Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 24 › Seite 190

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-14, Seite 190

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gottesdienſt 3 · Gemeindegeſang

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terſchied zwiſchen weſentlichen und unweſentlichen
Glaubensartikeln zu machen; und Spener ſelbſt
bezeichnete drei Viertheile der heiligen Schrift,
und unter dieſen namentlich die Evangelien, als
unerheblich für den Gemeindegebrauch, daher er
auch „herzlich wünſcht, daß wir in unſern Kirchen
einmal den Gebrauch derer Pericoparum evan-
gelii weggenommen hätten, ſondern freie Wahl
gelaſſen, oder aber die Epistolas vor die Evan-
gelia zu Haupttexten genommen hätten“. Dieſe
Richtung legte nur den Maßſtab des nach ihrer
Anſicht Praktiſchen an die vorhandene Gottes⸗
dienſt⸗Ordnung; was nicht als praktiſch, d. h.
als erwecklich und erbaulich erſchien, das wurde
ſorglos und gleichgültig behandelt, man ſtellte es
im Gebrauche zurück, ließ es in Abgang kommen,
und ſprach dagegen, und wenn es dann den Ge⸗
meinden verleidet, entwöhnt und ferne gerückt
war, ſo benutzte man den Einfluß auf die Kir⸗
chengewalt, um es auch geſetzlich abzuſchaffen.
Man kann den allmählichen Gang dieſes zer—
ſtörenden Verfahrens in Beziehung auf den Got⸗
tesdienſt an der Litanei wahrnehmen. Nach allen
Begriffen, welche die Spener'ſche Schule vom
Gebete hatte, konnte ihr die Litanei nicht zuſagen;
ſie wurde für ein todtes Formelweſen ohne Wort⸗
fülle und Salbung gehalten, an deſſen Statt das

freie Herzensgebet treten ſollte; ſie mußte alſo'

weichen und zwar auf folgendem Wege: Erſt ge⸗
währte man die Vertauſchung der Litanei mit
dem zu verleſenden Kirchengebete und drängte jene
in die Betſtunden und Bußtage zurück, ſodann
ließ man ſie nicht mehr von der Gemeinde im
Wechſelgeſang ausführen, ſondern nur vom Pre⸗
diger leſen, und als ſo die Gemeinden billig den
Geſchmack daran verloren hatten, ſchaffte man ſie
geſetzlich ab und ließ dann auch das vorgeſchrie—
bene Kirchengebet in ein freies Herzensgebet über⸗
gehen. Aehnliches geſchah mit den Perikopen,
welche durch freie Texte verdrängt wurden, mit
dem Kyrie, den Präfationen, der Vermahnung
an die Communicanten und vielem Andern; da⸗
gegen kam manches Andere auf, z. B. ein ganz
maßloſer Gebrauch des Knieens beim Gottes⸗
dienſte.

Beide Richtungen, jene ordnende und dieſe er⸗
weckende, gehen eine geraume Zeit Hand in Hand,
ſo innerlich verſchieden auch ihr Ziel iſt. So
kommt kurz vor oder bald nach 1700 faſt in jeder
Landeskirche ein Zeitpunkt, wo beide Richtungen
zur Wiederherſtellung des Gottesdienſtes ſich die
Hände reichen, und auf ſolche Weiſe eine merk—
würdige Verſchmelzung der verſchiedenartigſten
Beſtrebungen herzuſtellen verſuchen. Allein es iſt
weder der ordnenden Richtung gelungen, die den
kirchlichen Ordnungen Entfremdeten wieder in die—
ſelben zurück zu bringen, noch iſt es der erweckenden
Richtung gelungen, die geiſtlich Todten wieder zu
beleben. Vielmehr hat der Gegenſatz dieſer bei⸗
den Richtungen, der immer ſchroffer hervortrat,
die Maſſe der Entfremdeten und geiſtlich Todten
in den Gemeinden nur vermehrt; denn wenn die
ordnende Richtung ſich auf den in den Gemeinden
noch vorhandenen Sinn für das Alte, auf ihre
fromme Gewohnheit, auf ihre Sitte des Kirchen⸗

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beſuchs, des Abendmahlsgenuſſes ꝛc. ſtützte, ſo
trat ihr die erweckende Richtung entgegen und
überredete die Gemeinden, daß alle ſolche Gewohn⸗
heit und von Menſchen eingeführte Uebung ledig⸗
lich vom Uebel ſei; und wenn andererſeits die er⸗
weckende Richtung mit Geringſchätzung der über—
lieferten Ceremonien nur wieder ein geiſtliches
Leben zu erwecken ſuchte, ſo trat ihr die ordnende
Richtung entgegen und warnte die Gemeinden
vor jener Gegnerin, die nur die äußerlichen Kir⸗
chenordnungen zertrümmere und mit ihrer Ver⸗
geiſtigung in gänzliche Haltloſigkeit hineinführe.
Je weiter dieſe beiden kirchlichen Richtungen aus⸗
einander gingen, deſto größer wurde in den Ge⸗
meinden die Menge derer, welche irre an Allem
und gleichgültig gegen alles wurden, und ſo ent⸗
ſtand von 1700 bis 1750 eine Stimmung, welche
den beſtehenden gottesdienſtlichen Ordnungen ent⸗
fremdet und gegen dieſe reiche Erbſchaft von ihren
Vorfahren her gleichgültig wurde, mit der Liebe zu
ihnen auch die Kenntniß und das Verſtändniß
derſelben verlor.

Als nun der Rationalismus, beſonders von
1750 an, immer mehr die Oberhand bekam, ſo
wurde die ſchon hundert Jahre früher angefangene
Verwüſtung der urſprünglichen Gottesdienſtord⸗
nungen zu Stande gebracht. Da kam die Zeit,
wo Alt und Angeſtammt gleichbedeutend mit
Schlecht und Abgeſchmackt wurde, und wo der
Nachweis, daß ein Stück des Gottesdienſtes, oder
eine Ceremonie aus dem Mittelalter ſtamme,
ſchon hinreichend war, deren Abſchaffung zu recht⸗
fertigen; ja es kam ſoweit, daß ſchon dann das
Verwerfungsurtheil ausgeſprochen wurde, wenn
dergleichen nur vor 1750 beſtanden hatte. Dem⸗
gemäß wurde die urſprüngliche Feier der Apoſtel⸗
und anderer Feſttage abgeſchafft, oder auf Sonn⸗
tage verlegt, damit aber die Predigten über die
Perikopen der letzteren verdrängt; dagegen wurde
die früher nie gekannte Feier anderer Tage, z. B.
der Buß- und Bet⸗, ſo wie der Erndtetage einge⸗
führt; die Sonntagsvespern ſchmolzen, nament⸗
lich auf dem Lande, zu einer bloßen ſogenannten
Betſtunde herab, in der etwa nur ein Pſalm, ohne
weitere Auslegung, vorgeleſen wurde, und wenn
ja noch Katechismusexamen gehalten wurde, ſo
fiel doch die Katechismuspredigt ganz weg; auch
die Sonnabendsvespern kamen immer mehr außer
Gebrauch, und wenn ſie ja noch ſtattfanden, ſo
wurde doch darin die Privatbeichte von der all⸗
gemeinen verdrängt. Aus welchen erbärmlichen
Gründen ſolche und ähnliche Verwüſtungen vor⸗
genommen und angenommen wurden, ſieht man
ganz beſonders an der Privatbeichte; denn dieſe
wurde an vielen Orten mit leichter Mühe abge—
ſchafft, weil ſie den arbeitenden Leuten zu viel Zeit
koſte, den Predigern unnöthige Mühe ſchaffe,
weil bei der allgemeinen Beichte wahrſcheinlich
mehrere communiciren würden, weil der Beich⸗
tende dem Beichtvater doch ſelten etwas Beſon⸗
deres zu ſagen habe, was er ihm übrigens auch
privatim ſagen könne; ja die Blinden ließen ſich
von den blinden Leitern gar bald zu dem Wahne

bringen, daß die Privatbeichte nur ein bloßes
Ueberbleibſel der papiſtiſchen Ohrenbeichte, daß ſie

an ſich ganz unnütz, oder doch der allgemeinen
Beichte weit nachzuſtellen ſei.

Die Wochengottesdienſte gingen nach und
nach an den meiſten Orten, namentlich auf dem
Lande, ganz ein, oder es traten darin an die Stel⸗
len bibliſcher Bücher nur frei gewählte Terte —
die alten kirchlichen Stücke, die Introiten, Kyrie,
Credo, Präfation, Agnus Dei, Litanei, Tedeum,
Magnificat, Benedictus u. ſ. w. — alle dieſe
Stücke, welche theilweiſe ſo alt, als der chriſtliche 1
Gottesdienſt ſelbſt ſind, deren ernſte Schönheit
jedem Unbefangenen durchs Herz gehen muß,
welche, mit alleiniger Ausnahme der Reformirten
Kirche, bis auf dieſe Stunde im Gebrauche aller
chriſtlichen Kirchen ſind, durch deren Gebrauch dit
lutheriſche Kirche ein Band der Einheit mit der
ganzen Chriſtenheit treu bewahrte —: alle dieſe
Stücke ſind faſt ſpurlos verſchwunden und ver⸗
geſſen und ſomit haben die Gemeinden einen
wichtigen Theil ihrer Lehrmittel verloren. Die Zahl
der Kirchenlieder, deren es urſprünglich gegen 150
gab, welche Jahr aus Jahr ein feſtſtehend ver⸗
wendet wurden, iſt durch neuere Machwerke über⸗
mäßig vermehrt und dadurch einer regelloſen Ab⸗
wechſelung Bahn gemacht worden; auf ſolche
Weiſe iſt das Auswendiglernen und Inwendig
bewegen der Kernlieder und auch die Kenntniß
ihrer Melodien verloren gegangen und ſo haben
die Gemeinden abermals ein wichtiges Lehrmittel
eingebüßt. Endlich iſt auch der Wechſelgeſang de
Gemeinden mit den darauf berechneten Stückeh
des Gottesdienſtes, z. B. die Litanei, das Tedeum
u. ſ. w., ja oft auch das Reſpondiren bei dem
Altargeſang der Prediger, wenn derſelbe ja noch
ſtattfindet, verſchwunden und ſomit den Gemeinden
die thätige Theilnahme an dem Gottesdienſte ge⸗
nommen worden. Aus dem bisher Geſagten er⸗
hellet zur Genüge, wie ſehr die urſprünglicht
Gottesdienſtordnung der lutheriſchen Kirche je
länger deſto mehr zerriſſen und verwüſtet worden ö
iſt, indem vieles alte Lutheriſche abgeſchafft, weg⸗
gelaſſen, vergeſſen oder verkürzt und an deſſen
Stelle, oder neben dasſelbe, vieles neue Unluthe⸗
riſche und Reformirte, beſonders ſeit den neueren
Unionsverſuchen, geſetzt worden iſt.

Wen nun die gegebene Darſtellung des der⸗
maligen Beſtandes und die unmittelbare Anſchau⸗
ung der Wirklichkeit nicht zu der Ueberzeugung
bringen, daß hier eine ordnende Einwirkung noth⸗
wendig ſei, dem möchte dieſe Ueberzeugung ſchwer⸗
lich zu verſchaffen ſein. Das wenigſtens wird
jeder Unbefangene, auf welchem Standpunkte er
auch ſtehen mag, zugeben müſſen, daß die jetzigen
Einrichtungen größtentheils und noch weit mehr
als an den meiſten Orten unſers alten Vaterlan⸗
des ein ſchlecht zuſammen hängendes, weder Halbes
noch Ganzes ſind. Wenn nun Herr Dr. Kliefoth
mit beſonderer Beziehung auf Mecklenburg uns
aus eigner Erfahrung bezeugt, daß ſchon ſeit
mehreren Jahren unter den dortigen lutheriſchen
Gemeinden das Mißfallen an der Zerriſſenheit
und der Zerfahrenheit des öffentlichen Gottesdien⸗
ſtes die Sehnſucht nach einem volleren Gottes⸗
dienſte, ſo wie die Bereitwilligkeit, die richtige Ab⸗
hülfe anzunehmen, immer allgemeiner geworden

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