rührende, aber dringende Bit—
ten und Ermahnen nach dem Einen, was Noth
iſt, zu ſtreben, nachzujagen dem vorgeſteckten
Ziele, das uns vorhält die himmliſche Beru—
fung in Chriſto IEſu, iſt es, was uns eine
aufrichtige Hochachtung für ihn und ſeine
Schriften einflößt. Ein reicher Schatz geiſtli⸗
cher Erfahrung wurde uns auch noch aus einer
Schrift vom Jahre 1731, enthaltend: die Se—
ligkeit eines Gläubigen in der Vereinigung
mit ſeinem Heiland IEſu Chriſto aus Röm.
8.; ferner: die überſchwengliche Erkenntniß
IEſu Chriſti; auch mehrere andere Schriften
rechtgläubiger Theologen. Die Augsburgiſche
Confeſſion haben wir uns verſchafft, aber die
andern von Ihnen empfohlenen Werke haben
wir nicht erlangen können, jedoch hoffen wir
nächſter Zeit Luthers ſämmtliche Werke zu
kaufen, worin jedeufalls die angegebenen mit
enthalten ſind . . . . . Manchmal haben wir
ſchon gefragt, warum uns der liebe Gott gar
keine gleich geſinnten Menſchen zugeſellt habe,
keinen Freund oder Freundin, welche unſere
religiöſe Ueberzeugung theilte, auch wohl oft
geklagt, daß wir auf nichts als Widerſpruch
trafen; aber auch hierüber iſt uns Klarheit
worden; er will im Umgange mit Ungläubi⸗
gen uns in unſerm Glauben prüfen. Durch
irdiſche Noth und Trübſal hat er ihn in uus
erweckt und durch fortgeſetzte Prüfung will er
uns darin befeſtigen, wir danken mit gerühr—
tem Herzen für beides. Doch bis jetzt haben
wir nur geſchrieben, was Gott an uns gethan
hat, ach! und es iſt unendlich viel, aber nicht,
was wir gethan haben, denn dies iſt leider ſehr
wenig. Faſt ſtündlich fühlen wir uns der
Gnade unwürdig, die wir von ihm empfangen
haben, denn der alte Menſch will noch nicht
verſchwinden, Chriſtus noch immer keine Ge—
ſtalt in uns gewinnen; doch wir zagen nicht,
und ob der Muth auch zuweilen klein wird, ſo
verläßt er uns doch nicht ganz, dann wenden
wir uns immer wieder zur rechten Quelle, zu
Ihm, und ſo zeigt er ſich immer wieder gnädig,
macht unſre Herzen froh und gibt ihnen die
feſte Zuverſicht, daß, der das gute Werk in
uns begonnen hat, auch wohl vollenden werde.
Hiermit wollen wir unſern Brief ſchließen ꝛc.“
Chemnitz, den 19. Juni 1846.
Roſalie und Heuriette L.
Möchte dieſer Brief durch Gottes Gnade
doch auch ſolche heilſam aufwecken und ermun⸗
tern, welche bei vollem und reichem Genuß der
Gnadenmittel, des reinen Wortes und der rei—
nen Sacramente, doch nicht zunehmen und
wachſen, ſondern träge und kalt bleiben und den
unermeßlichen Schatz, den ſie haben, nicht ach—
ten. Denn gewiß werden ſie eine ſchwere Ver⸗
antwortung haben, wenn ſolche, die gleichſam
in der Wüſte ſind, wo ſie der Pflege und Weide
des heil. göttlichen Predigtamts ganz eutbeh—
ren müſſen, dennoch zur lebendigen und kräfti—
gen Erkenntniß JEſu Chriſti kommen, und
durch treue Benutzung der geſchenkten Guade
fortſchreiten von einer Stufe des Glaubens zu
der andern. „Alſo werden die Letzten die Er⸗
ſten ſein. Denn viele ſind berufen, aber wenige
ſind auserwählt.“ Sch.
Luther über die vollkommene Heili⸗
gung, welche die Methodiſten erlangen
zu können und zum Theil erlangt zu
haben vorgeben.
„Wir predigen nicht alſo vom heil. Geiſt
und ſeinem Amt, als habe er's ſchon gar aus⸗
gerichtet und vollbracht, ſondern alſo, daß er's
habe angefangen und jetzt immer im Schwange
gehe, daß er's 3e mehr und mehr treibet, und
nicht aufhöret. Darum wirſt du keinen ſol⸗
chen Menſchen finden, der ohne Sünde und
ohne Betrübniß, voll Gerechtigkeit und voll
Freude ſei, und jedermann frei diene. Denn
die Schrift erzählet wohl, was der h. Geiſt
thue, nehmlich, daß ſein Amt ſei, von Sünden
English translation AI translation
Conversion stories, to be sure, are not rare in our days; they are brought before the public in thousands of tracts, so that everyone is almost weary of them and used to them. One might therefore well hesitate to offer something new of this kind. Nevertheless, the conversion of a human being remains a great work of God, which ought not to be passed over in silence — especially when all the circumstances are such as to leave no doubt as to the genuineness of the conversion. For most conversion stories, as they are brought before the public in tracts and the like, leave in the hearts of experienced Christian readers all manner of doubts as to whether it is indeed a true conversion. They generally consist only of a wordy description of the sensations and feelings that took place in the so-called converts, but do not lead back to the foundation of the pure and clear doctrine of the divine Word. All the more, then, do I hope that the following account of what the eternally living Son of God has done in the souls of two girls will fill with joy and praise of God those who look above all to the right foundation of doctrine, and who apply this touchstone to all feelings and experiences, both in themselves and in others. The matter, briefly, is this:
When I was living in Chemnitz (Kingdom of Saxony) in the year 1837, I counted among my relatives there also two young girls, both sisters, of fourteen to sixteen years of age. Their father had died early. They had grown up under the harmful influences of a rationalistic teaching, such as still prevails in Chemnitz to this day in all churches and schools; and as they and the whole circle in which they lived presented themselves to me at that time, I could, according to human conjecture, expect nothing other than that they would fall ever more into the grip of the world, and that Christ would scarcely find access to their hearts. Yet what a merciful and almighty Savior he is, who holds the key to all hearts! Since my emigration to America I had heard nothing of these two girls, except that the younger of them was suffering from an incurable illness. Contrary to my expectation, however — since I stood in no direct correspondence with them — I received last year a short letter from them, which was indeed written with the intention of indicating to me their religious standpoint, but did not let me recognize it with sufficient certainty, apart from a few conjectures which I drew from the remark that they had chosen the sermons of Dr. Wolf (formerly pastor at St. Peter's in Leipzig) as their devotional book, and had found in them a substitute for the Christian fellowship they lacked. In my answer to them I considered it best — since, as I said, their true standpoint was still doubtful to me — to point them to the right foundation of doctrine, and to that end to recommend to them especially Holy Scripture, Luther's Catechism, his House Postils, and the Augsburg Confession for careful reading and study, together with heartfelt prayer for the enlightenment of the Holy Spirit, and also to warn them against the great religious bustle and the sentimental and fashionable Christianity of our days. To this I then received, in August of this year, an answer which I believe I must regard as common property for all who can rejoice over Christ's glorious works, and which I therefore have no hesitation in sending in for the "Lutheraner," in the hope that it will delight many of its readers just as it delighted me. The letter, with the omission of a few incidental matters, reads word for word as follows:
"It was the most urgent need of our heart that moved us to write — the most heartfelt wish to be able, for once, to discuss with a faithful servant of the Lord the most important matters of the soul, and to set forth and talk over our religious conviction. As ardently as our heart longed to become well-pleasing to God, so unknown to us was the order of salvation, that is, the means of becoming so; as deep a reverence as we had for every word of the Bible, so little did we understand it. But God has helped, and although we still stand on the lowest step of faith, we nevertheless have a confidence of growth in it; we read Holy Scripture with new understanding and also possess several writings which can help us advance in it. Among these is also a work published by the Reverend Pastor Meurer in Callenberg, whom you recommended to us: "Luther's Life," which became a rich source of instruction for us. Then several writings by Dr. Franz Delitzsch of Leipzig (now professor of theology in Rostock), which are: "Lutheranism and the Kingdom of Lies," "The Sacrament of the True Body and Blood of Our Lord and Savior Jesus Christ," "A Little Treasury of Spiritual Epigrams and Rhymed Sayings for Every Day of the Year, for the Awakening, Exercise, and Furtherance of the Life Hidden with Christ in God." It is the unshakeable adherence to the fundamental doctrines of our holy church, the deep reverence for every word of Holy Scripture, the strict censuring of the false doctrines now generally prevailing, the gentle, moving, yet urgent pleading and admonishing to strive after the One Thing Needful, to press on toward the goal set before us, which holds forth to us the heavenly calling in Christ Jesus — it is this that instills in us a sincere high regard for him and his writings. A rich treasure of spiritual experience also came to us from a writing of the year 1731, containing: The Blessedness of a Believer in Union with His Savior Jesus Christ, from Romans 8; further: The Surpassing Knowledge of Jesus Christ; also several other writings of orthodox theologians. We have procured the Augsburg Confession for ourselves, but we have not been able to obtain the other works you recommended; we hope, however, in the near future to buy Luther's complete works, in which the ones mentioned are surely also contained . . . . . Sometimes we have already asked why our dear God has given us no like-minded people at all, no friend, male or female, who shared our religious conviction, and have indeed often complained that we met with nothing but contradiction; but on this too we have been given clarity: he wishes, through our dealings with unbelievers, to test us in our faith. Through earthly distress and affliction he has awakened it in us, and through continued testing he wishes to strengthen us in it; we thank him with a moved heart for both. Yet up to now we have only written what God has done for us — ah, and it is infinitely much — but not what we have done, for this, alas, is very little. Almost hourly we feel ourselves unworthy of the grace we have received from him, for the old man will not yet vanish, and Christ still gains no form in us; yet we do not despair, and though our courage sometimes grows small, still he does not forsake us entirely; then we turn again and again to the right source, to Him, and so he shows himself gracious again and again, makes our hearts glad, and gives them the firm confidence that he who has begun the good work in us will also bring it to completion. With this we wish to close our letter, etc."
Chemnitz, June 19, 1846.
Rosalie and Henriette L.
May this letter, through God's grace, also wholesomely awaken and encourage those who, despite the full and rich enjoyment of the means of grace, of the pure Word and the pure Sacraments, nevertheless do not increase and grow, but remain sluggish and cold, and do not value the immeasurable treasure they possess. For they will surely bear a heavy responsibility, when such as are, so to speak, in the wilderness, where they must entirely lack the care and pasture of the holy divine preaching office, nevertheless come to a living and powerful knowledge of Jesus Christ, and, through faithful use of the grace bestowed on them, advance from one step of faith to another. "So the last shall be first. For many are called, but few are chosen." Sch.
Luther on the Perfect Sanctification Which the Methodists Claim to Be Able to Attain, and Partly Claim Already to Have Attained.
"We do not preach thus concerning the Holy Spirit and his office, as though he had already fully accomplished and completed it, but rather thus: that he has begun it, and it is now continually underway, that he drives it on more and more, and does not cease. Therefore you will find no such person who is without sin and without sorrow, full of righteousness and full of joy, and who freely serves everyone. For Scripture does indeed tell what the Holy Spirit does — namely, that his office is to redeem from sins