# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1853 12 22_S60 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Grundſatz, daß man von zwei Meinungen in Betreff einer Handlung, die man begehen will, die unzweifelhaft ſich er e, d. h., bei der man ge⸗ wiß nicht ſündigt, verlaſſen und die Mei⸗ nung vorziehen und annehmen kann, die mehr Freiheit läßt, wenn ſie auch nicht ſo ſicher iſt, wenn ſie nur probabel, das heißt, an⸗ nehmbar erſcheint. Für eine probable Meinung wird aber von den Jeſuiten ſchon diejenige an⸗ erkannt, für welche man irgend einen Grund der ſich hören läßt, oder auch nur das Zeugniß des einen oder andern angeſehenen jeſuitiſchen oder andern Schriftſtellers anführen kann.“) Hiernach kann immer mancher Jeſuit erklären, daß er in Betreff dieſer oder jener anſtößigen Lehren anderer Jeſuiten verſchiedener Meinung ſel: der Orden ſelbſt erlaubt jedem Glie⸗ de, dennoch die un moraliſche Lehre als eine mindeſtens probable der andern, ob auch pro⸗ bableren, vorzuzichen. So heißt es nämlich fer⸗ ner in dem angezogenen Inſtitutum der Jeſui⸗ ten: „Da der Generalverſammlung“(im Jahre 1687 unter dem General Gonzalez) „berichtet worden war, daß Manche glauben, der Orden habe ſich vorgenommen. die Meinung derjenigen Lehrer gleichſam mit gemeinſchaftlichem Eifer feſtzuhalten, welche dafür halten, daß es erlaubt ſei, der weniger probablen Meinung bei ſeinen Handlungen zu folgen, wenn die⸗ ſelbe mehr Freiheit läßt, und die probablere fahren zu laſſen, die auf der Seite des Gebotes ſteht: ſo hat die Generalverſammlung für gut erachtet, zu erklären, daß der Orden we⸗ der verboten habe, noch verbiete, daß diejenigen die entgegengeſetzte Meinung feſthal⸗ ten, denen dieſelbe annehmbarer erſcheinen ſollte.“ (Institut. Vol I. fol. 667) Dem unmorali⸗ ſchen Probabilismus nicht zu huldigen, iſt olſo nach der eignen Verfaſſung der Jeſuiten nur nichtverboten! Der dritte Grund, warum die unmorali⸗ ſchen Grundſätze ſo vieler Jeſuiten mit vollkom⸗ menſtem Rechte auf Rechnung des ganzen Or⸗ dens kommen, iſt endlich dieſer, weil die giftigen Wurzeln, aus denen die lare, ja ruchloſe Moral jener Jeſuiten hervorgewachſen iſt, in den Grundſätzen liegen, welche ſchon in der Verfaſ⸗ ſung des Ordens niedergelegt ſind. Die von den Jeſuiten aufgeſtellte unſittliche Sinenlehre, die dir Welt bis jetzt mit Entſetzen geleſen hat, iſt nehmlich nichts weiter, als eine treue Ent⸗ wicklung deſſen, was ſich als Keim ſchon in der Grundverfaſſung derſelben findet. Um nur Einiges anzuführen, ſo leſen wir ind em mehr ge⸗ nannten Inſtitutum Folgendes: „Der Stimme des Obern ſollen wir bereitwillig folgen, nicht anders, als ob dieſelbe von Chriſto dem Herrn ausginge. Zu dieſem Zwecke ſollen wir alle unſere Kräfte und alles unſer Streben in dem Herrn darauf richten, daß der heilige Ge⸗ horſam ſowohl in der Ausführung der Sachen, als auch in dem Willen und in dem *) Wir werden unten eigene Zeugniſſe der Jeſuiten dem Leſer mittheilen, in denen dieſelben dieſen ihren Probabilis⸗ mus ausgeſprochen haben. Verſtand in uns immerin allen Theilen vod kommen ſei, indem wir, was immer uns aufge⸗ tragen worden ſein mag, mit großer Schnellig⸗ keit, geiſtlicher Freude und Beharrlichkeit ausrich⸗ ten; uns bereden, daß alles gerecht ſei; und unſer entgegengeſetztes Urtheil durch einen gewiſſenblin den Gehorſam verleugnen. Jeder ſoll ſich überzeugt halten, daß die, welche unter dem Gehorſam leben, ſich voͤn der göttlichen Vorſehung treiben und regieren laſſen ſollen durch ihre Obern, nicht anders, als wenn ſie ein todter Leib wären, welcher ſich, wohin man will, wenden und auf alle belie⸗ bige Weiſe mit ſich umgehen läßt, oder ähnlie wieder Stab eines alten Mannes, welcher dem, der ihn in der Hand hält, dienet, wo und in welcher Sache er auch immer denſelben gebrauchen wollen mag.“ (Summarium constitut:onum, quae ab om- nibus observandae sunt. L. c. Vol. II. fol. 73. 74.) An einer andern Stelle ſchreibt Ignaz Loyola, der Ordensſtifter: „Von andern religiöſen Orden ſollen wir uns leichter im Faſten, in Wachen und in ſonſtiger Strenge der Lebensweiſe und des Gottesdienſtes übertref⸗ fen laſſen (D, welche ein jeder nach ſeiner Weiſe und Ordnung annimmt: aber das möch— te ich, meine theuerſten Brüder, daß alle diejeni⸗ gen, welche in dieſer Societät dem Herrn unſe— rem Gott dienen, vor allem durch wahren und vollkommenen Gehorſam und durch Abſa⸗ gung des Willens und Urtheils ſich auszeichnen.“) Jene ausgezeichnete Einfalt des blinden Gehorſams geht aber unter, wenn wir bei uns erſt in Frage ſiellen, ob recht ge— boten werde oder nicht. „Johannes Abbas dach⸗ te nicht darüber nach, ob das, was ihm geboten worden war, nützlich oder unnützlich wäre, als, da er ein verdorrtes Holz mit ſo großer und langer Mühe ein ganzes Jahr hindurch begoß; oder ob es möglich wäre oder nicht, da er in völligem Ernſte einen ſo ungeheuren Felsblock allein fortzubewegen verſuchte, den ſelbſt viele Menſchen zuſammen nicht hätten fortbewegen können.“L. c. Vol. II. fol. 161. 164. Was den Gehorſam in Sachen des Glaubens und des Gewiſſens betrifft, ſo leſen wir u. A. Folgendes: „Der katholiſchen Kirche ſollen wir ganz gleichgeſinnt und conform ſein; wenn die⸗ ſelbe beſtimmte, etwas, was unſern Augen weiß erſcheint, ſei ſhwarz, ſo ſind wir ſchul⸗ dig ebenfalls zu erklären, daß es ſchwarz ſei.“ (Ignatii exereitia spiritualia L. c. fol. 430.) „Der Aufzunehmende iſt zu fragen, ob er in allen Serupeln, entweder geiſtlichen An⸗ fechtungen, oder irgend anderen, welche er leidet oder ſeiner Zeit leiden möchte, ſein eignes **) Fürwahr ein merkwürdiges Geſtändniß! Der Jeſun läßt ſich hiernach von andern gern in der Gottſelig⸗ keitübertreffen, nir nichi ii dem blinden Ordens⸗ gehorſam; darin will er Alle übertreffen: der Orden iſt ſein Chriſtus, ſein Gott, der Ordensgehorſam ſeine Tugend, ſeine Gerechtigkeit. * Urtheilverlaſſen und in den Meinungen Anderer aus der Societät, welche mit Lehre und Rechtſchaffenheit begabt ſind, beruhen werde.“ Examen general. Vol. I. fol. 344 345.) — ö Es iſt klar, mit dem Gelübde eines ſolchen blinden Gehorſams begibt ſich ein Jeſuit gerade⸗ zu des Vorrechtes, ein moraliſches Weſen zu ſein. Er iſt nicht blos, wie der Neger, leiblich, ſondern ſelbſt geiſtlich, der Seele nach, mit Herzen, Gewiſſen, Willen und Urtheilskraft, ein Selave des Or⸗ dens; er iſt kein Menſch mehr, ſondern, wie das Inſtilutum ſelbſt ausdrücklich ſagt, ein moraliſch— todier Leichnammn, ein levloſes Werkzeug des Ordens, ein Stock geworden, der keinen eige⸗ nen Willen, kein eigenes Urtheil, kein Herz und Gewiſſen haben darf. An der Stelle alles deſſen ſteht der Orden in ſeinen Oberen. Es iſt klar, wer ein ſolches Gehorſamsgelübde geſchwo— ren hat, der darf von keiner Sünde mehr wiſſen, als von der, etwas anderes gethan, geredet, ge⸗ wollt, für recht oder wahr gehalten und gedacht zu haben, als ſein Orden, ſein Oberer von ihm begehrt hat. Nicht darüber dürfen wir uns da— her wundern, daß Jeſuiten eine ſo entſetzliche Moral gelehrt haben, ſondern darüber müßten wir als über etwas Unerklärliches erſtaunen, wenn es nicht ſo wäre. Es iſt nun zwar wahr, daß in zwei oder drei Stellen des Inſtitutums die Loffenbare Sünde“ von demjenigen ausgenommen wird, worin der Jeſuit ſeinem Oberen ſchnellen Ge⸗ horſam leiſten muß; allein nicht nur iſt, was für ſolche loffenbare Sünden“ innerhalb des Je⸗ ſuitenordens gilt, wohlweislich nicht geſagt, (und was kann das nach dem oben Angeführten an⸗ deres ſein, als eben wieder nur Sünden gegen den Orden?)*), ſondern es findeu ſich auch klare Stellen in dem Juſtitutum, in welchen ſelbſt die Nothwendigkeit, aus Gehorſam gegen die Oberen Tod-Sünden zu thun, aner⸗ kannt wird. Es heißt nehmlich in dem 5. Ca⸗ pitel des 6. Theils der Conſtitutionen, welche ei⸗ nen Haupttheil des Inſtitutum der Jeſuiten ausmachen, wörtlich alſo: Da die Societät wünſcht, daß alle ihre Conſtitutionen, ihre Er⸗ klärungen und ihre Ordnung zu leben, ganz un⸗ ſerem Inſtitutum gemäß, ohne die geringſte Ab⸗ weichung in irgend einer Sache, beobachtet wer⸗ den; da ſie auch nichtsdeſtoweniger wünſcht, daß alle die Irrigen ſicher ſein oder wenigſtens unterſtützt werden möchten, daß ſie nicht in den Strick irgend einer Sünde, die aus der Verbind⸗ lichkeit ſolcher Conſti tutionen oder Orduungen entſtehen mag, fallen: ſo haben wir in dem Herrn beſchloſſen, daß — mit A usnahme des ausdrücklichen Gelübdes, durch welches' die Societät dem jedesmaligen Papſt verbunden ) Ein Jeſuit darf ja, wenn ibm zu gehorchen gedeten wird, wie wir oben gehört haben, gar nicht in Frage ſiellen, vb das Geforerte recht oder nicht recht ſei z er hat vielmehr die Pflicht, „ſich zu bereden, daßalles recht ſri.“ 1 DrH +2 20¹