# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1853 12 22_S63 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Lutheri ſei, wie und welchergeſtalt namentlich prediger, Lehrer und Gemeindeglieder, ein jeder nach dem Maaße ſeines Berufes den Katechis⸗ nus treiben ſollen, und welchen Nutzen die flei⸗ ſige Uebung des Katechismus bringe. Dieſt Einleitung bezieht ſich alſo nicht bloß auf die hl. 1 10 Gebote ſondern auf den ganzen Katechismus und leitet uns ohne viele Umſchweife geraden Wegs in ihn hinein, zeigt auch namentlich, wie drjenige, welcher ein rechter Katechismusſchü⸗ ler iſt, nicht minder die Schrift mit Luſt und gu⸗ tem Verſtändniß leſen wird. Als Einleitung in 1die hl. 10 Gebote, folgt alsdann ein Abſchnitt handelnd von den zwei Tafeln der 10 Gebote iberhaupt. Außer den gewöhnlichen Lehren, welche die Betrachtung der Eintheilung in zweiTa⸗ feln mit ſich bringt, findet ſich hier eine vortreffli che Darſtellung des Verhöltniſſes der beiden Ta⸗ feln, daß nämlich die zweite Tafel der erſten wei⸗ then muß, und die Sünden wider die zweite aus den Sünden wider die erſten entſtehen: daß Un⸗ Ekenntniß und Verkehrung dieſes von Gott geord— nrten Verhältniſſes Grund und Urſache des gräulichen und zerſtörenden Laſters der Werkhei⸗ ligkeit iſt, geht aus dieſer Darſtelluug eben ſo lar hervor als es ſelten bekannt und von Weni⸗ gen beachtet iſt. Von da aus werden wir, nach— dem der Inhalt beider Tafeln kürzlich angezeigt it, zu den einzelnen Geboten ſelbſt geführt. Es fiel mir Anfangs auf, daß die Ueberſchrift der . 10 Gebote: Ich bin der Herr, dein Gott, nicht vor den ein zelnen Geboten ſelbſt ausgelegt durde; um dieſer Worte willen fangt offenbar dit Auslegung aller Gebote, das erſte ausge⸗ nommen, mit dem Bekenntniß an: wir ſollen Gott fürchten (weil er der Herr iſt), und lieben (veil er unſer Gott iſt). Bald fand ich in⸗ deß, daß bei der Texterklärung des erſten Gebo⸗ to die Bedentung jener Worte nachgewieſen, und beim zweiten Gebote das „wir ſollen Gott Ffürchten und lieben“ als Folge des „Ich der berr dein Gott“ aufgezeigt wird. Auch dieſe Anorduung muß dazu dienen, dem erſten Ge⸗ bote einen eigenthümlichen Platz zu bereiten, wie ſlches ſchon durch die Form der Auslegung, dit von der der andern Gebote ſo verſchieden iſt, hervortritt. So wird den auch nach einem kur⸗ un Ueberblick über den Inhalt des erſten Gebo⸗ gezeigt, wie daſſelbe alle anderen Gebote in ſh faßt, ja aus ihm als aus dein Hauptborn llle Weisheit quillet und fleußt, wie der Kern deſſelben der Glaube iſt und aus dem Halten ditſes einen Gebotes alle Gerechtigkeit, aus der lebertretung deſſelben alle Sünde herkömmt. Die Form des erſten Gebotes, wie ſie im Kate⸗ hismus gegeben iſt, wird gerechtfertigt wider alle die, welche uns vorwerfen, daß wir ſowohl die Drohung und Verheißung von ihm trennen, als das Bilderverbot weglaſſen. Darnach ziebt die Auslegung im Katechismus das The⸗ na, nach welchem die Uebertretung und Erfül⸗ lung des erſten Gebotes ausgeführt wird, das it aber einmal eine evangeliſche Auslegung: 7denn obwohl in dem Abſchnitt, welcher die Ue⸗ lentrttung behandelt, nicht gerade von vorneher⸗ —61— ein als Hauptſünde und Gipfel der Uebertre⸗ tung der Unglaube gegen Chriſtum aufgezeigt wird, gerade weil er eben die Spitze iſt, in wel⸗ che alle Sünden der Abgötterei zu ſammenlau⸗ fen, ſo durchdringt doch dieſe gewaltigen Reden, welche den Donner Gottes auf Sinai erſchallen laſſen, der erſchütternde Gedanke der Wehmuth daß durch die Uebertretung der Gott betrübt wird, welcher auch Seines eingebornen Sohnes nicht hat verſchonet. Die Lehre von der Erfüllung des erſten Gebotes aber geht von vorne herein aus von der evangeliſchen Wahrheit, daß nur durch den Glauben an Chriſtum das Gebot wirkl. gehalten werden könne, und ſo wenig als jemals Geſetz und Evangelium mit einander vermiſcht wird, ſo wenig fehlt in den Autworten die ſüße, liebliche ev. Labung, die uns ahnen läßt, warum Johannes ſpricht: Seine Gebote ſind nicht ſchwer. Schon in dem Ueberblick über den In⸗ halt des erſten Gebotes antwortet Dr. Luther auf die Frage: Was muß man von dem ſagen der dem erſten Gebot nachlebt? alſo: „O eine „glückſelige heilige und in Gottes Augen geach— „tete Seele, die alſo an Gott ein Wohlgefallen „hat, und ihn ſuchet, daß ſie alles, was ſie ſie⸗ „het, höret und empfindet, für Trübſal und „Elend ohne Goit achtet, daß ſie mit Wahrhein „ſagen kann: Meine Thränen ſind meine Speiſe „Tag und Nacht, weil man täglich zu mir ſa⸗ „get: Wo iſt denn dein Gott? Wenn man das „auch in den Tagen des zeitlichen Wohlergehens „mit Wahrheit ſagen kann, ſo iſt das eine große „Gnade von Gott u. ſ. w.“ Beſonders aber am Schluß, wo Fr, 199 ein vierfaches Kränzlein, welches Dr. Luther aus dem erſten Gebote macht, aufgezeigt wird, legt der treue Lehrer uns den Gehorſam gegen das erſte Gebot mit ſolchem Eruſt und doch mit ſo ſüßen, labenden Worten an das Herz. daß man meinen ſollte, wer es läſe, könne gar nicht anders als Buße thun. Die Auslegung der übrigen Gebote verläuft im Weſentlichen immer alſo, daß zuerſt von dem einzelnen Gebote im Allgemeinen. namentlich vom Zuſammenhange deſſelben mit dem vorher⸗ gehenden und von deſſen Stellung innerhalb al⸗ ler, alsdann von der Uebertretung und Erfül⸗ lung des Gebotes, darauf von der Verheißung, die Gott auf den Gehorſam gelegt hat, und beim zweiten Gebot auch von der beſondern Drohung wider die Uebertreter gehandelt und jedesmalam Schluß eine Anweiſung zm vierfachen Gebrauch des Gebotes gegeben wird. Nicht leicht möchte ſich eine Frage aus dem Gebiete des chriſtlichen Wandels und Lebens finden, dir hier nicht eine bündige und klare Antwort fände. Frägſt du z. B.: darf ich denn eigentlich überhaupt ſchwö⸗ ren, da der Herr Chriſtus mit eigenem Munde und durch ſeinen Apoſtel Jakobues das Schwö⸗ ren verbietet? ſo antwortet dir Dr. Luther nicht etwa wie ein berühmter Gelehrter jetziger Zein mir vor einigen Jahren einmal über dieſen ſchwierigen Lehrpunkt Aufſchluß zu geben trach⸗ tete. Dieſer Letztere meinte, der Herr Chriſtus ver⸗ biete Mattäi. 5, 33 ff, nur das Schwören bei Din. gen wie der Himmel oder die Erde, u. das Verbot Jakobi 5, 12 ſei nur den Chriſtenleuten damaligß Zeit gegeben, da es ſich doch für ſie nicht geſchickt haben würde, vor einer heidniſchen Obrigkeit zu ſchwören. Das war ein Aufſchluß, mit welchem mir der Mann die Thür zum Verſtändniß zu⸗ ſchloß. Hören wir dagegen den Dr. Luther, den⸗ ſelben, über welchen von vielen heutigen Chri⸗ ſten und Theologen geurtheilt wird, er habe ſich wohl auf die Lehre vom Glauben aer nicht be⸗ ſonders auf die Lehre von der Liebe verſtanden. Luther ſagt alſo von Matth. 5, 33ff: „Chriſtus „hat es fürwahr alſo gemeint, daß man aller⸗ dings nicht ſchwören ſoll. Denn die Worte ſte⸗ „hen ja klar da: Ihr ſollt allerdings nicht ſchwö⸗ „ren. Iſt derohalben die Meinung: denen Ju⸗ „den iſt verboten faͤlſch zu ſchwören und it ih⸗ „nen doch zugelaſſen zu ſchwören: Euch aber ge⸗ „biete ich, (ſpricht Chriſtus), in keinerlei Weiſe „zu ſchwören weder bei dem Himmel u. ſ. f. da⸗ „mit er ja will, daß Niemand aus eignem und „freiem Willen jemals ſchwören ſoll, ſo viel an „ihm iſt. Und ſo einer mehr ſagt denn ja, ja, „nein, nein, ſo thut er Sünde und Unrecht.“ Dann zeigt Luther, daß dies Wort Chriſti nur das Schwören trifft, bei welchem man Gottes Wort nicht hat, daß dagegen, wenn Gott es uns von Amts und ſeinetwegen befiehlt, oder durch die, ſo im Amt ſind (die Obrigkeit ꝛc.), fordert, wir verbunden ſind, eiuen Eid zu leiſten. So kommt er in Frage 234 zu folgendem Schluß, der ſi⸗ cherlich das zweifelnde und ängſtliche Gewiſſen beruhigen und zu ſicherem und feſtem Handeln anleiten wird: „die Worte Matthäi 5, 33 ff, „ſagt Luther, „reret der Herr deutlich zu denen, „die keinen Befehl oder Noth haben zu ſchwören; „wenn aber die zwei Stücke dazu kommen, Be⸗ „fehl oder Noth, ſo heißt es nicht mehr von ſich „ſelbſt ſchwören, denn du thuſt es nicht von dei⸗ „netwegen, ſonrern daß, der es von dir fordert, „als deine Obrigkeit, oder des Nächſten Noth und „Gottes Gebot. Schwören ſoll man nicht zum „Böſen, das iſt, zur Lüge, und wo es nicht noth noch nütze iſt; aber zum Guten und des Nächſten „Beſſerung ſoll man ſchwören, denn es iſt ein „recht gut Werk, dadurch Gott gepreiſet, die „Wahrheit und Recht beſtätigt, die Lügen zurück⸗ „geſchlagen, die Leute zufrieden gebracht, Ge⸗ „horſam geleiſtet und Hader vertragen wird; „denn Gott kommt ſelbſt da ins Mittel und „ſcheidet Recht und Unrecht, Böſes und Gutes „von einander.“ Hier ſieht Jederm ann ſogleich, Dr. Luther hatte eine ganz andere Art von Schriftgelehrſamkeit als beut zu Tag gewöhnlich iſt. Es ſind nicht bloß einzelne Theile der Schrift, einzelne Sprüche und Reden, welche ihm zum Gebrauch gegenwärtig ſind, vielmehr ſteht ihm beſtändig die ganze Schrift vor Augen und jede Lehre, ja den Inhalt jeder Rede, jeden Spru⸗ ches ſtellt er ſogleich mit Allem, was über den betreffenden Lehrgegenſtaud geſagt iſt, zuſammen und geräth daher nimmer auf jenen unglückli⸗ chen Weg ſo mancher ſonſt wohlmeinender Chri⸗ ſten, welche einen einzelnen Ausſpruch der Schrift hervorheben aber den anderen nicht beachten und darüber ſogar auf falſche Lehre gerathen