Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 60
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-12-22, Seite 60
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gnadenwahlslehrſtreit. —— 34 · Jeſuiten 2
Grundſatz, daß man von zwei Meinungen in
Betreff einer Handlung, die man begehen will,
die unzweifelhaft ſich er e, d. h., bei der man ge⸗
wiß nicht ſündigt, verlaſſen und die Mei⸗
nung vorziehen und annehmen kann, die
mehr Freiheit läßt, wenn ſie auch nicht ſo ſicher
iſt, wenn ſie nur probabel, das heißt, an⸗
nehmbar erſcheint. Für eine probable Meinung
wird aber von den Jeſuiten ſchon diejenige an⸗
erkannt, für welche man irgend einen Grund
der ſich hören läßt, oder auch nur das Zeugniß
des einen oder andern angeſehenen jeſuitiſchen
oder andern Schriftſtellers anführen kann.“)
Hiernach kann immer mancher Jeſuit erklären,
daß er in Betreff dieſer oder jener anſtößigen
Lehren anderer Jeſuiten verſchiedener Meinung
ſel: der Orden ſelbſt erlaubt jedem Glie⸗
de, dennoch die un moraliſche Lehre als eine
mindeſtens probable der andern, ob auch pro⸗
bableren, vorzuzichen. So heißt es nämlich fer⸗
ner in dem angezogenen Inſtitutum der Jeſui⸗
ten: „Da der Generalverſammlung“(im Jahre
1687 unter dem General Gonzalez) „berichtet
worden war, daß Manche glauben, der Orden
habe ſich vorgenommen. die Meinung derjenigen
Lehrer gleichſam mit gemeinſchaftlichem Eifer
feſtzuhalten, welche dafür halten, daß es erlaubt
ſei, der weniger probablen Meinung
bei ſeinen Handlungen zu folgen, wenn die⸗
ſelbe mehr Freiheit läßt, und die probablere
fahren zu laſſen, die auf der Seite des
Gebotes ſteht: ſo hat die Generalverſammlung
für gut erachtet, zu erklären, daß der Orden we⸗
der verboten habe, noch verbiete, daß
diejenigen die entgegengeſetzte Meinung feſthal⸗
ten, denen dieſelbe annehmbarer erſcheinen ſollte.“
(Institut. Vol I. fol. 667) Dem unmorali⸗
ſchen Probabilismus nicht zu huldigen, iſt
olſo nach der eignen Verfaſſung der Jeſuiten
nur nichtverboten!
Der dritte Grund, warum die unmorali⸗
ſchen Grundſätze ſo vieler Jeſuiten mit vollkom⸗
menſtem Rechte auf Rechnung des ganzen Or⸗
dens kommen, iſt endlich dieſer, weil die giftigen
Wurzeln, aus denen die lare, ja ruchloſe Moral
jener Jeſuiten hervorgewachſen iſt, in den
Grundſätzen liegen, welche ſchon in der Verfaſ⸗
ſung des Ordens niedergelegt ſind. Die von den
Jeſuiten aufgeſtellte unſittliche Sinenlehre, die
dir Welt bis jetzt mit Entſetzen geleſen hat, iſt
nehmlich nichts weiter, als eine treue Ent⸗
wicklung deſſen, was ſich als Keim ſchon in
der Grundverfaſſung derſelben findet. Um nur
Einiges anzuführen, ſo leſen wir ind em mehr ge⸗
nannten Inſtitutum Folgendes: „Der Stimme
des Obern ſollen wir bereitwillig folgen, nicht
anders, als ob dieſelbe von Chriſto dem Herrn
ausginge. Zu dieſem Zwecke ſollen wir
alle unſere Kräfte und alles unſer Streben in
dem Herrn darauf richten, daß der heilige Ge⸗
horſam ſowohl in der Ausführung der
Sachen, als auch in dem Willen und in dem
*) Wir werden unten eigene Zeugniſſe der Jeſuiten dem
Leſer mittheilen, in denen dieſelben dieſen ihren Probabilis⸗
mus ausgeſprochen haben.
Verſtand in uns immerin allen Theilen vod
kommen ſei, indem wir, was immer uns aufge⸗
tragen worden ſein mag, mit großer Schnellig⸗
keit, geiſtlicher Freude und Beharrlichkeit ausrich⸗
ten; uns bereden, daß alles gerecht
ſei; und unſer entgegengeſetztes
Urtheil durch einen gewiſſenblin
den Gehorſam verleugnen. Jeder
ſoll ſich überzeugt halten, daß die, welche unter
dem Gehorſam leben, ſich voͤn der göttlichen
Vorſehung treiben und regieren laſſen ſollen
durch ihre Obern, nicht anders, als wenn
ſie ein todter Leib wären, welcher
ſich, wohin man will, wenden und auf alle belie⸗
bige Weiſe mit ſich umgehen läßt, oder ähnlie
wieder Stab eines alten Mannes,
welcher dem, der ihn in der Hand hält, dienet,
wo und in welcher Sache er auch
immer denſelben gebrauchen wollen mag.“
(Summarium constitut:onum, quae ab om-
nibus observandae sunt. L. c. Vol. II.
fol. 73. 74.) An einer andern Stelle ſchreibt
Ignaz Loyola, der Ordensſtifter: „Von
andern religiöſen Orden ſollen wir uns
leichter im Faſten, in Wachen und in
ſonſtiger Strenge der Lebensweiſe
und des Gottesdienſtes übertref⸗
fen laſſen (D, welche ein jeder nach ſeiner
Weiſe und Ordnung annimmt: aber das möch—
te ich, meine theuerſten Brüder, daß alle diejeni⸗
gen, welche in dieſer Societät dem Herrn unſe—
rem Gott dienen, vor allem durch wahren und
vollkommenen Gehorſam und durch Abſa⸗
gung des Willens und Urtheils ſich
auszeichnen.“) Jene ausgezeichnete Einfalt
des blinden Gehorſams geht aber unter, wenn
wir bei uns erſt in Frage ſiellen, ob recht ge—
boten werde oder nicht. „Johannes Abbas dach⸗
te nicht darüber nach, ob das, was ihm geboten
worden war, nützlich oder unnützlich wäre,
als, da er ein verdorrtes Holz mit ſo großer und
langer Mühe ein ganzes Jahr hindurch begoß;
oder ob es möglich wäre oder nicht, da er in
völligem Ernſte einen ſo ungeheuren Felsblock
allein fortzubewegen verſuchte, den ſelbſt viele
Menſchen zuſammen nicht hätten fortbewegen
können.“L. c. Vol. II. fol. 161. 164.
Was den Gehorſam in Sachen des Glaubens
und des Gewiſſens betrifft, ſo leſen wir u. A.
Folgendes: „Der katholiſchen Kirche ſollen wir
ganz gleichgeſinnt und conform ſein; wenn die⸗
ſelbe beſtimmte, etwas, was unſern Augen
weiß erſcheint, ſei ſhwarz, ſo ſind wir ſchul⸗
dig ebenfalls zu erklären, daß es ſchwarz ſei.“
(Ignatii exereitia spiritualia L. c. fol. 430.)
„Der Aufzunehmende iſt zu fragen, ob er in
allen Serupeln, entweder geiſtlichen An⸗
fechtungen, oder irgend anderen, welche er leidet
oder ſeiner Zeit leiden möchte, ſein eignes
**) Fürwahr ein merkwürdiges Geſtändniß! Der Jeſun
läßt ſich hiernach von andern gern in der Gottſelig⸗
keitübertreffen, nir nichi ii dem blinden Ordens⸗
gehorſam; darin will er Alle übertreffen: der Orden iſt
ſein Chriſtus, ſein Gott, der Ordensgehorſam ſeine Tugend,
ſeine Gerechtigkeit. *
Urtheilverlaſſen und in den Meinungen
Anderer aus der Societät, welche mit Lehre
und Rechtſchaffenheit begabt ſind, beruhen
werde.“ Examen general. Vol. I. fol. 344
345.) — ö
Es iſt klar, mit dem Gelübde eines ſolchen
blinden Gehorſams begibt ſich ein Jeſuit gerade⸗
zu des Vorrechtes, ein moraliſches Weſen zu ſein.
Er iſt nicht blos, wie der Neger, leiblich, ſondern
ſelbſt geiſtlich, der Seele nach, mit Herzen, Gewiſſen,
Willen und Urtheilskraft, ein Selave des Or⸗
dens; er iſt kein Menſch mehr, ſondern, wie das
Inſtilutum ſelbſt ausdrücklich ſagt, ein moraliſch—
todier Leichnammn, ein levloſes Werkzeug des
Ordens, ein Stock geworden, der keinen eige⸗
nen Willen, kein eigenes Urtheil, kein Herz und
Gewiſſen haben darf. An der Stelle alles
deſſen ſteht der Orden in ſeinen Oberen. Es iſt
klar, wer ein ſolches Gehorſamsgelübde geſchwo—
ren hat, der darf von keiner Sünde mehr wiſſen,
als von der, etwas anderes gethan, geredet, ge⸗
wollt, für recht oder wahr gehalten und gedacht
zu haben, als ſein Orden, ſein Oberer von ihm
begehrt hat. Nicht darüber dürfen wir uns da—
her wundern, daß Jeſuiten eine ſo entſetzliche
Moral gelehrt haben, ſondern darüber müßten
wir als über etwas Unerklärliches erſtaunen,
wenn es nicht ſo wäre.
Es iſt nun zwar wahr, daß in zwei oder drei
Stellen des Inſtitutums die Loffenbare
Sünde“ von demjenigen ausgenommen wird,
worin der Jeſuit ſeinem Oberen ſchnellen Ge⸗
horſam leiſten muß; allein nicht nur iſt, was für
ſolche loffenbare Sünden“ innerhalb des Je⸗
ſuitenordens gilt, wohlweislich nicht geſagt, (und
was kann das nach dem oben Angeführten an⸗
deres ſein, als eben wieder nur Sünden gegen
den Orden?)*), ſondern es findeu ſich auch
klare Stellen in dem Juſtitutum, in welchen
ſelbſt die Nothwendigkeit, aus Gehorſam gegen
die Oberen Tod-Sünden zu thun, aner⸗
kannt wird. Es heißt nehmlich in dem 5. Ca⸗
pitel des 6. Theils der Conſtitutionen, welche ei⸗
nen Haupttheil des Inſtitutum der Jeſuiten
ausmachen, wörtlich alſo: Da die Societät
wünſcht, daß alle ihre Conſtitutionen, ihre Er⸗
klärungen und ihre Ordnung zu leben, ganz un⸗
ſerem Inſtitutum gemäß, ohne die geringſte Ab⸗
weichung in irgend einer Sache, beobachtet wer⸗
den; da ſie auch nichtsdeſtoweniger wünſcht, daß
alle die Irrigen ſicher ſein oder wenigſtens
unterſtützt werden möchten, daß ſie nicht in den
Strick irgend einer Sünde, die aus der Verbind⸗
lichkeit ſolcher Conſti tutionen oder Orduungen
entſtehen mag, fallen: ſo haben wir in dem
Herrn beſchloſſen, daß — mit A usnahme
des ausdrücklichen Gelübdes, durch welches' die
Societät dem jedesmaligen Papſt verbunden
) Ein Jeſuit darf ja, wenn ibm zu gehorchen gedeten
wird, wie wir oben gehört haben, gar nicht in Frage
ſiellen, vb das Geforerte recht oder nicht recht ſei z er hat
vielmehr die Pflicht, „ſich zu bereden, daßalles
recht ſri.“ 1 DrH +2 20¹
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