Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 6 › Seite 43

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-11-10, Seite 43

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vorhanden ſein konnte. — Die Acarus Crossei
iſt jetzt als eine beſondere Gattung bekannt.“
Die von mir an einem andern Ort in be⸗
ſtimmter Ueberzeugung ausgeſprochene Behaup⸗
tung, daß das Ziel der Naturwiſſenſchaften di—
rect dahin auslaufe: die Geſetze der Schöpfung
der Natur abzugewinnen, den Aet des Schaf—
fens an uns zu bringen, in die Häude des

Menſchen zu legen, den Menſchen an die Stelle

des ſogenannten Gottes — zu ſetzen, — ſcheint
durch vorſtehendes Faktum den Anfang ihrer
Beſtätigung zu finden. — Die
wird dem ſogenannten Gottesgläubigen Wun—
der vor die lichtſcheuen Augen halten, die Na—

turwiſſenſchaften werden uns einführen in eine

neue, enthüllte, wunderbare Schöpfung, in ein

neues Reich, in dem nichts Großes und Klei⸗

nes, nichts Göttliches noch Menſchliches, in dem

nichts Uebernatürliches, ſondern Alles Natur
iſt. — Oder iſt es nicht ſo? Hat die Chemie
nicht nachgewieſen, daß aus unorganiſchen Stof—
fen (Stein, Metall) organiſches, vegetabiliſches

Leben (Pflanze) ſich entwickelt, alſo aus dem

Niedern das Höhere? — Nun? — Obiges

Faktum geht einen Schritt weiter und zeigt uns

die Enwickelung des animaliſchen (thieriſchen)
Lebens aus bekannten und unbekannten Ele⸗
menten. — Nach ſolcher Logik, vermöge der das
Vollkommnere aus dem Unvollkommneren ſich

entwickelt, der Schwerpunkt alles vernünftigen
Denkens, nach ſolcher Logik hat das Univerſum
in den verſchiedenen durchlaufenen Jahrtauſen⸗

den den urſprünglichen Begriff der Schöpfung
— zu verſchiedenen Malen überſchritten. —
Eine Schöpfung, wenn dieſelbe, wie ſie im alten
Teſtamente kindiſcher Weiſe erzählt und geſchil⸗
dert wird, wirklich möglich geweſen wäre, würde

heut zu Tage ganz unmöglich ſein u. ſ. w.“
Nun, Nachbar, was ſagſt du dazu?

2. Nchb. — Wenn du mir's nicht übel neh⸗
men willſt, daß ihr Ungläubigen erbärmliche

Menſchen ſeid.

Nchb. — Ei der tauſend, das ſollſt du
mir doch beweiſen! Meinſt du etwa, das wäre
nicht wahr, was hier erzählt wirv?

2. Nchb. — Ich weiß nicht. Es haben ſchon
manchen Naturforſcher ſeine Sinne und ſein
Verſtand betrogen. Darum hat man lange Zeit

in der Naturgeſchichte von Gänſen geleſen, die

auf Bäumen wüchſen, und von andern ähnli⸗
chen Dingen. Jener Engliſche Naturforſcher
kann ſich auch geirrt haben. Doch angenom-—
men, er habe ſich nicht geirrt, was denn?

1. Nchb. — Nun dann können wir, wie der
Artikel hier ſagt, den Act des Schaffens an uns
bringen und den Menſchen an die Stelle Gottes
ſetzen. Hat nicht der Mann das Thier in der
Retorte gemacht? Der iſt ſein Schöpfer.

2. Nchb. — Nachbar, bleib bei Sinnen!
Wenn du deinen Salatſamen ſäeſt, und Salat
daraus wächſt, haſt du den Salat gemachtz und
wenn du deiner Henne Eier unterlegſt, und
Küchlein daraus hervorkommen, biſt du ihr
Schöpfer?

1. Nchb. — (Im Eiſer) Deine groben Ver⸗
gleiche paſſen gar nicht.

— 2—

ganz andern Fall. Der Mann hat eine Retorte
gehabt, und chemiſche Stoffe hineingethan, und
eine kannibaliſche Batterie damit in Berbindung
gebracht!

2. Nchb. — Nach meinem einfältigen Ver⸗
ſtande ſollte ich meinen, das beſtärke eben das,
was ich ſage. Denn ſoll der ein großer Künſt⸗
ler, ja ein Schöpfer ſein, der mit ſo viel Um⸗
ſtänden etwa eine eklige Larve an's Licht bringt,
wie viel mehr muß man den für einen Künſt⸗2
ler, ja einen Schöpfer halten, der ſo wenig

Wiſſenſchaft

Wir haben hier einen

Umſtände macht, wie Samen auf ein Beet ſäen,
und einer Henne Eier unterlegen, und doch ſchö⸗
nen Salat und niedliche Küchlein daraus be—
kommt. Die Species Phascarus Gallus (Haus⸗
deres Meiſterſtück, als die Acarus Crossei.

1. Nchb, — (der unterdeſſen das Zeitungs⸗
blatt wieder aufgenommen, und nur mit hal⸗
bem Ohre zugehört hat) Nein, nein, dies iſt
ein ganz anderer Fall. Da ſteht, daß die che⸗
miſchen Stoffe der Weißglühhitze ausdeſcht wa⸗
ren, und daß darin ſo wenig wir im Queckſilber
thieriſches Leben zu vermuthen war.

2. Nchb. — Manches iſt da, wo man es
nicht verumthet. Ich logirte einmal in dem
Boardinghaus bei N., und weil ich beſorgte,
ich möchte des Nachts beunruhigt werden, ſo
nahm ich mir die Freiheit, dem Wirth, der ein
ſehr zuvorkommender Mann iſt, davon zu ſa—
gen. Er ließ meine Bettſtelle ſorgfältig durch⸗
ſuchen, und in alle Fugen und Ritzen corrosive
sublimate ſtreichen; Niemand vermuthete noch
thieriſches Leben darin. Allein, was geſchah?
Ich wurde in der Nacht wider alles Vermuthen
übel zerſtochen.

1. Nchb. — Du kommiſt immer mit deinen
widerwärtigen Vergleichen.

2. Nchb. — (denkt bei ſich: Ich könnt's auch
ohne Vergleich ſagen, allein dann würde dir's
ſchwerlich ſo faßlich und widerwärtig ſein.)

1. Nchb. — Aber das kannſt du doch nicht
leugnen, daß, wie dieſer Artikel ſagt, ſich aus
dem Unvollkommenen das Vollkommene entwik⸗
kelt; das iſt geſunde Logik, das lehrt der Au—
genſchein; du ſagſt ja ſelbſt: Aus dem Samen
wird eine Pflanze, aus dem Ei ein Küchlein;
wird da nicht aus dem Unvollkommneren das
Vollkommnere? He! Nun gut; dann werden
wir auch noch Dinge ſehen, die uns die Augen
flimmern machen, und wie es hier ſo ſchön aus⸗
gedrückt iſt: die Naturwiſſenſchaften werden uns
einführen in eine neue, enthüllte, wunderbare
Schöpfung, in ein Reich, in dem nichts Großes
und Kleines, nichts Göttliches noch Menſchli⸗—
ches iſt — dann ſind auch die Dinge nicht ſo
geſchaffen, wie ſie jetzt ſind, ſondern haben ſich
äus unvollkommeneren entwickelt, und es iſt ein
Mährlein, daß Gott die Welt, wie ſie jetzt iſt,
geſchaffen habe.

2. Nchb. — In dem Stück muß ich dir frei⸗
lich Recht geben, daß die Raturwiſſenſchaften
euch noch hinführen werden, wo, weder Gött—
liches noch Menſchliches“ iſt, d. h. in die Ge—
meinſchaͤft der Thiere und Teufelz denn wo we—
der Göttliches noch Menſchliches iſt, und doch

6*.—

huhn), ſollte ich meinen, iſt noch ein ganz an⸗

ſbrauch deſſelben, dadurch ich ſchon aus der Na⸗

noch was Lebendiges ſein ſoll, da müſſen es .
Thiere oder Teufek ſein; aber darin darf ich dit
nicht Recht geben, daß Gott die Welt nicht ſo
geſchaffen habe, wie ſie jetzt iſt, und daß deshalb,
die bibliſche Schöpfungsgeſchichte ein Mährlein
ſeiz denn das ganz abgerechnet, daß ich ein Chriſts
bin; ſo reicht mein Verſtand, Gott ſei Dank.“
noch weit genug, um mich durch die Rede:
„Aus dem Unvollkommneren entwickelt ſich das
Vollkommnere,“ nicht hinter das Licht führen
zu laſſen. Freilich wird aus dem unvollkomm-2
neren Samen eine vollkommnere Pflanze und,
aus dem unvollkommeneren Ei ein vollkomme⸗
neres Küchlein. Aber woher rührt denn der
unvollkommenere Same und das unvollkomme⸗1
nere Ei? Kanuſt du Samen anders woher be⸗
kommen, als von Pflanzen, und Eier anders
woher, als von einem Vogel? Wenn du Kies
ſäen, und Salat daraus ziehen, und deiner—
Henne höͤlzerne Eier unterlegen und Küchlein
daraus bekommen kannſt, dann ſollt ihr Recht
haben, ſonſt nicht.
1. Nchb. — Mit dir iſt nichts anzufangen.
2. Nchb. — Wenn du meinſt, mich zum
Atheismus zu bewegen, ſo wird freilich mit mit
nicht eher etwas unzufangen ſein, als bis du
mich um meinen Verſtand gebracht haſt; denn
es muß einer keinen Verſtand haben, oder, was
auf daſſelbe hinausläuft, deuſelben nicht ge⸗
brauchen, um ein Atheiſt zu ſein. Gott aber
wolle mir meinen Verſtand und den rechten Ge⸗

tur erkenne, daß ein Gott iſt, bewahren, dazu
den Glauben an den Herrn Jeſum Chriſtum,
dadurch ich zu der Erkenntniß gelange, in
welcher das ewige Leben ſteht.

Handelt die lutheriſche Kirche Recht,
indem ſie die Hand der Gemeinſchaft,
welche die reſormirte ihr bietet,
zurückweiſt 2

Von Profeſſor Dr. Delitz ſch in Erlangen.“)

Denen, welche Luſt haben, dieſe Frage zu ver⸗
neinen, geben wir vorerſt zu bedenken, daß wer
ſie verneint einen Strich der Verwerfung durch,
das ganze Werk der deutſchen Reformation'
macht. Dann iſt Luther, ſind die Heroen un⸗
ſerer Kirche fleiſchlich geſinnte Starrköpfe gewe⸗
ſen, die den Streit lieber hatten als den Frit—
den, und eine jämmerliche Verblendung wars,
daß Joh. Arndt ſich 1590 lieber ſeines Amtes
in Badeborn entſetzen ließ, als daß er durch die
unter andern Umſtänden unverfängliche Wez⸗
laſſung des Exorcismus der Hinneigung ſrines
Fürſten zu reformirter Lehre nachgegeben hät
— eine jämmerliche Verblendung, daß Paul
Gerhardt 1661 ſein Amt niederlegte, weil die
mit der Concordienformel unvereinbare chur⸗
fürſtliche Beſchränkung der Polemik gegen refor
mirte Irrlehre ſein Gewiſſen ängſtete und kein
Zureden, keine Conceſſion des Churfürſten und

*) Wir theilen dieſen im gegenwärtigen Jahre erſchieu
nen Aufſatz mit, theiis als ein Zeugniß von dem nunmeh⸗
rigen Standpunkt res theuren Prof. Delitzſch, theüs 0.
ein Zeugniß gegen die auch hier ſo vielfach veriheidigte und
ausgeübte Unionskirchen⸗Praxis. D. R.

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