Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 10 › Seite 62

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-12-07, Seite 62

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Lag, aber wie wird es der armen Kirche erge⸗
hen?,“ und ſtimmte nun: „Erhalt uns, Herr,
bei deinem Wort,“ ſelbſt an und ſang es mit
den Seinen ganz hinaus, worauf Gott ſeine
Seele aus dieſer Welt abforderte und in ſein
wiges Ehren- und Freudenreich aufnahm.

———— w D—— ——

(Eingeſandt.)
Das
XIV. XV. XIV.

Capitel St. Johannis
gepredigt und ausgelegt durch Dr. M. Luther.

Dieſen neuen und allem Anſehen nach un⸗
peränderten Abdruck einer Hauptſchrift Luther's
haben wir der im J. 1846 entſtandenen Lu⸗
therſtiftung in Leipzig zu verdanken, in deren
Verlage derſelbe im J. 1850 erſchienen iſt.
Bei dem Umfange dieſer Schrift, die 480 Sei⸗
ten einnimmt, bei dem hübſchen weißen Papier
und gutem Druck iſt der Preis von 15 Neu⸗—
groſchen ein äußerſt billiger, wodurch es auch
den Aermeren möglich gemacht wird, ſich dieſen
großen Schatz anzuſchaffen. Gewiß wird Herr
J. H. Bergmann in New-Rork die Güte ha⸗
ben, Beſtellungen auf dieß Buch zu überneh—
men und, wenn es gewünſcht wird, auch einen
möglichſt billigen Einband zu beſorgen; denn
da es nur geheftet iſt, ſo wird es bei längerem
Gebrauche leicht auseinanderfallen.

Es iſt hierbei recht ſehr zu beklagen, daß un⸗
ſere jenſeitigen Glaubensgenoſſen uns ſo wenig
auf ſolche und ähnliche neu erſchienene Schrif—
ten aufmerkſam machen. Daher vergehen ge—
wöhnlich Jahre, ehe wir davon hier etwas er—
fahren. Solcher Verzug hindert aber ſehr den
Nutzen, den ſolche Schriften ſtiften könnten.
Denn wie Mancher, der ſie erſt ſpäter in die
Hände bekommt, wird bekennen müſſen: Ach,
bätte ich dieſe Auslegung eines Berſes, dieſe
Lehre, Troſt ꝛc. eher gekannt, ſo würde ich eher
von mancherlei Irrthum, Unruhe und Angſt
befreit worden ſein.

Der unübertroffeue Geſchichtſchreiber des Lu⸗
therthums, Freiherr von Seckendorf, ſagt von
dieſen Predigten, „daß darin ungemeine Gaben
des Geiſtes hervorleuchten, dahero ſie Tag und
Nacht geleſen zu werden verdienen, und ſollten
ſich billig alle ſchämen, welthe ſich lutheriſch nen⸗
nen laſſen, wo ſie dieſe Predigten nicht geleſen,
da man wohl ſonſt ſo viele Bücher lieſt.

Matheſius ſchreibet von dieſem Tractat:
„Dieß Buch trug der Herr Doctor ſehr oft mit
ſich zur Kirchen und las ſehr gerne drinne, wie
ich aus ſeinem Munde mit anderen am Tiſch
gehöret, dieß ſey ſein beßtes Buch, das er ge⸗
macht habe, wiewohl ichs nicht gemacht, ſagt er,
denn Dr. Caspar Creutziger (dieſer hat dieſe
Predigten nachgeſchrieben und herausgegeben)
hat ſeinen greßen Verſtand und hohen Fleiß da⸗
ran beweiſet. Dieß ſoll nach der H. Biblien
mein werthes und liebſtes Buch ſeyn.“

Es heißt ferner bei Seckendorf: „Zu wün⸗
ſchen wäre, daß man dem Leſer mit Anziehung
einiger wichtigen Stellen einen ſolchen Vorſchmack
geben könnte, daß er ſelbſt deſto begieriger das
Buch in die Hand nehmen und den kräftigen
Nachdruck deſſelben im Werk erfahren möchte.

— 61—

Es iſt aber eine ſolche Fülle heiliger Gelehrſam⸗
keit und Beredtſamkeit darin, daß es ſehr ſchwer
fällt, etwas vor Andern anzufuhren und zugleich
Weitläufigkeit zu vermeiden.“ Von den dort
angeführten Stellen will ich nur drei auswäh⸗
len.

Eine Ermunterung, dieſe Predigten ſelbſt zu
leſen, mag geben, was Lutheru? von dieſer letz⸗
ten Rede Jeſu in der Vorrede ſchreibt:

„Es ſind doch hierinnen die allerliebſten,
freundlichſten und ſußeſten Worte des treuen lie⸗
ben Heilandes Chriſti, ſo er ſeinen lieben Jun—
gern, als der von ihnen ſcheidet, zur letze giebt,
dergleichen nimmer kein Menſch auf Erden ge—
gen ſeine liebſte und beſte Freunde thun und re⸗
den kann, daß man ſiehel, wie er aus eitel vol⸗
ler unausſprechlicher Liebe, damit ſein Herz ge—
gen ſie gebrandt, für ſie ſorget und ſich ihrer an⸗
nimmt, herzlicher denn keinem Menſchen ſeines
nächſten Freundes höchſte Gefahr und Noth mag
zu Herzen gehen, daß er auch darob ſeines eig⸗
nen Leids und Angſt vergiſſet, damit er nur ſie
durch ſeinen Troſt erhalte, welcher doch auf dieſe
Stunde ſein Herz voll war (wie er ſelbſt zu ih⸗
nen ſagt: Meine Seele iſt betrübt bis in den
Tod), und bereits in dem höchſten Kampf ſtund
wider den Tod und Teufel. Und hat allhie
reichlich ausgeſchüttet alle den hohen herzlichen
Troſt, ſo die ganze Chriſtenheit hat und ſo ein
Menſch in allen Nothen und Leiden begehren
ſollt.

Zudem ſo ſind auch hierin die rechten, für⸗
nehmſten Artikel der chriſtlichen Lehre aufs ge—
waltigſt, als ſonſt an keinem Ort der Schrift
bei einander zu finden, gegründet und geſetzt,
als von den dreien unterſchiedenen Perſonen der
heil. Dreifaltigkeit, und ſonderlich beide von der
göttlichen und menſeh lichen Natur und doch ei⸗
niger Perſon des HErrn Chriſti. Item von der
Gerechtigkeit des Glaubens und vom rechten
Troſt der Gewiſſen. Denn er redet allhier von
den hohen Sachen, wie ein Menſch möge Gott
gewißlich treffen und ergreifen, vor ihm zu be⸗

ſtehen, und ſeiner Gnade gewiß ſein und darauf

ſein Herz gründen und den Troſt erhalten wider
allerlei Anfechtung. Und ſind dieſe Artikel alle
ſo klar und gewaltiglich gegründet, daß man alle
Ketzer und Rottengeiſter (wie ſie auch heißen)
mächtiglich niederſchlagen kann.“
Unvergleichlich iſt, was er über die Worte
Cap. 14, V. 6.: „Ich bin der Weg, die Wahr⸗
heit und das Leben“ ſchreibet und ſonderlich
weiſet, wie Chriſtus nicht in der Abſicht der
Weg ſey, weil er Gebote und ein heilig Erem⸗
pel gegeben, denn ſo wäre er allein der Weg⸗
weiſer und thäte nicht mehr als Moſes, Johan⸗
nes der Täufer, ja ein Erentz am Weg, da im
Gegentheil hier die Rede von einem ſolchen We—
ge iſt, wie wenn einer an einem Ufer ſtände und
er da keinen feſten ſichern Steg oder Brücke hätte
über das Waſſer zu kommen; gottſelige chriſtliche
Tugendwerke ſeien wohl auch gute Wege, da⸗
rauf man in dieſem Leben immer fortfahren ſolle,
aber nicht der Weg, der uns aus dieſem Leben
übertrage und zum Himmel bringe, darum ſagt

nun Dr. Luther, wenn das Stündlein kömmt,

da unſer Thun und Werk aufhören muß und wir
nicht länger allhie zu bleiben haben und dieſe

Disputation angeht: Wo nehme ich nun eine

Brücke oder Steg, der mir gewiß iſt, dadurch ich

hinüber in jenes Leben komme? Wenn man

* —
* *

dahin kommi, (ſage ich,) ſo ſiehe dich nur nach
keinem Wege um, ſo da heiſſen menſchliche Wege
und unſer eigen Gut, heilig Leben oder Werk,
ſondern laß ſolches alles zugedeckt ſeyn mit dem
Vater Unſer und drüber geſprochen: Vergieb
uns unſere Schuld ꝛc. und halte dich allein zu
die ſem, der da ſagt: Ich bin der Weg ꝛc., und
ſiehe, daß du dieß Wort alsdann dir feſt und tief
eingebildet habeſt und alſo, als hörteſt du Chri⸗
ſtum gegenwärtig dir ſagen, wie er hier zu Tho⸗
ma ſagt: Was ſucheſt und gaffeſt du nach an⸗
deren Wegen? Hieher auf mich mußt du ſehen
und bleiben und dir keinen andern Gedanken
laſſen machen, wie du mögeſt gen Himmel kom⸗
men, ſondern alles rein ab und weit aus dem
Herzen geſetzt und nichts anders gedacht, denn
wie ich dir ſage: Ich bin der Weg. Siehe nur,
daß du auf mich treteſt, das iſt, halte dich mit
feſtem Glauben und aller Zuverſicht des Herzens
an michz ich will die Brücke ſeyn und dich über—
tragen, daß du ſollt in einem Augenblick aus
dem Tode und der Höllenangſt in jenes Leben
kommen. Denn ich bins, der den Weg oder
Bahn ſelbſt gepflaſtert und ſelbſt gegangen und
übergefahren bin, auf daß ich dich und alle, ſo
an mir hangen, hinüber bringe; allein, daß du
dich ungezweifelt auf mich ſetzeſt, friſch auf mich
wageſt und getroſt und fröhlich dahin fahreſt und
ſterbeſt in meinen Namen.“

Endlich faßt Dr. Luther die Summe dieſes
ganzen Spruchs zuſammen und ſpricht: Siehe,
alſo verſtehe ich dieſen Spruch aufs einfältigſte,
daß es immer bleibe auf einerlei Meinung von
dem einigen Chriſto, daß er heiſſe der Weg
um des Anfangs willen, die Wahrheit von
wegen des Mittels und Fortfahrens und auch
das Leben von wegen des Endes. Denn er
muß doch alles ſeyn, der Aufang, Mittel und
Eude unſerer Seligkeit, daß man ihn zum er⸗
ſten Stein lege und die andern und mittlern da—
rauf ſetze und auch das Gewölbe oder Dach da—
rauf ſchlieſſe. Er iſt beide, die erſte, mittel und
letzte Stufe an der Leiter gen Himmel, 1. Moſ.
28, 12. Denn durch ihn muͤſſen wir anfahen,
fortfahren und hindurch zum Leben kommen.“

Die ganze Auslegung beſchließt Dr. Luther
mit folgenden Worten: „Siehe, das iſt der
freundliche Abſchied und tröſtliches Letzewort, ſo
Chriſtus den Seinen läßt und gern wollte ins
Herz reden, wiewohl es die Apoſtel auf dießmal
nicht verſtanden haben und wir auch noch nicht
verſtehen, weil wir auſſer der Aufechtung ſind.
Doch haben wir durch Gottes Gnade geſehen,
daß der heilige Geiſt vieler Herzen, wenn es
ans Treffen kommet, der Worte erinnert und
damit geſtärkt, daß ſie auf den Sieg alles er⸗
litten und davon gefahren ſind. Gott helfe auch
uns und gebe uns den Sieg, daß wir auch uns
deß halten in Nöthen und Sterben; ob wir jetzt
dieſe Worte nicht ſo völlig und gewaltig verſte⸗
hen und faſſen können (wie ſie geredt und ge⸗
meinet ſind,) daß wir doch alsdenn daran den⸗
ken: ſolches hat mein HErr und Heiland mir in
mein Herz geredt, daß ich an ihm einen Siegs⸗
mann habe wider Welt, Tod und Teufel, ich
ſey wie gering und ſchwach ich wolle. Amen.

K.

English translation

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