Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 3 › Seite 15
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-09-29, Seite 15
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Das 4. Gebot 15 · Krankheit 14 · Paſtor 14
5.: „Gehet heraus von Babylon, mein Volk,
daß ihr nicht theilhaftig werdet ihrer Sünden,
daß ihr nicht empfahet etwas von ihren Pla—
gen, denn ihre Sünden reichen bis an den Him—
mel, und Gott denkt an ihren Frevel.“
Beiſpiel des Ernſtes und der Güte Got⸗
tes gegen einen ungehorſamen Sohn.
Zur Warnung und Aufweckung fahrläſſiger Eli—
Eltern (1 Sam. 2, 12. ff. 3, 12—14., 4, 11—18.)
und ungehorſamer Abſaloms-Kinder, und zugleich als
ein Beiſpiel rechter ſeelſorgeriſcher Behandlung,
mitgetheilt von einem alten lutheriſchen
Prediger.
Im Jahre 1731 geſchah es, daß ein Glied
meiner Gemeinde ſtarb, ein wohlhabender
Bauer, der ein fleißiger Kirchgänger und auch
ſonſt ein Mann von gutem Rufe geweſen war.
Er hinterließ eine Frau mit etlichen Kindern,
unter welchen der älteſte Sohn, ein Bube von
15 Jahren, eines ſehr ſtörrigen Gemüthes war.
So lange der Vater lebte, hielt er ihn ziemlich
im Zaume; nach deſſen Tode aber war die
Mutter zu wenig, ihn in der ihm ſo nöthigen
Zucht zu halten. Dazu fehlte es ihr leider
ebenſo am Willen wie an der Kraft.
Bei dieſen Umſtänden kam es bald ſo weit,
daß der Sohn das Hausregiment führen wollte.
Die Mutter fand für nöthig, den zweiten
Mann zu nehmen, hielt ſich aber nicht ver—
bunden, ihren Sohn deswegen erſt um Erlaub—
niß zu fragen, der doch in dem Gedanken ſtund,
daß er auch ein Wort dabei zu ſprechen hätte.
Er ging in ſeinem ſtörrigen Sinn ſo weit, daß
die Mutter endlich auch einmal böſe wurde und
den Buben ſchlagen wollte. Allein er nahm ihr
den Stecken aus der Hand, und ſchlug ſie damit.
Aber was geſchah? Sein Arm, mit welchem
er die Mutter geſchlagen hatte, wurde plötzlich
voll Löcher und zugleich ſein ganzer Körper
ſiech und krank.
Die Mutter hielt das Vorgefallene vor mir
und ihren Nachbarn, ſo lange ſie konnte, ver—
borgen, weil ſie hoffte, ihr Sohn würde wieder
aufkommen, und da wollte ſie ihn nicht be—
ſchimpfen. Vornehmlich aber that ſie es aus
Furcht, ich möchte es erfahren und alsdann
mit dem Knaben Abſalom nicht allzu ſäuber⸗
lich verfahren.
Unterdeſſen brauchte ſie heimlich einen ge—
ſchickten Wundarzt, der allen Fleiß anwendete,
die Löcher im Arme zu heilen. Aber vergeb—
lich! Da dieſe Wunden von dem Feuer des
Allmächtigen entzündet waren, ſo wurde alle
Kunſt und Sorgfalt an ihnen zu Schande,
und in kurzer Zeit ſchlug der kalte Brand dazu.
Auch dieſes konnte die ſündliche Zärtlichkeit
der Mutter nicht überwinden; dennoch ließ ſie
mich nicht rufen; ihr Bräutigam aber kam
heimlich zu mir und entdeckte mir den ganzen
Handel. Ich ging beſtürzt in das Haus; die
Mutter aber wurde durch meine Ankunft faſt
lieber in einer falſchen Ruhe hätte ſterben laſ—
ſen.
Ehe ich in die Stube des Patienten ging,
hielt ich erſt ein Eramen mit der Mutter in Ge⸗
15
genwart ihres Bräutigams. Ich ſagte, ich
hätte gehört, daß ihr Sohn krank ſei, und
fragte, was ihm fehlte, und woher die Krank—
heit entſtanden ſei? Sie wollte mit der Sprache
nicht heraus; ihr Bräutigam aber fing an deſto
deutlicher zu reden, und fügte hinzu, der Kranke
ſei noch bis jetzt ſo halsſtarrig, daß er ſeiner
Mutter kein gutes Wort gebe, ſondern ſich ganz
feindlich gegen ſie zeige.
Unter ſolchen Umſtänden war es nöthig, daß
ich mein Strafamt zuerſt bei der Mutter anfing,
wobei ich ihr ſehr einſchärfen mußte, daß ſie
mich in meinem Amte bei ihrem Sohne ja nicht
ſtören, noch durch einen unzeitigen Troſt die
nöthigen Wirkungen des Geſetzes in ihm ver—
bindern möchte. Weil ich aber ihrer Weichlich—
keit nicht trauen durfte, ſo beſtellte ich ihren
Bräutigam, der ein chriſtlicher, vorſichtiger
Mann, und um des Kranken Seligkeit ſehr
beſorgt war, zum Wächter, mit der Anweiſung,
wenn die Mutter den kranken Sohn wieder
ſicher machen wollte, mir ſolches alsbald anzu—
zeigen.
Nachdem ich mir ſo den Rücken ſicher geſtellt
hatte, ging ich zu dem Kranken. Er lag im
Bette; ich fragte ihn, was ihm fehle? Er gab
zur Antwort: Sein Arm thäte ihm ſo wehe,
darum könnte er nicht auf ſein. Ehe ich weiter
redete, mußte ihm die Mutter die Tücher vom
Arm abwickeln, daß ich ihn bloß ſehen konnte.
Er war von der Schulter an bis über die Hand
ſo voll Löcher und durchaus ſo ſchwarz, daß ich
mich entſetzte. Ich fragte den Kranken: Wo—
her die vielen Löcher kämen? Worauf er ſagte:
Er wüßte es nicht. Ich fragte weiter: Ob er
nicht mit dieſem Arm ſeine Mutter geſchlagen
hätte? Er antwortete: Ja. Und als ich nach
der Urſache fragte, warum er ſie denn geſchla—
gen hätte, ſo antwortete er mir mit einem trotzi—
gen Geſicht und mit einer mürriſchen und rauhen
Stimme, woraus man ſeine eingewurzelte Feind—
ſchaft gegen die Mutter deutlich abnehmen konnte:
„Ey, warum will ſie einem auch nicht folgen?“
Ich fragte: Ob er der Mutter, oder die Mut-⸗
ter ihm zu folgen ſchuldig wäre? Er ſprach:
Meine Mutter ſollte mir folgen. Ich fragte:
Ob er recht oder unrecht gethan, daß er ſeine
Mutter geſchlagen? Er blieb dabei, ſie hätte
ihm folgen ſollen. Ich fragte ihn endlich: Ob
es ihm leid ſei, daß er ſie geſchlagen? Worauf
er keine Antwort gab.
Dieſe Unterſuchung hielt ich für nöthig, um
zu erfahren, wie tief die Bosheit in ihm ein—
gewurzelt ſei. Ich bewies gar keine Heftigkeit
dabei, damit er nicht abgeſchreckt werden möchte,
recht frei herauszugehen. Ich erreichte auch
dieſen meinen Zweck, aber ſo, daß es mich aufs
innigſte betrübte. Nun war guter Rath theuer,
wie ich es angreifen ſollte, dieſe arme Seele
wo möglich noch zu retten. Was mir die größte
Bedenklichkeit machte, war der kalte Brand, der
ſchon ſo weit überhand genommen zu haben
ſchien, daß ich beſorgen mußte, der Kranke
noch beſtürzter, weil ſie vermnthlich ihren Sohn
möchte noch denſelben Tag ſterben. Ich ſeufzte
zu Gott in meinem Herzen um Weisheit für
mich, und um die Gnade der Bekehrung für
den Patienten. Darauf fing ich an, ihm eine
deutliche und lebhafte Beſchreibung ſeiner gro—
ßen Sünde zu machen, und ihm ſo nachdrück—
liche Vorſtellungen zu thun, daß ich dachte, es
könnte ein Stein dadurch bewegt werden; aber
er blieb unbewegt und ſah bald mich, bald ſeine
Mutter mit feindſeliger Miene an. Gleichwohl
wurde der Mutter bange, ich möchte dem unge—
rathenen Böſewicht angſt machen; ſie fiel mir
daher etlichemal in die Rede, und äußerte, daß
ihr Sohn doch auch ſo gar bös nicht geweſen
ſei. Ich beſtrafte ſie aber ſehr ernſtlich, zeigte
ihr die Größe der Sünde, die ihr Sohn began—
gen, an dem ſo plötzlichen und augenſcheinlichen
Gerichte Gottes, welches ihn ereilt habe und
das ihn nun bald von der Welt nehmen werde,
und legte ihr ein gänzliches Stillſchweigen auf.
Weil ich aber merkte, daß der Kranke gar
ſchwer zur lebendigen Erkenntniß und Bereu—
ung ſeiner Sünden würde zu bringen ſein, ſo
erwählte ich ein geſchwindes Mittel, das ich
mehrmals in dergleichen verzweifelten Seelen—
krankheiten gut gefunden hatte. Ich ſtellte ihm
vor: 1. Daß er an dieſer Krankheit ganz gewiß
ſterben müßte, und er ſollte ſich nur keine Ge—
danken vom Aufkommen machen; 2. daß der
Tod bald, bald, und ſo geſchwind kommen
würde, daß er darnach gar keine Zeit zur Be—
kehrung übrig haben würde, und 3. daß er
alsdann ſo gewiß in die Hölle kommen würde,
als wenn er ſchon drinnen läge. Es könne
geſchehen, daß er noch heute in die Hölle käme ꝛc.
Dabei ſtellte ich ihm die Höllenqual aus Sprü—
chen der heil. Schrift ſo lebhaft vor, als es
mir nur möglich war, und fügte immer hinzu,
daß er nun bald, bald dortzzjn müſſe, wofern
er ſich nicht bekehrte. ö
Als ich nun eine Weile ſo redete, fing er an
zu ſchwitzen, ſah mich ernſtlich an, und ſprach:
„Herr Pfarrex, es wird mir angſt!“ Du böſer
Bube, antwortete ich, dieſe Angſt iſt nichts
gegen die Angſt, die in der Hölle auf dich war—
tet. Denke, wie wird es dir ſo angſt werden,
wenn du in wenigen Stunden in die Hölle fah—
ren wirſt! — Indeſſen freute ich mich heimlich
darüber, daß das Felſenherz anfing zu brechen,
daher brauchte ich dieſe Weiſe noch etwas fort,
bis ich merkte, daß er von der Angſt wirklich
durchdrungen war.
Nun überlegte ich, was ferner zu thun ſei.
Ich wollte ihn noch nicht ſo plötzlich tröſten,
aber auch mit den geſetzlichen Vorſtellungen
nicht weiter fortfahren, ſondern ihn ein wenig
ſeinen Gedanken, oder vielmehr den Gnaden—
wirkungen des heil. Geiſtes überlaſſen; und
weil ich beſorgte, wenn er mich vor Augen ſähe,
ſo möchte er ſich um meinetwillen ſcheuen, ſo zu
thun, wie es der Zuſtand des Herzens erfor—
derte, ſo entſchloß ich mich, hinauszugehen.
Die Mutter aber mußte mit hinaus, damit ſie
kein Verderben anrichtete, und ihr Bräutigam
ebenfalls, damit er nicht aus Unerfahrenheit
falſch ſtrafen oder tröſten möchte. Ich er—
mahnte ihn, er möchte nun ſeinen Sünden recht
nachdenken, ich wollte in einer halben Stunde
wieder kommen. Als wir nun alle herausge—
gangen waren, ſchloß ich die Thür zu und nahm
den Schlüſſel zu mir, damit niemand zu ihm
kommen möchte. Indeß redete ich der Mutter
nochmals in das Gewiſſen, ließ jemand vor der
English translation AI translation
and 5: "Come out of Babylon, my people, so that you do not become partakers of her sins, so that you do not receive any of her plagues; for her sins reach up to heaven, and God remembers her wickedness."
An Example of God's Severity and Goodness Toward a Disobedient Son.
As a warning and awakening to negligent parents (1 Samuel 2:12ff.; 3:12–14; 4:11–18) and to disobedient Absalom-like children, and at the same time as an example of proper pastoral care, communicated by an old Lutheran pastor.
In the year 1731 it happened that a member of my congregation died — a well-to-do farmer, who had been a diligent churchgoer and otherwise a man of good reputation. He left behind a wife with several children, among whom the eldest son, a boy of fifteen, was of a very stubborn disposition. As long as the father lived, he kept him fairly well in check; but after his death the mother proved too weak to hold him to the discipline he so badly needed. In addition, she unfortunately lacked both the will and the strength for it.
Under these circumstances it soon came to the point that the son wanted to run the household himself. The mother found it necessary to take a second husband, but did not consider herself obliged to ask her son's permission first, though he was of the opinion that he too ought to have a say in the matter. He carried his stubbornness so far that the mother at last grew angry and wanted to strike the boy. But he snatched the stick from her hand and struck her with it instead. But what happened? The arm with which he had struck his mother suddenly became full of holes, and at the same time his whole body grew sick and wasted.
The mother kept what had happened hidden from me and from her neighbors as long as she could, because she hoped her son would recover, and did not want to disgrace him. But chiefly she did it out of fear that I might learn of it and then deal none too gently with this Absalom-like boy.
Meanwhile she secretly employed a skilled surgeon, who applied all his diligence to healing the holes in the arm. But in vain! Since these wounds had been kindled by the fire of the Almighty, all skill and care proved useless against them, and within a short time gangrene set in as well.
Even this could not overcome the mother's sinful tenderness; still she would not send for me. Her betrothed, however, came to me secretly and revealed the whole affair to me. I went into the house, dismayed; but the mother, at my arrival, grew almost even more alarmed than before, since she would presumably rather have let her son die in a false peace.
Before I went into the patient's room, I first held an examination with the mother in the presence of her betrothed. I said that I had heard her son was ill, and asked what ailed him and how the illness had come about. She would not come out with it; but her betrothed began to speak all the more plainly, and added that the sick boy was still, even now, so stubborn that he would not give his mother a kind word, but showed himself altogether hostile toward her.
Under such circumstances it was necessary that I begin my office of rebuke first with the mother, and I had to impress upon her most earnestly that she must by no means interrupt me in my office toward her son, nor hinder, through untimely comfort, the necessary workings of the Law in him. But because I could not trust her tender-heartedness, I appointed her betrothed — a cautious, Christian man, deeply concerned for the sick boy's salvation — as a watchman, with instructions that if the mother tried to make her sick son feel secure again, he should notify me at once.
Having thus secured my back, I went to the sick boy. He lay in bed; I asked him what ailed him. He answered that his arm hurt him so badly that he could not get up. Before I said anything further, I had his mother unwind the cloths from his arm, so that I could see it bare. From the shoulder down past the hand it was so full of holes, and altogether so black, that I was horrified. I asked the sick boy where all the holes had come from. He said he did not know. I asked further whether he had not struck his mother with this very arm. He answered, yes. And when I asked the reason why he had struck her, he answered me with a defiant face and in a sullen, harsh voice, from which one could clearly perceive his deep-rooted hostility toward his mother: "Well, why won't she ever obey me?" I asked whether he was bound to obey his mother, or she him. He said: My mother should obey me. I asked whether he thought he had done right or wrong in striking his mother. He insisted that she should have obeyed him. Finally I asked him whether he was sorry that he had struck her — to which he gave no answer.
I considered this examination necessary in order to learn how deeply rooted the wickedness in him was. I showed no harshness in it at all, so that he would not be frightened away from speaking quite freely. And indeed I achieved this purpose of mine, but in a way that grieved me to the very core. Now good counsel was precious, as to how I should proceed, if at all possible to still save this poor soul. What gave me the greatest cause for concern was the gangrene, which already seemed to have gained so much ground that I had to fear the sick boy might die that very day. I sighed to God in my heart for wisdom for myself, and for the grace of conversion for the patient.
I then began to give him a clear and vivid description of his great sin, and pressed it upon him so forcefully that I thought it might move even a stone; but he remained unmoved, and looked now at me, now at his mother, with a hostile expression. The mother, however, grew anxious that I might be frightening the wayward wretch too much; she interrupted me several times, remarking that her son had not really been so very bad after all. But I rebuked her very sternly, showing her the magnitude of the sin her son had committed, evident in the sudden and manifest judgment of God that had overtaken him and would soon take him from this world, and I laid upon her a complete silence.
But because I noticed that the sick boy would be very hard to bring to a living recognition and repentance of his sins, I chose a swift remedy which I had found effective several times before in such desperate sicknesses of the soul. I set before him: first, that he would most certainly die of this illness, and should give up all thought of recovery; second, that death would come very soon — so soon and so suddenly — that he would have no time left afterward for conversion; and third, that he would then just as surely land in hell as if he were lying in it already. It could happen, I told him, that he might be in hell that very day, etc. I then set before him the torment of hell, drawn from the sayings of Holy Scripture, as vividly as I possibly could, adding again and again that he must very soon, very soon, go there, unless he were converted.
When I had spoken this way for a while, he began to sweat, looked at me earnestly, and said: "Pastor, I am becoming afraid!" "You wicked boy," I answered, "this fear is nothing compared to the fear that awaits you in hell. Think how afraid you will be when, in a few hours, you go down into hell!" — Meanwhile I secretly rejoiced that the heart of stone was beginning to break, and so I continued in this manner a while longer, until I perceived that he was truly pierced through with fear.
Now I considered what to do further. I did not yet want to comfort him so suddenly, but neither did I want to continue further with the demands of the Law; rather, I wanted to leave him a little to his own thoughts, or rather to the gracious workings of the Holy Spirit. And because I feared that, if he had me before his eyes, he might, for my sake, hold back from doing what the state of his heart required, I resolved to go out. The mother, however, had to come out with me, so that she could cause no harm, and her betrothed as well, so that he would not, out of inexperience, wrongly rebuke or comfort the boy. I admonished him to now think earnestly upon his sins; I said I would come back in half an hour. When we had all gone out, I locked the door and took the key with me, so that no one could get to him. Meanwhile I spoke once more to the mother's conscience, and had someone stand in front of the