# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 01 19_S83 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wird uns nicht nur durch unſere heutige Feſtge⸗ ſchichte wie durch ein lebendiges Bild vor die Augen gemalt, die ganze heilige Schrift gibt da⸗ für Zeugniß in ausdrücklichen Worten. Chriſtus ruft den Jüngern bei ſeinem Abſchied von der Welt zu: „Gehet hin und lehret alle Heiden und taufet ſie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes. Wer da glaubet und getauft wird, der wird ſelig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammet wer⸗ den. Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Mit dieſen Worten ſendet Chriſtus zwar zunächſt die Apoſtel in alle Lande aus und macht die ganze Menſchheit zu ihrem Sprengel und Arbeitsfeld; aber ſie waren es kei⸗ neswegs allein, welchen dieſe Worte galten. Ja, ſie ſtanden vielmehr hierbei, wie bei allen andern Aufträgen und ihnen übergebenen Stiftungen Chriſti, nur als die Wurzeln des von Chriſto ge⸗ pflanzten Baumes da, der endlich die ganze Welt überſchatten und unter deſſen Zweigen alle Kinder Gottes verſammelt werden ſollten. Kurz, ſie ſtan⸗ den da als die Repräſentanten der ganzen Kirche. Die Kirche aller Zeiten war es daher eigentlich, welcher Chriſtus dieſen Auftrag gab, die Kirche, welcher er dieſe große Schuld auflegte; daher er auch an den Befehl die Verheißung knüpfte: „„Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“ Die heiligen Apoſtel ſind ja geſtotben, und obgleich ſchon ſie die ganze Erde mit dem Schall des Evangeliums erfüllt haben, ſo ſind doch noch Millionen, und zwar bis dieſe Stunde, übrig geblieben, die in Finſtern iß und Schatten des Todes ſitzen. Das Wort: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Heiden“, tönt daher auch über den Gräbein der Apoſtel laut mahnend fort in das Ohr der Kirche Chriſti und wird ſchuldeinfordernd fort tönen, bis es keinen Heiden mehr gibt, dem das Evangelium nicht gepredigt würde, bis die beſtimmte Fülle der Hei⸗ den in Chriſti Reich eingegangen ſein wird, das heißt, bis an den jüngſten Tag. Wer iſt aber die Kirche? Sind das etwa die ſogenannten Geiſt⸗ lichen, Prieſter und Biſchöfe? Nein, das ſind alle die gläubigen Chriſten. Euch alſo, ja euch, die ihr durch einen lebendigen Glauben Glieder der Kirche geworden ſeid, euch gilt das Wort des HErrn: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Heiden“. In dem Augenblicke, da ihr in die Kirche eintratet und ihrer ſeligen Vorrechte theil⸗ haftig wurdet, habt ihr auch euer Theil an der allgemeinen Kirchenſchuld mit übernommen und verſprochen, an dem Werke der heiligen Miſſion mit zu arbeiten nach eurem Stand und Beruf, nach euren Gaben und Kräften, ſo viel ihr ver⸗ mögei. Doch, meine Theuren, dies Werk iſt nicht nur darum eine Chriſtenſchuld, weil Chriſtus, ihr HErr, dieſelbe ausdrücklich ihnen auferlegt hat; ſelbſt wenn Chriſtus jenes Wort nicht geſprochen hätte, ſo müßten Chriſten es dennoch für ihre Schuld erkennen. Denn erſtlich, hat nicht jeder Chriſt eine ewige Schuld der Liebe gegen ſeinen Gott? — Könnte aber ein Chriſt ſagen, er liebe Gott, wenn er ruhig zuſehen kann, wie der Feind 83 Gottes, Satan, Millionen Menſchen, die für Gott geſchaffen ſind, in ſeinem Reich und in ſeinen Stricken hält? Könnte ein Chriſt ſagen, er liebe Gott, wenn er ruhig zuſehen kann, wie noch immer für Millionen Menſchen Gott umſonſt das höchſte Wunder ſeiner Liebe gethan hat, um⸗ ſonſt für ſie ein Menſch geworden iſt, umſonſt für ſie gelitten hat, umſonſt für ſie, als ein Wurm im Staube liegend, blutigen Schweiß geſchwitzt hat, umſonſt für ſie am Pfahle des Kreuzes ge⸗ ſtorben iſt, umſonſt ſie verſöhnt, erlöſ't und die Seligkeit ihnen erworben hat? Könnte ein Chriſt ſagen, er liebe Gott, wenn er ruhig zuſehen kann, wie Millionen Menſchen von Gott nichts wiſſen. und daher, anſtatt Gott zu dienen, der Sünde und dem Satan dienen? anſtatt Gott zu loben, dazu ſie geſchaffen ſind, ihn läſtern? anſtatt ſei⸗ nen Namen zu heiligen, ihn ſchänden? Nein, ſo gewiß einem Chriſten die Liebe Gottes eine Schuld bleibt, an der er fort und fort bis in alle Ewigkeit abzuzahlen hat, ſo gewiß iſt ein Chriſt auch fort und fort ſchuldig, an dem Werke der Heidenmiſſion Theil zu nehmen, damit dem Sa⸗ tan, dem Feinde Gottes, ſein Reich zerſtört und die Beute, die er Gott geraubt, ihm abgenommen, Gottes Neich hingegen, das Reich des Lichtes, der Gnade, der Gerechtigkeit, des Lebens und der Seligkeit, gemehret und die ganze Erde immer mehr ſeiner Erkenniniß und ſomit ſeines Lobes und ſeiner Ehre voll werde. Du alſo, der du kein Freund der Miſſion biſt, der du das Deine zur Förderung dieſes Gott verherrlichenden Werkes nicht beitragen willſt: du liebſt Gott noch nicht; wo aber keine Liebe Gottes iſt, da iſt auch kein Glaube; wo kein Glaube, da keine Gnade; wo keine Gnade, da keine Seligkeit. Doch ein Chriſt iſt nicht nur ſchuldig, ſeinen Gott, ſondern auch ſeine Brüder zu lieben. Sind aber die armen elenden Heiden nicht alle unſere Brüder und Schweſtern nach dem Fleiſche? Hat uns nicht Ein Gott geſchaffen? Haben wir nicht Einen Stammvater und Eine Stamnmutter? Sind ſie nicht alle Fleiſch von unſerem Fleiſche, Blut von unſerem Blute und Bein von unſerem Beine? Wie? können alſo Chriſten ſagen, daß ſie die Brüder lieben, wenn ſie ruhig zuſehen können, daß Millionen ihrer Brüder und Schwe⸗ ſtern ohne Gott, ohne Licht, ohne Gnade, ohne Troſt in Leiden, ohne Hoffnung im Tode, in Sünden, in Blindheit, in Gottes Zorn und Un⸗ gnade und in unausſprechlicher äußerer und in⸗ nerer Noth dahin gehen, endlich in Verzweiflung dahin fahren, das Licht ninmermehr ſehen und ſo nach Leib und Seele immer und ewig verloren gehen? Nimmermehr! Wir ſprechen dem die Bruderliebe ab, welcher ſeinen Bruder in eine Waſſerfluth fallen und dadurch in Gefahr ſeines irdiſchen Lebens kommen ſieht, und nicht eilt, ihm die rettende Hand zu reichen: und der ſollte Bru⸗ derliebe in ſeinem Herzen tragen, der Millionen ſeiner Brüder verſinken ſieht in die Fluth des ewigen Todes, und ihnen auch nicht mit einem Scherflein zu Hülfe eilen will? Wir ſprechen dem die Bruderliebe ab, der des Bruders zeitliche Habe vom Feuer ergriffen ſieht, und nicht eilt, wo er kann, zu retten: und der ſollte Bruderliebe in ſeinem Herzen tragen, der über die unſterblichen Seelen von Millionen ſeiner Brüder die Gluth eines nie verlöſchenden Feuers zuſammenſchlagen ſieht, und nichts thun will, ſie herauszureißen? Wir ſprechen dem die Bruderliebe ab, der den Hungrigen ſein Brod nicht brechen, die, ſo im Elend ſind, nicht in ſein Haus aufnehmen, und den Nackenden nicht kleiden will: und der ſollte Bruderliebe in ſeinem Herzen tragen, welcher nichts thun will, daß Millionen von hungernden, elenden und nackten Seelen das Brod des Lebens gebrochen, das Kleid der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, angethan und das ſelige Haus Gottes, die Kirche, ihnen geöffnet werde? O eiſige Kälte, die in Herzen ſein muß, welche kein Milleid bei dem Anblicke des ewigen Elendes von Millionen Brüdern erfüllt! O bis ans Wunderbare gren⸗ zende Liebloſigkeit, die lieber Millionen Brüder ewig verderben ſehen laſſen kann, ehe ſie ſich auch nur von einem Stückchen blinkenden Koth eine Stunde eher trennen mag, als bis der Tod ſie mit Gewalt auf ewig davon trennt! — Doch ich zweifle nicht: ſo wenig ich euch bei der Kürze der Zeit habe vorſtellen können, ihr ſeid alle überzeugt, die Heidenmiſſion iſt eine Chriſtenſchuld, und zwar eine Schuld, die Chriſtus ſeinen Chriſten nicht nur ausdrücklich auferlegt hat, ſondern die auch ſchon in der Schuld der Liebe Gottes und der Brüder enthalten iſt, an welcher ein Chriſt abzuzahlen hat — nicht nur ſo lange die Zeit, ſondern ſelbſt ſo lange die Ewigkeit währet. II. Laßt mich nun weiter gehen. Laßt mich euch nun zweitens zeigen, daß die Heidenmiſſion ge⸗ rade inſonderheit für uns hier eine Schuld iſt, deren Tilgung Gott jetzt ernſtlicher, als je, von uns fordert. Es hat Zeiten gegeben, wo Heidenmiſſion ein bloßer frommer Wunſch der Chriſten war; Zeiten, wo die Chriſten vergeblich ſich darnach ſehnten, etwas zur Bekehrung der Heidenwelt beizutragen. Es hat Zeiten gegeben, wo für die meiſten Chriſten faſt alle Heidenländer wie feſt verſchloſſen und verriegelt waren; wo Satan ganze Völker und Erdtheile wie hinter unüberſteiglichen Boll⸗ werken in ungeſtörtem, unangefochtenem Beſitze hatte. Da konnten die Chriſten nichts thun, als ſeufzen, daß ſich Gott ihrer verlorenen Brüder nach dem Fleiſche erbarmen und den verſchloſſenen Eingang zu ihnen öffnen wolle. Dieſe Zeiten ſind vorüber. Es gibt jetzt faſt kein Land und Reich, zu welchem die Chriſten nicht einen freien Zutritt hätten. Ein immer ausgedehnter gewor⸗ dener Welthandel mit irdiſchen Gütern hat die Pforten aller Reiche der Welt und aller Inſeln des Meeres den Chriſten mit ihren himmliſchen Schätzen aufgethan; die immer ſchneller gewor⸗ dene Schifffahrt hat die Länder einander näher gerückt; die Scheidewand der Sprachen iſt mehr und mehr gefallen; an Macht, Reichthum und Geſittung übertreffen jetzt die Nationen der Chri⸗ ſtenheit alle anderen Nationen der Erde. Die Welt ahnt es freilich nicht, daß alle dieſe großen