Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 11 › Seite 83
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-01-19, Seite 83
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wird uns nicht nur durch unſere heutige Feſtge⸗
ſchichte wie durch ein lebendiges Bild vor die
Augen gemalt, die ganze heilige Schrift gibt da⸗
für Zeugniß in ausdrücklichen Worten.
Chriſtus ruft den Jüngern bei ſeinem Abſchied
von der Welt zu: „Gehet hin und lehret alle
Heiden und taufet ſie im Namen des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geiſtes. Wer da
glaubet und getauft wird, der wird ſelig werden;
wer aber nicht glaubt, der wird verdammet wer⸗
den. Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage, bis
an der Welt Ende.“ Mit dieſen Worten ſendet
Chriſtus zwar zunächſt die Apoſtel in alle Lande
aus und macht die ganze Menſchheit zu ihrem
Sprengel und Arbeitsfeld; aber ſie waren es kei⸗
neswegs allein, welchen dieſe Worte galten. Ja,
ſie ſtanden vielmehr hierbei, wie bei allen andern
Aufträgen und ihnen übergebenen Stiftungen
Chriſti, nur als die Wurzeln des von Chriſto ge⸗
pflanzten Baumes da, der endlich die ganze Welt
überſchatten und unter deſſen Zweigen alle Kinder
Gottes verſammelt werden ſollten. Kurz, ſie ſtan⸗
den da als die Repräſentanten der ganzen Kirche.
Die Kirche aller Zeiten war es daher eigentlich,
welcher Chriſtus dieſen Auftrag gab, die Kirche,
welcher er dieſe große Schuld auflegte; daher er
auch an den Befehl die Verheißung knüpfte:
„„Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage, bis an
der Welt Ende!“ Die heiligen Apoſtel ſind ja
geſtotben, und obgleich ſchon ſie die ganze Erde
mit dem Schall des Evangeliums erfüllt haben,
ſo ſind doch noch Millionen, und zwar bis dieſe
Stunde, übrig geblieben, die in Finſtern iß und
Schatten des Todes ſitzen. Das Wort: „Gehet
hin in alle Welt und lehret alle Heiden“, tönt
daher auch über den Gräbein der Apoſtel laut
mahnend fort in das Ohr der Kirche Chriſti und
wird ſchuldeinfordernd fort tönen, bis es keinen
Heiden mehr gibt, dem das Evangelium nicht
gepredigt würde, bis die beſtimmte Fülle der Hei⸗
den in Chriſti Reich eingegangen ſein wird, das
heißt, bis an den jüngſten Tag. Wer iſt aber
die Kirche? Sind das etwa die ſogenannten Geiſt⸗
lichen, Prieſter und Biſchöfe? Nein, das ſind alle
die gläubigen Chriſten. Euch alſo, ja euch, die
ihr durch einen lebendigen Glauben Glieder der
Kirche geworden ſeid, euch gilt das Wort des
HErrn: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle
Heiden“. In dem Augenblicke, da ihr in die
Kirche eintratet und ihrer ſeligen Vorrechte theil⸗
haftig wurdet, habt ihr auch euer Theil an der
allgemeinen Kirchenſchuld mit übernommen und
verſprochen, an dem Werke der heiligen Miſſion
mit zu arbeiten nach eurem Stand und Beruf,
nach euren Gaben und Kräften, ſo viel ihr ver⸗
mögei.
Doch, meine Theuren, dies Werk iſt nicht nur
darum eine Chriſtenſchuld, weil Chriſtus, ihr
HErr, dieſelbe ausdrücklich ihnen auferlegt hat;
ſelbſt wenn Chriſtus jenes Wort nicht geſprochen
hätte, ſo müßten Chriſten es dennoch für ihre
Schuld erkennen. Denn erſtlich, hat nicht jeder
Chriſt eine ewige Schuld der Liebe gegen ſeinen
Gott? — Könnte aber ein Chriſt ſagen, er liebe
Gott, wenn er ruhig zuſehen kann, wie der Feind
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Gottes, Satan, Millionen Menſchen, die für Gott
geſchaffen ſind, in ſeinem Reich und in ſeinen
Stricken hält? Könnte ein Chriſt ſagen, er liebe
Gott, wenn er ruhig zuſehen kann, wie noch
immer für Millionen Menſchen Gott umſonſt
das höchſte Wunder ſeiner Liebe gethan hat, um⸗
ſonſt für ſie ein Menſch geworden iſt, umſonſt für
ſie gelitten hat, umſonſt für ſie, als ein Wurm
im Staube liegend, blutigen Schweiß geſchwitzt
hat, umſonſt für ſie am Pfahle des Kreuzes ge⸗
ſtorben iſt, umſonſt ſie verſöhnt, erlöſ't und die
Seligkeit ihnen erworben hat? Könnte ein Chriſt
ſagen, er liebe Gott, wenn er ruhig zuſehen kann,
wie Millionen Menſchen von Gott nichts wiſſen.
und daher, anſtatt Gott zu dienen, der Sünde
und dem Satan dienen? anſtatt Gott zu loben,
dazu ſie geſchaffen ſind, ihn läſtern? anſtatt ſei⸗
nen Namen zu heiligen, ihn ſchänden? Nein,
ſo gewiß einem Chriſten die Liebe Gottes eine
Schuld bleibt, an der er fort und fort bis in alle
Ewigkeit abzuzahlen hat, ſo gewiß iſt ein Chriſt
auch fort und fort ſchuldig, an dem Werke der
Heidenmiſſion Theil zu nehmen, damit dem Sa⸗
tan, dem Feinde Gottes, ſein Reich zerſtört und
die Beute, die er Gott geraubt, ihm abgenommen,
Gottes Neich hingegen, das Reich des Lichtes,
der Gnade, der Gerechtigkeit, des Lebens und der
Seligkeit, gemehret und die ganze Erde immer
mehr ſeiner Erkenniniß und ſomit ſeines Lobes
und ſeiner Ehre voll werde. Du alſo, der du kein
Freund der Miſſion biſt, der du das Deine zur
Förderung dieſes Gott verherrlichenden Werkes
nicht beitragen willſt: du liebſt Gott noch nicht;
wo aber keine Liebe Gottes iſt, da iſt auch kein
Glaube; wo kein Glaube, da keine Gnade; wo
keine Gnade, da keine Seligkeit.
Doch ein Chriſt iſt nicht nur ſchuldig, ſeinen
Gott, ſondern auch ſeine Brüder zu lieben. Sind
aber die armen elenden Heiden nicht alle unſere
Brüder und Schweſtern nach dem Fleiſche? Hat
uns nicht Ein Gott geſchaffen? Haben wir nicht
Einen Stammvater und Eine Stamnmutter?
Sind ſie nicht alle Fleiſch von unſerem Fleiſche,
Blut von unſerem Blute und Bein von unſerem
Beine? Wie? können alſo Chriſten ſagen, daß
ſie die Brüder lieben, wenn ſie ruhig zuſehen
können, daß Millionen ihrer Brüder und Schwe⸗
ſtern ohne Gott, ohne Licht, ohne Gnade, ohne
Troſt in Leiden, ohne Hoffnung im Tode, in
Sünden, in Blindheit, in Gottes Zorn und Un⸗
gnade und in unausſprechlicher äußerer und in⸗
nerer Noth dahin gehen, endlich in Verzweiflung
dahin fahren, das Licht ninmermehr ſehen und ſo
nach Leib und Seele immer und ewig verloren
gehen? Nimmermehr! Wir ſprechen dem die
Bruderliebe ab, welcher ſeinen Bruder in eine
Waſſerfluth fallen und dadurch in Gefahr ſeines
irdiſchen Lebens kommen ſieht, und nicht eilt, ihm
die rettende Hand zu reichen: und der ſollte Bru⸗
derliebe in ſeinem Herzen tragen, der Millionen
ſeiner Brüder verſinken ſieht in die Fluth des
ewigen Todes, und ihnen auch nicht mit einem
Scherflein zu Hülfe eilen will? Wir ſprechen
dem die Bruderliebe ab, der des Bruders zeitliche
Habe vom Feuer ergriffen ſieht, und nicht eilt,
wo er kann, zu retten: und der ſollte Bruderliebe
in ſeinem Herzen tragen, der über die unſterblichen
Seelen von Millionen ſeiner Brüder die Gluth
eines nie verlöſchenden Feuers zuſammenſchlagen
ſieht, und nichts thun will, ſie herauszureißen?
Wir ſprechen dem die Bruderliebe ab, der den
Hungrigen ſein Brod nicht brechen, die, ſo im
Elend ſind, nicht in ſein Haus aufnehmen, und
den Nackenden nicht kleiden will: und der ſollte
Bruderliebe in ſeinem Herzen tragen, welcher
nichts thun will, daß Millionen von hungernden,
elenden und nackten Seelen das Brod des Lebens
gebrochen, das Kleid der Gerechtigkeit, die vor
Gott gilt, angethan und das ſelige Haus Gottes,
die Kirche, ihnen geöffnet werde? O eiſige Kälte,
die in Herzen ſein muß, welche kein Milleid bei
dem Anblicke des ewigen Elendes von Millionen
Brüdern erfüllt! O bis ans Wunderbare gren⸗
zende Liebloſigkeit, die lieber Millionen Brüder
ewig verderben ſehen laſſen kann, ehe ſie ſich auch
nur von einem Stückchen blinkenden Koth eine
Stunde eher trennen mag, als bis der Tod ſie
mit Gewalt auf ewig davon trennt! —
Doch ich zweifle nicht: ſo wenig ich euch bei
der Kürze der Zeit habe vorſtellen können, ihr
ſeid alle überzeugt, die Heidenmiſſion iſt eine
Chriſtenſchuld, und zwar eine Schuld, die Chriſtus
ſeinen Chriſten nicht nur ausdrücklich auferlegt
hat, ſondern die auch ſchon in der Schuld der Liebe
Gottes und der Brüder enthalten iſt, an welcher
ein Chriſt abzuzahlen hat — nicht nur ſo lange
die Zeit, ſondern ſelbſt ſo lange die Ewigkeit
währet.
II.
Laßt mich nun weiter gehen. Laßt mich euch
nun zweitens zeigen, daß die Heidenmiſſion ge⸗
rade inſonderheit für uns hier eine Schuld iſt,
deren Tilgung Gott jetzt ernſtlicher, als je, von
uns fordert.
Es hat Zeiten gegeben, wo Heidenmiſſion ein
bloßer frommer Wunſch der Chriſten war; Zeiten,
wo die Chriſten vergeblich ſich darnach ſehnten,
etwas zur Bekehrung der Heidenwelt beizutragen.
Es hat Zeiten gegeben, wo für die meiſten
Chriſten faſt alle Heidenländer wie feſt verſchloſſen
und verriegelt waren; wo Satan ganze Völker
und Erdtheile wie hinter unüberſteiglichen Boll⸗
werken in ungeſtörtem, unangefochtenem Beſitze
hatte. Da konnten die Chriſten nichts thun, als
ſeufzen, daß ſich Gott ihrer verlorenen Brüder
nach dem Fleiſche erbarmen und den verſchloſſenen
Eingang zu ihnen öffnen wolle. Dieſe Zeiten
ſind vorüber. Es gibt jetzt faſt kein Land und
Reich, zu welchem die Chriſten nicht einen freien
Zutritt hätten. Ein immer ausgedehnter gewor⸗
dener Welthandel mit irdiſchen Gütern hat die
Pforten aller Reiche der Welt und aller Inſeln
des Meeres den Chriſten mit ihren himmliſchen
Schätzen aufgethan; die immer ſchneller gewor⸗
dene Schifffahrt hat die Länder einander näher
gerückt; die Scheidewand der Sprachen iſt mehr
und mehr gefallen; an Macht, Reichthum und
Geſittung übertreffen jetzt die Nationen der Chri⸗
ſtenheit alle anderen Nationen der Erde. Die
Welt ahnt es freilich nicht, daß alle dieſe großen
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