Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 5 › Seite 42

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-27, Seite 42

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rauf die geſammte halliſch⸗däniſche Miſſion in

dem Trankebarſchen Gebiete ſammt Zubehör an
Gründen und Gebäuden; im Laufe dieſes Jah⸗
res aber legten die nordamerikaniſchen Miſſionare
in Süd⸗Indien, weil es ihnen an Kräften ge⸗
bricht, ihre, wie ſie ſelbſt ſagen, blühende Miſſion
zu Puducotta in die Hände unſrer trankebarſchen
Miſſionare; und die von unſeren Vätern ge ſam⸗

melte Gemeinde in Vepery zu Madras, mit fünf
bis ſechshundert Seelen, die, ſie weiß nicht wie,
in den anglicaniſchen Kirchen⸗Verband gekommen
war, bat auf das allerdringlichſte um Wiederauf⸗
nahme in die trankebarſche evang. luth. Mutter⸗
kirche. Ja ſelbſt der Behörde, zu deren Fußen
jetzt ganz Vorder⸗Indien liegt, hat Der, in deſſen
Händen alle Menſchenherzen liegen, das Herz ſo

gelenkt, dor Sie mir zur Erleichterung der im
Intereſſe unſerer Miſſion angetretenen Reiſe, die
ſehr koſtſpielige Überfahrt von Suez nach Bom⸗
bay freigegeben hat. — Der Herr hat Großes an
uns gethan; deß ſind wir froͤhlich.

So laſiet uns denn auch Großes im Namen
und in der Kraft des Herrn verſuchen, und laſſet
uns nicht anſehn dieſe geringſten aller geringen
Tage, und laſſet uns nicht anſehen dieſe unſre
kleinſten aller kleinen Kräfte, die ſich im Dienſte
des Reiches Gottes regen. Will doch der Herr,
der Allerhüchſte, der für uns ſelbſt der Allernied⸗
rigſte geworden iſt, mit ſeinem Segen gerade bei
demKleinen und Geringen ſein, auf daß Er Alles
in Allem bleibe u. ſich keinFleiſch vor Ihm rüͤhme.

Das ſoll uns aber nicht abhalten, euch zu bit⸗
ten, ihr lieben elſäſſiſchen Freunde, ench dringend
zu bitten, ihr wollet uns doch die kleine Kraft je
länger je mehr ſtärken helfen, und Herzen und
Hände je länger je inniger mit uns in einander
fügen, auf daß wir uns ja nicht zerſplittern und
die ohnehin ſchon kleine Kraft noch mehr ſchwä⸗
chen. Bedenket doch, der Dom, den unſre Väter
in Süd⸗Indien aufgeführt haben, iſt nicht vollen⸗
det; noch überragt ihn die indiſche Pagode, noch
wird die heilige Stille deſſelben von der indiſchen
Götzentrommel unterbrochen. O! daß doch nicht
von unſrer und von Eurer Kirche möchte geſagt
werden: Dieſe Kirche hub vor mehr als einem
Jahrhundert an einen Thurm zu bauen u. kaũ ihn
nun nicht hinausführen; denn die Herzen der Kin⸗
der haben ſich gewandt von den Vätern, und ſie
bauen lieber an allem Andern, als an dem Erb⸗
bau von den Vätern her.

Auf der andern Seite aber wollen wir uns freu⸗
en, als freuten wir uns nicht. Wir wollen ja
nicht denken, daß es nur in unſerer Miſſion nichts
als Sonnenſchein geben werde. Vor ſolchen Son⸗
nenſchein⸗Gedanken kann uns ein auch nur flüch—
tiger Hinblick auf die gegenwärtige mitternachts⸗
dunkle Lage unſrer heimathlichen Kirche bewah⸗
ren helfen, ohne deren kräftige Handreichung bei
geſundem Glaubens⸗Pulsſchlag und freiem Ge—
betsathem wir ja nichts Rechtes, Ganzes, Fri⸗
ſches für die Heiden zu thun im Stande ſind; nur
daß wir dabei wiederum nicht vergeſſen, daß gera⸗
de die Kreuzesgeſtalt der Kirche, ſofern ſie nicht
ſelbſtverſchuldet iſt, die rechte, richtige Geſtalt
der chriſtlichen Kirche iſt, und daß dieſe gerade
in dem Bettlergewande und in der Lazaruslage
der allerköniglichſten Gedanken, der allerhelden⸗
müthigſten Opfer fähig iſt, — gleichwie ein Valm⸗
baum über ſich ſteigt, je mehr ihn Sturm und Re⸗
gen beugt; daher denn auch unſer Luther, in dem⸗
ſelben Maße wie die alte liebe Kreuzesgeſtalt der

Kirche unter dem tauſendjährigen römiſchen Flit⸗
terwerk zum Vorſchein kam, nicht zu weinen, ſon⸗
dern zu jubeln anhob. Das wollen wir nicht
vergeſſen, Geliebte.

Und nun noch ein letztes Wort,

Als in den Tagen Eſra der zweite Tempel ge⸗
baut wurde von dem Theile des jüdiſchen Volkes,
der, an den Flüͤſſen Babylons, der hochgebanten
Stadt Jeruſalem nicht hatte vergeſſen koͤnnen,
ſondern zurückgekehrt war zu der Heimath der
Väter,/ſo hatte ein Jeder der da banete, der umwoh⸗
nenden Feinde wegen, das Schwert an ſeine Len⸗
den gegegürtet, und bauete alſo. Einer aber
blies mit der Poſaune. So iſt auch gegenwärtig
ein Theil der Chriſtenheit ans dem fremden Ba⸗
bel des Unglaubens heimgekehrt zu dem Glau—
bensheerde der Väter, und bauet, unter mancherlei
Anfechtungen, an dem verfallenen Heiligthume.
Ich hoffe, daß ein Jeder von euch unter dieſen
Bauleuten erfunden werde. Bauet denn auch wie
jene, nämlich in der einen Hand die Mauerkelle,
in der andern dasSchwert. Es iſt ja nicht genug,
daß ihr die Kirche in alle Lande aus bre iten
helft, ihr ſollt ſie auch in dem eignen Lande w ah⸗
renhelfen, auf daß euch nicht das Dach uͤder dem
Kopf zuſammenſtürze während ihr die Manern
zu erweitern ſucht. Kirche und Miſſion ſtehen
und fallen mit einander.

Sodann aber — vergeſſet der Poſanne nicht,
um die ſich die Kinder Iſrael bei ihrer Arbeit ſam—
melten. Ich meine damit unſer auf Gottes kla⸗
res Wort gegründetes, einhelliges, vollſtimmiges,
frei ausſchallendes Bekenntniß. Um dieſe Po⸗
ſanne, die gewiß keinen undeutlichen Ton von ſich
gibt und die ſchon manchmal zu Kampf und zu
Sieg geblaſen hat, ſchagret euch, auf daß ihr, an
„Einem Joche, am Joche Chriſti,“ ziehend, „ei⸗
nerlei Rede“ führet und eure Sprache nicht ver⸗
wirret werde und ihr zerſtreuet werdet in alle
Lande — mitEinem Wort, auf daß eure Stuben
am Heiligthum kein babyloniſcherThurm werden.

Endlich, wie ihr euch nicht überhoben wollet, fo
verzaget auch nicht! ihr werdet nun einen viel
ſchoͤnern Ban zu Stande bringen, als eure Väter,
die Reformatoren; laſſet aber darum den Ban
nicht gar liegen. Enere Väter bauten, zu ihrer
Zeit, einen Dom; laſſet euch, wenn's ſeyn muß,
in dieſen geringen Tagen, an einer Kirche
geringerer Größe genügen. Die Kinder Iſrael
brachten auch keinen zweiten Salomoniſchen Tem⸗
pel zu Stande. Denn wie ſtehet geſchrieben? So
ſtehet geſchrieben: „Viele der alten Prieſter und
Leviten und oberſten Väter, die das vorige Haus
geſehen hatten, und nun das Haus vor ihren
Augen gegrundet ward, weineten laut, Viele je
doch töneten mit Freuden, daß das Geſchrei hoch
erſchallete, alſo daß das Volk nicht erkennen
konnte das Tönen mit Freuden vor dem Geſchrei
des Weinens.“ Alſo wird es auch gehen, wenn,
was der barmherzige Gott geben wolle, in Stu⸗
ben unſere Kirche zu Stande kommt; da wird ſich
auch Jauchzen mit Weinen miſchen, und das
Weinen vielleicht das Jauchzen weitaus übertö⸗

ner Rückkehr aus dem Lande der Pagoden mit
euch zu jauchzen, und meinethalben zwiſchenein
auch zu weinen über die erſten Grundlagen eines
kirchlichen Neubaus, — und ja nur nicht blos zn
weinen über tauſend neu abgelagerte Trümmer⸗
haufen. Und in dieſer Hoffnung zu unſerm ewig
bene Koͤnig von Dänemark übergab uns bald da⸗

nen. O daß es mir doch vergönnt wäre, bei mei⸗

treuen Bundes⸗Gotte, der ſeine Kirche, auch wenn

ſie ſich ſelbſt verläßt, uicht verlaſſen wird, der
vielmehr ͤber die ſchwarze Wetterwolke menſch⸗
licher Untreue den ſiebenfarbigen Regenbogen ſei⸗
ner göttlichen Treue aufgerichtet hält — in dieſer
lichten Hoffnung, die auch auf meine duſterſten
Rückgedanken an die Heimath, will's Gott, fort
und fort einen morgenröthlichen Schimmer werfen
ſoll; in dieſer morgenröthlichen Hoffuung, die ich
nicht eher will fahren laſſen, als bis es meinem
Volke mit dem Griffel Gottes auf der Stirn ge⸗
ſchrieben ſteht, daß ihm keine Morgenröthe mehr
aufgehen ſoll; — in dieſer allertröͤſtlichſten Hoff⸗
nung befehle ich euch und mich und uns Alle Gott
und dem Worte ſeiner Gnade, der auch fuͤr den
allerſchlimmſten Fall den allerbeſten Troſt hat,
dem Worte ſeiner Gnade, das uns in unſerm 126
ſten Pſalme ſo freundlich entgegentritt und uns
mitten durch den wildverſchlungenen Urwald die⸗
ſer elenden Zeillichkeit eine ahnungsvolle und an
ihrem äußerſten Ende von den Mittagsſtrahlen

des ewigen Lebens beleuchtete Durch⸗ und Aus⸗

ſicht eroffnet in die Fluren des ewigen Lebens,
wenn es heißt:

1. Wann der Herr die Gefangenen Zions erlö⸗

ſen wird, dann werden wir ſeyn wie die Trän⸗
menden.

2. Dann wird unſer Mund voll Lachens und
unſere Zunge voll Ruhmens ſeyn. Da wird man
ſagen unter den Heiden: der Herr hat Großes an
ihnen gethan.

3. Der Herr hat Großes an uns gethan, deß
ſind wir froͤhlich.

4. Herr, wende unſer Gefängniß, wie du die
Waſſer gegen Mittag trockneſt.

5. Die mit Thränen ſäen, werden mit Fren⸗
den ernten.

6. Sie gehen hin — —und weinen;
— ſie tragen edblen Samen — und
kommen mit Freuden und bringen
ihre Garben.

—9— ———I——

(Cingeſandt für den Lutheraner.)

Die Geſang⸗Bücher.
(FJortſetzung.)

Lieber Andreas!

„Viel Studieren macht den Leib muͤde,“ ein
wahres Sprichwortz das habe ich jetzt ſelber er—
fahren bei der Prüfung des „Pennſylvaniſchen
Geſangbuchs;“ aber doch lernt man dabei immer
mehr kennen, und die Erfahrung gibt genbtere
Sinne zumunterſchied des „Schiechten und des
Guten.“ Ich habe unterdeſſen wieder einiges
im Pennſolvaniſchen Geſangbuche herausgefun⸗
den, welches ich Dir gerne wiederum mittheilen
möchte, wiewohl ich diesmal kurz zu ſein gedenke,
denn der Sache wird man endlich ſatt; es ſirengt
die Gedanken zu ſehr an, und wäre eigentlich
wohl eine Sache für die Pfarrer, die dazu
mehr Zeit haben; doch wollte ich das einmal An⸗
gefangene nicht unvollendet laſſen, wiewohl ich
nicht dachte, daß des Schreibens ſo viel
werden würde, allein, wie geſagt, je mehr ich mich
mit dem „meuen Peunſylvaniſchen Geſangbuche“
beſchäftigt, und dasſelbe mit den alten Geſangbü⸗
chern verglichen habe, deſto mehr habe ich zu
meinem Erſtaunen herausgefunden. Ich will—
Dir hievon nur noch Einiges zu wiſſen thun. —

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