Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 5 › Seite 35
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-27, Seite 35
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Brauſen des Meeres, noch endlich von dem Lär⸗
men und Schreien der Schiffleute in ihren erbau⸗
lichen Betrachtungen ſtören.
Alſo, ich meine, in dieſer apoſtoliſchen Weiſe
trugen ſie den edlen Samen göttlichen Worts hin⸗
aus in die Heidenwelt. Dort aber trugen ſie ihn
jederzeit mit ſich umher und ſtreuten ihn aus
zur Zeit und zur Unzeit, ſtreuten ihn aus an
den Hecken und Zännen, vor Paläſten und Hüt⸗
ten, in's Herz den Fürſten und den Bettlern, und
gaben Rechenſchaft Jedermann, der Grund for⸗
derte oder auch nur hören wollte, von der Hoff⸗
nung, die in ihnen war. Ihre Hauptſorge war
aber demnächſt darauf gerichtet, das göͤttliche
Wert in die Sprachen der dortigen Heiden zu
uberſetzen, und ſo den edlen Samen, den ſie hin⸗
ausgetragen hatten, in die Scheuern des Tamu⸗
leu⸗Volkes ſelbſt für immer niederzulegen. Ja,
es dauerte nicht lange, ſo waren 347 unſerer
ſchünen Kirchenlieder, die ja voll von Kern und
Mark göttlichen Wortes ſind, in's Tamuliſche
(ſo heißt die dortige Heidenſprache) ubertragen.
Was ſür ein edler Same in denſelben verborgen
ſchlummert, das ſcheinen ſelbſt die Heiden, als
ſolche, zuweilen an ihren Herzen zu ſpüren. Unſere
Miſſſionare wenigſtens erzählen uns in Bezug
darauf eine ſehr liebliche Geſchichte. Ich will ſie
fuͤr diejenigen, welche unſer Miſſionsblatt noch
nicht leſen, hier wiederholen. ö
Eines Tages nämlich, — und das iſt erſt ein
paar Jahre her, — kam ein indiſcher Büßer zu ei⸗
nem engliſchen Miſſionar und recidirte im Laufe
des Geſpräches den erſten Vers aus dem ſchönen,
glockenhellen, von der Frühlingsmorgenluft des
jüngſten Tages durchwehten Liede: „Wachet auf
ruft uns die Stimme Der Wächter ſehr hoch auf
der Zinne, Wach auf du Stadt Jeruſalem, u. ſ.
w.“ Der erſtaunte Miſſionar fragte, woher er
dieſen liedlichen Vers habe. O, antwortete der
Heide, ich habe ein Buch „den Herzſchmelzer,“
das enthält viele ſolcher ſchönen Verſe. Der Miſſio⸗
nar dem kein Buch unter die ſem Titel bekannt iſt,
wünſcht es zu ſehen. Da holt der Alte das behntſam
eingewickelte Buch behutſam hervor, küßt es ehrer⸗
lietig und legt es in die Hände des Miſſionars.
Und was war es? Ein altes Trankebarer evang.
luth. Geſangbuch, dem das Titelblatt fehlte und
dem der Hindu den Namen „Herzſchmelzer“ bei⸗
gelegt hatte, offenbar, weil er etwas von der
herzſchmelzenden Kraft des Inhalts an ſich mußte
erfahren haben. Alſo, ſie gingen hin und wein⸗
ten und trugen edlen Samen in Wort und
in Schrift — und ſiehe da:
IV. Sie kamen mit Freuden und
brachten ihre Garben. Und das iſt nun
der letzte Grundſtrich in unſerm Gemälde Wir
kͤnnen uns hier kurz faſſen. Die engliſche Kir⸗
che, die in einem Theil ihrer Glieder die erſten
evang. lutheriſchen Miſſionsbeſtrebungen in Oſt⸗
indien mit aufrichtiger Freude begrüßte und eine
Zeit lang auch mit großem Eifer unterſtützte,
ſtellt der Trankebarſchen Miſſion das beſte Zeng⸗
niß in dieſer Beziehning aus, indem ſie ſagt: „Wie
klein auch zu jeder Zeit dte Anzahl der Arbeiter
bei dieſer Miſſion und wie beſchränkt ihr Wir⸗
kungskreis war, ſo hat ſie doch auf dem indiſchen
Baden die herrlichſten Fruchte getragen. Nicht
weniger als fünfzehn bis zwanzig tauſend Seelen
beben jetzt als Chriſtengemeinden mit dieſer Miſ⸗
ſon in Verbindung.“ Und der avangeliſche
Miſſionar Taylor redet in einem vor Kurzem zu anderu das Lied No. 305, da findeſt Du den Na⸗
Madras erſchienenen Werke, von unſeren alten
Miſſionaren als von „Eisbrechern,“ denen die
neueren Miſſionare in Oitindien faſt alles zu
danken haben und ſpricht von dem ſüßen Balſam⸗
geruche, der ſich noch ſtets um die Namen derſel⸗
ben, obſchon ihr Gebein längſt vermodert iſt, bei
den dortigen Chriſten und Heiden erhalten habe.
Was Wunder auch? Sie gingen ja hin und
weinten, — weinten die allerbalſamiſchſten Thrä⸗
nen chriſtlicher Liebe, chriſtlichen Eifers, chriſtli⸗
cher Geduld, — und trugen den alleredelſten Sa⸗
uicn, den Samen göttlichen Worts, einen Geruch
des Lebens zum Leben, und da der Herr ſprach:
Gehet ein, ihr getreuen Knechte, zu eures Herrn
Frende! ſo kamen ſie mit Freuden und brachten
ihre tauſend und aber tauſend Garben voll himm⸗
liſchen Arndtedufts. Was Wunder, daß ſußer
Geruch ihre Namen noch ſtets umſchwebt! Das
Gedächtniß der Gerechten bleibet in Segen.
Und dieſe Miſſion nun, auf welcher die Thrä⸗
nen und die Gebete dieſer Gerechten rnhen, dür⸗
fen wir durch die Gnade des Herrn aller Herrn,
und menſchlicherſeits durch die Huld des verſtor⸗
benen Königs von Dänemark, die unſre nennen.
Sollten wir da nicht mit zitternderFreude in den
Ausruf ansbrechen: „Das Lvos iſt uns gefallen
auf's Liebliche, uns iſt ein ſchön Erbtheil gewor⸗
den.“ Dorthin ſind den auch unſere Miſſionare
zum größtenTheile gezogen, der erſte vor etwa10
Jahren; die ſem ſind ſeitdem acht andere gefolgt,
davon der eine bereits, nach kurzer Tageslaſt und
Hitze, den Samen aus den Händen gelegt und
ſeine Garben genommen hat, und eingegangen
iſt zur Freude ſeines Herrn. Aber, ganz abgeſe⸗
hen von dem letzten, für uns ſelbſt ſehr beklagens⸗
werthen Falle (denn der Herr rief in dem Verſtor⸗
benen einen ſehr tüchtigen Arbeiter heim), — auch
von unſerer Miſſion hat es zum Theil heißen müſ⸗
ſen: Sie gehen hin und weinen.
(Schluß ſolgt.)
—. —
(Eingeſandt für den Lutheraner.)
Die Geſang⸗Bücher.
(Fort ſetzung.)
Lieber And reas!
Es iſt der That eine wunderbare Sache, daß,
wenn man in das Gewirre des heutigen Sekten⸗
weſens einen Blick thut, ſich immer mit der Schän⸗
dung und Geringſchätzung der heiligen Sakra⸗
mente die Werklehre gepaart findet, dafüͤr lie⸗
fern namentlich die amerikaniſchen Traktätchen in
ihren verſchiedenen Schattirnugen den Beleg.
Ja, oft und viel müſſen ſelbſt alte ehrwürdige
Gottes-Männer ihre Namen zum Schanddeckel
ſolcher falſchen Lehren machen laſſen, und ſogar
unter dem Namen und Aushängeſchild „Luthe⸗
riſch“ ſucht man dieſer Zeit ſolche falſche Waaren
zu verkaufen. Es iſt am Tage und weltkundig,
wie gerade hier in Amerika ihrer Viele unter einer
fremden Flagge ſegeln, ich meine, ſich „Luthe⸗
riſch“ nennen, und unter ſolchem Schein irrige,
namentlich reformirte Waare dem lutheriſchen
Volke zu überbringen ſuchen. Und hievon iſt auch
das „neue Pennſylvaniſche Geſangbuch“ uicht
frei, denn da findet man zum größten Erſtaunen
unter der Rubrik: „das Abendmahl“, mehrere
Lieder von reformirten Verfaſſern, welche Lieder
anch nur reformirte Lehre vom Sakrament des
Altars erthalten. Beſiehe nür daſelbſt unter
men „Lavater“ unterzeichnet, und in dem Liede
demnach auch weiter nichts, als die Zwingliani⸗
ſche Anſicht über das Sakrament des Altars; im
erſten Vers daſelbſt iſt nur die Rede von „des
neuen Bundes Mahl“, im ſiebenten Vers von
„Pfand von Chriſti Tod und Leben“ und „Sie⸗
gel unſrer Seligkeit“; von dem Eſſen und Trin⸗
ken des wahren Leibes und Blutes Chriſti iſt auch
kein Wort zu finden. (Jedoch, vielleicht hat ſichs
nicht beſſer gereimt!) Bei No. 314 findeſt Du
den Namen „Zollikofer“, ebenfalls ein reformir⸗
ter Liederdichter, und auch hier iſt wiederum nur
die echte reformirte Lehre vom Sakrament des
Altars ansgedrückt. Vers zwei, heißt es aus⸗
drücklich: Heil mir, mir ward dein Brod gebro⸗
brochen, ich trank, Herr, deines Bundes Wein.“
Vers drei heißt es: „Laß mich voll Dankbarkeit
ermeſſen, was du für meine Seele thatſt. Vers
fuͤnf, wiedernm: „Wir aßen hier von einem
Brod, wir tranken hier von einem Wein“. In
dieſem Liede iſt von nichts die Rede, als von
„Brod“ eſſen und „Wein“ trinken, das iſt ja
doch fürwahr nicht lurheriſch, ſondern ganz echt
Zwinglianiſch⸗reformirt, das iſt nicht einmal
Krypto⸗(d. i. verkappter) Calvinismns, ſon⸗
dern gerade rein heraus, die Zwinglianiſche An⸗
ſicht. Damit würden ſelbſt die Mercersburger
Reformirten nicht ubereinſtimmen, welche, wie
bekannt, wenigſtens nicht leugnen, daß die
Gläubigen im Nachtmahl des HErrn mit dem
Glauben den Leib und das Blut Chriſti geiſtlich
eſſen und trinken, und wie der Heidelberger Ca⸗
techismus dazu ſagt: „durch Wirkung des heili⸗
geu Geiſtes, freilich demungeachtet, daß Chri⸗
ſtus „nach ſeiner menſchlichen Natur im Himmel
und wir auf Erden ſeien“, wovon jed och die hei⸗
lige Schrift auch nichts ſagt, und was freilich
auch aus der Vernunft geſponnen iſt. Daß nun
im neuen Pennſylvaniſchen Geſangbuche — wel⸗
ches doch den Namen „Lutheriſch“ trägt, und
zwar der Lutheriſchen Kirche in den Vereinigten
Staaten“ — reformirte Abendmahlslieder ent⸗
halten ſind, iſt nicht nur ſehr ſonderbar, ſondern
fur einen wahren Lutheraner höchſt verdächtig, es
möchte hiernach ſcheinen, als ob die Lutheriſche
Kirche an keruhaften Kirchenliedern dieſer Art zu
arm wäre, alſo, daß ſie noch nöthig hätte, von
den Reformirten Abendmahlslieder zu eutlehnen:
allein, die alten Geſangbucher, die auch noch hin
und wieder hier zu Laude bei eingewanderten
deutſchen Lutherauern zu finden ſind, als das
alte Dresdner, das alte Marburger, das alte
Schleſinger, das Pommerſche, Preußiſche, Ham⸗
burger, Baireuther ꝛc. zeigen zur Genüge, daß
ein großer Vorrath alter reiner Abendsmahlslie⸗
2
der, welche die Lehre der Lutheriſchen Kirche ent⸗ ö
halten, vorhanden ſind; und wer etwa kein ſol⸗
ches altes Geſangbuch im Beſitz hätte der könnte
ſich aus dem „Lutheriſchen St. Louis Geſang⸗
buch“ genug davon überzeugen. Darum muß
es einem jeden Unpartheiſchen, welcher das „neue
Pennſylvaniſche Geſangbuch ein wenig prüft,
höchſt anffallend ſein, wenn er die reformirten
Abendmahls-⸗Lieder gewahrt, die daſelbſt zu fin⸗
den ſindz und welcher wahre Lutheraner, ſage ich
abermal, ſollte nicht mit Mißtrauen gegen dieſes
„Neu-Lutheriſche Geſangbuch“ erfullt werden?
Iſt es ja doch faſt eine Schande für die Luthe⸗
riſche Kirche, welche ſich gerade im Artikel vom
Sakrament es Altars ſo entſchieden von allen
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