Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 4 › Seite 26

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-10-13, Seite 26

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Loge · Loge 4 · Loge 6

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Wittwen und Waiſen aufs Beſte unterſtützt?
Kann nicht ein Bruder allenthalben in den ent⸗
fernteſten Gegenden, wo nur Brüder ſind, auf die
freundſchaftlichſte Aufnahme und bereitwilligſte
Durchhülfe rechnen?

P. Ja, nachdem er's ſich ſein gutes baares
Geld hat koſten laſſen. Sag mir doch, Carl, wenn
du jenem Bäcker einen Fip hinlegſt, und er dir
ein Brot dafür gibt, würdeſt du dich wohl auf
die Straße hinſtellen, und alle Welt zuſammen⸗
rufen, und ausſchreien: Nun ſeht doch, was der
Bäcker für ein Mann iſt; nein, ſolche Leute hat
man doch noch nicht angetroffen. Die Pfaffen
ſchwatzen nun ſchon ſo lange von Liebe, aber hier
iſt der Mann, der die Liebe ausübt! Denkt nur,
und erſtaunt! ich gebe dem Mann einen Fip, und
er — Nein, man kann ſolche Liebe gar nicht aus⸗
ſprechen — er gibt mir ein Fipbrot dafür!

C. Nimm mir's nicht übel, die Frage iſt abge⸗
ſchmackt und albern!

P. Gewiß! und ſo ſind eure Geſellſchaften mit
ihrer Liebespoſaune, und noch ein gut Theil
ſchlimmer!

C. Aber wie kannſt du nur unſere Geſellſchaf⸗
ten mit dem Bäcker vergleichen?

P. Da haſt du wieder recht, ich hätt's nicht
thun ſollen, denn ich thu dem Bäcker damit Un⸗
recht. Denn kein Bäcker wird ſolch ein⸗hart Herz
haben, wenn ein armer hungriger Mann käme,
und bäte ihn um Brot, ſagte aber, er habe nicht
mehr, als drei Cents, daß er ihm nicht das Fip⸗
brot dafür gäbe, und wahrſcheinlich ſchenkte er ihm
die drei Cents noch obendrein. Solche Liebe wäre
aber bei euch eine pure Narrheit, da wüßt ihr's
klüger anzufangen; ihr gebt kein Brot heraus,
wenn nicht das Geld erſt in eurer Taſche ſteckt,
mag der Mann verhungern, wenn er's nicht laſſen
kann, was geht das eure chriſtliche Liebe anꝰ

C. Da thuſt du uns ſchreiendes Unrecht.

2 P. Unrecht? Wem erweiſet ihr denn eure Liebe
und Wohlthätigkeit? Dem, und keinem andern, der
euch dafür mit ſeinem blanken Gelde bezahlt, und
von dem ihr hoffen könnt, daß ihr erſt einen tüch⸗
tigen Profit an ihm machen werdet, ehe eure Liebe
und Unterſtützung in Anſpruch genommen wird.
Sonſt iſt eure Liebe nicht zu Hauſe. Nehmt ihr
je einen kränklichen Menſchen auf; oder einen ſol⸗
chen, der ein gewiſſes Alter überſchritten hat, es
ſei denn, daß er extra dafür bezahle? Muß nicht
der Beitrag auf das Genaueſte bezahlt werden,
und iſt nicht der Mann von aller Liebe und Wohl⸗
thätigkeit nach euren Statuten ausgeſchloſſen, der
über eine beſtimmte Zeit mit ſeinen Beiträgen
ausgeblieben? Das iſt eine vortreffliche Liebe,
die die Kranken und Alten und Armen ausſchließt,
und nur ſolche Leute aufnimmt, von denen man
varausſieht, daß man recht lange die Beiträge
ziehen kann! Eure Liebe hat den Grundſatz:
„Die Liebe ſucht das Ihre“, und das ſoll—
tet ihr in eure Fahnen ſticken laſſen. Eure Liebe
hörtda auf, wo diechriſtliche Liebe an—
fängt; ja es wäre zum Lachen, wenn es nicht
zum Tollwerden wäre. Eure Liebe ſteht ja nicht
in eurem Willen, ſondern wenn es euch etwa ein⸗
mal einfiele, einen „Bruder“ nicht zu lieben, ſo

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ging er vors Gericht, und verklagte euch, und da
müßtet ihr „lieben und wohlthätig ſein“, oder
der Conſlabel lehrts euch. Von der andern Seite
zeigt ſich wieder eure Liebe ſo vorſichtig, und (ver⸗
teufelt) ſcrupulös, daß wenn nun ein „Bruder“
krank wird, ihr alle Naſelang eure Aufpaſſer hin⸗
ſchickt, um ihm nach dem Puls zu fühlen, oder
auszuſpähen, ob er auch etwa aus gehe oder arbeite,
und ſo euch uin euren Beitrag, wollte ſagen Liebe
und Wohlthätigkeit, betrüge. Wie tröſtlich muß
eine ſolche beſorgliche und theilnehmende Liebe ſein
für den Kranken!

C. Wie kann dir das ſo auffallend ſein? Wie
ſollten denn die Geſellſchaften beſtehen, und ihre
heiligen Liebeszwecke erreichen können, wenn ſie
kränkliche und altersſchwache Leute aufnähmen,
und jedem Faulpelz oder Gauner das Geld ins
Haus brächten, der ſich blos für krank ausgäbe,
um im Bette ſich füttern zu laſſen?

P. Und ich frage dagegen: Wie könnt ihr das
Liebe und Wohlthätigkeit nennen, wo diejenigen
davon ausgeſchloſſen werden, die es am meiſten
bedürfen, und nur diejenigen der Liebe werth ge⸗
achtet, von denen man vorausſieht, daß ſie nicht
eher der Liebe bedürfen werden, ehe ſie nicht ſchon
ein Bedeutendes bezahlt haben. Wie kann man
das Liebe und Wohlthätigkeit nennen, um welche
ich nicht zu bitten noch zu danken habe, ſondern
die ich mit meinem guten Geld bezahle, und,
wenn's darauf ankommt, als mein gutes Recht
gerichtlich einklagen kann? Ich weiß wahrlich
nicht, ob ich mich mehr über eure Unverſchämtheit
wundern ſoll, womit ihr der Welt weis machen
wollt, daß euer Treiben Liebe ſei, oder über die
Dummheit der Leute, die ſich das weis machen,
und bei der Naſe herumführen laſſen. Denn mit
euren Geſellſchaften iſts doch nur eben ſo, um mich
recht deutlich auszudrücken: Hans hält nicht viel
auf den lebendigen Gott, deſto mehr aber auf ein
gut angelegtes Capital, denn das kann er ſehen,
und damit kann man hier zu Lande ſchon etwas
ordentliches anfangen. Er denkt nun ſo: Ich bin
halt ein Arbeiter und verdiene ſo und ſo viel
die Woche, da kann ich und mein Weib und Kind
von leben; aber es iſt ein wunderlich Land hier,
wenn ich nicht arbeiten kann, ſo hab ich auch kein
Geld, da kann ich den Hauszins nicht bezahlen,
kein Brot kaufen u. ſ. w. Nun könnt' ſich's aber
treffen, daß ich krank würde, dann ging mir's
ſchlecht, wo ſollt 's Eſſen herkommen? In ſolchen
Gedanken vertieft, trifft er den Kunz, und dem
leuchtet es auch ein. Da ſetzen ſie ſich hin, und
denken darüber nach, ob's nicht beſſer wäre, wenn
ſie alle Woche ein Beſtimmtes von ihrem Lohn
zurücklegten, damit ſie in der Noth was haben.
Weil ſie aber nicht ſicher ſind, daß ſie es in ge⸗
ſunden Tagen nicht angreifen, ſo kommen ſie auf
den natürlichen Gedanken, noch mehr gute Freunde
zuſammen zu bringen, und eine gemeinſchaftliche
Caſſe zu errichten, wo keiner für ſich beikommen
kann, denn ſonſt würde man zu bald auf den
Grund kommen. Da verpflichten ſie ſich denn,
daß ſie monatlich ſo und ſo viel in die Caſſe legen,
und das Kapital auf Zinſen austhun wollen, und
wenn jemand von ihnen krank wird, ſoll er

ſo und

ſo viel Unterſtützungsgelder haben, und auch ſeine
Wittwe, wenn er ſterben ſollte, eine beſtimmtt
Summe. Nun iſt Hans guter Dinge, es mag
kommen, wie es will, er iſt geborgen, und für ſein

Weib und Kind braucht er nun auch nichts wei⸗

ter zurückzulegen, denn wird er krank, ſo kriegt er
Geld, ſtirbt er, ſo hat die Familie auch was.

C. Und iſt das denn ſo etwas Abſcheuliches,
daß ich, wenn Gott mich mit mehr ſegnet, als ich
für den Augenblick gebrauche, die Brocken ſammle,
damit ich zur Zeit der Noth auch etwas habe?

P. Durchaus nicht, der HErr hat auch die

Brocken geſammelt, und der Vater im Himmel,
bei aller ſeiner Freigebigkeit, womit er die Natur
ausgeſchmückt, und für die Creatur geſorgt hat, iſt
dennoch ſehr ſparſam und läßt in ſeinem Haushalt
nichts umkommen.

C. Warum tadelſt du denn uns?

P. Sichenlich nicht darum, daß ihr die Broken 4

zurücklegt für die Zeit der Noth. Ihr könnt auch
meinetwegen in die Sparkaſſen legen; wüßte auch
eben nicht, ob etwas gegen eine Unterſtützungsge⸗
ſellſchaft einzuwenden wäre, wenn man nur nicht
ſein Vertrauen darauf ſetzt, und aus Geiz ſich der
Abhülfe der Armuth entzieht; aber das iſt das
Abſcheuliche, daß ihr, nachdem ihr doch nur für
euren Nutzen geſorgt, die Poſaune an den

Mund ſetzt, durch die Straßen zieht, und in ale

Welt hineinſchreit, daß eure Geſellſchaften der
Ausbund der chriſtlichen Liebe ſeien, wovon nichts
Aehnliches bis dato exiſtirt habe! Und weil die
Welt ſo dumm nicht iſt, daß ſie nicht einſehen
könnte, daß das ein gut Ding iſt, ſeinen Profit zu

ziehen, und dabei noch den Ruhm einer beſondem

Liebe und Wohlthätigkeit in den Kauf zu kriegen,
auch noch der koſtbare Aufwand, Geheimnißkrä⸗
merei, Anſehen und gute Kundſchaft unter den
Brüdern, und Macht des Zu ſammenhaltens dazu
kommt, ſo iſt keiner ſolch ein Narr, daß er zurück⸗
bliebe, und da iſt auf einmal die Welt Eine große
Liebesarmee, und das goldene Zeitalter der Liebe
eingebrochen. Unterdeſſen hört ein ſchwacher kränk⸗
licher Mann von der neuen entſetzlich großen Liebe,
und denkt, ſolche heilige Leute können und werden
mir helfen. Er kommt und klagt ſein Leid, bittet
um Gottes willen ihn aufzunehmen, damit er in
der Zeit der Noth auch etwas habe, und ſeine
Wittwe und Waiſen auch, wenn er ſterbe; da fällt
aber die heilige Liebe zu Boden, und der heilige
Bruderbund ſpricht: Du alberner Narr, wie
kannſt du uns für ſo dumm halten, daß wir dich
ſollten aufnehmen? Du könnteſt ja in den erſten
Wochen krank werden, und da müßten wir dich
für deinen Spottbeitrag vielleicht ein ganzes Jahr
unterhalten, und wenn du dann ſtürbeſt, deiner
Wittwe auch noch einige hundert Thaler geben,
das wäre ein ſchöner Profit, da würden wir bald
aufhören müſſen, „die heiligen Zwecke der Liebe
und Wohlthätigkeit“ zu erfüllen, die der heilige
Bruderbund ſich vorgeſetzt, — und damit laßt ihr
den armen Menſchen in ſeinem nagenden Kummer

gehen, ſteckt ihm vielleicht einige Thaler in die
Hand, die auf jedes Glied einige Cents bringen,

damit ihr doch nicht ganz in Mißeredit kommt,

und zieht wieder durch die Straßen und ſchreit: ö

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