# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 01 19_S85 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſpricht, — das ſcheint bedenklich. „Wenn nur nichts Verkehrtes zu Tage kommt! Wenn nur die Liebe nicht verletzt und die Hoffnung künftiger wahrer Einigung der getrennten Kirchenpartheien nicht gehindert wird!“ — Sei ruhig, lieber Leſer! Fürchte nichts! Höre die Antwort und prüfe aus ihr die Frage. Erſcheint dir nach ruhiger Prüfung der Antwort die Frage aus einem fanatiſchen Geiſte entſprungen zu ſein, ſo kannſt du ja das Blatt bei Seite legen, und wir haben dennoch Frieden. Ich habe nicht vor, eine Lärmpoſaune zu blaſen. Es gilt hie nicht Streit, ſondern Frieden, nicht Beleidigung derer, die anders den⸗ ken, ſondern bloß die Treue gegen das, was wir haben, und die Erfüllung des heiligen Gebotes: „Behalte, was du haſt, auf daß dir niemand deine Krone nehme.“ Auch gilt es nicht eigen⸗ ſinniges Beharren bei dem Alten. Wir wollen nicht wehmüthig dem Abendroth nachweinen, wenn bereits Morgenroth auf den Bergen liegt. Nur das ſagen und weiſſagen wir, daß die Sonne, die aufgeht, keine andre iſt, als die geſtern unter⸗ ging, auch wenn der neue Tag keinen Regen und Wind wie der geſtrige mitbringt. „IEſus Chri⸗ ſtus geſtern und heute und derſelbe in Ewigkeit!“ Dalbei bleibt es. — Alſo, lieber Leſer, laß mich antworten und prüfe die Antwort. I. Wir bekennen uns zur evangeliſch— lutheriſchen Kirche: 19 Nicht weil ſie Luthers Namen trägt. Luthers Name iſt mir lieb und werth, und ich danke Gott, daß es einen Luther gab. Ich will mich auch ſeines Namens nicht ſchämen und mich lutheriſch nennen, ſo lange ich mich ohne Mißverſtand nicht nennen kann, was ich doch bin, einen Chriſten im echten und rechten Sinne des Worts (katho⸗ liſc). Aber ich bin nicht auf Luther getauft, habe auch nie auf Luthers Worte geſchworen, weiß im Gegentheil, daß die lutheriſche Kirche manches nicht nachſagt, was Luther geſagt hat. Man hat auch nie verkannt, daß der Name „evangeliſch“ bei weitem ſchöner iſt, als der Name lutheriſch'. Wir würden uns auch ohne weite⸗ res „evangeliſch“ nennen, wenn ſich nicht neuer⸗ dings in Deutſchland die Unirten und Andere, in Amerika die ⸗Rationaliſten dieſen Namen ange⸗ maßt hätten. Deſto weniger können wir uns gegenwärtig des Namens „lutheriſch“ entſchlagen. Aus dieſem Grunde ſagen wir auch nicht „apoſto⸗ liſch“, weil alle Secten ſelbſt ihre unbibliſchen Lehren und Anſichten von den Apoſteln herleiten; wer übrigens evangeliſch ſagt, will damit ſchon apoſtoliſch ſagen. Ich bekenne mich nicht zur evangeliſch-wiedertäuferiſchen, nicht zur evange⸗ liſch⸗methodiſtiſchen, nicht zur evangeliſch⸗biſchöf⸗ lichen; und da man das Evangelium nicht ganz der römiſch- päbſilichen Kirche an vielen Orten und in manchen ihrer Diener abſprechen kann, ſo bekenne ich mich doch nicht zu ſolcher evange⸗ liſch⸗päbſtlichen Kirche, darum daß ſie nicht ganz vom Heiligen Geiſt verlaſſen iſt; ich bekenne mich noch weniger zu den „evangeliſch“ (I0 ſich nennenden und doch ungläubig ſich verhaltenden, 85 ſogenannten freien Kirchen Deutſchlands und Amerika's; ich bekenne mich auch nicht zu der, von der falſchen Liebe, welche der Wahrheit ſich nicht freut in allen göttlichen Dingen, gerühmten Unions⸗ oder Miſchmaſch-Kirche in Preußen und andern Orten; ich bekenne mich auch nicht zu der oder vielmehr zu den reformirten Kirchen: ich bekenne mich zur evangeliſch-lutheriſchen Kirche; Evangeliſch iſt mein Name, und nur zur Unter⸗ ſcheidung im jetzigen Babelbau der chriſtlichen und antichriſtlichen Secten iſt „lutheriſch“ mein Beiname; und zwar weder lutheriſch nach der neuen Mode, noch alt-lutheriſch nach dem Schimpfnamen der Feinde. Doch iſt es und bleibt es wahr: Der Name iſt es nicht, weßhalb ich der evangeliſch-lutheriſchen Kirche meine Treue widme. Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche: 2) Nicht um der äußerlichen Geſtalt willen, die ſie in unſern Tagen hat. Sie hat unſchätzbare Güter, um deren willen ich ihr anhange. Aber ihre Geſtalt, ihre Erſchei⸗ nung vor der Welt, das geſiehe ich, iſt eine Knechts⸗ geſtalt faſt überall. Weil ſie ſo reich iſt an inner⸗ lichen Gütern, hat ſie von Anfang an verſäumt, ihrer Geſtalt wahrzunehmen. Es iſt wohl wahr, die Menſchen ſollten nicht auf die äußerliche Geſtalt, ſondern auf den in⸗ nern, geiſtigen Beſitz ſehen. Aber ſo ſind eben die Menſchen und man muß mit ihnen Mitleid haben und ihnen das Finden der ewigen Güter erleichtern. Es ſind der Schwachen gar viele, welche einer menſchlichen Führung und angeneh⸗ mer, einladender Formen bedürfen, um zur himm⸗ liſchen Wahrheit zu kommen. Wenn die luthe⸗ riſche Kirche die ihrer innern Würde entſprechende Verfaſſung und äußere Geſtalt hätte, ſo würden ſich viele edle Seelen längſt aus der römiſchen Kirche zu ihr verſammelt haben; nun aber wiſſen ſie wohl, was ſie verlaſſen, aber ſie erkennen nicht, wohin ſie gehen ſollen. Verfaſſung und Form ſind für die, welche draußen ſind, wie lockende Pforien zu den weſentlichen Gütern der Kirche, — und am Ende iſt's auch wahr, daß die heiligſte und reichſte Kirche auch Beruf hat, die ſchönſte nach außen hin zu ſein. — Ach, und gerade da fehlt es der evan⸗ geliſch⸗lutheriſchen Kirche ſo ſehr! Sie iſt ſo ge⸗ beugt und ihr Gewand iſt ſo ärmlich! Und das hindert ſie ſo ſehr in ihrem Berufe, den ſie hat, nach außen hin zum Segen der Welt zu wirken! — Ich hange ihr von ganzer Seele an, aber ſie muß gewaltige, große innere Vorzüge haben, das kann ich dir, Leſer, ſagen! Sonſt würde ich mich nicht zu ihr bekennen. Ihre Verfaſſung und äußere Form würden mich eher von dannen ſcheu⸗ chen; um ihretwillen würde ich mich nicht zur lutheriſchen Kirche bekennen. Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche: 3) Nicht, weil ich in ihrer Mitte geboren und erzogen, von ihren Dienern getauft, unterrichtet, confirmirt, abſolvirt, mit Chriſti Leib und Blut geſpeiſ't und getränkt, zum Amte eingeſegnet ꝛc. bin. Alles das ſind unausſprechliche Wohlthaten; aber ſie ſind es größtentheils nur, wenn eben die lutheriſche Kirche die rechte iſt. Wenn ſie's nicht iſt, kann mich das alles an ſie nicht feſſeln. Dann iſt es nur Beweis, daß man auch in ihr von Gott nicht völlig verlaſſen, daß auch in ihr noch manche göttliche Wohlthat zu finden iſt. Ich bekenne mich aber zur evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche, nicht bloß darum, weil ſie nicht vollig verlaſſen iſtl. II.— Wir bekennen uns zur evangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche: ö 1) Um ihres Kleinods willen. Die evange⸗ liſch⸗lutheriſche Kirche hat manches nicht, was ich ihr wünſche; aber ſie hat etwas, was ſie bei allen Mängeln, an denen ſie leidet, doch zur wahren Kirche macht, zur Roſe unter den Dornen, — um deſſen willen ich es leicht und ſchön finde, ihr in ihrem äußerlichen Elend treu zu ſein. Weißt du, was ich meine? Ich meine ihr durchaus reines Bekenntniß und ihre dem Be⸗ kenntniß gemäße reine Lehre. Wer hat je nachgewieſen, daß ihr Bekenntniß in irgend einem Lehrpunkt falſch ſei? Ich meine unter ihrem Bekenntniß nicht bloß die Augs⸗ burgiſche Confeſſion, ſondern die ganze Concordia, von der Augsburgiſchen Con⸗ feſſion bis zur Concordienformel. Du kennſt dieſe Schriften nicht, lieber Leſer, ſonſt wür⸗ deſt du mit mir übereinſtimmen. Lerne ſie ken⸗ nen, ſo wirſt du übereinſtimmen. Was iſt ſchöner, lieblicher, kräftiger und mun⸗ terer, als Luthers großer und kleiner Kate⸗ chismus? Was iſt bibliſcher, als die Augsburgiſche Confeſſion und ihre Apologie? Was iſt überlegter und tapferer, als die Schmalkaldiſchen Artikel? Und was iſt mehr mit Unrecht verläſtert, als die ſchöne Eintrachtsformel in ihrer reinlichen, aber milden Begränzung aller Lehren? Leſer, ich wieverhole dirs, du kennſt die Glau⸗ bensbekenntniſſe deiner Kirche nicht. Lerne ſie kennen, auf daß du wiſſeſt, warum du deiner Kirche anhangſt. Die Lehre geht weiter als das Bekenntniß, aber deshalb wird ſie dem Bekenntniß nicht entfremdet! Ich ſcheide drum wohl zwiſchen Schrift und Be⸗ kenntniß, zwiſchen Bekenntniß und Lehre, aber ich freue mich der großen, reichen, alle Winkel menſch⸗ licher Verhältniſſe erleuchtenden Lehre der luthe⸗ riſchen Kirche. Ich wüßte nicht, wo in aller Welt voller, reicher, reiner, milder und einfältiger Gottes Wort von Menſchenlippen gefloſſen wäre, als in der lutheriſchen Kirche, als von den Lippen ihrer Lehrer, namentlich jener großen, unübertrof⸗ fenen Lehrer, die gleichzeitig mit und bald nach der Concordienformel (1580) lebten. Ich nenne ſtatt vieler einen, den großen Johannes Ger⸗ hard. Von ihm und ihm ähnlichen Lehrern bekenne ich, daß mich neben dem Bekenntniß nichts ö ö