Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 24 › Seite 191

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-14, Seite 191

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften 3 · Taufe 75

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ſti, ſo ſollte doch wohl jeder Unbefangene wün⸗
ſchen, daß ein ſolcher Sinn auch unter den hie⸗
ſigen Gemeinden immer allgemeiner werden
möchte.

*
*

Daß viele Menſchen auch ohne Buße und Glau⸗
ben ſelig werden, eine im „Apologeten“ jüngſt
öffentlich bekannte Lehre.

So ſehr wir uns auf der einen Seite über die
ungewohnte Mäßigung gefreut haben, mit wel⸗
cher Herr Dr. Naſt über unſern Artikel „Von der
Seligkeit ohne Taufe ſterbender Kinder“ Nro.
548 des „Apologeten“ ſpricht, ſo niederſchlagend
war es für uns, hierbei folgendes Bekenntniß
Hrn. Dr. Naſt's zu leſen:
„Was die Seligkeit der getauft oder ungetauft
ſterbenden Kinder betrifft, ſo ſchreiben wir ſie dem
zu, daß ſie zufolge des von Chriſto für alle Men⸗
ſchen vergoſſenen Blutes freigeſprochen, oder ge⸗
rechtfertigt ſind von der Erbſünde. „„Wie
durch Eines Sünde die Verdammniß über alle
Menſchen gekommen iſt, alſo iſt auch durch Eines
Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens (das
heißt: zum Leben, daß es möglich wird, geiſt—
lich lebendig gemacht zu werden) über alle Men⸗
ſchen gekommen.““ Röm. 5, 18. Dieſe über
alle Menſchen gekommene Rechtfertigung beſteht
darin, daß kein Menſch deßhalb verdammt wird,
weil er eine ſündige Natur in die Welt gebracht
hat.
„Die Kinder, welche ſterben, ehe ſie der
Buße gegen Gott und des Glaubens an
IEſum Chriſtum fähig ſind, werden dennoch um
des Verdienſtes Chriſti willen zu Gnaden ange⸗
nommen und auf einem uns nicht geoffenbarten
Wege wiedergeboren und geheiligt. Auch
die Heiden, welche nichts von Chriſto gehört
haben, und deßhalb nicht an ihn gläubig werden
konnten, werden doch von dem Lichte, das alle
Menſchen erleuchtet, die in dieſe Welt kommen,
von dem Heiligen Geiſte, welcher die Frucht des
Leidens und Sterbens Chriſti iſt, ſoweit erleuch⸗
tet, daß ſie um des für ſie vergoſſenen Blutes
Jéſu Chriſti willen ſelig werden können, wenn
ſie dem ihnen verliehenen Lichte getreu folgen. . .
Adam fiel, und durch ſeinen Fall verlor er mit
ſeiner ganzen Nachkommenſchaft das geiſtliche Le⸗
ben (das moraliſche Ebenbild Gottes, in dem er
erſchaffen war) und wurde dem zeitlichen Tode
unterworfen; zufolge des Erlöſungsplanes wurde
aber dem Menſchen Gnade und Gnadenzeit an⸗
geboten, und obſchon er in Sünden empfangen
und aus ſündlichem Samen erzeuget iſt, wird ihm
doch die angeborene Sünde nicht zugerechnet, bis
er, zur Verantwortlichkeit herangewachſen, das
ihm angebotene Heilmittel im Unglauben ver⸗
wirft und ohne Buße und Glauben in ſeinen
Sünden ſtirbt. Stirbt ein Menſchenkind, ehe es
ſich wirklicher, bewußter Sünden ſchuldig macht,
ſo wird der Heiland, der ſein Blut für dasſelbe
vergoſſen und ihm das Reich Gottes zugeſprochen
hat, dasſelbe auch tüchtig zu machen wiſſen für
die himmliſche Seligkeit.“

Mit wahrem Entſetzen haben wir die Verkün⸗

19¹

digung dieſer Grundſätze im Apologeten geleſen.
Es iſt uns damit ein neues Licht über den eigent⸗
lichen Charakter des Methodismus aufgegangen.
Wir hätten nimmer geglaubt, daß derſelbe ſolche
Dinge in ſeinem Schooße berge. Solche Grund⸗
ſätze reißen den ganzen Grund der chriſtlichen Lehre
um. Dieſelbe lehrt, dah von Gottes Seiten
die Rechtfertigung aller Menſchen vollkommen
geſchehen ſei, daß aber von Seiten des Men⸗
ſchen der Glaube hinzukommen müſſe, wenn
der Menſch in den Genuß dieſer Gnadenwohlthat
kommen wolle; Herr Naſt lehrt, daß bei den Kin⸗
dern und Heiden das Letztere wegen des Erſteren
nicht nöthig ſei, und eonfundirt ſo Erwerbung
des Heils und deſſen Aneignung, die principale
verdienſtliche und die inſtrumentale er⸗
faſſende Urſache der Seligkeit. Die heilige
Schrift lehrt, daß der von Gott gewirkte Glaube
das alleinige Mittel von Seiten des Menſchen
ſei, wodurch derſelbe wiedergeboren und geheiliget
werde (Apg. 15, 9., Röm. 14, 23.); Herr Naſt
lehrt, daß viele Menſchen auch ohne Buße und
Glauben wiedergeboren und geheiliget werden.
Die heilige Schrift lehrt, daß der Heilige Geiſt
nur durch die Predigt vom Glauben empfaͤngen
werde (Gal. 3, 2.); Herr Naſt lehrt völlig enthu⸗
ſiaſtiſch, daß die Heiden auch ohne Wort und
Sacrament durch den Heiligen Geiſt erleuchtet
werden. Die heilige Schrift lehrt (und in dem
allgemeinen öffentlichen Bekenntniß der Metho⸗
diſten ſteht es auch), daß der Glaube allein
ſelig mache (Marc. 16, 16., Joh. 3, 18. 36.,
Gal. 3, 28., Ebr. 11, 6.); Herr Naſt lehrt, daß
die Heiden auch ohne Glauben durch ihre
Folgſamkeit gegen das ihnen verliehene Licht
ſelig werden; hierdurch ſagt ſich Herr Naſt ſelbſt
von dem jetzt ſo oft genannten materiellen Prin⸗
cipe des Proteſtantismus öffentlich und feierlich
los. Endlich lehrt die heilige Schrift, daß alle
Menſchen von Natur Kinder des Zornes ſind
(Epheſ. 2, 3.) und daß der Zorn Gottes daher
über denen, welche nicht glauben, bleibe
(Joh. 3, 36.); Herr Naſt lehrt, daß die ange⸗
borne Sünde nicht zugerechnet werde, bis der
Menſch zur Verantwortlichkeit erſt heranwachſe
und das ihm angebotene Heilmittel im Unglauben
verwerfe.

Es fehlt uns gegenwärtig die Zeit, dies alles
weiter auszuführen. Vielleicht finden wir ſpä⸗
ter dazu die nöthige Muße. Für diesmal mögen
dieſe Andeutungen genügen, den lieben Leſer war⸗
nend darauf aufmerkſam zu machen, wie auch der
Methodismus beweiſ't, daß die chriſtlichen Lehren
wie in Einer Kette zuſammenhängen; nimm Ein
Glied hinweg, ſo iſt die Kette zerriſſen und end⸗
lich muß alles verloren gehen.

4*

Luther über Jah. 16, 10.

Dies Wort: daß ich zum Vater gehe, begreift
das ganze Werk unſerer Erlöſung und Seligung,
dazu Gottes Sohn vom Himmel geſandt, und das
er für uns gethan hat und noch thut bis ans
Ende; nemlich, ſein Leiden, Tod und Auferſte⸗
hung, und ganzes Reich in der Kirche. Denn

dieſer Gang zum Vater heißt nichts anders, denn
daß er ſich dahin gibt zu einem Opfer, durch ſein
Blutvergießen und Sterben, damit für die Sünde
zu zahlen; und darnach wieder durch ſeine Aufer⸗
ſtehung überwindet und unter ſeine Gewalt bringet
Sünde, Tod und Hölle, und ſich lebendig ſetzet
zur rechten Hand des Vaters, da er unſichtbar
regieret über alles im Himmel und auf Erden,
und ſeine Chriſtenheit durch die Predigt des Evan⸗
gelii ſammlet und ausbreitet: und die, ſo da
glauben, bei dem Vater als ein ewiger Mittler
und Hoherprieſter vertritt und vorbittet, weil ſie
noch übrige Schwachheit und Sünde haben; dazu
des Heiligen Geiſtes Kraft und Stärke gibt, die
Sünde, Teufel und Tod zu überwinden.

Siehe, das heißt und iſt nun der Chriſten Ge⸗
rechtigkeit vor Gott, daß Chriſtus zum Vater gehet,
das iſt, für uns leidet, auferſtehet, und alſo uns
dem Vater verſöhnet, daß wir um ſeinetwillen
Vergebung der Sünden und Gnade haben; daß
es gar nicht iſt unſers Werks noch Verdienſtes,
ſondern allein ſeines Ganges, den er thut um un⸗
ſertwillen. Das heißet eine fremde Gerechtigkeit,
darum wir nichts gethan, noch verdienet haben,
noch verdienen können, uns geſchenket und zu
eigen gegeben, daß ſie ſoll unſere Gerechtigkeit ſein,
dadurch wir Gott gefallen, und ſeine liebe Kinder
und Erben ſind.

2

Unterhaltung der Chriſten mit der Welt.
Chriſtus macht einen Chriſten beredt, daß er
nicht nur Antwort gibt, wer ihn fragt, ſondern,
daß er auch ſelbſt den Leuten, zu welchen er kommt,
wenn ſie nicht anfangen zu reden, Rede abgewinnt.
Er macht ihn klug, daß er nach Beſchaffenheit der
Leute ſich verhält, nicht gleich unmittelbar von
lauter geiſtlichen Dingen anfängt zu reden, wo⸗
durch die meiſten Leute abgeſchreckt werden, und
ſich zurückhalten, oder ſich heuchleriſch verſtellen:
ſondern er macht, daß ſich der Chriſt in die Leute,
wie er ſie vor ſich findet, ſchickt, Allen allerlei wird,
auch von gemeinen und zufälligen Dingen mit
ihnen anfängt zu ſprechen: was ſind das für Re⸗
den, die ihr zwiſchen euch handelt unterwegs und
ſeid traurig? Von was habt ihr geredet? was
gibt es Gutes unter den Menſchen? was iſt ge⸗
ſchehen? bis er von der Seite her zu ſeinem Zweck
gelangen kann, und etwas aus des Andern Mund
in die Hand hineinbekommt, das Geſpräch nun
auf etwas Gutes zu leiten, und oft die Leute eher
zu fangen, als ſie gemerket haben, daß man ihnen
nachſtellete. „Denn es iſt vergebens, das Netz
vor den Augen der Vögel auszuwerfen“, Spr.
1, 17., ſie fliegen davon. Man muß ihnen heim⸗
lich nachſtellen, und ſie mit Liſt fangen, wie
Paulus ſeine Korinther. Gewiß haben gute
Seelen Urſache, dieſes von dem Heilande ſich wohl
zeigen zu laſſen.
Riegers Herzenspoſtille, Bielefelder Ausgabe,
Seite 427.

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