# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 10 13_S26 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Wittwen und Waiſen aufs Beſte unterſtützt? Kann nicht ein Bruder allenthalben in den ent⸗ fernteſten Gegenden, wo nur Brüder ſind, auf die freundſchaftlichſte Aufnahme und bereitwilligſte Durchhülfe rechnen? P. Ja, nachdem er's ſich ſein gutes baares Geld hat koſten laſſen. Sag mir doch, Carl, wenn du jenem Bäcker einen Fip hinlegſt, und er dir ein Brot dafür gibt, würdeſt du dich wohl auf die Straße hinſtellen, und alle Welt zuſammen⸗ rufen, und ausſchreien: Nun ſeht doch, was der Bäcker für ein Mann iſt; nein, ſolche Leute hat man doch noch nicht angetroffen. Die Pfaffen ſchwatzen nun ſchon ſo lange von Liebe, aber hier iſt der Mann, der die Liebe ausübt! Denkt nur, und erſtaunt! ich gebe dem Mann einen Fip, und er — Nein, man kann ſolche Liebe gar nicht aus⸗ ſprechen — er gibt mir ein Fipbrot dafür! C. Nimm mir's nicht übel, die Frage iſt abge⸗ ſchmackt und albern! P. Gewiß! und ſo ſind eure Geſellſchaften mit ihrer Liebespoſaune, und noch ein gut Theil ſchlimmer! C. Aber wie kannſt du nur unſere Geſellſchaf⸗ ten mit dem Bäcker vergleichen? P. Da haſt du wieder recht, ich hätt's nicht thun ſollen, denn ich thu dem Bäcker damit Un⸗ recht. Denn kein Bäcker wird ſolch ein⸗hart Herz haben, wenn ein armer hungriger Mann käme, und bäte ihn um Brot, ſagte aber, er habe nicht mehr, als drei Cents, daß er ihm nicht das Fip⸗ brot dafür gäbe, und wahrſcheinlich ſchenkte er ihm die drei Cents noch obendrein. Solche Liebe wäre aber bei euch eine pure Narrheit, da wüßt ihr's klüger anzufangen; ihr gebt kein Brot heraus, wenn nicht das Geld erſt in eurer Taſche ſteckt, mag der Mann verhungern, wenn er's nicht laſſen kann, was geht das eure chriſtliche Liebe anꝰ C. Da thuſt du uns ſchreiendes Unrecht. 2 P. Unrecht? Wem erweiſet ihr denn eure Liebe und Wohlthätigkeit? Dem, und keinem andern, der euch dafür mit ſeinem blanken Gelde bezahlt, und von dem ihr hoffen könnt, daß ihr erſt einen tüch⸗ tigen Profit an ihm machen werdet, ehe eure Liebe und Unterſtützung in Anſpruch genommen wird. Sonſt iſt eure Liebe nicht zu Hauſe. Nehmt ihr je einen kränklichen Menſchen auf; oder einen ſol⸗ chen, der ein gewiſſes Alter überſchritten hat, es ſei denn, daß er extra dafür bezahle? Muß nicht der Beitrag auf das Genaueſte bezahlt werden, und iſt nicht der Mann von aller Liebe und Wohl⸗ thätigkeit nach euren Statuten ausgeſchloſſen, der über eine beſtimmte Zeit mit ſeinen Beiträgen ausgeblieben? Das iſt eine vortreffliche Liebe, die die Kranken und Alten und Armen ausſchließt, und nur ſolche Leute aufnimmt, von denen man varausſieht, daß man recht lange die Beiträge ziehen kann! Eure Liebe hat den Grundſatz: „Die Liebe ſucht das Ihre“, und das ſoll— tet ihr in eure Fahnen ſticken laſſen. Eure Liebe hörtda auf, wo diechriſtliche Liebe an— fängt; ja es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Tollwerden wäre. Eure Liebe ſteht ja nicht in eurem Willen, ſondern wenn es euch etwa ein⸗ mal einfiele, einen „Bruder“ nicht zu lieben, ſo 26 ging er vors Gericht, und verklagte euch, und da müßtet ihr „lieben und wohlthätig ſein“, oder der Conſlabel lehrts euch. Von der andern Seite zeigt ſich wieder eure Liebe ſo vorſichtig, und (ver⸗ teufelt) ſcrupulös, daß wenn nun ein „Bruder“ krank wird, ihr alle Naſelang eure Aufpaſſer hin⸗ ſchickt, um ihm nach dem Puls zu fühlen, oder auszuſpähen, ob er auch etwa aus gehe oder arbeite, und ſo euch uin euren Beitrag, wollte ſagen Liebe und Wohlthätigkeit, betrüge. Wie tröſtlich muß eine ſolche beſorgliche und theilnehmende Liebe ſein für den Kranken! C. Wie kann dir das ſo auffallend ſein? Wie ſollten denn die Geſellſchaften beſtehen, und ihre heiligen Liebeszwecke erreichen können, wenn ſie kränkliche und altersſchwache Leute aufnähmen, und jedem Faulpelz oder Gauner das Geld ins Haus brächten, der ſich blos für krank ausgäbe, um im Bette ſich füttern zu laſſen? P. Und ich frage dagegen: Wie könnt ihr das Liebe und Wohlthätigkeit nennen, wo diejenigen davon ausgeſchloſſen werden, die es am meiſten bedürfen, und nur diejenigen der Liebe werth ge⸗ achtet, von denen man vorausſieht, daß ſie nicht eher der Liebe bedürfen werden, ehe ſie nicht ſchon ein Bedeutendes bezahlt haben. Wie kann man das Liebe und Wohlthätigkeit nennen, um welche ich nicht zu bitten noch zu danken habe, ſondern die ich mit meinem guten Geld bezahle, und, wenn's darauf ankommt, als mein gutes Recht gerichtlich einklagen kann? Ich weiß wahrlich nicht, ob ich mich mehr über eure Unverſchämtheit wundern ſoll, womit ihr der Welt weis machen wollt, daß euer Treiben Liebe ſei, oder über die Dummheit der Leute, die ſich das weis machen, und bei der Naſe herumführen laſſen. Denn mit euren Geſellſchaften iſts doch nur eben ſo, um mich recht deutlich auszudrücken: Hans hält nicht viel auf den lebendigen Gott, deſto mehr aber auf ein gut angelegtes Capital, denn das kann er ſehen, und damit kann man hier zu Lande ſchon etwas ordentliches anfangen. Er denkt nun ſo: Ich bin halt ein Arbeiter und verdiene ſo und ſo viel die Woche, da kann ich und mein Weib und Kind von leben; aber es iſt ein wunderlich Land hier, wenn ich nicht arbeiten kann, ſo hab ich auch kein Geld, da kann ich den Hauszins nicht bezahlen, kein Brot kaufen u. ſ. w. Nun könnt' ſich's aber treffen, daß ich krank würde, dann ging mir's ſchlecht, wo ſollt 's Eſſen herkommen? In ſolchen Gedanken vertieft, trifft er den Kunz, und dem leuchtet es auch ein. Da ſetzen ſie ſich hin, und denken darüber nach, ob's nicht beſſer wäre, wenn ſie alle Woche ein Beſtimmtes von ihrem Lohn zurücklegten, damit ſie in der Noth was haben. Weil ſie aber nicht ſicher ſind, daß ſie es in ge⸗ ſunden Tagen nicht angreifen, ſo kommen ſie auf den natürlichen Gedanken, noch mehr gute Freunde zuſammen zu bringen, und eine gemeinſchaftliche Caſſe zu errichten, wo keiner für ſich beikommen kann, denn ſonſt würde man zu bald auf den Grund kommen. Da verpflichten ſie ſich denn, daß ſie monatlich ſo und ſo viel in die Caſſe legen, und das Kapital auf Zinſen austhun wollen, und wenn jemand von ihnen krank wird, ſoll er ſo und ſo viel Unterſtützungsgelder haben, und auch ſeine Wittwe, wenn er ſterben ſollte, eine beſtimmtt Summe. Nun iſt Hans guter Dinge, es mag kommen, wie es will, er iſt geborgen, und für ſein Weib und Kind braucht er nun auch nichts wei⸗ ter zurückzulegen, denn wird er krank, ſo kriegt er Geld, ſtirbt er, ſo hat die Familie auch was. C. Und iſt das denn ſo etwas Abſcheuliches, daß ich, wenn Gott mich mit mehr ſegnet, als ich für den Augenblick gebrauche, die Brocken ſammle, damit ich zur Zeit der Noth auch etwas habe? P. Durchaus nicht, der HErr hat auch die Brocken geſammelt, und der Vater im Himmel, bei aller ſeiner Freigebigkeit, womit er die Natur ausgeſchmückt, und für die Creatur geſorgt hat, iſt dennoch ſehr ſparſam und läßt in ſeinem Haushalt nichts umkommen. C. Warum tadelſt du denn uns? P. Sichenlich nicht darum, daß ihr die Broken 4 zurücklegt für die Zeit der Noth. Ihr könnt auch meinetwegen in die Sparkaſſen legen; wüßte auch eben nicht, ob etwas gegen eine Unterſtützungsge⸗ ſellſchaft einzuwenden wäre, wenn man nur nicht ſein Vertrauen darauf ſetzt, und aus Geiz ſich der Abhülfe der Armuth entzieht; aber das iſt das Abſcheuliche, daß ihr, nachdem ihr doch nur für euren Nutzen geſorgt, die Poſaune an den Mund ſetzt, durch die Straßen zieht, und in ale Welt hineinſchreit, daß eure Geſellſchaften der Ausbund der chriſtlichen Liebe ſeien, wovon nichts Aehnliches bis dato exiſtirt habe! Und weil die Welt ſo dumm nicht iſt, daß ſie nicht einſehen könnte, daß das ein gut Ding iſt, ſeinen Profit zu ziehen, und dabei noch den Ruhm einer beſondem Liebe und Wohlthätigkeit in den Kauf zu kriegen, auch noch der koſtbare Aufwand, Geheimnißkrä⸗ merei, Anſehen und gute Kundſchaft unter den Brüdern, und Macht des Zu ſammenhaltens dazu kommt, ſo iſt keiner ſolch ein Narr, daß er zurück⸗ bliebe, und da iſt auf einmal die Welt Eine große Liebesarmee, und das goldene Zeitalter der Liebe eingebrochen. Unterdeſſen hört ein ſchwacher kränk⸗ licher Mann von der neuen entſetzlich großen Liebe, und denkt, ſolche heilige Leute können und werden mir helfen. Er kommt und klagt ſein Leid, bittet um Gottes willen ihn aufzunehmen, damit er in der Zeit der Noth auch etwas habe, und ſeine Wittwe und Waiſen auch, wenn er ſterbe; da fällt aber die heilige Liebe zu Boden, und der heilige Bruderbund ſpricht: Du alberner Narr, wie kannſt du uns für ſo dumm halten, daß wir dich ſollten aufnehmen? Du könnteſt ja in den erſten Wochen krank werden, und da müßten wir dich für deinen Spottbeitrag vielleicht ein ganzes Jahr unterhalten, und wenn du dann ſtürbeſt, deiner Wittwe auch noch einige hundert Thaler geben, das wäre ein ſchöner Profit, da würden wir bald aufhören müſſen, „die heiligen Zwecke der Liebe und Wohlthätigkeit“ zu erfüllen, die der heilige Bruderbund ſich vorgeſetzt, — und damit laßt ihr den armen Menſchen in ſeinem nagenden Kummer gehen, ſteckt ihm vielleicht einige Thaler in die Hand, die auf jedes Glied einige Cents bringen, damit ihr doch nicht ganz in Mißeredit kommt, und zieht wieder durch die Straßen und ſchreit: ö