Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 5 › Seite 36
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-27, Seite 36
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andern Denominationen und Sekten unterſchei⸗
det, daß in Geſangbüchern, welche „Lutheriſch“
ſein ſollen, Reformirte Abendmahlslieder aufge⸗
nommen ſind. Kein Wunder jedoch, daß hin und
wieder reformirte Gemeinden dieſes Geſangbuch
ſelbſt ſchon in ihren Gemeinden eingeführt haben
ſollen; denn die Reformirten können ja — nach
der darin enthaltenen Abendmahlslehre — dieſes
Geſangbuch, ob es gleich den Namen „Lutheriſch“
trägt, ebenſowohl gebrauchen, als das frühere ge⸗
meinſchaftliche Geſangbuch, namentlich, da eine
ganze Menge Lieder aus dem Gemeinſchäftlichen
in dieſes ſogenannte „neue Lutheriſche“ anfge⸗
nommen wurden, unangeſehen, ob die Lieder
rein, oder nicht rein ſeien, wie am Schluß noch
mehr gezeigt werden wird. Daher iſt es denn
ganz in der Ordnung, daß Herr Profeſſor Schaff
das Pennſylvaniſche Geſangbuch gar ſehr in ſei⸗
nem Kirchenfreund gerühmt hat, denn Profeſſor
Schaff als ein Reformirter oder Unions⸗Mann
hätte ſich ſonſt ſelbſt widerſprochen. — Daß die
reformirten Abendmahlslieder in gedachtem Ge⸗
ſangbuche mit aufgenommen wurden, um es auch
denen recht zu machen, welche die wahre Luthe⸗
riſche Lehre verneinen, dies verräth ſchon genug⸗
ſam der Umſtand, daß Neu⸗Maaßregler Köpfe
und Hände daran gearbeitet haben, wie aus den
am Schluß der Vorrede befindlichen drei Buch⸗
ſtaben S. S. S. (Schmucker) zu erſehenz ſo daß
hierüͤber Niemand mehr im Zweifel ſein darf.
Hier möchte es wohl am rechten Orte ſein, einige
Bemerkungen aus dem „Geſpräch zwiſchen zwei
Lutheranern über den Methodismus von Dr. W.
Sihler“ einzuſchalten. Es heißt daſelbſt: „Wer
ſind denn eigentlich die ſogenannten Neulutheri⸗
ſchen, deren Weiſe du ſo eben Erwähnung tha⸗
teſt? Martin. Dem Weſen und der Wahr⸗
heit nach gehören ſie gar nicht der Lutheriſchen
Kirche an, und ſind ein Miſchmaſch von refor⸗
mirter Lehre und methodiſtiſcher Praris; denn
ſie haben von Seiten ihrer Häupter und Stimm⸗
führer, ſicherlich nicht in purer Unwißenheit, die
goldnen Ehren⸗Gefäße der alten evang.⸗apo⸗
ſtoliſchen Kirche, die ihre Väter vom römiſchen
papiſtiſchen Unrath ſäuberten, und ſodann den
Händen der Schwarmgeiſter entrißen, bewahr⸗
ten, und ihren Söhnen hinterließen, jezt freiwillig
aus bruderlicher Liebe den Reformirten geſchenkt,
und deren meßingene Gefäße ſich erbeten;“ und
weiter daſelbſt: „Sie haben, um hier das We⸗
ſentlichſte anzufuhren, die Lutheriſche, das iſt,
die reine und kirchliche Lehre von den Sakramen⸗
ten, zumal vom heiligen Abendmahl fahren la⸗
ßen, und dafüur die reformirte, d. i. ſchwärme⸗
riſche Irrlehre davon angenommen.“ Dieſe
Worte des Ehrwürdigen Dr. Sihler, finden auf
das„neue Geſangbuch“ gewiß ihre volle Anwen⸗
dung, darum wollte ich lieber mit den Worten
eines anerkannt rechtgläubigen Theologen reden,
als mit eigenen Worten, denn die Gelehrten kön⸗
nen die Sachen doch immer ſchicklicher vorbringen,
als unſer einer; und findet in der Regel auch
mehr Beifall bei dem Volke, wiewohl die Gelehr⸗
ten (wie Luther ſagt) auch oͤfters die Verkehrten
ſind, wie das im Pennſylvaniſchen Geſangbuch
klar genug hervorleuchtet.
Ein anderer Punkt, mein lieber Andreas, den
ich noch berühren wollte, wie ich Anfangs be⸗
merkte: „Die Werklehre.“ Auch hievon iſt das
Pennſylvaniſche Geſangbuch nicht frei z auch hier⸗
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über möchte ich daher noch Einiges anführen, denn
du weißt, wir Buſchleute ſehen nicht gerade immer
alle Punkteſo geſchwind, wie das bei Gelehrten der
Fall iſt, die dazu geübte Augen haben, und mitun⸗
ter noch die Brille auf der Naſe tragen. Ebenſo
fehlt es mauchmal an Zeit; jedoch, weil die Abende
ſchon länger werden, und jetzt einmal die „Geſang⸗
buchs⸗Fehde“ entſtanden iſt, habe ich mich uber
die Sache gemacht, und will dir nur Einiges,
was ich bei meinem geringen Studium ausgefun⸗
den habe, mittheilen, und ich hoffe, es wird dir
lieb ſein; nur muſt du mich entſchuldigen, daß
ich mitunter etwas weitläufiig bin, denn du weißt
ja, unſer einer kann nicht alles ſo kurz und fein
zuſammen faßen, als ein Gelehrter thun kann.
Nun zur Sache.
Die Werklehre, ja, die Werklehre, wo man in
eigenen Werken etwas Verdienſtliches ſucht, die
Heilsordnung verkehrt und erſt gute Werke for⸗
dert, und den Glauben hinten nach folgend hin⸗
ſtellt, kann ich einmal, ſeitdem ich Luthers Schrif⸗
ten näher kennen gelernt habe, nicht mehr vertra⸗
gen; denn ich bin auch Einer von denen, welche
ſich in frühererZeit in falſch pietiſtiſcher Weiſe un⸗
ter dem Geſetz und des Geſetzes Werken gemartert
haben, der irrigen Meinung, meine Seligkeit aller⸗
erſt verdienen zu müßen, welche doch ſchon durch
Chriſtum verdienet; auch bereits in der Taufe
mir geſchenkt, und durchs Evangelium geoffen⸗
baret wurde. Aber leider! gibt es auch inner⸗
halb der Lutheriſchen Kirche ſogar noch Prediger,
die die Sache noch nicht recht verſtehen, welche
die Leute zum Theil in Bezug auf die Seligkeit
auf eigene Werke weiſen: Urſache, dieweil ſie das
Geſetz und ſeinen Endzwek nicht genngſam von
der Lehre des Evangelii unterſcheiden können.
Und, o! wie ſollten ſolche Gemeinden Gott dan⸗
ken, welche rechtgläubige Prediger haben, welche
ihnen Gottes Wort lauter und rein vortragen;
aber leider iſts eben der Welt Art, daß ſie nicht
nur für dieſes herrliche Kleinod nicht dankbar,
ſondern ihren Predigern oft noch ſpinnenfeind iſt
und dieſelben mitunter noch ſchlimmer behandelt,
als Vieh⸗ und Säuhirten (doch ſind die Prodig er
oft ſelbſt daran Schuld, namentlich, wenn ſie ſich
dingen und miethen laſſen, als wären ſie Far⸗
mersknechte und nicht Diener Chriſti.]
Doch verzeih mir! Schon bin ich wieder von
meinem Zwecke abgekommen. Zurück zum Ge⸗
ſangbuche. Im neuen Pennſylvaniſchen Geſang⸗
buch, „unter der Nr. 418, findeſt Du ein Lied,
wo es folgendermaßen lautet:“
Ich ſoll zum Leben dringen,
Für welches Gott mich ſchuf,
Soll nach dem Himmei riugen,
Das, das iſt mein Beruf.
In einer Welt voll Sünden,
Sall ich nur inm mich weihn,
Sie ſliehn, ſie überwinden,
Und dann erſt ſelig ſein.
Dat man mihtaugeſür. .
Schön, göttlich iſt die Tugend,
ö Und meines Eifers werth.
Lieber Andreas! So erging mir's in meiner
frühern Jugend gerade auch; da wurde ich auch
gelehrt, nach dem Himmel zu ringen, mich Gott
zu weihen, die Sünde zu fliehn und zu überwin⸗
den, und dann erſt ſelig ſein. Aber Gott er⸗
barms! wie entſetzlich iſt doch in dieſem Liede die
Heils⸗Ordnung verkehret! weñ man erſt dañ ſelig
ſein kann, ſo man zuvor die Sünde überwunden
hat, ſo müßte man ſich ja die Seligkeit allererſt
durch eigne Werke und Tugenden verdienen! Pfui!
welcher Chriſt dürfte ſo reden? Das wäre für⸗
war die größte Schmähnng des Verdienſtes Chri⸗
ſti, wenn man ſagen wollte, daß unſer Thun auch
dazu mithelfen mußte, daß wir vor Gott gerecht
und ſelig werden. Nicht alſo: ſondern wir wer⸗
den gerecht und ſelig ohne Verdienſt der Werke
aus lauter Gnade und umſonſt, um des Verdien⸗
ſtes Chriſti willen, und kein Werk von uns gethan,
gleichviel, ſei es vor oder nach der Rechtfertigung
geſchehen, ſoll in dieſen Artikel von der Gerech⸗
tigkeit des Glaubens vor Gott gemenget werden,
auf daß die Ehre Chriſti nicht geſchmälert werde,
und die armen Gewiſſen beſtändigen Troſt haben.
Erſt wird man gerecht und ſelig durch den
Glaubenallein, undalsda nn folgen die
guten Werke hinten nach. — Doch ähnliche ver⸗
führeriſche Werklehre ſindeſt Du auch unter Nr.
275. Daſelbſt heißt es Vers 6: „Um tugend⸗
haft zu ſein, dazu ſind wir auf Erden.“ Was aber
die Liederdichter unter dem Wort „Tugend“ ver⸗
ſtehen, iſt hinreichend bekannt, und ich ſollte mei⸗
nen, man hätte billig dieſes „neue Pennſylvani⸗
ſche Geſaungbuch mit den „Tugendliedern“, wel⸗
che, wenn man dieſelben bei hellem Lichte betrach⸗
tet, weiter nichts ‚als heidniſche Sittenlehre oder
Rationalismus enthalten, verſchonen ſollen, es
wäre genügend geweſen, daß man derlei „Tu⸗
gendlieder“ im gemeinſchaftlichen Geſangbuch ge⸗
nug hatte.
Eben denſelben Jnhalt findeſt Du auch unter
Nr. 367; dort heißt es Vers 4: „Wenn Du
die Tugend übſt, Die Gott Dein Herr gebeun;
Wem Dienſt Du? Ringſt Du nicht nach Deiner
Seligkeit.“ Hier iſt wieder offenbar mit klaren
Worten dem „Sich üben in und Ringen
nach der Tugend“ die Seligkeit verheißen;
Dem vermag niemand zu widerſprechen, und weñ
einer auch einen Philoſophen⸗Mantel nach allen
Winden zu drehen verſtünde. Hiernach (ich kans
nicht unterlaſſen, es abermals zu erwähnen) hat
man alſo des Herrn Chriſti Verdienſt nicht von
Nöthen, in welchem doch der Sünder allein Troſt
und Vergebung der Sünden hat. Bei Nr. 696
findeſt Du ein Lied ähulichen Inhalts: es heißt
daſelbſt im 5. Vers: „Hier ſuch ich's nur, Dort
werd ich's finden; Dort werd ich heilig und ver⸗
klärt, Der Tugend ganzen Werth empfinden,
Den unausſprechlich großen Werth.“— In die⸗
ſem Vers iſt die Seligkeit wiederum an den un⸗
ausſprechlich großen Werth der „Tugend“ ge⸗
knüpft, und keinesChriſtus und Glaubens gedacht.
Unter Nr. 515, Vers 2 heißt es: „Nie ſchenkt der
Stand nie ſchenken Güter Dem Menſchen die
Zufriedenheit; Die wahre Ruhe der Gemü⸗ x
ther iſt Tugend und Genügſamkeit.“ Hier⸗
nach ruhet ja abermals das Gemüth in und auf
der „Tugend“ und nicht in der feſteu Burg und
Freiſtatt des vollkommenenen Verdienſtes Chriſti.
Das heißt doch je fürwahr Irrthum und Werk⸗
lehre?“ So etwas gleicht doch mehr der heidni⸗
ſchen Lehredes Ariſtoteles, als dervehre des Herrn
Chriſti, welcher ſpricht: „Kommet her zu mir al⸗
le/ die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will euch ö
erquiken, und ihr werdet Ruhe finden enrer See⸗
len.“ Was ſoll man nun von einem Geſangbu⸗
che ſagen, das ſolche widerchriſtliche Werklehre
enthält? was von den Herausgebern ?, daß aber
die Herausgeber des Buches mit den dariſen ſich
befindenden Liedern Bekanntſchaft gemacht, und
dieſelben nicht etwa ungeprüft aufgenommen
haben, erhellet aus der Vorrede des Heſangbuchs,
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