Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 25 › Seite 197

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-08-31, Seite 197

194 195 196 197 198 199 200 201

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Uuion · Union 10

⤓ Download .txt · copy text

der günſtige Augenblick für uns Proteſtanten
Frankreichs: weil alle Verhältniſſe im Lande eine
neue Geſtalt gewinnen, und auch die Kirchenge⸗
ſetze nicht werden unberührt bleiben, ſo ſollte die
Union öffentlich und geſetzlich durchgeführt wer⸗

den. Wir hätten davon auch einen äußern Vor⸗
theil. Die Lutheraner wie die Reformirten ſind,

einzeln genommen, ſo unbedeutend, daß ſie nichts
gelten; vereinigt aber wären ſie eine Zahl, hätten
Gewicht im Lande, denn Eintracht macht ſtark.
Dieſe neue unirte Kirche hätte übrigens ein
weites, liebevolles Herz (weites Gewiſſen?),
und jeder, der zu ihr übertritt, könnte ungeſtört
bleiben, was er iſt. Dann wäre man auch mit einem
Schlag der ehrwürdigen, aber läſtigen, alten Glau⸗
bensbekenntniſſe los und ledig, und kennete keine
andere (27) Glaubensregel, als Gottes Wort.“

Iſt's denn wirklich wahr, daß die Unterſchei⸗
dungslehren von unſerer Seite aufgegeben ſind?
iſ''s wahr, daß wir in der Lehre vom
heiligen Abendmahl ſind reformirt geworden?
iſ's wahr: daß wir für Irrthum halten, was
die Väter geglaubt, und nicht brauchen, was ihr
Troſt war? da ſei Gott für! Im Gegentheil,
wer Augen hat und ſehen will, der muß erkennen,
daß Viele ſind, die treu gehalten haben am
heiligen Erbe, und daß gerade heutigen Tags
mancher verlorene Sohn von ſeinen Irrgängen
reumüthig zurückkommt, und im alten Glauben
nur Troſt ſucht, und nimmer den wirklichen
Genuß des Leibes und Blutes Chriſti mag fah⸗
ren laſſen für ein bloßes Zeichen oder einen
geiſtigen Genuß. Freilich, es ſind ſchrecklich
Viele, die am Glauben Schiffbruch gelitten. Was
ſollen die thun? Zuerſt ſollen wir Buße thun;
darum auch ſie erkennen lernen müſſen, daß in
dem Zuſtand von Zweifel und Unſicherheit, in
dem ſie jetzt ſich befinden, ſie nicht fähig ſind, etwas
Feſtes zu bauen — gar eine Kirche! Ich meine
weiter, daß ſie ſollen anfangen, ſich ernſt zu prü⸗
fen, ehe ſie leichtſinnig verwerfen. Und wenn ſie
doch nicht zum väterlichen Glauben zurückkom⸗
men? Nun ſo mögen ſie gehen und ſich uniren
mit Gleichgeſinnten — aber nicht Andere mit ſich
ziehen und ihnen bittere Reue bereiten, wenn ein⸗
mal den Hintergangenen die Augen aufgehn!

Seht, wie leer dies Unionsweſen iſt! Während
die Einen als Grund angeben, man ſei ja im
Glauben eins, geſtehn die Andern ein, daß Glau⸗
bensverſchiedenheit kein Hinderniß ſein kann, weil
man doch in Sachen des Glaubens nie einig
wird. — Wir haben Alle Chriſtum und ſein Wort,
ſagt ihr, darum laßt uns uniren — das haben
die Katholiken auch, ſollen wir uns auch mit den
Katholiken uniren?

Es kommt mir faſt vor, daß viele Leute die
Union ſo lieb haben, weil ſie meinen, die Glau⸗
bensbekenntniſſe aus der Reformationszeit können
dann zu Grabe getragen werden. O beweiſet
zuerſt, daß die Bekenntniſſe, von der augsburgi⸗
ſchen Confeſſion an bis zur Eintrachtsformel,
wider die Schrift ſind! — So lang ihr das nicht
thut (und ihr werdet's wohl ungethan laſſen!), ſo
dürft ihr's uns nicht verübeln, wenn wir denken,
daß hinter euerm: „Die Schrift allein“ eine Je⸗

196

ſuiterei ſteckt, und daß gerade das Schriftgemäße
in den Bekenntniſſen“) unſerer Kirche Euer
Verdruß iſt.

II. Jedoch, nehmen wir die Sache in ruhige
Ueberlegung. Wie? auf welche Art und
Weiſe ſoll die Union gemacht werden?
„Wer iſt unter euch, der einen Thurm bauen will,
und überſchlägt nicht die Koſten, ob er's habe
hinaus zu führen; auf daß nicht Alle, die es
ſehen, anfangen zu ſpotten, und ſagen: Dieſer
Menſch hub an zu bauen, und kann's nicht hin⸗
aus führen.“ (Luc. 14, 28—30.) Alſo etwa:

1. Die Reformirten können lutheriſch
werden, kommen zu uns herüber, nehmen gläu⸗
big unſer Bekenntniß und unſer Kirchenweſen an.
Gegen eine ſolche Union hätten wir natürlich
nichts einzuwenden. Aber die Antwort iſt ſo
einfach, daß wir ſie wiſſen, ehe man ſie gibt, und
lautet: „So iſt's nicht gemeint; wenn wir uns
mit euch vereinigen, wollen wir nicht einen neuen
Glauben annehmen; der Glaube wechſelt ſich
nicht wie ein Rock; wir bleiben, was wir ſind.
Uebrigens ſind wir Reformirte die Mehrzahl im
Land, wir ſind zwei Drittheile, ihr nur ein Dritt⸗
theil, und die Ordnung iſt, daß die Minderzahl
der Mehrzahl nachgibt: kommt Ihr zu uns!“
Nun, wir ſehn's, wenn ihr dieſen Rath beſchließet,
ſo wird nichts daraus; die Evangeliſch-Refor⸗
mirten wollen nicht evangeliſch-lutheriſch werden.

2. So werden die Lutheriſchen re⸗
formirt? Aber da iſt die Antwort eben ſo
einfach: „Ich will keinen andern Glauben an⸗
nehmen; der Glaube wechſelt ſich nicht wie ein
Rock, die Zahlen gelten nichts in Glaubens⸗
ſachen, ſonſt müßten wir katholiſch oder türkiſch
werden, wenn dort die Zahl iſt. Unſer Name
„evangeliſch-lutheriſch“ iſt zu ehrbar,
als daß wir ihn hingeben, und mit dem Namen
würden wir die Sache hingeben. Uebrigens weiß
ich jetzt, was ich habe; was ich bekommen würde,
weiß ich auch. Wir haben an der reformirten
Synode zu Paris geſehen, welch' eine bekennt⸗
nißloſe Kirche ſie will. Werdet zuerſt einig
unter euch — dann wollen wir ſehn, ob wir ſollen
mit euch Gemeinſchaft pflegen. Vor der Hand
iſt es mit Nichten an der Zeit.“

Nun, wir ſehen, die Reformirten wollen nicht
lutheriſch und die Lutheriſchen wollen nicht refor—
mirt werden. — Wie könnte denn weiter eine
Union geſchehn? Etwa ſo:

3. Wir laſſen beiderſeits unſere Bekenntniſſe
fallen, und ſtellen einen neuen Glauben
auf. Das iſt ſo ein Vorſchlag, der manchen
Leuten gar ſehr einleuchtet; und, ich will es gar
nicht verhehlen, es ſind Leute, die ſich noch chriſt⸗
lich und evangeliſch nennen. Dieſe wollen doch
eine Kirche, die bekennt und ſagt, was ſie glaubt;
dieſe wollen doch aus der Kirche keinen öffent⸗
lichen Pferch machen, wo Krethi und Plethi zuſam⸗
men kommt, wollen doch Einigkeit im Glauben.

*) Chriſtliches Concordienbuch, das iſt: Sym⸗
boliſche Bücher der Evangeliſch-lutheriſchen Kirche. New⸗
Rork: Gedruckt und herausgegeben von H. Ludwig u. Co.
No. 70 Veſey- Straße. Auch zu haben in der Expedition
des „Lutheraner“ für P1I. 25. D. R.

Nun aber zuerſt iſt ſehr zu fürchten, daß in ſol⸗
chem neuem Bekenntniſſe, aus Rückſicht auf den
Welt⸗Mund Zeitgeiſt, manches Evangeliſche aus
dem alten Bekenn tniſſe herausbleibt, und man⸗
ches hineinkommt, um „denen draußen“ zu ge⸗
fallen; — wo nicht, ſo wird man gerade wieder
bekennen, was in unſerm alten Glauben ſchon
bekannt iſt — und da lohnt's wahrlich der Mühe
nicht, Neues zu machen, wo das Alte gut iſt! —
Und zum Zweiten, der du die Welt kenneſt,
wie ſie iſt: aufrichtig geredet, meinſt du, daß
die Leute über ein neues Glaubensbekennt⸗
niß, das etwas Ernſtes bekennt und dazu ver⸗
bindlich macht, einig werden? Vielleicht alſor *)

„Wir glauben: daß wahrſcheinlich ein GOtt
im Himmel iſt, der die Welt erſchaffen hat, ob⸗
gleich es Leute gibt, denen das nicht einleuchtet,
und die man bei ihrer Meinung laſſen kann; —
daß IEſus mag Gottes Sohn heißen, bei wel⸗
chem Namen ſich jeder denke, was er will; daß der
Heilige Geiſt die Kirche regiert, aber doch nie⸗
mand ſo eigentlich wiſſen kann, was der Heilige
Geiſt iſt, und was die Kirche iſt, und wie ſie re⸗
giert wird;

„Daß der Pfarrer bei der Abendmahls⸗Spen⸗
dung ſagen könne: „„Selig ſind, die reines Her⸗
zens ſind““; oder: „„Heute noch wirſt du mit
mir im Paradieſe ſein““; oder: „„Chriſtus
ſpricht: nehmet, eſſet, das iſt mein Leib““ (du
aber kannſt es nehmen, wie du willſt, und ich
mache daraus, was ich will);

„Daß ein ewig Leben ſein könnte, was ſehr
tröſtlich wäre, wenn man ſterben muß; doch iſts
mit der Sache nicht ſo gewiß;

„Daß die beſte Religion ſei, honett zu leben,
weil man doch ſo amnbeſten durchkommt.“

Ich geſtehe, daß ich keinen andern Glauben
wüßte aufzuſtellen, worüber heute alle „weiten“
Herzen einig würden.

Doch, wir wollen nicht ſcherzen mit ernſten
Dingen. Wir ſagen: über einen Glauben, der
die Wahrheit rein bekennt, wird man jetzt nicht
einig, und zu einem Glauben, der nichts be⸗
kennt, gehen nur diejenigen, welche nichts glau⸗
ben. Wer aber einen feſten Glaubensgrund
hat, der geht nicht in eine Miſchungskirche, die
gegen das Wort ſündigt: „Seid bereit zur Ver⸗
antwortung Jedermann, der Grund fordert der
Hoffnung, die in euch iſt“ (1 Petri 3, 15.). Wer
feſt hält am Glauben, der tritt aus ſolcher
Allerwelts-Kirche aus, und ſchließt ſich an
gleichgeſinnte Brüder und bekenntnißtreue Kirche
an. — So wird's kommen! Dann hat man durch
die Union, anſtatt aus zwei Kirchen Eine zu
machen, vielmehr aus zweien drei gemacht: nem⸗
lich eine Lutheriſche, die glaubt und bekennt; eine
Reformirte, die auf ihre Weiſe glaubt und be⸗
kennt; und eine Unirte, die gleichgültig iſt und
darum Widerſprechendes duldet. Das wird
die Frucht ſein.

Nun, ihr geſteht's ein, ſo will ſich's auch nicht

*) Hier folgt ein Glaubensbekenntniß, wie es ungefähr
die unirt-proteſtantiſche Kirche der Herren Miethspredi⸗
ger Suhr, Kröll und dergleichen in Cincinnati aufge⸗
ſtellt haben. D. R.

English translation

Not yet translated.