Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 12 › Seite 97

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-01-31, Seite 97

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ſcher und muſikaliſcher Hinſicht dargethan. Dar—
auf hat der Herr Präſ. Harleß das Wort er⸗
griffen und auch eine lange Rede gehalten, aus
der ich dem Leſer doch einiges wörtlich mitthei—
len muß. „Es wurde von dem Herrn Referen—
ten.“ hat er geſagt, „ein Punkt hervorgehoben,
der unter dem Volke, wie auch unter Bertretern
unſerer Kirche als Beſorgniß curſirt; und dies
iſt eben eine Beſorgniß, die ſich auf mich ſelbſt
mit bezieht. Die Vorlage, meine verehrten Her—
nn, iſt unter meinen Augen, und wenn auch
jum allergrößten Theile durch die Dienſte eines
Andern, ſo doch auch unter meinem Beirath ent—
ſtanden. Was aber als Beſorgniß eirculirt, hat
mir zwar niemand in's Geſicht geſagt, aber man
ſagte es aus, wie der Barbier des Königs Mi⸗
das, welcher nicht verichweigen konnte, was er
nicht ſagen ſollte. Dieſer ſläſterte es in ein
koch, das er mit Erde bedeckte; abtr da wuchs
Schilf auf, welches das Geheimniß in alle Welt
hinaus flüſterte. So, in ähnlicher Weiſe, kam
mir von allen Seiten in Bezug auf die Gottes⸗
dienſtordnung das beſorgliche Gerücht zu Ohren:
„Der (nämlich ich) will die Gemeinden katho—
liſch machen.“ ö
Was mich betrifft, mußte ich darüber lachen;
aber bedauern mußte ich die, welche ſo Thörich—
tes entweder aus Unwiſſenheit glaubten, oder
aus Freundſchaft für mich erfanden. Ich mußte
mich fragen, ob man denn angenommen habe,
daß, als ich vor acht Jahren Baiern verließ, dies
pegen kryptokatholiſcher Neigungen oder Sym—
pathien geſchehen ſei?*) Ich konnte mir auch
nicht erklären, wie etwa mich ditſe Stimmung in
Sachſen angewandelt haben ſollte. Aber ich
weiß nicht—vielleicht wurde ich doch in Sachſen
etwas verdorben! In Baiern urtheilt man
ſhharf über die ſächſiſche Landeskirche und will
unſere Zuſtände als viel beſſer bezeichnen. Das
unterſuche ich nicht. Aber verwundert war ich,
als ich in das Land kam, die Zuſtände kennen
lernte und in den Gottesdienſten der Gemein—
den von einem Ende des Landes bis zum an⸗
dern eine Ordnung verbreitet ſah, die dem
Volke ungemein lieb iſt und von der es um kei⸗
nen Preis läßt. Dies iſt, wenn auch eigentlich
nur im Fragment, daſſelbe, was Ihnen als Al—
tardienſt vorgelegt iſt.

„Durch's ganze Land geht ein und dieſelbe
Weiſe, nach welcher der Geiſtliche und die Ge—
meinde zu liturgiſcher Feier ſingen und das iſt
eine Gemeindefreude. Als ich hin kam, hatte
ich zwar die Diakonalien nicht ſelbſt zu verwal⸗
ten, kam aber doch manchmal in die Nothwendig⸗
tit, dieſes zu thun. Da verlangte ich die No⸗
ten; ſie hatten keine. Von Geſchlecht zu Ge—
ſchlecht ſingt die Gemeinde und der Geiſtliche ſo.

*) Bekanutlich hat gerade Dr. Harleß deswegen ſrüher
Bapern verlaſſen müſſen, weil man hier ſeinen kräftigen Wi⸗
berſand gegen Gewiſſensbedrückungen der Proteſtanten von
Seiten der Katholiken nicht dulden wollte. Merkwürdig, daß
te den ſogenannten Altlutheranern in Deutſchland, welche
am enrſchievenſien ſich dem Papismus entgegenſetzen, ebenſo
ergtht, wie den hieſigen. Gerade ſie ſollen die Leute katho⸗
icch machen! Und warum? Weil ſie vor dem Alkare ſin-
zen, bei'm hl. Abendmahl Lichter brennen, ein Crucifix auf

dem Altar haben, mit dem Zeichen des Kreuzes ſegnen und

— 90—

So iſt es bei ſtädtiſchen und Dorfgemeinden.
Da dachte ich mit großem Schmerze zurück an
das, was wir in Baiern ehedem hatten, was
über Bord geworfen wurde, und was in der Vor—
lage hergeſtellt wird, aber viele mit Angſt erfüllt,
ob dieſe Aufgabe erfüll-⸗ und lösbar ſei. So viel
von mir und vielleicht ſchon zu viel.“

Nachdem er darauf die Schwierigkeiten und
Bedenken bei Ausarbeitung dieſer Gottesdienſt—
ordnung auseinandergeſetzt, ſchloß er: „Glau—
ben Sie nicht, meine verehrten Herren und lie—
ben Brüder, daß das Kirchenregiment oder ich
nur enifernt daran dächte, in einer ſo heiligen

Sache mit plumper Gewalt vorzuſchreiten und

hiemit das, was dem Volke lieb werden ſoll,
demſelben von vorn herein zu verleiden. Die
Frage der „definitiven“ Einführung hat gar
nichts anderes ſagen wollen, als fragen, ob die
hochwürdige Generalſynode rathe und der Mei—
nung ſei, daß man das, was probeweiſe das
Kirchenregiment hinausgegeben hat, auch defi—
nitiv für das erkläre, was als Typus des in der
Landeskirche geltenden Zieles gelte, deſſen all⸗
mählige Einführung in den Gemeinden erſtrebt
werden ſoll. Ein ſolches beſtimmtes Ziel muß
man haben und deſſen Einführung muß in ge⸗
regelter, anbahnender Weiſe geſchehen. Was
nun geſchehen konnte, meine lieben Herren und
Brüder, hat Ihr verehrlicher Ausſchuß gethan,
um alle Schwierigkeiten dabei aus dem Wege
zu räumen. Darum ſchließe ich mit dem Ver—
ſprechen, wie auch das Ergebniß Ihrer Bera—
thung ausfalle, mich den Anträgen des Aus⸗
ſchuſſes in Beziehung auf die Art der Einfüh—
rung der Gottesdienſtordnung in keiner Weiſe
entgegenzuſtellen.“

Darauf erhob ſich Kirchenrach Bomhard
von Augsburg, um auch ſeinerſeits die neue
Gottesdienſtordnung zu empfehlen, und ſchloß
ſtine Rede mit den Worten: „Verehrte Herren!
Wir haben geſtern mit freudiger Acclamation
und mit herzlichem Preis Gottes einem Geſang⸗
buche unſere einhellige Zuſtimmung gegeben,
welches uns die alten herrlichen Kirchenlieder je—
ner alten Zeit wiederbringt, in welcher die uns
vorgelegte Gottesdienſtordnung allenthalben un⸗
ſern frommen Altvordern zur großen Erbauung
gedient hat. Ein wichtiger Schritt zur Refor—
mation d. h. Zurückbildung unſers Cultus in
ſeine urfprüngliche edle Geſtalt iſt hiemit von
uns geſchehen; die Anerkennung haben wir hie—
mit ausgeſprochen, daß die Vorzeit unſerer Kir—
che Beſſeres hatte, als die Folgezeit auf dieſem
Gebiete hervorzubringen vermochte. Zu den al—
ten Kernliedern gehört die alte Liturgie, wie B
zu A gehört. Es wäre Inconſequenz, jene an⸗
zunehmen und dieſe zu verwerfen. Bleiben wir
nicht auf halbem Wege ſtehen, nachdem wir ein⸗
mal mit rühmlicher Entſchloſſenheit die beſſernde
Hand an unſern Cultus gelegt haben und nie—
mand gebe für ſeine Perſon dem Argwohn Raum:
Ars non habet osorem nisi ignorantem *).““

Da ſchlug Decan Bachmann vor, nach den
beiden vernommenen Neferaien, der Rede des

) Auf deutſch: Die Kunſt hat nur den Unverſtand zum
Feind.

hohen Dirigenten und der warmen Anſprache
Bomhards ſolle die Verſammlung ohne Diskuſ⸗
ſion ſich im Allgemeinen mit den Anträgen des
Ausſchuſſes einverſtanden erklären. Und mit
überwiegender Mehrheit wurde durch Erhebung
von den Sitzen dieſem Vorſchlage die Zu ſtim—
mung ertheilt.

Nach mehreren Erörterungen über die Ein⸗
führung der Gottesdienſtordnung, die einige Ab⸗
geordnete noch nachträglich anſpounnen, kam man
zum Hauptgegenſtande dieſer (10.) Sitzung, zum
Katechismus. Da aber der Naum zu meh⸗
rerm fehlt, ſetzen wir vor der Hand nur das Er⸗
gebniß in Kürze her. Es ſoll auf Grund des
Nürnberger Kinderlehrbüchleins ein Katechis—
mus in Frage und Antwort ausgearbeitet wer⸗
den, wobei das bisherige Spruchbuch in erſter
Auflage, ſo wie, was die Erklärungen anbelangt,
Löhe's Hausbuch, und was die Einrichtung be—
trifft, Seiler's Methode berückſichtigt werden ſoll.
Dann ſoll der Katechismus den Pfarrern zur

Begutachtung mitgetheilt und mit Berückſichtis

gung dieſer Gutachten der Katechismus fertig
gemacht und darauf eingeführt werden.

n“

Luther
von der Nothwendigkeit eines rechten Berufes
zur Führung des hl. Predigtamtes.

In der letzten Rummer haben wir ein Ermah—
nungsſchreiben mitgetheilt, welches von der
Leipziger Paſtoralconferenz an die Synode von
Miſſouri ꝛc. und an die von Buffalo gerichtet
worden iſt. Darin kommen einige Citate in
lateiniſcher Sprache vor. Es wird, wie wir
hören, von denen, die dieſe Sprache nicht ver⸗
ſtehen, gewünſcht, daß ihnen die Citate auch
deutſch gegeben werden möchten.
dieſelben daher hierdurch nach der Walchiſchen
deutſchen Ausgabe der Werke Luthers mit.

Die erſte Stelle lautet, wie folgt: „Darum
ſoll keiner dem andern in ſeine Ernte oder Schnitt
fallen; wie der Teufel durch ſeine Rotten pflegt,
die immerdar fürwenden, wie großer und über⸗
aus heftiger und hitziger Cifer ſie treibe, als
denen es im Herzen wehe thue, daß die Leute ſo
erbärmlich verführt werden; darum könnten ſie
ſich nicht enthalten, ſondern würden gezwungen,

Wir thellen

die rechte Wahrheit zu predigen und die Ver⸗
führten aus des Teufels Stricke loszumachen.
Alſo geſchieht es denn, obgleich einer aus heili⸗
geim Eifer und recht guter Wohlmeinung mit
heilſamer Lehre etlichen Verführten gerne aushel⸗
fen wollte, daß doch mit ſolchem Exempel den
gottloſen Lehrern und Lä genpredigern eine
Urſache gegeben würde, ſich darnach auch ſelbſt!
einzudringen; dadurch denn der Satan die,
Canzel und Predigtſtühle eingewinnet.“ ymr,
1577.) ö
Die andere Stelle lantet folgendermaßen::
„Daß ich nun predige, täufe und das Saera⸗
ment reiche, deß habe ich Befehl und bin dazu
berufen u. gefordert, daß ichs thun ſoll; denn,
Gottes Wort hat michs geheißen, nicht in einem
finſtern Winkel, heimlich und verborgen, ſontemn

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