Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 6 › Seite 46

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-11-10, Seite 46

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Glauben ſeiner Väter zugebracht hatte, ſo ent—
chloß er ſich doch noch als Greis zu einer ge—
nauen Prüfung der Schriften, die von den Chri⸗
ten als göttlich angeprieſen wurden. Er las
und las wieder, und je öfter er las, deſto mehr
fühlte er ſich von der heiligen Einfalt der Schrift
angezogen und von ihrer göttlichen Kraft er—
griffen. Und dahin muß gewiß jede redliche
Prüfung der heiligen Bücher führen, wenn nur
tin aufrichtiges Verlangen nach Wahrheit den

Prüfen nicht in dem Sinne genommen wird,
daß nämlich das Verwerfungsurtheil eines

len zum voraus ſoll ausgeſprochen ſein, und
bei'nn Leſen des Buchs für dieſes ärgſte
Vorurtheil, welches es geben kann, nur die
weitern Gründe aufgeſucht werden. Wer mit
ſolchen Sinne, mit dem zwar nicht offen geſtan⸗
denen, aber doch heinilich gehegten Vornehmen,
nichts in der Bibel für göttlich gelten zu laſſen,
als was man ſchon ohnehin dafür hält, und
was auf den erſten Blick fremd u. neu erſcheint,
als vernunftwidrig ſchlechthin zu verwerfen; wer
mit ſolchem heimlichen, mehr als natürlichen,
vorſetzlichen Unglauben zu dem Worte Gottes
kommt, wird zwar ſinden was er ſucht, aber
der ſtecke ſich doch auch nicht hinter den philoſo—
phiſchen Mantel der Prüfung, ſondern ſage es
frei heraus, was er im Grunde meint, daß er
einmal nicht glauben will, und in der vor—
geblichen Prüfung nur ausſpricht, wozu er ſchon
vor der Prüfung entſchloſſen war. Anders kann
auch die oft mißverſtandene und gemißdeutete
Forderung, daß man mit gläubigem
Gemüthe in der Bibel ſuchen müſſe,
nichts ſagen, als daß man es nicht mit ungläu⸗
bigem, d. h. nicht zu glauben entſchloſſenem
Gemüthe thun ſolle, ſondern mit ernſtem Ver—
langen nach göttlicher Wahrheit ſich unbefangen
den Eindrücken des Wortes Gottes überlaſſen.
Dies kann allerdings Jedem angeſonuen wer—
den, wie es auch unſer Heiland verlangt, in der
Aufforderung: Wer Ohren hat zu hö⸗
ren, der höre, und wenn Er den Grund,
weshalb man das Zeugniß der Schrift von Ihm
nicht annahm, in dem böſen Willen ſucht:
„ihr wollt nicht zu mir kommen⸗.
daß ihr das Leben haben möchtet“
(Joh. 5, 39. 40.); und wo die Bibel nicht
mit dieſem guten Willen ergriffen wird, da wird
ſchwerlich und nur in wenigen Fällen das Licht
des Lebens aus ihr dem Auge aufgehen, denn
das ſind die verblendeten Augen und die ver—
ſtopften Ohren und verſtockten Herzen, die nichts
ſehen und vernehmen, daß ſie ſich bekehren und
thnen geholfen würde. Joh. 12, 40.
Victorinus, um zu ihm zurückzukehren,
verbarg ſich nicht vor dem Lichte, welches aus
den heiligen Büchern der Chriſten in ſein Herz
ſiel, ſondern fuhr nur um ſo eifriger fort zu le—
ſen und zu ſuchen. Wie manchen Kampf mag
in ſeiner Seele die neugewonnene Wahrheit mit
all den Vorurtheilen zu beſtehen gehabt haben,
die ihm um ſo ſchwerer abzulegen wurden, weil

Forſchenden leitet, und das allerdings löbliche
in welchem es Manche heut zu Tage fordern,

wahrhaft göttlichen Urſprungs ſchon im Stil⸗

—15—

ſie mit ihm gealtert und gleichſam in ſein Leben
verwachſen waren, und inſonderheit auch da—

rum, weil er vor den Augen des ganzen Volks

von ihrer Vertheidigung bisher ſo vielen Ruhm
des Scharfſinus und der Gelehrſamkeit gewon—
nen hatte! Mit einemmale konnte freilich die
Wahrheit nicht den Sieg über die Eigenliebe,
die hier in das ſchwerſte Gedränge kam, davon
tragen. Doch ſchon nach einiger Zeit kam Vie—
torin zu einem Chriſten in Rom, dem Simpli-⸗
cian, und erklärte ihm, wiewohl unter dem Sie⸗
gel des Geheimniſſes, er ſolle wiſſen, daß er
ſchon ein Chriſt ſei. Allein jener antwortete
ihm: „Ich werde es nicht eher glauben und dich
nicht eher zu den Chriſten zählen, bevor ich dich
in einer chriſtlichen Kirche werde geſehen ha—
ben.“ Indeß zu einem ſolchen freien u. öffentli—
chen Bekenntniß hatte Vietorin noch nicht Muth
genug; er ſuchte das Anſinnen abzulehnen,
indem er blos ſpottend ſagte: „Alſo machen die
Kirchenwände einen Chriſten?“ Daſſelbe Ge—
ſpräch wurde oftmals zwiſchen den beiden wie—
derholt, immer wollte Viktorin es bei der innern
Uleberzeugung ſeines Herzens bewenden laſſen,
vorgeblich, weil er das Aeußere in der Religion
für unweſentlich hielt, im Grunde aber, weil er
ſich ſcheute, ſeine vielen vornehmen heidniſchen
Gönner durch einen offenbaren Abfall gar zu ſehr
zu erzürnen; Simplician hingegen beſtand im—
mer darauf, daß der Glaube des Herzens des
äußerlichen Bekenntniſſes nicht entbehren könne,
und der noch kein rechter Chriſt ſei, der ſich ſcheue,
ein freimüthiges Zeugniß von ſeiner Hoffnung
abzulegen. Endlich drang die Wahrheit des
Evangeliums, bei fortgeſetzter Beſchäftigung mit
demſelben, immer tiefer in Victorin's Gemüth
ein, ſo daß alle kleinlichen, irdiſchen Rückſichten
dem höheren Gebot des Glaubens weichen muß—
ten; beſonders hatte das Wort des Herrn, Luc. 12,
8: „Wer mich bekennet vor den Men⸗
ſchen, den will ich bekennen vor den
Engeln Gottes; und wer mich ver⸗
leugnet vor den Menſchen, der wird
verleugnetwerden vor den Engeln
Gottes!“ ihn ergriffen und über ſeine bishe—
rige Halbherzigkeit beſchämt. Er trat eines Ta—
ges ganz unerwartet bei ſeinem chriſtlichen
Freunde mit den Worten ein: „Wohlan, jetzt
komm, laß uns zur Kirche gehn; ich will ein
Chriſt werden!“ Jener kounte ſich kaum vor
Freuden halten und ging mit ihm. Der alte,
durch ſeine Gelehrſamkeit und Kunſt berühmte
Mann ſtellte ſich zur Verwunderung von ganz
Rom, nach der Sitte der ſchriſtlichen Kirche, unter
die Schüler, nahm den Vorbereitungsunterricht
zur Aufnahme in die Gemeinde mit Eifer und
Aufmerkſamkeit an, und der bisher überall der
Erſte geweſen war, ſchämte ſich nicht, in der
chriſtlichen Kirche der Geringſten einer zu wer—
den.
geredet, umſonſt baten und drohten ſeine angeſe⸗
henen Freunde, umſonſt erhob ſich ſelbſt der Zorn
der Widriggeſinnten und ſtreute die gehäſſigſten
Verläumdungen gezen ihn aus, der bisher nur
gewohnt war, gelobt zu werden. Viktorin er—
irug alles mit Freudigkeit und ließ rubig die

Umſonſt wurde ihm von allen Seiten zu⸗

zürnenden Wogen der Welt hinter ſich her rau⸗
ſchen und ſchäumen, denen er ſelbſt ſoeben durch
die Gnaͤde Gottes entronnen war. Der Tag der
Taufe kam heran, von ihm mit Sehnſucht, von
ganz Rom mit Neugier erwartet. Es war in
derſchriſtlichen Kirche Sitte, daß die Täuflinge
von einem erhöhten Platze in der Kirche herab
vor der ganzen Gemeinde das Glaubensbekennt⸗
niß, welches man ihnen vorher zum Auswendig⸗
lernen gegeben hatte, mit lauter Stimme herſa⸗
gen mußten, ehe ſie zum heiligen Bade zugelaſ—
ſen wurden. Da man aber vorausſetzte, daß
Victorin ſich vor dieſem Bekenntniß, welches ein
lauter Widerruf aller ſeiner früheren Worte und
Schriften zu ſein ſchien, ſcheuen würde, ſo bot
man ihm au, was wohl den Blöden erlaubt zu
werden pflegte, ſein Glaubensbekenntnißtim Stil—
len vor einigen Presbytern abzulegen. Allein
Victorin hatte zu ſicher ſein Theil ergriffen, um
jetzt noch vor irgend etwas zu erbeben, er zog
es vor, mit den Uebrigen ſeine Ueberzeugung vor
der Verſammlung laut zu erklären. Die Kirche
war an dem Tage gedrängt voll, eine große Chri⸗
ſteuſchaar, die ſich innig darüber freute, eindn
ſolchen Mann von jetzt an zu den Ihrigen zu
zählen, ſtand erwartungsvoll um den Altar ver—
ſammelt. Als Vietorinus auf die Erhöhung
ſtieg, ging ein leiſes Murmeln durch die ganze
Verſammlung, und der Name Victorinus! Vic⸗
torinus! ertönte wie glückwünſchend von einem
Munde zum andern. Aber ſogleich war es
auch wieder todtenſtill, damit keins ſeiner Worte
verloren ginge. Er ſprach ſeinen Glauben mit
feſter Stimme und mit großer Freudigkeit aus;
die ganze Gemeinde war ergriffen und verließ
die Kirche voll tiefer Bewunderung des Man⸗

nes, an dem ſo Wunderbares geſchehen war,

mehr aber noch der Gnade, die an dieſem Man⸗
ne ſo Wunderbares gethan hatte. Und ſo diente
Victorin's Bekehrung und ſpäterhin das leuch⸗
tende Beiſpiel ſeines Glaubens und ſeiner
Standhaftigkeit Vielen zur Erweckung und Be⸗
feſtigung.

Zwar mußte Victorin jetzt der Ausübung ſei⸗
ner Kunſt entſagen, da der abtrünnige Kaiſer
Julian eben den Chriſten verboten hatte, Unter⸗

richt in den Wiſſenſchaften und in der Redekunſt

zu ertheilen. Indeß das kümmerte ihn wenig;
und es währte auch nicht lange, ſo ward mit Ju—
lian's Tode jenes Geſetz aufgehoben. Nun
konnte Victorin ſeine Schule wieder eröffnen,

und wandte von jetzt an ſeine Talente zur Ver⸗

theidigung des Chriſtenthums und zum Dienſt
der Wahrheit an. Er ſtarb um das Jahr 310,
und hinterließ verſchiedene Schriften, in welchen
er, im Gegenſatz gegen ſeine früheren Beſtrebun⸗
gen, den Glauben lehren und vertheidigen half,
der jetzt der theuerſte Beſitz ſeines Lebens gewor⸗

den war.
(Aus einem älteren Erbaunngsblatte.)

Der kleine Prediger.

Das Sprüchwort ſagt: „Was ein Häkcheu
werden will, krümmt ſich beizeiten.“ Damit
will man zwar gewöhnlich ſagen, daß ſich's ge—

meiniglich bald in der Jugend offenbart, wenn

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