Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 63

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-12-22, Seite 63

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Vater Unſer. —Anrede 5

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Lutheri ſei, wie und welchergeſtalt namentlich
prediger, Lehrer und Gemeindeglieder, ein jeder
nach dem Maaße ſeines Berufes den Katechis⸗
nus treiben ſollen, und welchen Nutzen die flei⸗
ſige Uebung des Katechismus bringe. Dieſt
Einleitung bezieht ſich alſo nicht bloß auf die hl.
1 10 Gebote ſondern auf den ganzen Katechismus
und leitet uns ohne viele Umſchweife geraden
Wegs in ihn hinein, zeigt auch namentlich, wie
drjenige, welcher ein rechter Katechismusſchü⸗
ler iſt, nicht minder die Schrift mit Luſt und gu⸗

tem Verſtändniß leſen wird. Als Einleitung in
1die hl. 10 Gebote, folgt alsdann ein Abſchnitt
handelnd von den zwei Tafeln der 10 Gebote
iberhaupt. Außer den gewöhnlichen Lehren,
welche die Betrachtung der Eintheilung in zweiTa⸗
feln mit ſich bringt, findet ſich hier eine vortreffli
che Darſtellung des Verhöltniſſes der beiden Ta⸗
feln, daß nämlich die zweite Tafel der erſten wei⸗
then muß, und die Sünden wider die zweite aus
den Sünden wider die erſten entſtehen: daß Un⸗
Ekenntniß und Verkehrung dieſes von Gott geord—
nrten Verhältniſſes Grund und Urſache des
gräulichen und zerſtörenden Laſters der Werkhei⸗
ligkeit iſt, geht aus dieſer Darſtelluug eben ſo
lar hervor als es ſelten bekannt und von Weni⸗
gen beachtet iſt. Von da aus werden wir, nach—
dem der Inhalt beider Tafeln kürzlich angezeigt
it, zu den einzelnen Geboten ſelbſt geführt. Es
fiel mir Anfangs auf, daß die Ueberſchrift der
. 10 Gebote: Ich bin der Herr, dein Gott,
nicht vor den ein zelnen Geboten ſelbſt ausgelegt

durde; um dieſer Worte willen fangt offenbar

dit Auslegung aller Gebote, das erſte ausge⸗

nommen, mit dem Bekenntniß an: wir ſollen
Gott fürchten (weil er der Herr iſt), und lieben
(veil er unſer Gott iſt). Bald fand ich in⸗
deß, daß bei der Texterklärung des erſten Gebo⸗
to die Bedentung jener Worte nachgewieſen,
und beim zweiten Gebote das „wir ſollen Gott
Ffürchten und lieben“ als Folge des „Ich der
berr dein Gott“ aufgezeigt wird. Auch dieſe
Anorduung muß dazu dienen, dem erſten Ge⸗
bote einen eigenthümlichen Platz zu bereiten, wie
ſlches ſchon durch die Form der Auslegung,
dit von der der andern Gebote ſo verſchieden iſt,
hervortritt. So wird den auch nach einem kur⸗
un Ueberblick über den Inhalt des erſten Gebo⸗
gezeigt, wie daſſelbe alle anderen Gebote in
ſh faßt, ja aus ihm als aus dein Hauptborn
llle Weisheit quillet und fleußt, wie der Kern
deſſelben der Glaube iſt und aus dem Halten
ditſes einen Gebotes alle Gerechtigkeit, aus der
lebertretung deſſelben alle Sünde herkömmt.
Die Form des erſten Gebotes, wie ſie im Kate⸗
hismus gegeben iſt, wird gerechtfertigt wider
alle die, welche uns vorwerfen, daß wir ſowohl
die Drohung und Verheißung von ihm trennen,
als das Bilderverbot weglaſſen. Darnach
ziebt die Auslegung im Katechismus das The⸗
na, nach welchem die Uebertretung und Erfül⸗

lung des erſten Gebotes ausgeführt wird, das
it aber einmal eine evangeliſche Auslegung:
7denn obwohl in dem Abſchnitt, welcher die Ue⸗
lentrttung behandelt, nicht gerade von vorneher⸗

—61—

ein als Hauptſünde und Gipfel der Uebertre⸗
tung der Unglaube gegen Chriſtum aufgezeigt
wird, gerade weil er eben die Spitze iſt, in wel⸗
che alle Sünden der Abgötterei zu ſammenlau⸗
fen, ſo durchdringt doch dieſe gewaltigen Reden,
welche den Donner Gottes auf Sinai erſchallen
laſſen, der erſchütternde Gedanke der Wehmuth
daß durch die Uebertretung der Gott betrübt
wird, welcher auch Seines eingebornen Sohnes

nicht hat verſchonet. Die Lehre von der Erfüllung

des erſten Gebotes aber geht von vorne herein
aus von der evangeliſchen Wahrheit, daß nur
durch den Glauben an Chriſtum das Gebot wirkl.
gehalten werden könne, und ſo wenig als jemals
Geſetz und Evangelium mit einander vermiſcht
wird, ſo wenig fehlt in den Autworten die ſüße,
liebliche ev. Labung, die uns ahnen läßt, warum
Johannes ſpricht: Seine Gebote ſind nicht
ſchwer. Schon in dem Ueberblick über den In⸗
halt des erſten Gebotes antwortet Dr. Luther
auf die Frage: Was muß man von dem ſagen
der dem erſten Gebot nachlebt? alſo: „O eine
„glückſelige heilige und in Gottes Augen geach—
„tete Seele, die alſo an Gott ein Wohlgefallen
„hat, und ihn ſuchet, daß ſie alles, was ſie ſie⸗
„het, höret und empfindet, für Trübſal und
„Elend ohne Goit achtet, daß ſie mit Wahrhein
„ſagen kann: Meine Thränen ſind meine Speiſe
„Tag und Nacht, weil man täglich zu mir ſa⸗
„get: Wo iſt denn dein Gott? Wenn man das
„auch in den Tagen des zeitlichen Wohlergehens
„mit Wahrheit ſagen kann, ſo iſt das eine große
„Gnade von Gott u. ſ. w.“ Beſonders aber am
Schluß, wo Fr, 199 ein vierfaches Kränzlein,
welches Dr. Luther aus dem erſten Gebote macht,
aufgezeigt wird, legt der treue Lehrer uns den
Gehorſam gegen das erſte Gebot mit ſolchem
Eruſt und doch mit ſo ſüßen, labenden Worten
an das Herz. daß man meinen ſollte, wer es läſe,
könne gar nicht anders als Buße thun.

Die Auslegung der übrigen Gebote verläuft
im Weſentlichen immer alſo, daß zuerſt von dem
einzelnen Gebote im Allgemeinen. namentlich
vom Zuſammenhange deſſelben mit dem vorher⸗
gehenden und von deſſen Stellung innerhalb al⸗
ler, alsdann von der Uebertretung und Erfül⸗
lung des Gebotes, darauf von der Verheißung,
die Gott auf den Gehorſam gelegt hat, und beim
zweiten Gebot auch von der beſondern Drohung
wider die Uebertreter gehandelt und jedesmalam
Schluß eine Anweiſung zm vierfachen Gebrauch
des Gebotes gegeben wird. Nicht leicht möchte
ſich eine Frage aus dem Gebiete des chriſtlichen
Wandels und Lebens finden, dir hier nicht eine
bündige und klare Antwort fände. Frägſt du
z. B.: darf ich denn eigentlich überhaupt ſchwö⸗
ren, da der Herr Chriſtus mit eigenem Munde
und durch ſeinen Apoſtel Jakobues das Schwö⸗
ren verbietet? ſo antwortet dir Dr. Luther nicht
etwa wie ein berühmter Gelehrter jetziger Zein
mir vor einigen Jahren einmal über dieſen
ſchwierigen Lehrpunkt Aufſchluß zu geben trach⸗
tete. Dieſer Letztere meinte, der Herr Chriſtus ver⸗
biete Mattäi. 5, 33 ff, nur das Schwören bei Din.
gen wie der Himmel oder die Erde, u. das Verbot

Jakobi 5, 12 ſei nur den Chriſtenleuten damaligß
Zeit gegeben, da es ſich doch für ſie nicht geſchickt
haben würde, vor einer heidniſchen Obrigkeit zu
ſchwören. Das war ein Aufſchluß, mit welchem
mir der Mann die Thür zum Verſtändniß zu⸗
ſchloß. Hören wir dagegen den Dr. Luther, den⸗
ſelben, über welchen von vielen heutigen Chri⸗
ſten und Theologen geurtheilt wird, er habe ſich
wohl auf die Lehre vom Glauben aer nicht be⸗
ſonders auf die Lehre von der Liebe verſtanden.
Luther ſagt alſo von Matth. 5, 33ff: „Chriſtus
„hat es fürwahr alſo gemeint, daß man aller⸗
dings nicht ſchwören ſoll. Denn die Worte ſte⸗
„hen ja klar da: Ihr ſollt allerdings nicht ſchwö⸗
„ren. Iſt derohalben die Meinung: denen Ju⸗
„den iſt verboten faͤlſch zu ſchwören und it ih⸗
„nen doch zugelaſſen zu ſchwören: Euch aber ge⸗
„biete ich, (ſpricht Chriſtus), in keinerlei Weiſe
„zu ſchwören weder bei dem Himmel u. ſ. f. da⸗
„mit er ja will, daß Niemand aus eignem und
„freiem Willen jemals ſchwören ſoll, ſo viel an
„ihm iſt. Und ſo einer mehr ſagt denn ja, ja,
„nein, nein, ſo thut er Sünde und Unrecht.“ Dann
zeigt Luther, daß dies Wort Chriſti nur das
Schwören trifft, bei welchem man Gottes Wort
nicht hat, daß dagegen, wenn Gott es uns von
Amts und ſeinetwegen befiehlt, oder durch die,
ſo im Amt ſind (die Obrigkeit ꝛc.), fordert, wir
verbunden ſind, eiuen Eid zu leiſten. So kommt
er in Frage 234 zu folgendem Schluß, der ſi⸗
cherlich das zweifelnde und ängſtliche Gewiſſen
beruhigen und zu ſicherem und feſtem Handeln
anleiten wird: „die Worte Matthäi 5, 33 ff,
„ſagt Luther, „reret der Herr deutlich zu denen,
„die keinen Befehl oder Noth haben zu ſchwören;
„wenn aber die zwei Stücke dazu kommen, Be⸗
„fehl oder Noth, ſo heißt es nicht mehr von ſich
„ſelbſt ſchwören, denn du thuſt es nicht von dei⸗
„netwegen, ſonrern daß, der es von dir fordert,
„als deine Obrigkeit, oder des Nächſten Noth und
„Gottes Gebot. Schwören ſoll man nicht zum
„Böſen, das iſt, zur Lüge, und wo es nicht noth
noch nütze iſt; aber zum Guten und des Nächſten
„Beſſerung ſoll man ſchwören, denn es iſt ein
„recht gut Werk, dadurch Gott gepreiſet, die
„Wahrheit und Recht beſtätigt, die Lügen zurück⸗
„geſchlagen, die Leute zufrieden gebracht, Ge⸗
„horſam geleiſtet und Hader vertragen wird;
„denn Gott kommt ſelbſt da ins Mittel und
„ſcheidet Recht und Unrecht, Böſes und Gutes
„von einander.“ Hier ſieht Jederm ann ſogleich,
Dr. Luther hatte eine ganz andere Art von
Schriftgelehrſamkeit als beut zu Tag gewöhnlich
iſt. Es ſind nicht bloß einzelne Theile der Schrift,
einzelne Sprüche und Reden, welche ihm zum
Gebrauch gegenwärtig ſind, vielmehr ſteht ihm
beſtändig die ganze Schrift vor Augen und jede
Lehre, ja den Inhalt jeder Rede, jeden Spru⸗
ches ſtellt er ſogleich mit Allem, was über den
betreffenden Lehrgegenſtaud geſagt iſt, zuſammen
und geräth daher nimmer auf jenen unglückli⸗
chen Weg ſo mancher ſonſt wohlmeinender Chri⸗
ſten, welche einen einzelnen Ausſpruch der Schrift
hervorheben aber den anderen nicht beachten
und darüber ſogar auf falſche Lehre gerathen

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