Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 5 › Seite 44
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-27, Seite 44
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recht in der Kirche erhalten hat, welches ihm
wohl nicht leicht wieder genommen werden wird.
Aber es ſcheint, die hier angeführten Liederverſe
haben den Herrn Herausgebern des Pennſylva⸗
niſchen Buches wiederum zu altmodiſch, und wohl
abergläubiſch geklungen, indem der alte Verfaſſer
dieſes Liedes dieſen Herrn des Teufels Werk und
Tyranei gar zu gefährlich hinſtellt. — Oder kam
ihnen namentlich der letzteers zu „methodiſtiſch“
vor? ſo doch der Dichter damit nichts anders an⸗
zeigen will, als die „geiſtliche Freude“ im Her⸗
zen, denn von „methodiſtiſchem, Stampfen, To⸗
ben und Raſen wußte man damals noch nichts;
die methodiſtiſchen „Bekehrungs⸗Maſchinen“ wa⸗
ren noch nicht erfunden, und an die „Verrückt⸗
heit der Angſtbank“ wurde damals noch nicht ge⸗
dacht. — Demungeachtet aber ſind im „neuen
Penſylvaniſchen“ Buche doch eine bedeutende
Anzahl falſch pietiſtiſcher Lieder von
Deutſchland, wie auch methodiſtiſcher in
Amerika verfertigter, aufgenommen, wie leicht
zu finden, und für jedermaun ohne große Mühe
nachzuweiſen wäre; was hier gedacht, kann nie⸗
mand beleidigen, es ſtehet ja am Schluß der Vor⸗
rede dieſes Geſangbuchs: S. S. Sch. ꝛc.ꝛ2c. —
In genannter Vorrede heißt es zwar, die Her⸗
ausgeber hätten die Abſicht gehabt, Pnichts gutes
Altes zu nehmen, nur gutes Neue s zu geben;“ —
allein wie das Verſprechen gehalten ſei, davon
geben die vielen alten vortrefflichen, aber hier
veränderten und abgekürzten Lieder, genügend
Beweis; es iſt juſt umgekehrt; viel gutes Altes
iſt genommen, viel ſchlechtes Nenes iſt dafüͤr ge⸗
gegeben worden; ein ſchlechter swop (Tauſch⸗
handel).
Hierin muß man freilich das „Lutheriſche St.
Lonis Geſangbuch“ loben, denn in demſelben hat
man doch die alten kernhaften Kirchenlieder un⸗
verändert, unverſtümmelt, und ganz ſo, wie ſie
aus den Händen der alten Dichter hervorgingen;
und hat allerdings die St. Louis'er Gemeinde ein
Großes gethan — worüber tauſend Chriſten Her⸗
zen dankbar ſind, und ohne Zweifel noch im Him⸗
mel dafür dankbar ſein werden, — daß ſie der
großen „Geſangbuchs⸗Noth“ abgeholfen hat. —
Der Gott aller Gnade möge auf gedachter Ge⸗
meinde ſeinen reichen Segen auch fernerhin ru—
hen laſſen, und ihre jngendliche Kraft in der
ſchönſten uud reinſten jungfräulichen Blüthe er⸗
halten, daß ihr Licht leuchten möge vom Weſten
bis zum Oſten, Norden und Süden. — Denn ab⸗
geſehen von dem herrlichen Inhalt der vorzüglich⸗
ſten Kirchenlieder — iſt das St. Lonis'er Ge⸗
ſangbuch auch darum ſehr zu loben, daß es mit ſo
ſchöner reiner großer Schrift gedruckt iſt, das iſt
namentlich für alte Leute höchſt erfreuend; und
gemahnt mich ſo recht an meine liebe alte Mut⸗
ter, welche auch immer ein alt Geſangbuch mit
großen Lettern gedruckt im Gebrauch hatte, da⸗
raus vorlas, und mit mir ſang, als ich noch ein
kleiner Junge war; wofuͤr ich meiner lieben Mut⸗
ter wohl noch in der Ewigkeit dauken werde. Als
ich freilich zum völligeren Verſtand — wollt' ſa⸗
gen, Unverſtand kam, meinte ich auch, u. äußerte
es gegen meine Mutter unſer „neues Geſang⸗
buch“, welches in unſerer Gegend damals einge⸗
führt war, wäre beſſer — verbeſſert — (aber lei⸗
der war es verböſert); über derlei Außerun⸗
gen hat mich aber allemal meine Mutter traurig
und betrübt angeblikt und einen Seufzer über den
andern herausſtoßen müßen; oft nahm ſie wohl
— 11—
auch ihre Brille, und ſuchte ein wenig im neuen
Buche herum, aber bald legte ſie es hierauf kopf⸗
ſchüttelnd wieder bei Seite, und benützte nur deſto
fleißiger ihr altes Geſangbuch; zuweilen fing ſie
auch wohl an, über mich laut zu klagen und zu
jammern, daß ich junger Bube mit meinem „neu⸗
en Geſangbuche“ klüger ſein wollte, denn die Al⸗
ten mit ihren alten Geſangbüchern. — Doch Gott
ſei Dank und Preis, daß ich nun wiederum in die
Fußtapfen meiner lieben alten Mutter getreten
bin und nun mit ihr in die herrlichen alten Lieder
einſtimmen und mich an denſelben erquicken kann.
O! daß doch alle chriſtlichen Mütter ſchou frühe
ihre Kinderlein bekannt zu machen ſuchten mit den
herrlichen alten kernhaften Kirchenliedern! denn
es iſt ein Same, wecher nie wieder ganz vertilgt
werden kann. Ja mögen die Mütter namentlich
in dieſem Lande, wo die Verhältniße öfters der Art
ſind, daß die Erziehung der Kinder mehr von den
Müttern, als von den Vätern, abhängt, darauf
bedacht ſein, ihren lieben Kinderlein je nach Ver⸗
mögen ſolche wunderſchöne Lieder und Liederverſe
in's Gedächtniß zu prägen. Sollte dann vielleicht
auch manche Mutter in ſpäteren Jahren lange
weinend auf die Wiederkehr ihres „Auguſtinus“
harren müſſen, ſo wird doch auf eine gute Ausſaat
eine reiche Erute folgen, wie bei der Frauen Mo⸗
nika, Mutter des Auguſtinus, der ſppäter eines
der größten Lichter am Kirchen-Himmel wurde.
Ja mögen auch Schullehrer und Pfarrherrn beim
Unterricht der Kinder und inſonderheit der Cate⸗
chumenen dafür ſorgen, daß denſelben eine reiche
Mitgabe aus dem Kern der beſten Lieder zu Theil
werde, ſo wird gewiß manche Seele ſchon dadurch
der wahren Kirche erhalten werden, und ſich nicht
ſo leicht von „der Stimme des Fremden“ verlei⸗
ten laſſen; und Rachel, die fromme Mutter, die
wahre Kirche, wird weniger weinen dürfen um
ihre Kind 3. welche ihr aus den Armen entführet
und entrißen wurden, und bei irrgläubigen Sek⸗
ten durch falſche Lehre geiſtlich gemordet werden.
Gott erhalte uns bei und in der wahren Kirche,
denn nur in ihr iſt wahre Erquikung zu finden.
O Zion! du liebliche Stadt, von blutiger Kreuzes⸗
Flagge umweht, du machſt die Erde ſchön, nur Du.
— O wer wollte länger zu wohnen begehren in
dieſer Wuſte, in dieſen Urwaͤldern, wäre Jeruſa⸗
lem nicht da, mit ſeinen Friedens⸗und Freudens⸗
quellen. Wäre des Herrn Berg nicht da wo
der Thau der Gnade Jehovahs im Wort und
Sakramente uns erquikt! — Es iſt wahrlich beſ⸗
ſer in den Vorhöfen des Herrn ein Thürhüͤter zu
ſein, denn lange zu wohnen in der Gottloſen Hit—
ten. O, mögen auch die herrlichen Lieder der
Kirche ein Mittel werden zur Wiederkehr der ver⸗
lorenen Kinder der Kirche! mögen ſie ſich reu—
müthig der Mutter wieder in die Arme werfen,
daß des HErrn Lob erklinge in Zion von nun an
bis in Ewigeit. Ja, Zion! „geſegnet ſei
wer dich ſegnet, verflucht, wer dir
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flucht.
(Eingeſandt.)
Kurzgefaßte Nachrichten
ron
der Entſtehung, dem Fortgange und den
dermaligen Beſtande des luth. Prediger⸗
Seminars zu Fort-Wayne, Ja.,
zunächſi
mündlich vorgeleſen bei ver Einweihung des Neubaues,
genannt das Wolterhaus, am 29. Auguſt 1850.
Nachdem es dem allmächtigen und allbarmher
zigen Gott gefallen, unſere theuere luth. Kirche
auch mittelſt der falſchen Union dieſer unſeren
Zeit, wieder lebendig zu erwecken, ſo haben denn
getreue Kinder dieſer Kirche im deutſchen Vater—
lande auch herzliche Sorge getragen fur ihre her
übergewanderten luth. Glaubensgenoſſen, dami
dieſe weder in der Vereinzelung und Zerſtrenung
ohne alle geiſtliche Pflege verkümmerten und ver—
dorreten noch von den umher ſchwärmenden geiſt⸗
lichen Freibentern und Partheigängern zu ihren
Secten bekehrt d. i. verkehrt würden.
Dieſeztheueren luth. Bruder nun, unter denen
ſonderlich Hr. Pfr. Löhe in Neudettelsau im frän⸗
kiſchen Baiern oben an ſteht, haben denn vom
Jahre 1842 — 1946 es 19 gläubigen, kirchlich ge.
ſinnten und lehrtuchtigen Männern möglich ge—
macht, herüber zu kommen, um der luth. Kirche
hieſelbſt als Prediger und Schullehrer zu dienen⸗
nachdem ſie dafür in der Heimath vorbereitet, ge—
prüft und mit einer beſondern Inſtruktion waren
verſehen worden. Den Hauptanſtoß dafür aber
hatte der luth. Paſtor Herr Friedr. Wyneken ge—
geben.
Dieſer nämlich, nachdem eer es in ſeiner Miſ⸗
ſions⸗Arbeit vielfach angeſehen und erfahren
hatte, wie die Seelen ſeiner luth. Glaubensbru⸗
der durch die falſche Lehre und den fleiſchlichen
Bekehrungseifer zumal der methodiſtiſchen Rot⸗
ten⸗ und Schwarmgeiſter verſtört und zerrüttet
wurden, machte ſich alsbald ſelbſt auf nach
Deutſchland; und theils durch mündliche Anſpra⸗
chen in verſchiedenen luth. Ländern, theils durch
die bekannte Schrift: „Die Noth der deutſchen
Lutheraner in Amerika, rief er an mehreren Or⸗
ten, als z. B. im fränkiſchen Baiern, Hannover
und im Königreiche Sachſen eine lebendige Theil⸗
nahme und Wirkſamkeit zur beginnenden Abhülfe
dieſer Noth hervor; und die erſte Frucht davon
von 1842 — 1846 war eben die Ausſendung jener
19 oben erwähnten Brüder.
Im Jahre 1846 aber ging die aufopfernde
ſelbſtverläugnende Liebe der jenſeitigen Brüder,
und zumal die der P. P. Löhe und Wucherer noch
weiter; denn auf den Vorſchlag und die Anre—
gung des Paſt. Sihler zu Fort Wayne faßten ſie den
Plan, daſelbſt ein Seminar zu grunden, damit
auf demſelben gläubige, mit den nöthigen Gaben
ausgerüſtete junge Leute, auf möglichſt ſchleunige
und doch gründliche Weiſe zur künftigen Ueber⸗
nahme des heiligen Predigtamtes in der luth.
Kirche heran gebildet würden. Es erſchien näm⸗
lich mit Recht den verbundenen Brudern dies⸗
und jenſeits des Meeres für zweckmäßiger und
ſachdienlicher, wenn ihre jungen Freunde in le⸗
bendiger Anſchauung der hieſigen kirchlichen Ver⸗
hältniſſe und ſoͤnderlich der Kämpfe der luth.
Kirche wider Papiſten, Rottengeiſter, ſchriftwid⸗
rige Union und falſche Brüder, desgleichen wider
unverſtändige und böswillig⸗ſtörrige Glieder in
den einzelnen Gemeinden zum Dienſt der Kirche
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