Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 4, Nummer 26 › Seite 210
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-08-02, Seite 210
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bleibenden Frieden vorbereiten; die neueſten Nach—
richten aber machen die Hoffnung zweifelhaft. In
Deutſchland tauchte aus dem chaotiſchen Zuſtand
das deutſche Parlament auf, welches dem Lande
eine neue freie Verfaſſung, Einheit nach innen
und Macht nach außen geben ſollte. Es war eine
Zeit lang ungewiß, ob es in Deutſchland ferner
noch Kaiſer, Könige, Herzöge ꝛc. oder aber eine
allgemeine Republik geben ſollte; endlich iſt die
monarchiſche Parthei durchgedrungen und erwartet
von dem von ihr erwählten deutſchen Kaiſer, zur
Zeit noch Reichsverweſer genannt, alles Heil.
Die Republikaner ſchreien über Verrath am Va⸗
terlande und möchten mit dem Schwerte drein—
ſchlagen. Aus den mit Preußen und Oeſtreich
vereinigten ſlavoniſchen Ländern verlautet nichts
Gutes. In Poſen iſt viel Blut vergoſſen wor⸗
den, desgleichen in Prag. Ueberall herrſcht unter
den Slavoniern die größte Erbitterung gegen die
Deutſchen und die papiſtiſchen Prieſter ſollen un⸗
ter Verſprechung vollkommenen Ablaſſes das
Volk aufwiegeln, die Proteſtanten zu martern und
zu morden; wie es denn auch wirklich geſchieht.
In verſchiedenen Theilen unſers Vaterlandes, in
Schwaben, Unterfranken, Sachſen hat ſich ein
verheerender Bauernkrieg erneuert, nicht ſowohl
von münzeriſchem Fanatismus, als communiſti⸗
ſcher Habgier in Bewegung geſetzt. Auch die
Juden hat man ausgeplündert und verjagt. Eine
nothwendige Folge dieſer Zerrüttung iſt Dar—
niederlage des Credits, des Handels und Gewer⸗
bes; die aus den Fabriken entlaſſenen Arbeiter
ſind feil zu Verübung neuer Unthaten. Das Volk
fängt an zu fühlen, daß es ſich durch die Revolu⸗
tion die größte Geißel aufgebunden hat. Der
nordiſche Bär, Rußland, ſtehet in ſchweigendem
Groll mit großer Heeresmacht an der deutſchen
Grenze und macht Miene, ehe er hier einen ent⸗
ſcheidenden Schlag thut, ſeine Klauen nach den
türkiſchen Donauprovinzen auszuſtrecken und ſo
den Untergang des morſch gewordenen türkiſchen
Reichs zu beſchleunigen. Ueber dieß alles rückt
die Cholera immer weiter vor nach Weſten, ſie
wüthet in Conſtantinopel, Petersburg und ſoll
anfangen, in wellenartigen Sprüngen ſich zu
verbreiten, wie ſie denn ſchon in Finnland ſich
gezeigt hat.
Dieß ſind die äußerſten Grundlinien des Ge⸗
mäldes, das die Zeitungen bis zum 22. Juli
von der alten Welt entwerfen. Welche Einwir⸗
kungen dieſe Revolutionen auf das kirchliche We—
ſen haben und haben werden, darüber verlautet
zur Zeit noch wenig. Wahrſcheinlich hat man
noch nicht Zeit gehabt, viel daran zu denken.
Privatbriefe ſagen, der Abfall ſei nun ganz offen⸗
bar geworden, der Unglaube unter dem Namen
des Lichtfreundthums feiert jetzt ſeinen vollendeten
Triumph; für rechtgläubige Prediger werde inner⸗
halb der beſtehenden Kirchengemeinſchaften keine
Stätte mehr bleiben. „Was es mit Kirchen und
Schulen werden wird“, heißts in einem Briefe
vom 8. Mai, „iſt noch gar nicht abzuſehen. Wir
können einer langen Zerſtörungszeit entgegen
gehen. Jahre lang kann alles darnieder liegen;
es kann eine Zeit für uns nahe ſein, wie die, wo
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wilde Horden über das verfaulte römiſche Reich
hereinbrachen. So iſt es natürlich, daß man
auch an ein Pella denkt.“ Daß Staat und
Kirche getrennt werden, können wir nicht bekla—
gen; dagegen aber ſtehet zu befürchten, daß der
Unglaube der großen Maſſe alles abſorbiren wird.
Das künſtliche Netz der preußiſchen Union wird
in kurzem zerreißen, ſo viel iſt gewiß. Was wird
aber an deſſen Stelle treten? Der neue Cultus⸗
miniſter in Berlin, Graf Schwerin, ein Schwie⸗
gerſohn und treuer Jünger Schleiermachers, hat
verordnet, daß alle, die ſich evangeliſch nennen,
zu einer Synode zuſammentreten ſollen, um über
die Kirche zu berathen. Daß daraus kein Heil
kommen wird und kann, ſieht ein Kind ein.
„Prof. Guericke in Halle hat zuerſt ſeine Stimme
in Angelegenheit des Lutherthums öffentlich er⸗
hoben und einen Aufruf erlaſſen, die allgemein
geforderte und gewährte Befreiung der Kirche vom
Staate zur Gründung einer lutheriſchen Gemein—
ſchaft zu benutzen.“) So ſchreibt ein Freund
von Ende März und ſetzt hinzu: „Der HErr wolle
nur, wenn es gilt zu handeln, ſoviel Einigkeit
und Kraft verleihen, als in der durch Subjecti⸗
vismus zerriſſenen Zeit nöthig iſt, wenn es ſoll
zu neuen Geſtaltungen des kirchlichen Lebens auf
dem alten Grunde des Worts und lutheriſchen
Bekenntuiſſes kommen. Möge Gott einen Maunn,
wie Harleß, vor den Gefahren der Zeit bewahren,
damit er das ſein könne, wozu er Gaben und Er⸗
kenntniß hat.“ Jedenfalls tritt für die lutheriſche
Kirche jenſeits eine ganz neue Epoche ein, die
uns diesſeits zu dem eruſtlichſten, brünſtigſten
Gebet auffordert, daß es doch Gott gefallen
möchte, es eine Zeit der Gnadenheimſuchung und
Wiedergeburt für ſie werden zu laſſen. Doch wir
müſſen heute hier abbrechen. In nächſter Num⸗
mer ſei uns erlaubt, unſre Meinung darzulegen,
wie ein lutheriſcher Chriſt jene Ereigniſſe, beſon—
ders im alten Vaterlande, betrachten ſoll.
Gattes Wunderwege und Gerichte.
Ein altes Lehrgedicht.
Einſt war ein frommer Chriſt, der ſich in Got⸗
tes Wunderwege und Gerichte nicht ſchicken konnte
und daher Gott oft bat, daß er ihn doch würdigen
wolle, ihn die geheimen Urſachen derſelben wiſſen
zu laſſen. Hierauf erſchien ihm eines Tages ein
Engel und ſprach zu ihm: „Auf! wandere mit
mir; ich will dir Gottes Gerichte zeigen.“ Freu—
dig folgte der Chriſt dem Engel. Als nun beide
eine kurze Strecke gewandert waren, kamen ſie zu⸗
erſt durch einen dunklen Wald. Hier fanden ſie
den Leichnam eines frommen und goitergebenen
Einſiedlers, welchen ein Löwe zerriſſen und ge⸗
tödtet hatte. Verwundert rief bei dem Anblicke
dieſer Leiche der Gefährte des Engels aus: „Ach,
es war ja dieſer Mann eine fromme Seele, wie
geht es doch zu, daß Gott dieſes Unglück über ihn
verhängen konnte?“ Ohne darauf Antwort zu
geben, zog der Engel ſeinen Gefährten weiter fort
*) Dieſer Aufruf ſoll in nächſter Nummer abgedruckt
werden. Die Redaction.
und führte ihn zu einem Manne, der auf einen
hohen Felſenabhange wohnte, unter welchem ein E.
tiefes Waſſer vorbeifloß. Dieſer Mann war vor
Zeiten zwar ſehr gottesfürchtig geweſen, hatte ſich
aber endlich die Welt wieder blenden laſſen; er
hatte gemeint, man hätte doch von der Frömmig⸗
keit nichts als Plage; wer es mit der Welt hielte,
dem ginge alles wohl hinaus; ſo wollte er nun
auch das Gewiſſen an den Nagel hängen, mit der
Welt mitmachen und dieſes zeitlichen Lebens ge⸗
nießen. Der Engel erinnerte ihn beweglich, daß
man nicht allein auf das Zeitliche, ſondern vor
allem auf das Ewige ſehen müßte; es wäre eine
arge Verblendung, um der kurzen ſchnöden Luſt E.
willen, die die Welt geben könnte, die ewige Freude 1
verſcherzen zu wollen; ein Chriſt hätte zu beden⸗
ken, wie theuer ihn der Sohn Gottes erkauft habe,
und dürfte ſich alſo nicht ſo lüderlich ſelbſt um
den Schatz bringen, deſſen Erwerbung ſeinem Er⸗
löſer ſo ſauer geworden wäre. Momentaneum,
ſprach er, quod delectat, aeternum, quod cru-
ciat, das heißt, kurz iſt der Welt Freud, darauf
folgt ewig Herzeleid. Als der Mann dieſe Er⸗
mahnung hörte, ſchlug er in ſich und ſprach:
„Gott ſei gelobet, daß er mir einen ſolchen from⸗
men Gaſt zugewieſen und mich armes verirrtes
Schäflein wieder geſucht hat. Gott ſei mir
Sünder gnädig!“ Doch ſiehe! kaum ließ der
Mann dieſe Bußſeufzer hören, ſo ergriff ihn der A
Engel und warf ihn vom Felſen hinab in den
Strom, darin er ertrank. Schweigend gingen
hierauf die Reiſenden weiter und kamen nun zu 3
einem Wirth, der ſie freundlich aufnahm, ſie herr⸗
lich bewirthete und ihnen unter anderen einen ſil⸗
bernen Becher vorſetzte; doch beim Abſchied ſteckt
der Engel den Becher heimlich zu ſich und nimmt
ihn mit ſich hinweg. Beſtürzt folgt der Chriſt dem
Engel weiter und kommt nun mit ihm zu einem
Edelmann. Dieſer war ein gottloſer Menſch,
ſchnaubte die Reiſenden an und wies ſie, ohne
ihnen einen Biſſen Brods und einen Trunk
Waſſers zu reichen, zornig aus ſeinem Hauſe; da⸗
her die Reiſenden, um nicht unter freiem Himmel 3
übernachten zu müſſen, ſich in einen Stall ver⸗
krochen. Doch was thut der Engel? Höflich
nimmt er am andern Morgen von dem Böſewicht
Abſchied und ſchenkt ihm noch dazu den Becher,
welchen er am vorigen Tage aus dem Hauſe jenes
frommen Wirthes entwendet hatte. So kommen
denn endlich unſere Wanderer zu einem begüterten
Manne, der ſie gut aufnimmt und, nachdem er ſie
mit Speiſe und Trank reichlich erquickt hat, ihnen
noch ſein einziges Söhnlein mitgibt, damit dieſer
ihnen den rechten Weg in der ihnen unbekannten
Gegend zeige. Was geſchieht? Sobald das
Kind den Reiſenden den rechten Weg gewieſen hat,
ergreift es plötzlich der Engel, erwürgt es und
wirft es in eine nahe Grube. Jetzt kann ſich des
Engels frommer Geſellſchafter nicht länger halten
und bricht nun entrüſtet in die Worte aus:
„Wie? ein Engel willſt du ſein? Du magſt wohl
ein Teufel ſein, biſt du doch nicht allein ein Dieb,
ſondern auch ein ſchändlicher Räuber und Mör⸗
der; keinen Schritt begleite ich dich ferner.“
Hierauf hub der Engel mit ernſter Miene alſo an:
English translation AI translation
a lasting peace; but the latest reports make this hope doubtful. In Germany, out of the chaotic condition there emerged the German Parliament, which was supposed to give the country a new, free constitution, unity within and power abroad. For a time it was uncertain whether Germany would continue to have emperor, kings, dukes, etc., or whether there would instead be a general republic; at last the monarchical party has prevailed and expects all salvation from the German emperor of its choosing, for the present still called the Imperial Administrator (Reichsverweser). The republicans cry out over treason to the fatherland and would like to strike in with the sword. From the Slavonic lands united with Prussia and Austria nothing good is reported. In Posen much blood has been shed, likewise in Prague. Everywhere among the Slavs the greatest bitterness prevails against the Germans, and the papist priests are said, under promise of full indulgence, to be inciting the people to torment and murder the Protestants; and indeed this is actually happening. In various parts of our fatherland, in Swabia, Lower Franconia, Saxony, a devastating peasants' war has broken out anew, set in motion not so much by Münzer-like fanaticism as by communistic greed. The Jews too have been plundered and driven out. A necessary consequence of this upheaval is the collapse of credit, of trade and industry; the workers dismissed from the factories are ready for the commission of further outrages. The people are beginning to feel that through the revolution they have brought upon themselves the greatest scourge. The northern bear, Russia, stands in silent wrath with a great army on the German border and shows signs, before it deals a decisive blow here, of stretching its claws toward the Turkish Danube provinces, thus hastening the downfall of the decayed Turkish empire. Over and above all this, cholera continues to advance ever further westward; it rages in Constantinople and St. Petersburg and is said to be beginning to spread in wave-like leaps, as it has already shown itself in Finland.
These are the outermost outlines of the picture which the newspapers, up to July 22, draw of the old world. What effects these revolutions have had and will have upon the state of the church, little is as yet reported. Presumably there has not yet been time to give it much thought. Private letters say that the apostasy has now become wholly manifest, that unbelief, under the name of the Friends-of-Light movement, is now celebrating its complete triumph; that within the existing church bodies no place will remain any longer for orthodox preachers. "What is to become of churches and schools," it says in a letter of May 8, "cannot yet be foreseen at all. We may be facing a long period of destruction. For years everything may lie prostrate; a time may be near for us like that when wild hordes broke in upon the rotted Roman empire. So it is natural that one thinks even of a Pella." That state and church are being separated we cannot lament; but on the other hand it is to be feared that unbelief will absorb everything among the great mass. The artificial web of the Prussian Union will shortly tear apart — of that much is certain. But what will take its place? The new minister of religious affairs in Berlin, Count Schwerin, a son-in-law and faithful disciple of Schleiermacher, has ordered that all who call themselves evangelical shall come together in a synod to deliberate about the church. That no good can or will come of this, a child can see. "Prof. Guericke in Halle has been the first to raise his voice publicly on the matter of Lutheranism and has issued a call to make use of the generally demanded and granted liberation of the church from the state for the founding of a Lutheran fellowship."*) So writes a friend at the end of March, and adds: "May the Lord, when it comes to acting, grant as much unity and strength as is needed in a time so torn by subjectivism, if there is to come about a new shaping of church life on the old foundation of the Word and the Lutheran confession. May God preserve a man like Harless from the dangers of the time, that he may be what he has the gifts and the knowledge to be." In any case, a wholly new epoch is beginning for the Lutheran church over there, one which calls us, on this side, to the most earnest, most fervent prayer that it might please God to let it become for her a time of gracious visitation and rebirth. But we must break off here for today. In the next issue may we be permitted to set forth our opinion as to how a Lutheran Christian should regard those events, especially in the old fatherland.
God's Wondrous Ways and Judgments.
An Old Didactic Poem.
There once was a devout Christian who could not reconcile himself to God's wondrous ways and judgments, and therefore often asked God that He would deem him worthy to let him know their hidden causes. Thereupon an angel appeared to him one day and said to him: "Come! journey with me; I will show you God's judgments." Joyfully the Christian followed the angel. Now when the two had journeyed a short distance, they first came through a dark forest. Here they found the corpse of a devout and godly hermit, whom a lion had torn apart and killed. Astonished at the sight of this corpse, the angel's companion exclaimed: "Ah, this man was indeed a devout soul; how then does it happen that God could allow this misfortune to befall him?" Without giving any answer to this, the angel drew his companion further on
*) This appeal is to be printed in the next issue. — The Editors.
and led him to a man who lived on a high rocky cliff, beneath which flowed a deep stream. This man had once, in earlier times, been very God-fearing, but had at last let himself be dazzled by the world again; he had come to think that from piety one got nothing but trouble; that whoever kept in with the world had everything go well for him; so he now wanted to hang up his conscience on the peg, join in with the world, and enjoy this temporal life. The angel movingly reminded him that one must look not only to the temporal but above all to the eternal; that it would be a grievous delusion, for the sake of the brief, base pleasure that the world could give, to want to forfeit eternal joy; that a Christian ought to consider how dearly the Son of God had purchased him, and ought therefore not so recklessly rob himself of the treasure which had cost his Redeemer so dear to acquire. Momentaneum, he said, quod delectat, aeternum, quod cruciat — that is, short is the world's joy, and eternal heartache follows after. When the man heard this admonition, he was struck to the heart and said: "God be praised, that He has sent me such a devout guest and has sought out again me, a poor stray sheep. God be merciful to me, a sinner!" But behold! scarcely had the man let these sighs of repentance be heard, when the angel seized him and cast him down from the cliff into the stream, in which he drowned. Silently the travelers then went on further and came now to an innkeeper, who received them kindly, entertained them splendidly, and among other things set before them a silver goblet; but at parting the angel secretly pockets the goblet and carries it away with him. Dismayed, the Christian follows the angel further and now comes with him to a nobleman. This man was a godless person; he snarled at the travelers and, without offering them a morsel of bread or a drink of water, drove them angrily out of his house; wherefore the travelers, in order not to have to spend the night under the open sky, crept into a stable. But what does the angel do? Politely he takes leave the next morning of the wretch, and even gives him besides the goblet which he had taken the previous day from the house of that devout innkeeper. So at last our wanderers come to a well-to-do man, who receives them well and, after having richly refreshed them with food and drink, sends along with them his only little son, so that this boy might show them the right way through the region unknown to them. What happens? As soon as the child has shown the travelers the right way, the angel suddenly seizes him, strangles him, and throws him into a nearby pit. Now the angel's devout companion can no longer restrain himself, and breaks out indignantly in these words: "What? Do you claim to be an angel? You must surely be a devil, for you are not only a thief but also a shameful robber and murderer; not one step further will I accompany you." Thereupon the angel began, with a grave countenance, thus: