Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 4 › Seite 19

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-10-13, Seite 19

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Der Tutheraner.

„Gottes Wort und Lutherz Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“

Herausgegeben von C. F. W. Walther.

*

Jahrgang 3.

St. Louis, Mo., den 17. October 1846.

Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte
vorauszubezahlen und das Poſigeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.

Friedrich Myeonins.

Eine lehrreiche und erbauliche Lebensgeſchichte,
aus alten Schriften neu erzaͤhlt.
Erſtes Kapitel.

Von Myconii Jugend und ſeinem Handel mit Tetzel.

Die Bergſtadt Annaberg im ſächſiſchen
Erzgebirge iſt gewiß auch außerhalb der Gren—
zen Sachſens nicht unbekannt. Sie ward um
der reichen Silbergruben in der dortigen Ge—
gend willen im J. 1496 von dem nachmaligen
Herzog Georg (dem Bärtigen) von Sachſen
angelegt, nahm ſchnell zu und erhielt, gleich
in den erſten Jahren, eine gelehrte Schule.

Auf dieſer, wie es ſcheint, in Kurzem be—
rühmt gewordenen, Schule treffen wir nun im
Jahre 1510 einen frommen Jüngling an,
Friedrich Mecum mit Namen oder, wie
er nach ſeiner Zeit Sitte, da man den Namen
gern einen lateiniſchen Klang gab, öfter noch
genannt wird, Friedericus Myconius.
Er wahr ehrlicher und frommer Eltern Kind,
aus Lichtenfels, einem Städtlein in
Franken gelegen, bürtig und wurde geboren
im J. 1491 am St. Stephans⸗ oder zweiten
Weihnachtsfeiertage. Nachem er die Schule
ſeiner Vaterſtadt ſechs Jahre lang beſucht, kam
er in ſeinem dreizehnten Lebensjahre auf die
lateiniſche Schule nach Annaberg und blieb
allda ſechs andere Jahre. Daß er daſelbſt
nicht allein fleißig ſtudirt habe, ſondern daß ihm
auch ſeiner Seelen Seligkeit am Herzen lag,
zeiget ſich am erſten und beſten in dem Handel,
welchen er im gedachten fünfzehnhundert und
zehnten Jahr mit dem berüchtigten Ablaßkrä—
mer TDetzel hatte, der durch ſeine Unverſchämt⸗
heit vielen Leuten und bekauntlich auch unſerm
Luther die Augen aufthat.

Myconius ſelbſt erzählt davon: „Um die—
ſelbe Zeit war ein Predigermönch, Johannes
Tetzel genannt, der große Clamant (Schreier),
Commiſſarius und Ablaßprediger in Germania.
Er erpredigt unzählig viel Gelds, das er alles
gen Rom ſchickt, in Deutſchland, und ſonderlich
auf dem neuen Bergwerk, St. Annaberg, da
ich Friedrich Mecum ihn ſelbſt zwei Jahre ge—
höret, war trefflich groß Geld erlangt. Un-
glaublich iſts, was dieſer ungelehrt und unver⸗
ſchämt Mönch durft fürgeben. Er ſagt, wenn
Einer das größte Aergerniß begangen hätte
und legte nur Geld ins Pabſts Ablaßkaſten, ſo
hätte doch der Pabſt dieſe Gewalt im Himmel

und auf Erden, daß er vergeben kunnt, und
wenn ers vergebe, ſo müßte es Gott auch ver—
geben. Item, wenn ſie flugs einlegten und
Gnade und Ablaß löſeten, ſo würden alle Berge
um St. Annaberg eitel gediegen Silber werden.
Item, ſobald mir der Groſchen im Becken kling,
führe die Seele, für die man einlegt, von Stund
auf gen Himmel. Alſo ein groß Ding war ſein
Ablaß. Und da waren Ketzermeiſter, wer ein
Wort dawider redete, den verbannten und ver⸗
brannten ſie. Und war der Ablaß ſo hoch ge⸗
ehrt, daß wenn man den Commiſſarium in eine
Stadt einführt, ſo trug man die Bulle auf
einem Sammet oder gülden Tuch daher, und
gingen alle Prieſter, Mönch, der Rath, Schul—
meiſter, Schüler, Mann, Weib, Jungfraun
und Kinder mit Fahnen und Kerzen, mit Ge—
ſang und Proceſſion entgegen. Da läutet man
alle Glocken, ſchlug alle Orgel, begleitet ihn in
die Kirchen, richtet ein Kreuz mitten in der
Kirchen auf, da hänget man des Pabſtes Panier
an, und in Summa, man hätte nicht wohl Gott
ſelbſt ſchöner empfangen können.

Nachdem nun Tetzel zwei Jahre lang ſein
Weſen getrieben, fing er um Pfingſten gedach⸗
ten Jahres an zu drohen, er werde das Kreuz
wegnehmen und die geöffneten Himmelspforten
ſchließen, und ſpäterhin würde das ewige Leben
und die Vergebung der Sünden nie wieder ſo
billig zu haben ſein. Es möge doch jeder ſein
und ſeiner Verſtorbenen Seelenheil bedenken.
Jetzt ſei die angenehme Zeit und der Tag des
Heils. Auch waren Briefe an die Kirchenthü—
ren angeſchlagen, worin geſchrieben ſtand, daß
aus beſonderer Gnade die Ablaßbriefe nicht mehr
um ſo hohen Preis wie früher, ſondern wohl⸗
feiler verkauft werden ſollten. Und ganz am
Ende ſtand: „den Armen ſollen ſie um Got—
teswillen umſonſt gegeben werden. Das
war die Urſach, weshalb unſer Friedrich mit
Tetzel zuſammenkam.

Sein Vater hatte ihn die zehn Gebote, das
Vater Unſer und Apoſtoliſche Glaubensbekennt⸗
niß gelehrt und fleißig beten laſſen. Auch hatte
er ihm geſagt, es käme Alles von Gott und der
würde uns behüten, wenn wir ihn fleißig darum
bäten. Ingleichen Chriſti Blut ſei das Löſegeld
für die Sünden der ganzen Welt, und jeder
Chriſt müſſe dieſen Glauben haben, und es
werde das Blut Chriſti verachtet, wenn man
daran zweifele. Die päbſtlichen Ablaßbriefe
ſeien Netze, um das Geld der Unwiſſenden ein⸗

zufangen; das ewige Leben und die Vergebung
der Sünden könnten durchaus nicht mit Geld
erkauft werden, und die Prieſter wären im Irr⸗
thum, wenn ſie ſo lehreten. Weil Myconius nun
aber in den Predigten immer nur den Ablaß
rühmen, von Chriſti Verdienſt und Genugthu—
ung aber nichts hörte; ſo war er der Meinung,
daß nur die des Todes Chriſti theilhaftig wür⸗
den, die es entweder mit guten Werken verdient
oder mit Geld erkauft hätten. So blieb er
denn ungewiß, ob er ſeinem Vater oder den
Prieſtern glauben ſollte; doch glaubte er mehr
den Prieſtern. Nur ging ihm das im Koͤpfe her⸗
um, daß man die Vergebung der Sünden entwe⸗
der nicht erlangen könne, oder es müſſe Geld
bezahlt werden und ſelbſt von den ganz Armen.
Daher geſiel ihm denn die Stelle am Schluß
des päbſtlichen Briefs gar ſehr: „Den Armen
umſonſt um Gotteswillen.“ Und weil denn nach
dreien Tagen das Kreuz feierlich niedergelaſſen
und die Stufen zum Himmel abgebrochen wer—
den ſollten, ſo fühlte er ſich im Geiſt gewaltig
gedrungen, zu dem Commiſſar zu gehen, und
ihm ſeine Bitte vorzutragen. Am audern Tage
gegen Abend ging er denn auch in Johann
Pflocks Haus, wo Tetzel mit ſeinem Gefolge
war, und bat in lateiniſcher Sprache, daß man
ihm, als einem Armen, wie es im dem Briefe
ſtände, die vollſtändige Sündenvergebung, kei⸗
nen Fall ausgenommen, ertheilen und ihm zur
Beſtätigung einen päbſtlichen Ablaßzeddel geben
möchte. Die Prieſter wunderten ſich, daß der
junge Menſch lateiniſch reden konnte, was da⸗
mals etwas ſeltenes war, und gingen ſogleich
zu Tetzel hinein, um dieſem vorzutragen, was
er wolle, und ein gut Wort für ihn einzulegen.
Nach langer Ueberlegung kamen ſie wieder mit
dem Beſcheid: „Mein Sohn, wir haben deine
Bitte dem Herrn Commiſſar vorgetragen, und
er ſagt, er wolle zwar recht gern darein willigen,
aber er könne nicht, auch wenn er wolle, denn ſo
eine Bewilligung würde ganz nichtig und ſo
gut wie keine ſein: es ſtehe nämlich in dem
päbſtlichen Briefe ausdrücklich, daß nur dieje⸗
nigen an jenem reichen Ablaß Theil haben
könnten, welche eine hülfreiche Hand
darreichten, d. h. welche Geld zahlten.“ Dage—
gen erwiderte Myconius, es habe ja in den an
den Kirchenthüren angeſchlagenen Briefen der⸗
ſelbe heilige Vater befohlen, der Ablaß ſolle
den Armen umſonſt gegeben werden, um
Gottes willen, und es ſtehe dabei, ad
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Der Lutheraner.

"God's Word and Luther's teaching shall never pass away."

Edited by C. F. W. Walther.

*

Volume 3.

St. Louis, Mo., October 17, 1846.

Terms: The Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for out-of-town subscribers, who must pay half of this in advance and bear the postage themselves. — In St. Louis each single issue is sold for 5 cents.

Friedrich Myconius.

An instructive and edifying life story, newly retold from old writings.

First Chapter.

Of Myconius's Youth and His Dealings with Tetzel.

The mining town of Annaberg, in the Saxon Erzgebirge, is certainly not unknown even beyond the borders of Saxony. It was founded in the year 1496, for the sake of the rich silver mines in that region, by the later Duke George (the Bearded) of Saxony; it grew quickly, and received, already in its first years, a learned school.

At this school, which seems to have become renowned within a short time, we find in the year 1510 a devout young man named Friedrich Mecum, or, as he is more often called after the custom of his time — when people liked to give names a Latin ring — Friedericus Myconius. He was the child of honest and pious parents, born in Lichtenfels, a small town in Franconia, in the year 1491, on St. Stephen's Day, that is, the second day of Christmas. After attending the school of his native town for six years, he came in his thirteenth year to the Latin school at Annaberg and remained there another six years. That he not only studied diligently there, but that the salvation of his soul also lay close to his heart, is shown first and best by the dealings he had, in the year fifteen hundred and ten, with the notorious indulgence-peddler Tetzel, whose shamelessness opened the eyes of many people, and, as is well known, of our own Luther as well.

Myconius himself relates: "At that time there was a preaching friar named Johannes Tetzel, the great clamant (crier), commissary, and indulgence-preacher in Germany. He preached in vast sums of money, all of which he sent to Rome, throughout Germany, and especially at the new mining town of St. Annaberg — where I, Friedrich Mecum, myself heard him for two years — a splendidly large amount of money was raised. It is scarcely believable what this unlearned and shameless friar dared to claim. He said that if someone had committed the greatest possible offense and merely put money into the Pope's indulgence chest, the Pope would nonetheless have such power in heaven and on earth that he could forgive it, and that whatever he forgave, God too would have to forgive. Likewise, that if people would only promptly put in their money and secure grace and indulgence, all the mountains around St. Annaberg would turn to solid silver. Likewise, that as soon as the coin rang in the collecting-basin, the soul for whom it was put in would fly straight up to heaven that very instant. So great a thing was his indulgence held to be. And there were inquisitors who banned and burned anyone who spoke a word against it. And the indulgence was held in such high honor that when the commissary was brought into a town, the papal bull was carried before him on a cloth of velvet or gold, and all the priests, monks, the town council, schoolmaster, pupils, men, women, maidens, and children went out to meet him with banners and candles, with singing and procession. Then all the bells were rung, all the organs played, he was escorted into the churches, a cross was set up in the middle of the church, the Pope's banner was hung upon it, and, in short, God Himself could hardly have been received more splendidly.

After Tetzel had carried on his business in this way for two years, he began around Pentecost of the year in question to threaten that he would take away the cross and close the opened gates of heaven, and that afterward eternal life and the forgiveness of sins would never again be had so cheaply. Everyone should therefore consider the salvation of his own soul and of his departed loved ones. Now, he said, was the acceptable time and the day of salvation. Letters were also posted on the church doors, stating that, out of special grace, the letters of indulgence would no longer be sold at as high a price as before, but more cheaply. And at the very end it was written: 'To the poor they shall be given free, for God's sake.' This was the reason our Friedrich came to deal with Tetzel.

His father had taught him the Ten Commandments, the Lord's Prayer, and the Apostles' Creed, and had made him pray diligently. He had also told him that everything comes from God, and that God would protect us if we asked Him diligently for it. Likewise, that Christ's blood was the ransom for the sins of the whole world, and that every Christian must hold this faith, and that Christ's blood was despised if one doubted it. The papal letters of indulgence, he said, were nets to catch the money of the ignorant; eternal life and the forgiveness of sins could by no means be bought with money, and the priests were in error when they taught otherwise. But because Myconius now heard in the sermons only the indulgence being praised, and heard nothing of Christ's merit and satisfaction, he came to think that only those had a share in Christ's death who had either earned it through good works or bought it with money. So he remained uncertain whether he should believe his father or the priests; yet he believed the priests more. Only this kept turning over in his mind — that the forgiveness of sins either could not be obtained at all, or else that money had to be paid, and this even by the very poor. Therefore the clause at the end of the papal letter pleased him greatly: "To the poor, free, for God's sake." And since, after three days, the cross was to be solemnly lowered and the steps to heaven taken down, he felt himself powerfully compelled in spirit to go to the commissary and lay his request before him. The next day, toward evening, he went to the house of Johann Pflock, where Tetzel was staying with his retinue, and asked, in Latin, that he, as a poor man — just as it stood in the letter — be granted complete forgiveness of sins, with no exception whatsoever, and be given a papal letter of indulgence as confirmation. The priests were astonished that the young man could speak Latin, which was something rare in those days, and went at once in to Tetzel to report what he wanted and to put in a good word for him. After long deliberation they came back out with the answer: "My son, we have laid your request before the commissary, and he says that he would indeed gladly grant it, but that he cannot, even if he wished to, for such a grant would be entirely void and as good as none at all: for it stands expressly in the papal letter that only those can share in that rich indulgence who extend a helping hand" — that is, who pay money. To this Myconius replied that in the letters posted on the church doors that same Holy Father had commanded that the indulgence be given to the poor for free, for God's sake, and that it stood there,