Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 11 › Seite 82
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-01-19, Seite 82
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht · Miſſion 32
Gott hat zwar das jüdiſche Volk vor allen an⸗
dern Völkern zu einem Volke des Eigenthums
ſich auserwählt, einen Gnadenbund mit demſel⸗
ben aufgerichtet und ihm vor allen andern das
Wort ſeiner Offenbarung geſchenkt; aber dadurch
hat Gott ſeine Gnade den Juden keineswegs
allein zuwenden und dieſelbe den heidniſchen Völ⸗
kern entwenden und verſagen wollen. Wie die
Sonne ihr Licht nicht allein für ſich, ſondern für
die ganze Welt hat, ſo ſollte auch das dem Volke
Iſrael von Gott angezündete Licht der göttlichen
Offenbarung nicht allein für Iſrael, ſondern für
alle Völker leuchten. Darum hat auch Gott dem
jüdiſchen Volke gerade in Canaan, dem Mittel⸗
punkt der damals bevölkerten Welt, ſeine Wohn⸗
ſitze angewieſen; darum es vorher und nachher
von Land zu Land und von Volk zu Volk ziehen
und endlich in alle Welt zerſtreut werden laſſen;
darum auch endlich unter demſelben ſo große
Wunder und Zeichen gethan, wovon das Gerücht
bis in die fernſten Gegenden erſcholl: damit
nemlich das jüdiſche Volk eine auf hohem Berge
liegende, aller Welt ſichtbare und zugäng⸗
liche Stadt Gottes, ein wie auf den Weltleuchter
geſtelltes, in alle Lande hin ſcheinendes Licht und
ein geiſtlicher Leuchtthurm für alle Nationen ſei,
und die in Blindheit und Götzendienſt verſun⸗
kene Heidenwelt Gelegenheit habe, fort und fort
zur Erkenntniß des wahren Gottes wieder zu ge⸗
langen.
Es iſt nun zwar freilich wahr, daß trotz aller
dieſer Anſtalten Gottes, auch allen Heiden ſein
ſeligmachendes Wort zu ſchenken, dennoch unge⸗
zählte Millionen Menſchen durch die Schuld ihrer
Voreltern des Wortes Gottes beraubt und in die
Nacht heidniſcher Unwiſſenheit und Aberglaubens
zurückgeſunken ſind. Es entſteht daher die Frage:
warum hat Gott nicht dafür geſorgt, daß jederzeit
den Nachkommen derjenigen, welche ſein Wort
veruntreut und von ſich geworfen hatten, dasſelbe
auf's Neue gebracht wurde? — Wenigſtens Eine
Urſache läßt das von Gott oft beobachtete Verfah⸗
ren uns erkennen, denjenigen ſein Wort nicht pre⸗
digen zu laſſen, von denen er im Voraus weiß,
daß ſie es nicht im Glauben annehmen, ſondern
es verwerfen werden. Als z. B., wie aus Apoſtel⸗
geſchichte am 22. erzählt wird, der neubekehrte
Paulus, vor Begierde brennend, den Gekreuzigten,
den er in ſeinen Gliedern vorher zu Jeruſalem
verfolgt hatte, daſelbſt zu bekennen, in Jeruſalem
bleiben wollte, da ſprach der HErr zu ihm: „Eile,
und mache dich behende von Jeruſalem hinaus;
denn ſie werden nicht aufnehmen dein Zeugniß
von mir.“ Es iſt daher kein Zweifel: hätte Gott
gewußt, daß die in der Finſterniß des Heiden⸗
thums dahin Lebenden ſein Wort annehmen wür⸗
den, ſo würde er es ihnen haben predigen laſſen,
und wenn es durch Engel vom Himneel hätte ge⸗
ſchehen müſſen.
Doch, meine Lieben, obwohl wir Gott deß⸗
wegen nicht anklagen können, daß ſo viele Mil⸗
lionen ſchon dahin geſtorben ſind und noch immer
vahin ſterben, welche nie etwas von ihrem Hei⸗
lande gehört haben; obwohl wir den Grund dazu
nicht, wie eine gewiſſe Parthei in der Chriſtenheit,
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gottesläſterlich in einem abſoluten Rathſchluß
Gottes, an dieſen Millionen vorüberzugehen; ob⸗
wohl wir vielmehr hier ein gerechtes Gericht über
Menſchen erkennen müſſen, von denen Gott vor⸗
auswußte, daß ſie ſein Wort, wenn es ihnen ge⸗
predigt worden wäre, doch nicht angenommen ha⸗
ben würden; obwohl alſo die Heiden um ihrer
Sünde willen verloren gehen: ſo ſind doch alle
aus Schuld der Chriſten ohne Gottes Wort in
Troſt⸗ und Hoffnungsloſigkeit dahin ſchmachtende
verlaſſene Heiden lauter Ankläger der Chriſlen
vor Gott und Gott wird einſt aus den Händen
der Chriſten das Blut aller dieſer von ihnen ver⸗
Die Bekehrung der
Heiden iſt und bleibt eine Pflicht, die jeder an ſei⸗
nem Theile hat, der ſich einen Chriſten nennt,
kurz, die Heidenmiſſion iſt und bleibt eine Chri⸗
wahrloſ'ten Seelen fordern.
ſtenſchuld. Davon laßt mich jetzt ein Mehreres
zu euch ſprechen.
Tert: Matth. 2, 1—12.
Nachdem uns die Texte des Weihnachtsfeſtes
die Offenbarung des neugeborenen Heilandes un⸗
ter dem Volke Iſrael erzählt haben, ſo erzählt
uns der heutige ſoeben verleſene Feſttext die erſte
Offenbarung des neugeborenen Heilandes unter
den Heiden. Haben wir alſo vor zwölf Tagen
gewiſſermaßen das Weihnachten der Juden ge⸗
feiert, ſo feiern wir heute das Weihnachten der
Heiden, das uns vor allem angeht, da wir von
heidniſchen Vorvätern abſtammen. Billig ge⸗
denken wir daher heute jenes Werkes, durch wel⸗
ches immer mehr Heiden zur Erkenntiniß ihres
Heilandes gebracht werden ſollen, des heiligen
Miſſionswerkes. So laßt mich euch denn jetzt
vorſtellen:
Die Beidenmiſſion, eine Chriſtenſchuld;
ich zeige euch hierbei:
I. in wiefern die Heidenmiſſion
eine Schuld aller Chriſten, und
II. in wiefern dieſes Werk eine
Schuld inſonderheit jetzt für
uns hier ſei.
I.
Es war, meine Lieben, eine wunderbare Weiſe,
auf welche einſt die Erſtlinge aus dem Heiden⸗
thum zu Chriſto geführt wurden. In einem weit
von Judäa nach Morgen liegenden Lande, wahr⸗
ſcheinlich in Perſien, war nemlich mehreren Wei⸗
ſen jenes Landes ein wunderbarer Stern erſchie⸗
nen und Gott hatte es denſelben geoffenbart, daß
dieſer Stern die Geburt des von dem jüdiſchen
Volke ſeit langen Jahrhunderten erwarteten
Alſobald machen ſich
daher die Weiſen auf den Weg nach der Haupt⸗
ſtadt des jüdiſchen Landes, Jeruſalem, und, hier
angekommen, ſprechen ſie: „Wo iſt der neu⸗
geborene König der Juden? Wir ha—
ben ſeinen Stern geſehen im Morgen⸗
lande, und ſind gekommen ihn anzu⸗
Die Kunde von der Ankunft dieſer
fernher kommenden ſeltſamen Gäſte und von ihrer
noch ſeltſameren Frage erfüllt bald ganz Jeru⸗
ſalem und dringt endlich bis in die Gemächer des
Gnadenkönigs bedeute.
beten.“
Königs Herodes. Alles vernimmt die Nachricht
mit Erſchrecken. Doch was geſchieht? Der Kö⸗
nig läßt ſogleich alle Hoheprieſter und Schriftge⸗
lehrten unter dem Volke verſammeln, fragt ſie, wo
nach der Schrift der Meſſias geboren werden
ſolle, und nachdem dieſe ihm aus dem Propheten
Micha gezeigt haben, daß er in Bethlehem gebo⸗
ren werden müſſe, weiſ't der König die Wei⸗
ſen nach dieſem Städtlein. Der erhaltenen
Weiſung folgend, finden denn dieſelben auch end⸗
lich, den ſie geſucht haben, fallen vor dem Kind⸗
lein nieder, beten es an, thun ihre Schätze auf
und kehren hierauf, den ewigen Schatz ſelig⸗
machender Erkenntniß in ihrem Herzen tragend,
wieder heim.
So wunderbar nun in dieſer Geſchichte der
Umſtand iſt, daß die Weiſen durch einen Wun⸗
derſtern nach Judäa geführt wurden, ſo erſcheint
das doch noch wunderſamer, daß Gott den Stern
nicht dazu erwählte, die Weiſen ohne Umwege
geradezu nach Bethlehem zu führen, daß vielmehr
erſt der jüdiſche König mit ſeinen Hohenprieſtern
und Schriftgelehrten denſelben aus Gottes Woit
zeigen mußte, daß Bethlehem der Ort ſei, wo
Chriſtus gefunden werden könne. Wir können
uns nicht denken, daß der allweiſe Gott dies nicht
aus weiſen Abſichten, nicht aus allwichtigen Ur⸗
ſachen gethan haben ſollte. Was war es aber,
wohl, warum Gott ſo verfuhr? Wer dürfte es
wagen, alle die heiligen Abſichten Gottes hierbei
ergründen zu wollen? Aber ein Hauptgrund —
dies lehrt uns die Aehnlichkeit des Glaubens —
war ohne Zweifel dieſer: Gott wollte damit für
alle kommende Zeiten anzeigen, daß er die Heiden
nicht durch unmittelbare Offenbarungen, nicht
durch Wunder, nicht durch Sterne, nicht durch
Engel oder ſonſt durch außerordentliche himmliſche
Erſcheinungen, ſondern durch Menſchen, und
zwar durch ſeine ſchon beſtehende Kirche, zu ſei⸗
nem lieben Sohne führen wolle, daß alſo die
Heidenmiſſion eine Kirchen-, eine Chriſten⸗
ſchuld ſei.
Es meinen in unſern Tagen leider! nur zu
viele, ſelbſt ſolche, denen man nicht alles Chriſten⸗
thum abſprechen kaun, daß die Heidenmiſſion
zwar ein löbliches Werk ſei, ein Werk aber, das
man ebenſo thun, wie laſſen und an dem man
ſich ebenſowohl betheiligen, wie unbetheiligt blei⸗
ben könne; und da es jetzt der Noth und der Be⸗
dürfniſſe mitten in der Chriſtenheit ſelbſt ſo viele
gebe, mehr, als gethan werden könne, ſo, meinen
viele, ſei die Miſſion eine Laſt, die man den Chri⸗
ſten in dieſen Nothzeiten nicht auch noch auflegen,
ein Werk, das man, um andere nöthige Dinge
nicht zu hindern, lieber jetzt unterlaſſen ſollte.
Aber, meine Lieben, ſolche Chriſten ſind im In⸗
thum. Die chriſtliche Kirche iſt und bleibt zu
jeder Zeit eine Schuldnerin der ganzen noch
außer Chriſto lebenden Welt. Sie ſoll nach Got⸗
tes Willen die fruchtbare Mutter ſein, aus deren
Schooß ihm immer mehr Kinder, wie der Thau
aus der Morgenröthe, auch aus den Heiden ge⸗
boren werden. Auf ihr liegt es, daß den Heiden
der himmliſche Stern des Wortes angezündet und
dieſelben nach Bethlehem gewieſen werden. Dies
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