Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 16 › Seite 129

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-02-25, Seite 129

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die Ehre Gottes verletze, oder ſchwache Seelen
zum Anſtoß reize!
EDrittens trachte er darnach, daß er nichts
Pretures (der Rechtgläubigkeit Widerſprechen⸗
res), nichts was die Ohren jückt, vor⸗
lrinze, ſondern was wirklich zur Erbauung
rient, was zagende Gewiſſen anfrichtet und
tiſerne Herzen zerſchlägt.
Viertens hüte er ſich, ſowohl ſchönne Worte
zu machen, als aich bitter und hart zu ſein.
Nuß er tadeln, ſo ſage er dazu: Lieben Freunde,
„Gett weiß, daß ich nicht aus Haß ſpreche.
Fünftens ſoll es der Prediger kurz machen.
Dr. Luther ſagte zu einem Theologen, der immer
on die zwei Stunden predigte: Vos kacitis
edium verbi d. i. Ihr bewirkt Ueberdruß an
Gottes Wort; und Philippus (Melanchthon):
„ein Prediger müßte ſchon ganz beſonders beredt
ſein, wenn er länger als eine halbe Stunde pre—
dizen ſoll, ohne dem Zuhörer Langeweile zu
nmachen.“ Gute Muſici machen eine Pauſe,
wenn das Spiel am lieblichſten iſt, ſo ſind die
prediger am beſten, welche anzufangen und
aufzuhören wiſſen.“ (Siehe: Ratio for-
mandi studii theologici. Norimb. 1565.)

Einziger Troſt.

Ein Prediger in Sachſen wurde, als er an
tinem fürſtlichen Hofe Hofprediger war, zu ei—
nem kranken Herrn gerufen, der ihn folgender
Maaßen anredete: „Herr Hofprediger! ich bin
ſchr krank, und befürchte, ich könnte ſterben, dar—
um habe ich Sie zu mir rufen laſſen, und will
Sie nun bitten, mir etwas Erbauliches
gen; Eins aber muß ich mir gleich von Ihnen
ausditten, daß Sie mir Nichts von Jeſu ſagen,
eenn davon will ich Nichts hören.“ — Der Pre-

diger ſagte: „Es iſt mir lieb, daß Sie mir das
ſo bald ſagen, denn das würde das Erſte gewe⸗
ſen ſein, wovon ich mich mit Ihnen zu unter⸗
ballen geſucht hätte. Indeſſen gibt es ja ſonſt
nech viel Erbauliches, wovon wir uns unter⸗
balien können.
nden?“ — „Ja, davon will ich gerne hören,
denn vor Gott hatte ich immer viel Hochachtung.“
Der Prediger ſprach nun von der Liebe Gottes
zu den Menſchen, was dem Kranken ſehange—
nehm war, daß er beim Abſchiede bat, bald wie⸗
der zu kommen.

Als der Pred iger das nächſte Mal wied er käm,
ſagte der Kranke: „Nun, was werden Sie mir
heute Schönes erzählen? Ich habe mich ſchon
lange nach ihrem Beſuche geſehnt.“ An dieſem
Tage redete er Vieles von Gottes Allmacht,
Welsheit und Allwiſſenheit. Dieſe
Unterhaltung war ſchon viel ernſthafter als die
vorige, doch war ſie dem Kranken noch angenehm.
Bei einem dritten Beſuche ſprach der Geiſtliche
von Gottes Heiligkeit. Und nun ſagte er,
wie Gott ein ſo heiliges und reines Weſen und
mit nichts Anderem als reinen und heiligen
Weſen umgeben ſei. Dieſe Unterhaltung war
nech ernſthafter, als die vorige. Aber noch weit
nehr wurde es ein folgender Beſuch, wo ſich die

zu ſa⸗

Darf ich von Gott mit Ihnen

— 127—

Unterhaltung auf Gottes Gerechtigkeit be⸗
zog. Nun fing aber der Kranke an: „Herr
Hofprediger, jetzt kann ich es nicht mehr aus⸗
halten, mir wird angſt und bange; wenn
Gott ſo heilig und gerecht iſt, wie
Sie ſagen, ſo bin ich verloren!“

Nun ging aber der Prediger fort, und kam
den folgenden Tag nicht wieder, denn er dachte:
Mag doch das, was er jetzt fühlt, ein Wenig
tief bei ihm eingehen. Endlich ließ der Patient
den Prediger rufen, und da er kam, ſagte er:
„Mein Gott, ich weiß mich vor Angſt nicht zu
faſſen; ſagen Sie mir doch wieder etwas Tröſt—
liches, es iſt mir ja, als befände ich mich ſchon
in der Hölle, oder die Hölle wäre in mir; wiſ⸗
ſen Sie denn Nichts, wobei ich wieder Beruhi—
gung finden könnte?“ Der Prediger antwortete:
„Gar Nichts weiß ich Ihnen ſonſt mehr zu ſa—
gen, als daß Gottzwargnädig, aber
auch weiſe, heilig und gerecht iſt,
und vermöge Seiner Gerechtigkeit
nicht anders kann, als das Böſebe⸗
ſtrafen.
und Treffliches, aber davon wollen Sie ja Nichts
hören, darum müſſen Sie in dieſem unſeligen

ſal erwarten, und da muß ich Sie von Herzen
bedauern.“ — „Nun, was wiſſen Sie denn
noch Tröſtliches und Gutes, ſagen Sie mir's
doch, kann ich noch gerettet werden?“ — „O jan
aber ſonſt nicht, bis daß ich Ihnen Etwas von
Jeſu ſagen darf.“ — „Nun, ſagen Sie mir
denn in Gottes Namen, was Sie wollen, wenn
ich nur noch aus meiner Verdammmniß gerettet
werden kann.“ — Nun verkündigte er ihm das
Evangelium, daß dieſer von ihm bisher ſo ver—
achtete Jeſus ſein Herr und Gott, ſein
Schöpfer und Heiland ſei, zu dem
er ſichmitallen ſeinen Sünden wen⸗
den und um Gnade bitten ſollte.
Für ſolche Sünder ſei er geſtorben, und habe am
Kreuz ſein Blut vergoſſen zu einem Megelde
für ihn und die ganze Welt. — Nun war die—
ſer Kranke froh, von einem ſolchen Jeſus, der
rie Sünder annimmt, Etwas zu hören. Er
nahm dann auch ſeine Zuflucht zu Ihm, und
ging als begnadigter Sünder im Glauben
an das Verdienſt Chriſti ſelig aus der
Zeit.

(Wölblings chriſtl. Geſchichten.)

Widerruf.

Der luth. Paſtor Rauſchenbuſch kam an ein
Krankenbett, und der Kranke konnte nicht auf—
hören, ſich in den ſtärkſten Ausdrücken als den
größten aller Sünder zu ſchildern. „So iſt es
denn wirklich wahr, was ich von Euch gehört
habe!“ ſagte der Seelſorger. Bei dieſen Wor—
ten richtete der Kranke ſich auf: „Was haben
Sie von mir gehört, Herr Paſtor, mir kann
Niemand mit Grund etwas Schlechtes nach—
ſagen“, — und nun ergoß ſich der vorhin ſo
demüthige Sünder in eine Lobrede über ſein
vergangenes Leben, und in Verwünſchungen

Ich wüßte wohl noch viel Schönes'

Zuſtande dahin ſterben, und drüben Ihr Schick⸗

üÜber die Feinde und Verläumder, die ihn mit
böſer Nachrede gekränkt hätten. „Nicht von
Feinden und Verläumdern, antwortete Rauſchen⸗
buſch, ſondern von Euch ſelbſt habe ich es ge⸗
hört, daß Ihr ein ſo böſer Menſch wäret, ich

— ſehe aber nun wohl, daß Ihr es ſelbſt nicht

glaubt.“ —
Wilblings chriſtl. Geſchichten.

Wie ſich die Papiſten die Kirche
vorſtellen.

So ſchreibt Luther in ſeiner „Verantwor⸗
tung wegen der von Herzog Georgen ihm auf—
gelegten Aufruhr, Anno 1533“

„Da maleten ſie ein groß Schiff, das hieß
die heilige Chriſtliche Kirche, darin⸗
nen ſaß kein Laye, auch weder Könige noch
Fürſten, ſondern allein der Pabſt mit den Car⸗—
dinälen und Biſchöfen vorne an unter dem hei⸗
ligen Geiſt, und die Pfaffen, Mönche zu bei—
den Seiten mit Rudern, als wenn ſie zum
Himmel führen. Die Layen aber ſchwummen
im Waſſer um das Schiff, etliche erſoffen, et—
liche zogen ſich zum Schiff an Stricken und an
Seilen, welche ihnen die heiligen Väter aus
Gnaden und Mittheilung ihrer guten Werke
herauswarfen, und ihnen holfen, daß ſie nicht
erſoffen, ſondern am Schiff klebend und hangend
auch mit gen Himmel kämen. Und war kein
Pabſt, Cardinal, Biſchof, Pfaffe, noch Mönch
im Waſſer, ſondern eitel Layen. Solch Ge⸗
mälde war ein Bild und kurzer Be⸗
griff ihrer Lehre, was ſie von weltlichen
Ständen hielten, und iſt auch das rechte Bild
wie ſie es in ihren Büchern halten, das können
ſie nicht leugnen. Denn ich bin auch ſolcher
Geſellen einer geweſen, der ſolches hat helfen
lehren, und alſo gegläubt, und nicht anders
gewußt.“

Dr. Wilhelm Bidenbach (Felir Biden⸗
bach's Vater, geb. 1538), geweſener Prediger
und Profeſſor zu Tübingen, ſchreibt, daß er
dieſes oben beſchriebene Bild auch noch geſehen
habe, und zwar in einem Capuzinerkloſter in
Schönbach bei Tübingen. 2125.

Es iſt leider nur zu wahr, daß dieſes Bild
ſich auch in manche proteſtantiſche Kirche unſerer
Tage noch imnner nicht übel ſchicken und ein
anſchauliches Conterfei der darin geführten Leh—
re abgeben würde, denn, ob auch unter den
Proteſtanten wohl niemand mehr glaubt, daß
die Prediger den armen-Layen durch das Ver—
dienſt ihrer guten Werke in den Hümmel helfen
können, ſo geberden ſich doch viele ſ. g. prote—
ſtantiſche Prediger nicht anders, als ſeien nicht
die Gläubigen, ſonvern eigentlich die Pred i—
ger der rechte Kern und Ausbund der chriſtli—
chen Kirche, neben denen die Layen nur her
ſchwömmen; als ſeien ihnen allein die Schlüſſel
des Himmels gegeben, daher kein Lape in den
Himmel kommen könne, wenn der Prediger ihm
nicht hinein hülfe; als ſeien ſie nicht der Chri—
ſten Ruderknechte, ſondern ihre Befehlshaber,
die Schiffsherrren.

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