Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 11 › Seite 85
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-01-19, Seite 85
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lutheriſche Kirche · Leutheriſce airhe 7 · Oſtern
ſpricht, — das ſcheint bedenklich. „Wenn nur
nichts Verkehrtes zu Tage kommt! Wenn nur
die Liebe nicht verletzt und die Hoffnung künftiger
wahrer Einigung der getrennten Kirchenpartheien
nicht gehindert wird!“ — Sei ruhig, lieber Leſer!
Fürchte nichts! Höre die Antwort und prüfe aus
ihr die Frage. Erſcheint dir nach ruhiger Prüfung
der Antwort die Frage aus einem fanatiſchen
Geiſte entſprungen zu ſein, ſo kannſt du ja das
Blatt bei Seite legen, und wir haben dennoch
Frieden. Ich habe nicht vor, eine Lärmpoſaune
zu blaſen. Es gilt hie nicht Streit, ſondern
Frieden, nicht Beleidigung derer, die anders den⸗
ken, ſondern bloß die Treue gegen das, was wir
haben, und die Erfüllung des heiligen Gebotes:
„Behalte, was du haſt, auf daß dir niemand
deine Krone nehme.“ Auch gilt es nicht eigen⸗
ſinniges Beharren bei dem Alten. Wir wollen
nicht wehmüthig dem Abendroth nachweinen, wenn
bereits Morgenroth auf den Bergen liegt. Nur
das ſagen und weiſſagen wir, daß die Sonne, die
aufgeht, keine andre iſt, als die geſtern unter⸗
ging, auch wenn der neue Tag keinen Regen und
Wind wie der geſtrige mitbringt. „IEſus Chri⸗
ſtus geſtern und heute und derſelbe in Ewigkeit!“
Dalbei bleibt es. — Alſo, lieber Leſer, laß mich
antworten und prüfe die Antwort.
I.
Wir bekennen uns zur evangeliſch—
lutheriſchen Kirche:
19 Nicht weil ſie Luthers Namen trägt. Luthers
Name iſt mir lieb und werth, und ich danke Gott,
daß es einen Luther gab. Ich will mich auch
ſeines Namens nicht ſchämen und mich lutheriſch
nennen, ſo lange ich mich ohne Mißverſtand nicht
nennen kann, was ich doch bin, einen Chriſten
im echten und rechten Sinne des Worts (katho⸗
liſc). Aber ich bin nicht auf Luther getauft,
habe auch nie auf Luthers Worte geſchworen,
weiß im Gegentheil, daß die lutheriſche Kirche
manches nicht nachſagt, was Luther geſagt hat.
Man hat auch nie verkannt, daß der Name
„evangeliſch“ bei weitem ſchöner iſt, als der Name
lutheriſch'. Wir würden uns auch ohne weite⸗
res „evangeliſch“ nennen, wenn ſich nicht neuer⸗
dings in Deutſchland die Unirten und Andere, in
Amerika die ⸗Rationaliſten dieſen Namen ange⸗
maßt hätten. Deſto weniger können wir uns
gegenwärtig des Namens „lutheriſch“ entſchlagen.
Aus dieſem Grunde ſagen wir auch nicht „apoſto⸗
liſch“, weil alle Secten ſelbſt ihre unbibliſchen
Lehren und Anſichten von den Apoſteln herleiten;
wer übrigens evangeliſch ſagt, will damit ſchon
apoſtoliſch ſagen. Ich bekenne mich nicht zur
evangeliſch-wiedertäuferiſchen, nicht zur evange⸗
liſch⸗methodiſtiſchen, nicht zur evangeliſch⸗biſchöf⸗
lichen; und da man das Evangelium nicht ganz
der römiſch- päbſilichen Kirche an vielen Orten
und in manchen ihrer Diener abſprechen kann,
ſo bekenne ich mich doch nicht zu ſolcher evange⸗
liſch⸗päbſtlichen Kirche, darum daß ſie nicht ganz
vom Heiligen Geiſt verlaſſen iſt; ich bekenne
mich noch weniger zu den „evangeliſch“ (I0 ſich
nennenden und doch ungläubig ſich verhaltenden,
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ſogenannten freien Kirchen Deutſchlands und
Amerika's; ich bekenne mich auch nicht zu der,
von der falſchen Liebe, welche der Wahrheit ſich
nicht freut in allen göttlichen Dingen, gerühmten
Unions⸗ oder Miſchmaſch-Kirche in Preußen und
andern Orten; ich bekenne mich auch nicht zu der
oder vielmehr zu den reformirten Kirchen: ich
bekenne mich zur evangeliſch-lutheriſchen Kirche;
Evangeliſch iſt mein Name, und nur zur Unter⸗
ſcheidung im jetzigen Babelbau der chriſtlichen
und antichriſtlichen Secten iſt „lutheriſch“ mein
Beiname; und zwar weder lutheriſch nach der
neuen Mode, noch alt-lutheriſch nach dem
Schimpfnamen der Feinde. Doch iſt es und
bleibt es wahr:
Der Name iſt es nicht, weßhalb ich der
evangeliſch-lutheriſchen Kirche meine Treue
widme.
Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗
lutheriſchen Kirche:
2) Nicht um der äußerlichen Geſtalt willen,
die ſie in unſern Tagen hat.
Sie hat unſchätzbare Güter, um deren willen
ich ihr anhange. Aber ihre Geſtalt, ihre Erſchei⸗
nung vor der Welt, das geſiehe ich, iſt eine Knechts⸗
geſtalt faſt überall. Weil ſie ſo reich iſt an inner⸗
lichen Gütern, hat ſie von Anfang an verſäumt,
ihrer Geſtalt wahrzunehmen.
Es iſt wohl wahr, die Menſchen ſollten nicht
auf die äußerliche Geſtalt, ſondern auf den in⸗
nern, geiſtigen Beſitz ſehen. Aber ſo ſind eben
die Menſchen und man muß mit ihnen Mitleid
haben und ihnen das Finden der ewigen Güter
erleichtern. Es ſind der Schwachen gar viele,
welche einer menſchlichen Führung und angeneh⸗
mer, einladender Formen bedürfen, um zur himm⸗
liſchen Wahrheit zu kommen. Wenn die luthe⸗
riſche Kirche die ihrer innern Würde entſprechende
Verfaſſung und äußere Geſtalt hätte, ſo würden
ſich viele edle Seelen längſt aus der römiſchen
Kirche zu ihr verſammelt haben; nun aber wiſſen
ſie wohl, was ſie verlaſſen, aber ſie erkennen nicht,
wohin ſie gehen ſollen. Verfaſſung und Form
ſind für die, welche draußen ſind, wie lockende
Pforien zu den weſentlichen Gütern der Kirche, —
und am Ende iſt's auch wahr, daß die
heiligſte und reichſte Kirche auch Beruf
hat, die ſchönſte nach außen hin zu
ſein. — Ach, und gerade da fehlt es der evan⸗
geliſch⸗lutheriſchen Kirche ſo ſehr! Sie iſt ſo ge⸗
beugt und ihr Gewand iſt ſo ärmlich! Und das
hindert ſie ſo ſehr in ihrem Berufe, den ſie hat,
nach außen hin zum Segen der Welt zu wirken!
— Ich hange ihr von ganzer Seele an, aber ſie
muß gewaltige, große innere Vorzüge haben, das
kann ich dir, Leſer, ſagen! Sonſt würde ich mich
nicht zu ihr bekennen. Ihre Verfaſſung und
äußere Form würden mich eher von dannen ſcheu⸗
chen; um ihretwillen würde ich mich nicht zur
lutheriſchen Kirche bekennen.
Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗
lutheriſchen Kirche:
3) Nicht, weil ich in ihrer Mitte geboren und
erzogen, von ihren Dienern getauft, unterrichtet,
confirmirt, abſolvirt, mit Chriſti Leib und Blut
geſpeiſ't und getränkt, zum Amte eingeſegnet ꝛc.
bin. Alles das ſind unausſprechliche Wohlthaten;
aber ſie ſind es größtentheils nur, wenn eben die
lutheriſche Kirche die rechte iſt. Wenn ſie's nicht
iſt, kann mich das alles an ſie nicht feſſeln.
Dann iſt es nur Beweis, daß man auch in ihr
von Gott nicht völlig verlaſſen, daß auch in
ihr noch manche göttliche Wohlthat zu finden iſt.
Ich bekenne mich aber zur evangeliſch⸗lutheriſchen
Kirche, nicht bloß darum, weil ſie nicht vollig
verlaſſen iſtl.
II.—
Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗
lutheriſchen Kirche: ö
1) Um ihres Kleinods willen. Die evange⸗
liſch⸗lutheriſche Kirche hat manches nicht, was ich
ihr wünſche; aber ſie hat etwas, was ſie bei allen
Mängeln, an denen ſie leidet, doch zur wahren
Kirche macht, zur Roſe unter den Dornen, —
um deſſen willen ich es leicht und ſchön finde, ihr
in ihrem äußerlichen Elend treu zu ſein. Weißt
du, was ich meine? Ich meine ihr durchaus
reines Bekenntniß und ihre dem Be⸗
kenntniß gemäße reine Lehre.
Wer hat je nachgewieſen, daß ihr Bekenntniß
in irgend einem Lehrpunkt falſch ſei? Ich meine
unter ihrem Bekenntniß nicht bloß die Augs⸗
burgiſche Confeſſion, ſondern die ganze
Concordia, von der Augsburgiſchen Con⸗
feſſion bis zur Concordienformel. Du
kennſt dieſe Schriften nicht, lieber Leſer, ſonſt wür⸗
deſt du mit mir übereinſtimmen. Lerne ſie ken⸗
nen, ſo wirſt du übereinſtimmen.
Was iſt ſchöner, lieblicher, kräftiger und mun⸗
terer, als Luthers großer und kleiner Kate⸗
chismus?
Was iſt bibliſcher, als die Augsburgiſche
Confeſſion und ihre Apologie?
Was iſt überlegter und tapferer, als die
Schmalkaldiſchen Artikel?
Und was iſt mehr mit Unrecht verläſtert, als
die ſchöne Eintrachtsformel in ihrer reinlichen,
aber milden Begränzung aller Lehren?
Leſer, ich wieverhole dirs, du kennſt die Glau⸗
bensbekenntniſſe deiner Kirche nicht. Lerne ſie
kennen, auf daß du wiſſeſt, warum du deiner
Kirche anhangſt.
Die Lehre geht weiter als das Bekenntniß, aber
deshalb wird ſie dem Bekenntniß nicht entfremdet!
Ich ſcheide drum wohl zwiſchen Schrift und Be⸗
kenntniß, zwiſchen Bekenntniß und Lehre, aber ich
freue mich der großen, reichen, alle Winkel menſch⸗
licher Verhältniſſe erleuchtenden Lehre der luthe⸗
riſchen Kirche. Ich wüßte nicht, wo in aller
Welt voller, reicher, reiner, milder und einfältiger
Gottes Wort von Menſchenlippen gefloſſen wäre,
als in der lutheriſchen Kirche, als von den Lippen
ihrer Lehrer, namentlich jener großen, unübertrof⸗
fenen Lehrer, die gleichzeitig mit und bald nach
der Concordienformel (1580) lebten. Ich nenne
ſtatt vieler einen, den großen Johannes Ger⸗
hard. Von ihm und ihm ähnlichen Lehrern
bekenne ich, daß mich neben dem Bekenntniß nichts
ö
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