Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 10 › Seite 61

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-12-07, Seite 61

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tet. Den Frieden aber der Geſammtkirche hat
noch nie irgendwelche Indifferenzirung“) be—
fördert. Die Geſchichte der Vergangenheit und
der Gegenwart beſtätigt es, daß die Confeſſio⸗
nen erſt nach geſicherten Grenzen friedlich woh—
nen.

„Ach daß ich hören ſollte daß Gott
der Herr redete, daß er Frieden zu⸗
ſagete ſeinem Bolke und ſeinen
Heiligen, daß ſie nicht auf eine
Thorheit e gerathen!“

1) D. i. die Erklärung, daß irgend ein Unterſchied in
der göttlichen Lehre glrichgültig ſei. D. R.

(Eingefandt.)
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort.
(Auszug aus: Koch's Geſähichte des Kirchenliedes.)

Unſer Glaubensvater Dr. Martin Luther
hat dies Lied im Jahre 1542, alſo nicht lange
vor ſeinem Tode, gedichtet, damit die gläubige
Jugend ein gewiß, kurz und ernſt Gebet wider
den Papſt und Türken habe. Er nannte es
ſelbſt „Ein Kinderliev, zu ſingen über die zwei
Erzfeinde Chriſti und ſeiner heiligen Kirche, den
Papſt und Türken.“

hohen Ehren gehalten und in den alten Kir—
chenordnungen feſtgeſtellt, daß es nicht blos bei
allen Gottesdienſten, ſondern namentlich auch
beim Schlagen der Betglocke Morgens und
Abends geſungen werden ſolle. Wäre es nicht
gut, wenn wir es auch fleißig gebrauchten in
Kirchen, Schulen und Häuſern?

„Erhalt uns, Herr, bei deinem
Wort,“ iſt ein hohes Bekenntnißlied unſerer
lutheriſchen Kirche, eine ſtarke Wehr und Waffe
der Chriſtenheit und ſonderlich des zur Zeit hart
bedrängten Lutheriſchen Kirchenhäufleins. Es
ſind in dieſem Lied die drei erſten Bitten des
Vater-Unſers fein ordentlich beſchrieben: im
1. Verſe bitten wir zu Gott dem Vater um die
wahre und rechtſchaffene Lehre, im 2. zu Gott
dem Sohn für das Reich und die Macht Chri—
ſti, im 3. zu Gott dem Heiligen Geiſt für die
Einigkeit der Frommen in dieſem Leben, bis ſie
zu der ewigen Einträchtigkeit gelangen werden.
Singſt du: „Erhalt uns, Herr, bei deinem
Wort,“ ſo fragt ſich's wohl: Haſt du es denn
auch? — Ja; in der Kirche, im Buche, aber
auch im Herzen? — Gut, daß es in der Kir—
che, auf der Kanzel ſchallet; Gott erhalte es!
Allein das Herz muß es auch beſitzen, dahin
gehört es (Hoſ. 4, 1.). Noch mihr: ſoll Goti
ſein Wort erhalten, ſo müſſen wir auch fein
viel darauf halten. Und ſingſt du: gieb dei—
n'm Volk ein'rlei Sinn auf Erd. — Ach wer
weiß noch recht, was geiſtliche Gemeinſchaft ſei?
wie kalt iſt Alles, wie verwirrt! — Siehſt du,
Chriſtenmenſch, ſo magſt du wohl Buße lernen
an dieſem Liede, damit du auch Muth zum
rechten Bekenntniß daraus ſchöpfeſt.

Man erzählt von dieſem Liede alſo: Als der
Türkiſche Kaiſer, einer der Erzfeinde der Chri⸗
ſtenheit, einſtmals gegen die Chriſten in den
Krieg ziehen wollte, hat er ſeine Gelehrten zu⸗

ganz Schleſien.

die Stadt Magdeburg mit Sturm erobert und

2 4 „ — „
Seine Glaubenskinder ſeine Soldaten mordeten und ſengten, zogen die

aber, die lutheriſche Kirche, haben dies Lied in ö die dortigen Schulkinder in Ordnung über den

—60—

ſammengefordert und gefragt, ob er auch Glück
haben werde wider die Chriſten? Da antwor—
teten die Gelehrten: zu Felde, da er gegen ſie
mit ſeinem Volk als Menſchen wider Menſchen
ſtreiten werde, würde er Glück haben, aber es
wären noch viel junger Kinderlein in Deutſch—
land, die ſtets zwitſcherten: „Erhalt uns, Herr,
bei reinem Woxt und ſteur' des Papſt's und
Türken Mord,“ die würden ihn ohne alle Wehr
und Waffen ſchlagen und zurücktreiben. — Dieſe
Geſchichte iſt freilich wohl eine Sage, aber die
Lehre darin iſt ganz recht, und gewiß iſt, daß
dies hohe Lied den anderen Erzfeind der Chri—
ſtenheit, den Papſt und ſeine Geſellen, oft recht
bange und darum recht böſe gemacht hat. Ein
römiſch-katholiſcher Herzog hat einſtmals zu
ſeinen Hofleuten geſagt: freſſen's, ſaufen's, hu⸗
ren's, buben's, werden's nur nicht lutheriſch
und ſingen's nur nicht das gottſchändige Lied:
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort. Im J.
1548 wurde es in Straßburg bei Leibesſtrafe
zu ſingen verboten, eben ſo bei hoher Strafe im
J. 1662 im Fürſtenthum Oels und 1713 in
Als Tilly am 10. Mai 1631

Markt her und ſangen das Lied. Darüber er⸗
grimmt ließ Tilly alle dieſe Kinder durch ſeine
Kroaten niederſäbeln. „Erhalt uns, Herr, bei
deinem Wort“ hat einen ganzen Haufen Zeu—
gen, Blutzeugen ſogar um ſich herum.

Aber die Lutheraner jetziger Zeit mögen das
Lied nicht mehr ſo ſingen, wie es Dr. Luther
geſungen und in unſerem Geſangbuch gedruckt
iſt. Sie meinen, es ſei doch gar zu grob, das:
Und ſteur des Papſt's und Türken Mord: nicht
wahr? Das Bekenntniß gegen den Papſt mö⸗
gen ſie allenfalls im Buche haben, aber es laut
zu ſingen, den Papſt öffentlich einen Mörder zu
nennen, das klinge zu plump und intolerant
für unſere aufgeklärten Zeiten. Aber hört ein—
mal, wie es unſere Väter gemacht haben. —
Am Hofe des lutheriſchen Bekenners Herzog's
Ernſt von Braunſchweig hielt ſich im J. 1558
der Geſandte eines großen katholiſchen Fürſten
auf und beſuchte mit den Hoflenten und den
anderen Geſandten oftmals die Kirche. Da
ſang man vickfach: Erhalt uns, Herr, bei dei⸗
nem Wort und ſteur des Papſt's und Türken
Mord. Das ärgerte den katholiſchen Herrn; er

ging zum Herzog Ernſt und forderte ihn auf,

das Singen jenes Liedes zu verbieten. Der
Herzog erwiderte: Mein Prediger iſt nicht dazu
berufen, daß ich ihm ſage, was er predigen und
ſingen ſollte, ſondern dazu iſt er berufen, daß
er an Gottes Statt aus ſeinem Worte mir und
den Meinen ſagen ſoll, was wir glauben und
thun ſollen, daß wir ſelig werden; ihn ſollen
wir hören und ihm folgen als Gott und Chriſto
ſelber; Matth. 15 und 18, Lue. 10. Darum
weiß ich ihm dies Lied zu ſingen, nicht zu ver⸗
bieten; wollt Ihr's nicht hören, ſo bleibet aus
der Kirchen oder ziehet heim.

Allein es dünkt euch vielleicht wunderlich,
Gottes Hülfe wider den Türken anzurufen, da

nen; dann ſtimmten ſie alle unter großem“

der Türke uns hier zu Lande wenigſtens nichiz
mehr anhaben kann und auch in Europa ganz.
unſchädlich gemacht iſt. Ihr müßt indeß wohl!
bedenken, daß mit dem Türken ein Erzfeind
eben der Chriſtenheit gemeint iſt, der alſo fal
ſche Lehre bringt. Der Türke verbreitete dit
Lehre des falſchen Propheten Mohammid, alſo
die Lehre, daß der Herr Chriſtus nichis weim
ſei als ein Prophet wie Moſes und geringtt
als Mohammed, daß die Seligkeit in lauter
fleiſchlichen Freuden und unaufhörlicher Wol—
luſt beſtehe u. dgl. m. Jetzt laßt mich tuch
fragen, predigen nicht rings um euch herunz
viele Leute ſolche Lehre? Die ſogenannten Va⸗
nunftgläubigen, die Freien Männer u. dgl. m.
lehren gerade ſo wie die Türken vom Herm
Chriſto und morden manche arme Serte. Irz
nicht alſo wohlgethan, auch jetzt noch wider den
Türken zu Gott zu beten? Singteihr: Und
ſteur' des Papſt's und Türken Mord, ſo rut'
ihr Gott um Beiſtand an erſtlich wider alle die
falſchen Lehrer, welche uns die reine Lehre von
der Rechtfertigung allein aus Gnaden durch
Chriſti Verdienſt, nehmen wollen; zweitens wi—
der alle die Lehrer, welche uns Jeſum Chriſtum,
wahrhaftigen Gott und wahrhaftigen Menſchen,
rauben möchten und ihn herabſetzen zu einem
Propheten gleich Moſes. Darum ſinget fleißig
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort und ſteur
des Papſt's und Türken Mord.

Zu Reichenberg in Böhmen hatte der drei⸗
undachtzigjährige Knecht Gottes, Andr. Hirſch,
ſchon in's 53ſte Jahr das evangeliſche Predigt⸗
amt verwaltet. Da im Jahre 1624 wurden
auf einmal alle evangeliſchen Prediger des Lan⸗
des verwieſen; Hirſch mußte Kirche und Pfan⸗
haus einem römiſchen Meßprieſter abtreten,
während mit allen Glocken geläutet wurde und
die Katholiken eine feierliche Proceſſion hielten.
Zitternd wankte der gebeugte Greis an ſeinem
Wanderſtabe zum Thore hinaus, aber mehr als
2000 Menſchen gaben ihm das Geleite unter
Weinen und Wehklagen bis auf die Hunners⸗
dorfer Höhe. Dort ſtanden ſie ſtill; Hirſch pre⸗
digte über Apoſtelgeſch. 20, 17 — 38 und er⸗
maͤhnte ſie zur Standhaftigkeit und Treue ge⸗—
gen ihren Herrn Chriſtum, und betete mit ih—

Schluchzen an: Erhalt uns, Herr, bei deinem
Wort, und ſchieden.

Dr. Jakob Weller, ein treuer Knecht dioͤ
Herrn, der von 1646 — 1664 am Hoft des
Churfürſten Johann Georg von Sachſen das
lautere Wort Gottes predigte, lag im J. 1064
auf dem Sterbebette. Beim Abſchiede von ſei⸗
nen Amtsgenoſſen erklärte er, daß er bei der
Lehre, ſo er aus Gottes Wort öffentlich getrie⸗
ben, verharren wolle bis in ſein ſelig Ende und
mit derſelben mit Freuden vor dem Richterſtuhl!
Jeſu Chriſti erſcheinen; er habe ſeine Seele dit
ganzen heiligen Dreifaltigkeit anbefohlen und
wolle im wahren Glauben an Jeſum Chriſtum
alſo ſelig abſcheiden. Kurz vor ſeinem Endt
ließ er die Seinen noch knieend vor ſeinem Beilt
die Betſtunde verrichten, ſagte dann: „Ich wer⸗
de nun wohl ſanft ſchlafen bis an den jüngſten

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