Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 5 › Seite 27
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-10-27, Seite 27
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ö jahre den Mann, den er dazu erſehen hatte,
Dr. Martin Luther, der von der wahren Buße,
Vergebung und Genugthuung für unſere Sün—
den ſchrieb und ſeine bekannten Sätze heraus—
gab. Da merkte ich ſogleich, daß das der
Mann ſei, der zu mir in die Wü ſte
geſchickt worden ſei; denn Gott öffnete
mir ſogleich meine Augen und Ohren, ja er
ergriff mich durch ihn, führte mich zur Quelle
und warf mich auf Chriſtum. An ihn ſchloß ich
mich gleich im Jahre 1517 im Bekenntniß der
Lehre an. Fünfmal thaten mich die Mönche
in den Bann, anderthalb Jahr beobachteten ſie
mich ſo, daß ich weder mit irgend einem Men⸗
ſchen reden, noch einen Brief ſchreiben oder in
Empfang nehmen konnte, ja ſie drohten mir,
mich ewig gefangen zu halten und bei lebendi—
gem Leib zu begraben, wie ſie es mit Johann
Hilten gemacht hatten. Sechs Jahre lang be—
kannte ich das Evangelium unter den Mönchen
und wo mir es möglich war, predigte ich Chri—
ſtum und daß die Vergebung der Sünden und
das ewige Leben durch den Glauben allein er—
langt würde. Endlich nach ſiebenjähriger Pei—
nigung unter den Mönchen befreiete mich Gott
völlig aus ihrer Gewalt, auch dem Leibe nach;
denn mein Gewiſſen hatte er mir ſchon vorher
frei gemacht. Im Jahre 1524 kam ich nach
Zwickau, ſpäter nach Gotha und bin ge⸗
hörig auf dem Acker des HErrn herumgetrieben
worden, und ſo habe ich dann mit meinem hei⸗
ligen Vorgeſetzten, dem ehrwürdigen Vater
Luther von 1517 an bis in dies 1546. Jahr
in der Ernte gearbeitet und ſeine Gnade an mir
unwürdigem und an ſich unnützen Gefäß iſt
nicht vergeblich geweſen.“
So hätte uns denn unſer Myconius mit der
Deutung ſeines Traumes zugleich vorläufig
einen kurzen Abriß ſeines Lebens gegeben;
wir kehren nun aber zurück, um auch das Ein—
zelne genauer kennen zu lernen.
Wohl müſſen wir ſeinen Mönchſtand einen
gar traurigen nennen, denn wenn er auch in der
erſten Hälfte deſſelben Frieden von außen hatte,
ſo war dagegen in ihm der ganze Schrecken
und die peinliche Unruhe einer Seele, welche
ihre Seligkeit zitternd ſucht auf einem Wege,
wo ſie nicht zu finden iſt. Hatte er aber in der
zweiten Hälfte ſeines Kloſterlebens in ſich ſelbſt
Friede, weil er gefunden hatte, was er ſo lange
geſucht, die Gewißheit der Vergebung ſeiner
Sünden, der Gnade Gottes und des ewigen
Lebens durch den Glauben an IEſum Chri—
ſtum; ſo erfüllte ſich nun dagegen an ihm das
Wort ſeines HErrn: „In der Welt habt ihr
Angſt,“ und es brach die Verfolgung im reich—
ſten Maaße über ihn herein, welche nach Pauli
Ausſpruch Alle erleiden müſſen, die gottſelig
leben wollen in Chriſto IEſu.
Nur kürzere Zeit ſcheint Myconius im An—
naberger Franziskanerkloſter geweſen zu ſein;
er kam von Annaberg nach Leipzig und Wei—
mar, an welchem letzteren Orte wir ihn bereits
im Jahr 1512 antreffen. Hier erhielt er auch
die Prieſterweihe und las ſeine erſte Meſſe,
wozu der Kurfürſt und Kurprinz von Sachſen
die Koſten hergaben, predigte auch daſelbſt.
So weit ſcheint er bei ſeinen Kloſtergenoſſen in
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allen Ehren geſtanden zu haben; aber kaum
hatte er ſeine Zuſtimmung zu der ihm ſo tröſt—
lichen Lehre Luthers laut werden laſſen, ſo
brachen alle Wetter über ihn los. Es iſt ſehr
zu bedauern, daß wir über dieſe Leidenszeit
unſeres Myconius keine genauere Nachricht
haben. Schlimm genng ſcheint es ihm ergan—
gen zu ſein, und die Mönche wagten wohl nur
um des Kurprinzen willen, der auf Myconius
aufmerkſam geworden zu ſein ſcheint, nicht Al—
les; ſonſt hätte er vielleicht des vorerwähnten
Johann Hilten Schickſal erleiden müſſen. Die—
ſer Hilten, ein Franciskanermönch in Eiſenach,
ein frenndlicher und ehrwürdiger Greis, wurde
nämlich von ſeinen Kloſtergenoſſen ins Ge—
fängniß geworfen, weil er einige der offenbar—
ſten Mißbräuche angegriffen hatte. Als er nun
Altershalber oder wegen der langen Haft in
einem ſchmutzigen Kerker in eine Krankheit
verfiel, ſo ließ er den Guardian des Kloſters
rufen, um es ihm anzuzeigen. Dieſer ließ ihn
jedoch um ſeiner Lehre willen hart an. Da ver—
gaß der Greis ſeine Krankheit und ſprach:
„Ich dulde dieſes Unrecht um Chriſti willen
mit gutem Muth, wiewohl ich nicht einmal
etwas gelehrt oder geſchrieben habe, was dem
Mönchsſtand könnte zum Nachtheil gereichen;
denn ich habe nur etliche offenbare Mißbräuche
gerügt. Aber es wird ein Anderer kommen im
Jahre des HErrn 1516, der wird euch umſtür—
zen und ihr werdet ihm nicht widerſtehen kön—
nen.“ Solches geſchah im J. 1500.
Mit Myconius zuſammen lebte im Wei—
marſchen Franziskanerkloſter Johann Voit,
der anch durch Luthers Schriften zur Erkennt⸗
niß und Liebe Chriſti gekommen war. Als dies
die Mönche merkten, ſo wurde ihm alle Ge—
meinſchaft mit den Uebrigen verboten und er
wie ein Greuel behandelt. Wenn die andern
aßen, mußte er auf der Erde kriechen und die
Brocken aufleſen, die Füße der Mönche küſſen
und die ſchwerſten Geißelhiebe erdulden; und
gleichermaßen ging es auch ſeinem Freunde,
unſerm Myconius.
Endlich jedoch, es war im Jahr 1524, ward
dieſer aus den Händen ſeiner Peiniger errettet.
Man ſchickte ihn gegen den Willen des Her—
zogs Johann von Sachſen erſt nach Eiſenach,
dann nach Leipzig und von hier befahl man
ihm nach Annaberg zu geben. Da er jedoch
merkte, daß es darauf abgeſehen ſei, ihn dort
einzuſperren, ſo entfloh er unterwegs und kam
zu dem Kurfürſtl. Bergmeiſter Matthäus
Buſch im Buchholz, der ein eifriger Freund
des Evangeliums war; weshalb denn auch die
unter dem Herzog Georg von Sachſen, dem
Widerſacher der Reformation, ſtehenden An—
naberger in großen Haufen nach dem benach—
barten Städtlein Buchholz wanderten, um da—
ſelbſt das Evangelium predigen zu hören.
(Fortſetzung folgt.)
(Eingeſandt von Paſt. Löber.)
Traurige Nachricht von der lutheri⸗
ſchen Kirche in Rußland.
Nach öffentlichen Berichten, die wir unter
dem Artikel „Zeichen der Zeit“ in der Dorf—
Chronik (einer deutſchen Zeitſchrift des vorigen
Jahres) leſen, befinden ſich die evangeliſch⸗
lutheriſchen Chriſten in den ruſſiſch⸗-deutſchen
Provinzen Lievland, Eſthland und Kurland,
gegenwärtig in großer kirchlicher Noth und
Bedrängniß. Sie werden nehmlich auf mehr⸗
fache Weiſe von der ruſſiſchen Regierung ver⸗
ſucht und bearbeitet, von ihrem Glauben und
Bekenntniß abzufallen und zu der in Rußland
herrſchenden griechiſchen Religion überzugehen.
Namentlich wandern ruſſiſche Pfaffen mit ſo
genannten „beweglichen Kirchen“ von Ort zu
Ort und wenden allerlei Künſte an, um die
Leute griechiſch-katholiſch zu machen. Dabei
iſt es den evangeliſchen Predigern beitſchwerer
Strafe verboten, ihre Gemeindeglieder zu war—
nen; auch iſt die Verbreitung der Bibel, und
alle Arbeit evangeliſcher Miſſionare unter den
vielen Heiden und Namenchriſten des großen
ruſſiſchen Reichs ſtreng unterſagt. Mehr denn
10,000 evangeliſche Bauern ſollen neuerlich
durch die genannten Maßregeln vom Glauben
ihrer Väter abgefallen ſein. Zugleich lieſt man
in obiger Nachricht, daß in Rußland ein grau⸗
ſames Geſetz beſtehe, nach welchem Jeder mit
dem Tode beſtraft wird, der zu einer andern
Kirche, als zur griechiſchen, übergeht. Iſt man
alſo in Rußland ein Jude oder Heide, ſo muß
man es bleiben, oder griechiſch werden. Darü—
ber hat ſich ſelbſt der Pabſt zu Rom gegen den
Kaiſer Nikolaus von Rußland, als ihm derſelbe
voriges Jahr einen Beſuch machte, hart be—
ſchwert, weil auch die Römiſch-Katholiſchen
hart gedrängt würden. Der Kaiſer aber hat
ſich nicht daran gekehrt.
Wohl dem, der weder unter einem weltlichen
noch unter einem kirchlichen Pabſt leben muß
und ſich, wie in den Vereinigten Staaten Nord⸗
america's, der äußerlichen Freiheit erfreuen
kann, bei welcher er ſeinen Glauben ungehin⸗
dert bekennen und ausüben kann! Aber dreimal
wohl dem, der in ſolchem Lande der Freiheit
dennoch nicht meint, er könne glauben, was er
wolle, ſondern die wahre Kirche gefunden hat,
die ſich dem Worte Gottes demüthig unterwirft
und dadurch die rechte freie Mutter frei ge⸗
machter Kinder Gottes iſt, Gal. 4, 26. 31. vgl.
Joh. 8, 31. 32.
Führt das alte Lutherthum nach Rom?
(Jortſetzung.)
Wir haben in voriger Nummer geſehen, daß
und von wem der lutheriſchen Kirche ſchon ſeit
dreihundert Jahren der Borwurf gemacht wor—
den iſt, ſie habe noch manches Papiſtiſche;
nehmlich theils von Schwärmern, die offenbar
Menſchen vonzerrütteten Sinnen waren (2Tim.
3, 5 — 9.), wie von einem Carlſtadt, Münzer
und dem ganzen Corps der ſogenannten himm—
liſchen Propheten; theils von halsſtarrigen
Ketzern, wie von einem Zwingli; oder doch
von erklärten Gegnern der lutheriſchen Lehre
und Kirche, wie von den Reformirten ꝛc. Es
iſt ſonach vorerſt wenigſtens ſo viel gewiß, daß
jener Vorwurf nicht etwa daher kommt, daß
man jetzt fortgeſchritten wäre und in dem jetzt
größeren Lichte jene angeblichen Gebrechen der
lutheriſchen Kirche entdeckt hätte, die die alten
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English translation AI translation
year of life, sent the man whom he had chosen for this purpose, Dr. Martin Luther, who wrote concerning true repentance, forgiveness, and satisfaction for our sins, and published his well-known theses. Then I recognized at once that this was the man who had been sent to me in the wilderness; for God at once opened my eyes and ears, indeed he seized hold of me through him, led me to the spring, and threw me upon Christ. To him I attached myself at once, in the year 1517, in the confession of the doctrine. Five times the monks placed me under the ban; for a year and a half they watched me so closely that I could neither speak with any person, nor write nor receive a letter; indeed, they threatened to keep me imprisoned forever and to bury me alive, as they had done with Johann Hilten. For six years I confessed the Gospel among the monks, and wherever it was possible for me, I preached Christ, and that the forgiveness of sins and eternal life are obtained through faith alone. At last, after seven years of torment among the monks, God fully freed me from their power, in body as well; for he had already made my conscience free before that. In the year 1524 I came to Zwickau, later to Gotha, and have been driven about, as was fitting, over the field of the Lord, and so I have then, together with my holy superior, the venerable father Luther, worked in the harvest from 1517 down to this year, 1546, and his grace toward me, an unworthy and in itself useless vessel, has not been in vain."
Thus our Myconius would, in the interpretation of his dream, have given us at the same time, provisionally, a brief outline of his life; but we now return, in order to become more closely acquainted with the particulars as well.
We must indeed call his monastic estate a very sorrowful one, for even though in its first half he had peace from without, within him there was, by contrast, the whole terror and anguished unrest of a soul that trembles as it seeks its salvation on a path where it is not to be found. But if in the second half of his monastic life he had peace within himself, because he had found what he had sought for so long — the certainty of the forgiveness of his sins, of the grace of God, and of eternal life through faith in Jesus Christ — then, on the other hand, his Lord's word was now fulfilled in him: "In the world you have anguish," and persecution broke in upon him in the fullest measure, which, according to Paul's word, all must suffer who desire to live godly in Christ Jesus.
Myconius seems to have spent only a rather short time in the Franciscan monastery at Annaberg; from Annaberg he went to Leipzig and Weimar, and at the latter place we already find him in the year 1512. Here he also received priestly ordination and read his first Mass, the costs of which were provided by the Elector and the Electoral Prince of Saxony, and he preached there as well. Up to this point he seems to have stood
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in every honor among his fellow monks; but scarcely had he let his assent to Luther's teaching, which was so comforting to him, become known, than every storm broke loose upon him. It is greatly to be regretted that we have no more detailed account of this time of suffering for our Myconius. It seems to have gone badly enough for him, and the monks presumably did not dare to do everything, only for the sake of the Electoral Prince, who seems to have taken notice of Myconius; otherwise he might perhaps have had to suffer the fate of the aforementioned Johann Hilten. This Hilten, a Franciscan monk in Eisenach, a kindly and venerable old man, was thrown into prison by his fellow monks because he had attacked some of the most flagrant abuses. When, on account of his age or of his long confinement in a filthy dungeon, he fell into an illness, he had the guardian of the monastery summoned, in order to inform him of it. The latter, however, treated him harshly on account of his teaching. Then the old man forgot his illness and said: "I endure this wrong for Christ's sake with good courage, although I have not even taught or written anything that could bring harm to the monastic estate; for I have only rebuked a few flagrant abuses. But another will come in the year of the Lord 1516, who will overthrow you, and you will not be able to withstand him." This took place in the year 1500.
Living together with Myconius in the Weimar Franciscan monastery was Johann Voit, who had likewise come to the knowledge and love of Christ through Luther's writings. When the monks noticed this, all fellowship with the others was forbidden him, and he was treated like an abomination. When the others ate, he had to crawl on the ground and pick up the scraps, kiss the feet of the monks, and endure the most severe scourgings; and it went the same way for his friend, our Myconius.
At last, however — it was in the year 1524 — he was rescued from the hands of his tormentors. Against the will of Duke Johann of Saxony, he was sent first to Eisenach, then to Leipzig, and from there was ordered to proceed to Annaberg. But when he noticed that the intention was to imprison him there, he fled along the way and came to the electoral mining master Matthäus Busch in Buchholz, who was a zealous friend of the Gospel; for which reason the people of Annaberg, standing as they did under Duke Georg of Saxony, the adversary of the Reformation, also journeyed in great crowds to the neighboring little town of Buchholz, in order to hear the Gospel preached there.
(To be continued.)
(Submitted by Pastor Löber.)
Sad News Concerning the Lutheran Church in Russia.
According to public reports which we read under the article "Signs of the Times" in the Dorf-Chronik (Village Chronicle, a German periodical of last year), the evangelical Lutheran Christians in the Russian-German provinces of Livonia, Estonia, and Courland presently find themselves in great ecclesiastical distress and affliction. That is to say, they are being tempted and worked upon in various ways by the Russian government to fall away from their faith and confession and go over to the Greek religion that prevails in Russia. In particular, Russian priests travel from place to place with so-called "movable churches" and employ all sorts of devices to make the people Greek Catholic. At the same time the evangelical preachers are forbidden, under heavy penalty, to warn the members of their congregations; likewise the distribution of the Bible, and all the work of evangelical missionaries among the many heathen and nominal Christians of the great Russian empire, is strictly forbidden. More than 10,000 evangelical peasants are said to have recently fallen away from the faith of their fathers as a result of the measures mentioned. At the same time one reads in the above report that a cruel law exists in Russia according to which everyone is punished with death who goes over to any church other than the Greek one. Thus, if one is a Jew or a heathen in Russia, one must remain so, or become Greek. Even the Pope in Rome complained bitterly of this to Emperor Nicholas of Russia when the latter paid him a visit last year, because the Roman Catholics too were being harshly oppressed. But the Emperor paid no heed to it.
Blessed is he who need live under neither a secular nor an ecclesiastical pope, and who, as in the United States of North America, can enjoy that outward freedom by which he may confess and practice his faith unhindered! But thrice blessed is he who, in such a land of freedom, nevertheless does not suppose that he may believe whatever he pleases, but has found the true Church, which humbly submits itself to the Word of God and is thereby the true, free mother of the freed children of God, Galatians 4:26, 31; compare John 8:31-32.
Does Old Lutheranism Lead to Rome?
(Continued.)
We have seen in the previous number that, and by whom, the Lutheran Church has for three hundred years now been reproached with still holding to a good deal that is popish — namely, in part by fanatics who were plainly people of deranged minds (2 Timothy 3:5-9), such as a Carlstadt, a Müntzer, and the whole company of the so-called heavenly prophets; in part by stiff-necked heretics, such as a Zwingli; or else by declared opponents of Lutheran doctrine and church, such as the Reformed, etc. It is thus at least certain, for the time being, that this reproach does not arise because people have now made progress and, in the now greater light, have discovered those alleged defects of the Lutheran Church which the old