Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 24 › Seite 186

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-14, Seite 186

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genommen haben, und möchte Ihnen gerne meine
Dankbarkeit beweiſen. Aber ſehen Sie, mein
Amt gibt mir ſo viel zu thun, daß ich Ihnen un⸗
möglich wie bisher die Zeit vertreiben kann. Iſt
es Ihnen ein Ernſt, mit mir über Seele und
Seligkeit zu ſprechen, ſo laſſen Sie es mich wiſſen:
dann ſtehe ich zu jeder Stunde zu Ihren Dien⸗
ſten; eher aber komme ich nicht.“

Der Alte wurde einen Augenblick ſtutzig, ſahe
dann den Prediger eine Weile durchdringend an,
reichte ihm darauf freundlich die Hand und ſagte:
„Gut, dann kommen Sie, wenn ich ſchicke!“

Am dritten Tage darnach kam des Doctors
Kutſcher zum Prediger und beſtellte, er möge doch
bald zu ſeinem Herrn kommen, der habe ihn noth⸗
wendig zu ſprechen. Der Prediger hört, er habe
ſich zu Bette gelegt und geſtehe ſich ſeine Schwäche
und Krankheit, und geht voll freudiger Hoffnung
mit.

Doctor: Herr Paſtor, ich habe Sie etwas zu

fragen: — Glauben Sie wirklich, daß Ihre Seele
unſterblich ſei?
—Paſtor: Allerdings, Herr Doctor, und die
Ihre auch; ja noch mehr, wenn wir ſterben, kom⸗
men wir entweder an einen guten Ort oder an
einen böſen.

Doctor: Beweiſen Sie mir das.

Paſtor: Es ſcheint mir dies keines weitläuf⸗
tigen Beweiſes mehr zu rbedürfen. Bedenken Sie
ſich nur, woher dieſe Unruhe beim Gedanken an
einen nahen Tod kommen mag? Gibt Ihnen nicht
dadurch Ihr eignes Gewiſſen Zeugniß, daß noch
nach dem Tode für Sie etwas zu hoffen oder zu
fürchten iſt? Gewiß, nicht umſonſt iſt eine ſolche,
wenn auch unklare, Ahnung in unſere Bruſt ge⸗
legt. Wenn wir nach dem Tode nur zu erwarten
hätten, was die Thiere, wir würden ebenſowenig
eine Vorangſt vor dem Sterben haben, wie ſie.

Doctor: Das läßt ſich hören, aber bewei—
ſen Sie mir, daß es wahr iſt; ich verlange Be—
weiſe, und Sie können nicht verlangen, daß ich
einem ſo jungen Manne, wie Sie ſind, das auf's
Wort glauben ſoll.

Paſtor: Das ſollen Sie auch nicht meine
Perſon, Weisheit, Alter u. dgl. kommt hierbei
durchäus nicht in Betracht. Wollen Sie Zeug⸗
niſſe haben, ſo wollen wir ſolche von einem Manne
holen, der 1800 Jahre älter iſt als wir, ja, der
von Anfang und Ewigkeit her geweſen iſt. —
Haben Sie eine Bibel im Hauſe?

Doctor (Nach einigem Bedenken): Ja, ja
wohl! ich habe eine.

Die alte Haushälterin wird hereingerufen und
empfängt von ihm einen Schlüſſel, nebſt der
Weiſung, irgendwo oben im Hauſe, in dem und
dem Schranke, unter den und den Raritäten und
Alterthümern nachzuſehen. Sie fand und brachte
ſeine Bibel, die er ſeit ſeiner Confirmation viel⸗
leicht nie wieder in der Hand gehabt hatte.

Der Prediger öffnet ſie und findet Worte darin
geſchrieben, welche ihm durch die Seele gehen und
die gnädige ausgeſtreckte Hand des guten Hirten
offenbarten.

Zum Verſtändniß dieſer Worte borher dieſes:

Unſeres Doctors Großvater war ein eifriger

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rechtgläubiger Prediger vor etwa 100 Jahren und
zugleich ein reichbegabter Verfaſſer geiſtlicher Lie⸗
der. Von ihm iſt z. B. das Lied: IEſus nimmt
die Sünder an, ſagt doch dieſes Troſtwort Allen
u. ſ. w. (Evangeliſch-Lutheriſches Geſangbuch
No. 222). Dieſer Großvater hieß mit Vornamen
Erdmann, deſſen Sohn Gottwerth, und der Enkel,
Erdmann Gottwerth. — In der Bibel nun ſtand
auf dem weißen Blatte: Dieſe Bibel ſchenke ich
meinem Söhnlein Gottwerth an ſeinem achten
Geburtstage, und flehe zu dem Gott aller Gnade,
Er wolle in Kraft ſeines Wortes und Geiſtes
mein Kind dahin bringen, recht zu glauben, gott⸗
ſelig zu leben und einſt ſelig zu ſterben.
Erdmann Neumeiſter.

Der Prediger lieſ't nun dieſe Worte dem Enkel
des alten Erdmann vor und ſetzt hinzu: — Sehn
Sie, Ihr lieber Großvater, der das geſchrieben,
iſt im Glauben an ein ewiges Leben längſt ent—
ſchlafen; Ihr Vater, dem das hineingeſchrieben
ward in die Bibel, auch. Nun triumphiren und
jubiliren ſie dort vor dem Throne mit der großen
Schaar der vollendeten Gerechten und Heiligen.
Da müſſen Sie auch hin! möchten Sie es denn
nicht auch?

Doetor: Ja wohl! — aber wie werde ich es
glauben können, daß dieſe Dinge wirklich ſind?

Der Prediger bezeugt ihm jetzt — das Wort
Gottes in Hand und Mund — die Auferſtehung
des HErrn IEſu, ſo wie unſers Leibes Aufer⸗
ſtehung und ein ewiges Leben. Und der da hat
die Schlüſſel des Todes und der Hölle und lebet
in alle Ewigkeit, ſteht zu ſeinem Worte; der Kranke
hört immer aufmerkſamer und tief bewegt zu, und
ruft zuletzt: ich will, ja, das muß ich ja glau—
ben; ich will gern nicht ungläubig ſein, ſondern
gläubig. Aber wenn es wirklich ein ewiges Leben
gibt, ſo ſagen Sie mir, wie kommt man dahin?
Was muß man denn thun, daß man ſich deſſen
würdig mache und es erhalte?

Paſtor: Wie Ihre Fragen da lauten, muß ich
Ihnen ſagen: es gibt zwei Wege. Laſſen Sie
mich den Einen als Antwort auf Ihre Frage:
„was man thun müſſe, ſich des ewigen Lebens
würdig zu machen?“ zeigen. Es iſt dies der
Weg des Geſetzes.

Nun wird ihm das Geſetz ausgelegt, wie es
Gottes Forderung an uns ſei, dazu geiſtlich und
unverletzlich. Es ward ihm gewieſen, wie Gott
ein Herz fordere ganz erfüllt von dem größten und
vornehmſten Gebote: Du ſollſt lieben Gott, deinen
HErrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele
und von ganzem Gemüthe, und deinen Nächſten
als dich ſelbſt; dazu ein Leben, das allen ſeinen
Rechten und Zeugniſſen gemäß ſei. Wenn nun,
ſagte der Paſtor, Ihr Leben dieſem heiligen und
unwandelbaren Geſetze Gottes entſpricht, ſo kommt
Ihnen mit Recht das ewige Leben zu. Aber prü⸗
fen Sie ſich ernſtlich.

Doctor: Ach nein, nein! ſo habe ich nicht
gelebt. Aber wenn das iſt, wie Sie ſagen, ſo iſt
ja mein ganzes Leben verloren, und ich darf
darauf keine Hoffnung der ewigen Seligkeit
gründen.

Paſtor: Schön, daß Sie das ſelbſt einſehen,

daß nichts Einzelnes, daß nicht Stückwerk vor
Gott gelten kann, ſondern nur ein ganzes heiliges
Leben.

Doctor: „Schön! ſchön!“ ſagen Sie? Wenn
Sie Recht haben, und mein Gewiſſen, das Ihnen
beiſtimmt, ſo iſt es aus mit mir; denn etwas
Anderes habe ich nicht, und wieder gut machen
kann ich alter Mann auch nicht mehr.

Paſtor: Freilich nicht, aber darum iſt es doch
nicht aus mit Ihnen. Sehen Sie, wenn ich auch
von heute an heilig und ſündenfrei bliebe, und
einmal Ihr Alter erreichte, ſo hätte ich damit nicht
Eine, nicht die kleinſte meiner früheren Sünden
bei meinem Richter im Himmel gut gemacht. ö

Doctor: Aber wie ſoll man denn ſelig wer⸗
den? wie ſoll ich es werden? Ich bin oft von
Anderen und habe oft anch mich wegen meiner
Freigebigkeit, Uneigennützigkeit und Dienſtfertig⸗
keit gelobt, und gemeint, wenn ich auch Manches
gethan, was ich nicht hätte thun ſollen, ſo hätte
ich doch auch Vieles gethan, und ſo gethan, wie
es von der ſtrengſten Sittenlehre gefordert werden
könnte. Da iſt mir aber all' mein Gutes zuſam⸗
mengefallen. Was man an mir preiſ't, nein!
dazu hat mich nicht die Liebe Gottes getrieben.
Es iſt ſo meine Natur, daß ich gutmüthig bin,
mir aus Geld nicht viel mache, auch Anderen
diene — aber da bleibt mir nun nichts — was ſoll
ich denn vor Gott bringen?

Paſtor: Bringen Sie Gott das Verdienſt
und die Gerechtigkeit ſeines Sohnes. Nichts als
das kann Sie retten.

Doetor: Das verſtehe ich eigentlich nicht;
erklären Sie mir das.

Paſtor: Wiſſen Sie: Gott hat grade für
ſolche vom Geſetz verdammte Sünder, wofür Sie
ſich bekennen, Hülfe bereitet. Seinen lieben Sohn
hat Er dargegeben; der hat ſich als Bürgen dar⸗
geſtellt und uns verlorne Menſchen mit Gott ver⸗
ſöhnt. Hier las ihm der Paſtor Luc. 23, 39. ff.
vor, legte ihm dann noch 2 Kor. 5., das Wort
von der Verſöhnung vor, und bat ihn dringend,
ſich auch durch Chriſtum mit Gott verſöhnen zu
laſſen.

Doctor: Ach gewiß, das iſt ein gutes Wort,
Herr Paſtor, das Sie mir da verkündigen, aber
wie ſoll ich es machen, daß ich an IEſum glau⸗
ben, daß ich mich deſſen tröſten kann: Gott werde
mir um Chriſti willen meine Sünden vergeben
und mich zu Gnaden annehmen?

Paſtor: Das iſti Gottes Werk, daß wir glau⸗
ben an den, den Er geſandt hat. Aber ſollten Sie
denn das, was in Ihrem Herzen jetzt vorgegan⸗
gen iſt, wie ich aus Ihren Fragen erkenne, nicht
für Gottes Werk anſehen? Ich kann ja ſo et⸗
was nicht wirken; ich ſoll wohl aus Ihrem Her⸗
zen herausbleiben. Sie haben es auch nicht ge⸗
than, denn, nicht wahr? wenn es auf Sie und
Ihren Willen angekommen wäre, Sie wären in
Ihrer früheren Sorgloſigkeit geblieben?

Doctor: Allerdings, das hat wohl Gott ge⸗
than und Niemand anders.

Paſtor: Ja, den Glauben in Ihrer Seele
vorzubereiten. Machen Sie ſich die Sache nun
nicht ſchwerer, als ſie iſt. Das Heil in Chriſto

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