Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 16 › Seite 124

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-02-25, Seite 124

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ders, als werde mit dem Aufgeben dieſer Idee
von der wahren ſichtbaren Kirche, die Kirche ſelbſt
aufgegeben. Von einer ſichtbaren wahren Kirche

liches, wenn es mit dein Vorbehalt geſchieht, daß
nach Art. 8. der Augsburg. Conf. „die Kirche
eigentlich nichts anders ſei, als die Ver⸗
ſammlung aller Gläubigen und Heiligen.“ Denn
dann weiß man, daß nur in einem uneigent—
lichen Sinne von einer wahren ſichtbaren Kir—
che geredet werde, und daß man damit keines—
wegs ſagen wolle, daß Alle, die zu ſolcher
ſichtbaren Kirchengemeinſchaft gehören, wahre
lebendige Glieder der Kirche ſeien; noch auch, daß
dieſe wahre ſichtbare Kirche der Compler (die
Geſammtheit) aller wahren Kinder Gottes auf
Erden ſei. Kurz wenn man unter wahrer ſicht—
barer Kirche eine ſolche kirchlich geordnete Ge—
meinſchaft von Chriſten verſteht, deren Bekenntniß
recht gläubig und Gottes Wort gemäß iſt, wie—

wohl auch Heuchler und Gottloſe darunter ſind;

ſo kann man ſich den erwähnten Ausdruck wohl
gefallen laſſen. Beſſer wäre es jedoch dafür den
Ausdruck die rechtgläubige ſichtbare Kir⸗
che zu brauchen; denn die rechtgläubige Kirche
kann allerdings im eigentlichen Sinne des Worts
eine ſichtbare ſein; weil es möglich iſt, daß auch
die Heuchler das rechtgläubige Bekenntniß ha—
ben. Die wahre Kirche im eigent⸗
lichen Sinne des Worts aber kann
nie eine ſichtbare ſein, weil dieſe der
geiſtliche Leib Jeſu Chriſti iſt, beſte⸗
bend aus den wahrhaft geheiligten
Chriſten, die aber nirgends unvermiſcht in einer
ſichtbaren Gemeinſchaft gefunden werden.
Allein dieſe Erklärung genügt jenen, die der
wahren ſichtbaren Kirche mit ſolcher Wärme das
Wort reden, keineswegs; ſondern ſie legen die—
ſem Ausdruck einen viel höheren Sinn unter.
Sie wollen von keiner unſichtbaren Kirche außer⸗
halb der ſ. g. wahren ſichtbaren Kirche wiſſen;
und da ſie nicht leugnen können, daß doch auch
in irrgläubigen Kirchengemeinſchaften wahre
Kinder Gottes ſein können, ſo wollen ſie dieſe,
ſeltſam genug, durchaus zu der ſogenannten ei⸗
nigen wahren ſichtbaren Kirche gerechnet haben.
Sie kebren den Begriff ſo wunderlich um, daß
ihnen ſichibar ſein muß, was unſichtbar iſt. Die
heilige chriſtliche Kirche des apoſtoliſchen Sym—
bolums iſt ihnen nicht zureichend, ſie müſſen eine
ſichthare heilige chriſtlicheKirche haben; ſo daß
man ſich nur wundern muß, daß ſie den Selbſt⸗
widerſpruch nicht merken, wenn ſie im Symbo⸗
lum ſagen: Ich glaube eine ſichtbare
Kirche ꝛe. Weiß doch jedes Kind, daß man nicht
ſehen kann, was man glaubt. Sie
eifern mit Recht wider die jüdiſche Lehre von
einem ſichtbaren Reich Chriſti auf Erden, und

wollen doch ganz im Widerſpruch damit ſelbſt

nur ven einer ſichtbaren Kirche wiſſen. Wäre
rs nicht ein ſolcher Irrthum, über welchem man
die wahre Kirche gar verlieren könute, ſo wäre
er nicht nicht ſo gefährlich, witwohl er auch ſong
nicht ohne ſchlimme Wirkungen iſt; denn er
zieht ſo zu ſagen das Herz zuſammen, macht

ſtoiz und fanatiſch, wie das Erempel des jüdi⸗

Weſen der Kirche gar verdunkelt.
zu reden, hat allerdings an ſich nichts Verfäng⸗

gedenken, es ſei eine äußerliche Weiſe;

— 122̃—

ſchen und römiſchen Particularismus lehrt.
Aber das Gefährlichſte iſt, daß er das wahre

Kirche iſt nach bibliſchem Begriff mit Him—
melreich, Reich Gottes ganz gleich bedeutend;
nur daß der Ausdruck Himmelreich, Reich Got⸗
tes uns mehr die geiſtliche Beſchaffenheit, die
himmliſchen Güter desſelben und die Unterord—
nung der Glieder unter ein himmliſches Ober⸗
haupt, den Gottmenſchen Jeſum Chriſtum vor
Augen führt; der Ausdruck Kirche dagegen auf
den innern Zuſammenhang, die geiſtliche Ge—
meinſchaft der Glieder unter einander hinweiſt.
So wie nun das Reich Gottes etwas Geiſtliches
und Unſichtbares iſt, ſo auch die Kirche. Denn
das Oberhaupt iſt ein unſichtbares, die Güter
ſind geiſtlicher, himmliſcher Art, und die Glie—
der des Reiches Gottes, die wahrhaft gläubigen
Menſchen, ſind es nicht ſowohl nach ihrem ſicht—
baren Theil, als ſo fern ſie geiſtliche neue Men—
ſchen ſind. Daß nun Jemand ein neuer geiſt—
licher Menſch ſei, der zum Reich Chriſti gehöre,
ſagt mir nicht das Bekenniniß ſeines Mundes,
oder ſeine äußere Gemeinſchaft am Wort und
Sacrament, oder ſein Amt, das er in der Kirche
hat; denn das alles kann eine Larve ſein, hin⸗
ter welcher ſich der Heuchler verſteckt; ſondern es
kommt allein auf den Glauben, d. i. auf die
lebendige Zuverſicht an, mit welcher man ſich
Chriſtum als den Grund des Heils zueignet.
Dieſer Glaube macht allein zu einem wahren
Glied der Kirche, zu einem Mitgenoſſen des
Reichs Jeſu Chriſti. Aber dieſen Glau⸗
ben ſiebt Niemand, denn Gottmal⸗
lein. Wie kann alſo die Kirche, als die Ge—
ſammtheit derer, die durch den Glauben neuge—
boren ſind, den heiligen Geiſt und die ewigen
Güter im Herzen haben, etwas ſichtbares ſein?
Und wenn man ſagt, daß die Väter unſrer lutheri⸗
ſchen Kirche in ihren Bekenntnißſchriften eine
andere Anſicht von der Kirche ausgeſprochen
hätten, ſo behauptet man geradezu eine Unwahr⸗
beit. Denn man ſehe nur den Artikel von der
Kirche in der Apologie nach, und vergleiche un—
ter andern folgende Stellen:

„Wiewohl nun die Böſen und gottloſen Heuch—
ler mit der rechten Kirche Gemeinſchaft haben
in äußerlichen Zeichen, im Namen und Amtern;
dennoch wenn man eigentlich reden will,
was die Kirche ſei, muß man von dieſer Kirche
ſagen, die der Leib Chriſti heißt, und Ge—
meinſchaft hat nicht allein in äußerlichen Zeichen,
ſondern die Güter im Herzen hat, den heiligen
Geiſt und Glauben. Denn man muß je recht
eigentlich wiſſen, wodurch wir Gliedmaaßen
Chriſti werden, und was uns macht zu lebendi⸗
gen Glicrmaaßen der Kirche. Denn ſo wir
würden ſagen, daß die Kirche allein eine äu—
ßerliche Polizei wäre, wie andere Regimente,
darinnen Böſe und Gute wären, ſo
wird Niemand daraus lernen noch verſtehen,
daß Chriſti Reich geiſilich iſt; wie es doch iſt,
darinnen Chriſtus inwendig die Herzen regiert,
ſtärket, tröſtet, den heiligen Geiſt und mancher—
lei geiſtliche Gaben austheilt; ſondern man wird

—

gewiſſe Ordnung etlicher Ceremo⸗
nien und Gottesdienſtes.“

Ferner ſpricht ſich die Apologie aufs beſtimn⸗
teſte darüber aus, daß die wahre Kirche eine
„verborgene“, alſo unſichtbare iſt.
„Und“, heißt es daſelbſt, „da Chriſtus ſprichk'?
das Himmelreich iſt gleich einem Netze, item den;
zehn Jungfrauen, will er nicht, daß die Böſen
die Kirche ſeien, ſondern unterrichtet, wie die
Kirche ſcheinet in dieſer Welt. Darum ſpricht l
er, ſie ſei gleich dieſen, d. i. wie ein Haufen
Fiſche die Guten und Böſen durcheinander lie⸗—
gen, alſo iſt die Kirche hie verborgen unter
dem großen Haufen und Menge der Gottloſen,
und will, daß ſich die Frommen nicht ärgern
ſollen. . ... Und wir reden nicht von einer er—
dichteten Kirche, die nirgend zu finden ſei, ſon⸗
dern wir ſagen und wiſſen fürwahr, daß dieſe
Kirche, darinnen Heilige leben, wahrhaftig auf
Erden iſt und bleibet, nämlich: daß etliche Goj⸗
teskinder ſind hin und wieder in aller Welt, in
allerlei Königreichen, Inſeln, Ländern, Städten
vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang,
die Chriſtum und das Evangelium recht erkannt
haben und ſagen, dieſelbige Kirche habe dieſe
äußerlichen Zeichen: das Predigtamt.,
oder Evangelium und die Sacramente.“

Wir ſehen daraus, wie die Bekenner der Apolo⸗
gie ſich die wahrt Kirche keineswegs in den Schran⸗
ken einer gewiſſen äußerlichen oder ſichtbaren
Kirchengemeinſchaft eingeſchloſſen dachten. So
entſchieden ſie durch ihr feſtes, auf Gottes Wort
gegründetes Bekenntniß alles Falſche und Schrift⸗
widrige ausſchloſſen, ſo ſchloſſen ſie ſich doch
keinesreges dadurch von den Kindern Gottes,“
wo ſie auch in aller Welt ſein mögen, ab. ö

Sie erkannten das Daſein der wahren Kirche
an in allerlei Königreichen, Inſeln, Ländern,
Städten vom Aufgang der Sonne bis zum Nie⸗
dergang. Nun hatte ja die ſichtbare lutheriſche
Kirche noch keinesweges eine ſolche Ausbreitung;
ihre Worte können darum nicht anders verſtan⸗
den werden, als daß auch unter der verderbten
römiſchen, griechiſchen ꝛc. Kirche die waͤhre Kircht
verboͤrgen ſei. Gilt nun dies ſelbſt von den ver⸗
derbteſten aller äußeren ſichtbaren Kirchengemein⸗
ſchaften, ſo muß es auch von andern Secten gel⸗
ten, die Wort und Saerament noch weſenitlich
haben. Es ſtreitet dies nicht gegen den Saß,
daß die reine Predigt des Evangeliums und die
richtige Verwaltung der Sacramente die Kenn⸗
zeichen der wahren Kirche ſind, oder mit an⸗
dern Worten, daß da gewiß wahre Kinder Gor⸗
tes ſind, wo ich Wort und Sacrament lauter
und rein finde. Das Falſche in dem Be⸗
kenntniß der verderbten Kirche ſagt mir freilich
nicht, daß Kinder Gottes da ſrien; aber wohl
ſchließe ich es aus dem, was die verderbte Kirche
noch von richtiger Lehre und von rechtem Sacra⸗
ment hat; denn wo noch von dem Saamen vor⸗
handen iſt, aus welchem Kinder Gottes geboren
werden können, da darf, da ſoll ich es glauben,
daß ſolche da ſind; und die Erſahrung beſtätigt
es. Es iſt alſo bei der verderbten Kirche das⸗
ſelbe Kennzeichen, daß mir die Kinder Gottes
zeigt und die Kirche erkennbar macht, wie bei der

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