# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 08 02_S210 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) bleibenden Frieden vorbereiten; die neueſten Nach— richten aber machen die Hoffnung zweifelhaft. In Deutſchland tauchte aus dem chaotiſchen Zuſtand das deutſche Parlament auf, welches dem Lande eine neue freie Verfaſſung, Einheit nach innen und Macht nach außen geben ſollte. Es war eine Zeit lang ungewiß, ob es in Deutſchland ferner noch Kaiſer, Könige, Herzöge ꝛc. oder aber eine allgemeine Republik geben ſollte; endlich iſt die monarchiſche Parthei durchgedrungen und erwartet von dem von ihr erwählten deutſchen Kaiſer, zur Zeit noch Reichsverweſer genannt, alles Heil. Die Republikaner ſchreien über Verrath am Va⸗ terlande und möchten mit dem Schwerte drein— ſchlagen. Aus den mit Preußen und Oeſtreich vereinigten ſlavoniſchen Ländern verlautet nichts Gutes. In Poſen iſt viel Blut vergoſſen wor⸗ den, desgleichen in Prag. Ueberall herrſcht unter den Slavoniern die größte Erbitterung gegen die Deutſchen und die papiſtiſchen Prieſter ſollen un⸗ ter Verſprechung vollkommenen Ablaſſes das Volk aufwiegeln, die Proteſtanten zu martern und zu morden; wie es denn auch wirklich geſchieht. In verſchiedenen Theilen unſers Vaterlandes, in Schwaben, Unterfranken, Sachſen hat ſich ein verheerender Bauernkrieg erneuert, nicht ſowohl von münzeriſchem Fanatismus, als communiſti⸗ ſcher Habgier in Bewegung geſetzt. Auch die Juden hat man ausgeplündert und verjagt. Eine nothwendige Folge dieſer Zerrüttung iſt Dar— niederlage des Credits, des Handels und Gewer⸗ bes; die aus den Fabriken entlaſſenen Arbeiter ſind feil zu Verübung neuer Unthaten. Das Volk fängt an zu fühlen, daß es ſich durch die Revolu⸗ tion die größte Geißel aufgebunden hat. Der nordiſche Bär, Rußland, ſtehet in ſchweigendem Groll mit großer Heeresmacht an der deutſchen Grenze und macht Miene, ehe er hier einen ent⸗ ſcheidenden Schlag thut, ſeine Klauen nach den türkiſchen Donauprovinzen auszuſtrecken und ſo den Untergang des morſch gewordenen türkiſchen Reichs zu beſchleunigen. Ueber dieß alles rückt die Cholera immer weiter vor nach Weſten, ſie wüthet in Conſtantinopel, Petersburg und ſoll anfangen, in wellenartigen Sprüngen ſich zu verbreiten, wie ſie denn ſchon in Finnland ſich gezeigt hat. Dieß ſind die äußerſten Grundlinien des Ge⸗ mäldes, das die Zeitungen bis zum 22. Juli von der alten Welt entwerfen. Welche Einwir⸗ kungen dieſe Revolutionen auf das kirchliche We— ſen haben und haben werden, darüber verlautet zur Zeit noch wenig. Wahrſcheinlich hat man noch nicht Zeit gehabt, viel daran zu denken. Privatbriefe ſagen, der Abfall ſei nun ganz offen⸗ bar geworden, der Unglaube unter dem Namen des Lichtfreundthums feiert jetzt ſeinen vollendeten Triumph; für rechtgläubige Prediger werde inner⸗ halb der beſtehenden Kirchengemeinſchaften keine Stätte mehr bleiben. „Was es mit Kirchen und Schulen werden wird“, heißts in einem Briefe vom 8. Mai, „iſt noch gar nicht abzuſehen. Wir können einer langen Zerſtörungszeit entgegen gehen. Jahre lang kann alles darnieder liegen; es kann eine Zeit für uns nahe ſein, wie die, wo 206 wilde Horden über das verfaulte römiſche Reich hereinbrachen. So iſt es natürlich, daß man auch an ein Pella denkt.“ Daß Staat und Kirche getrennt werden, können wir nicht bekla— gen; dagegen aber ſtehet zu befürchten, daß der Unglaube der großen Maſſe alles abſorbiren wird. Das künſtliche Netz der preußiſchen Union wird in kurzem zerreißen, ſo viel iſt gewiß. Was wird aber an deſſen Stelle treten? Der neue Cultus⸗ miniſter in Berlin, Graf Schwerin, ein Schwie⸗ gerſohn und treuer Jünger Schleiermachers, hat verordnet, daß alle, die ſich evangeliſch nennen, zu einer Synode zuſammentreten ſollen, um über die Kirche zu berathen. Daß daraus kein Heil kommen wird und kann, ſieht ein Kind ein. „Prof. Guericke in Halle hat zuerſt ſeine Stimme in Angelegenheit des Lutherthums öffentlich er⸗ hoben und einen Aufruf erlaſſen, die allgemein geforderte und gewährte Befreiung der Kirche vom Staate zur Gründung einer lutheriſchen Gemein— ſchaft zu benutzen.“) So ſchreibt ein Freund von Ende März und ſetzt hinzu: „Der HErr wolle nur, wenn es gilt zu handeln, ſoviel Einigkeit und Kraft verleihen, als in der durch Subjecti⸗ vismus zerriſſenen Zeit nöthig iſt, wenn es ſoll zu neuen Geſtaltungen des kirchlichen Lebens auf dem alten Grunde des Worts und lutheriſchen Bekenntuiſſes kommen. Möge Gott einen Maunn, wie Harleß, vor den Gefahren der Zeit bewahren, damit er das ſein könne, wozu er Gaben und Er⸗ kenntniß hat.“ Jedenfalls tritt für die lutheriſche Kirche jenſeits eine ganz neue Epoche ein, die uns diesſeits zu dem eruſtlichſten, brünſtigſten Gebet auffordert, daß es doch Gott gefallen möchte, es eine Zeit der Gnadenheimſuchung und Wiedergeburt für ſie werden zu laſſen. Doch wir müſſen heute hier abbrechen. In nächſter Num⸗ mer ſei uns erlaubt, unſre Meinung darzulegen, wie ein lutheriſcher Chriſt jene Ereigniſſe, beſon— ders im alten Vaterlande, betrachten ſoll. Gattes Wunderwege und Gerichte. Ein altes Lehrgedicht. Einſt war ein frommer Chriſt, der ſich in Got⸗ tes Wunderwege und Gerichte nicht ſchicken konnte und daher Gott oft bat, daß er ihn doch würdigen wolle, ihn die geheimen Urſachen derſelben wiſſen zu laſſen. Hierauf erſchien ihm eines Tages ein Engel und ſprach zu ihm: „Auf! wandere mit mir; ich will dir Gottes Gerichte zeigen.“ Freu— dig folgte der Chriſt dem Engel. Als nun beide eine kurze Strecke gewandert waren, kamen ſie zu⸗ erſt durch einen dunklen Wald. Hier fanden ſie den Leichnam eines frommen und goitergebenen Einſiedlers, welchen ein Löwe zerriſſen und ge⸗ tödtet hatte. Verwundert rief bei dem Anblicke dieſer Leiche der Gefährte des Engels aus: „Ach, es war ja dieſer Mann eine fromme Seele, wie geht es doch zu, daß Gott dieſes Unglück über ihn verhängen konnte?“ Ohne darauf Antwort zu geben, zog der Engel ſeinen Gefährten weiter fort *) Dieſer Aufruf ſoll in nächſter Nummer abgedruckt werden. Die Redaction. und führte ihn zu einem Manne, der auf einen hohen Felſenabhange wohnte, unter welchem ein E. tiefes Waſſer vorbeifloß. Dieſer Mann war vor Zeiten zwar ſehr gottesfürchtig geweſen, hatte ſich aber endlich die Welt wieder blenden laſſen; er hatte gemeint, man hätte doch von der Frömmig⸗ keit nichts als Plage; wer es mit der Welt hielte, dem ginge alles wohl hinaus; ſo wollte er nun auch das Gewiſſen an den Nagel hängen, mit der Welt mitmachen und dieſes zeitlichen Lebens ge⸗ nießen. Der Engel erinnerte ihn beweglich, daß man nicht allein auf das Zeitliche, ſondern vor allem auf das Ewige ſehen müßte; es wäre eine arge Verblendung, um der kurzen ſchnöden Luſt E. willen, die die Welt geben könnte, die ewige Freude 1 verſcherzen zu wollen; ein Chriſt hätte zu beden⸗ ken, wie theuer ihn der Sohn Gottes erkauft habe, und dürfte ſich alſo nicht ſo lüderlich ſelbſt um den Schatz bringen, deſſen Erwerbung ſeinem Er⸗ löſer ſo ſauer geworden wäre. Momentaneum, ſprach er, quod delectat, aeternum, quod cru- ciat, das heißt, kurz iſt der Welt Freud, darauf folgt ewig Herzeleid. Als der Mann dieſe Er⸗ mahnung hörte, ſchlug er in ſich und ſprach: „Gott ſei gelobet, daß er mir einen ſolchen from⸗ men Gaſt zugewieſen und mich armes verirrtes Schäflein wieder geſucht hat. Gott ſei mir Sünder gnädig!“ Doch ſiehe! kaum ließ der Mann dieſe Bußſeufzer hören, ſo ergriff ihn der A Engel und warf ihn vom Felſen hinab in den Strom, darin er ertrank. Schweigend gingen hierauf die Reiſenden weiter und kamen nun zu 3 einem Wirth, der ſie freundlich aufnahm, ſie herr⸗ lich bewirthete und ihnen unter anderen einen ſil⸗ bernen Becher vorſetzte; doch beim Abſchied ſteckt der Engel den Becher heimlich zu ſich und nimmt ihn mit ſich hinweg. Beſtürzt folgt der Chriſt dem Engel weiter und kommt nun mit ihm zu einem Edelmann. Dieſer war ein gottloſer Menſch, ſchnaubte die Reiſenden an und wies ſie, ohne ihnen einen Biſſen Brods und einen Trunk Waſſers zu reichen, zornig aus ſeinem Hauſe; da⸗ her die Reiſenden, um nicht unter freiem Himmel 3 übernachten zu müſſen, ſich in einen Stall ver⸗ krochen. Doch was thut der Engel? Höflich nimmt er am andern Morgen von dem Böſewicht Abſchied und ſchenkt ihm noch dazu den Becher, welchen er am vorigen Tage aus dem Hauſe jenes frommen Wirthes entwendet hatte. So kommen denn endlich unſere Wanderer zu einem begüterten Manne, der ſie gut aufnimmt und, nachdem er ſie mit Speiſe und Trank reichlich erquickt hat, ihnen noch ſein einziges Söhnlein mitgibt, damit dieſer ihnen den rechten Weg in der ihnen unbekannten Gegend zeige. Was geſchieht? Sobald das Kind den Reiſenden den rechten Weg gewieſen hat, ergreift es plötzlich der Engel, erwürgt es und wirft es in eine nahe Grube. Jetzt kann ſich des Engels frommer Geſellſchafter nicht länger halten und bricht nun entrüſtet in die Worte aus: „Wie? ein Engel willſt du ſein? Du magſt wohl ein Teufel ſein, biſt du doch nicht allein ein Dieb, ſondern auch ein ſchändlicher Räuber und Mör⸗ der; keinen Schritt begleite ich dich ferner.“ Hierauf hub der Engel mit ernſter Miene alſo an: