Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 1 › Seite 5

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-01, Seite 5

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um nur ſein Leben zu retten, ſo ſtimmt das
ſchlecht dazu, daß der Engel Weihnachten von
ihm geſagt hat: „welcher iſi Chriſtus, der
HErr, in der Stadt David's.“ Eben
ſo wenig wird ſein JEſusname dadurch verherr⸗
licht, daß um ſeinetwillen „alle Kinder in Beth—
lehem und an ihren ganzen Grenzen, die da
zweijährig und darunter waren“ geſchlachtet
werden. Und da er am Ende wieder ganz in
der Stille nach Nazareth getragen wird, und Er,
der verheißene „Zweig aus der Wurzel Iſai“
(Jeſ. 11, 1.), der ſehnlich erwartete Sohn Da⸗
vid's, nicht einmal in dem Stamme bleiben
darf, dem er nach ſeiner menſchlichen Natur an—
gehört, ſo ſcheint auch jede Spur von dem Wun—
verglanze verſchwunden zu ſein, der das Chriſt—
kindlein trotz ſeiner Niedrigkeit umſtrahlte. —
Wir wiſſen aber, daß es daran gar nicht liegt,
wie es uns vorkommt. Hätte Gott auf eine
ſolche Weiſe ſeinen lieben Sohn in die Welt ſen—
den können, wie wir Menſchen es wünſchen
möchten, und wie es ſeiner Herrlichkeit würdig
wäre, ſo hätte es keiner Erlöſung bedurft. Wä⸗
re die Welt danach, daß ſie den Glanz der himm⸗
liſchen Klarheit zu ertragen vermöchte, ſo läge
ſie eben nicht im Argen. Gottes Macht wäre
freilich groß genug, ſie zu zwingen, daß ſie ſein
Reich dulden müßte, ſelbſt wenn es ihre Nichtig⸗
keit offenbarte. Das wäre aber keine willige
Unterwerfung derer, die von der Welt ausgehen
und ſich zu Chriſto bekennen. Wie die Welt
einmal iſt, kann ſie nicht beſtehen, ohne ſich als
Gottes Feindinn zu erzeigen. Erſt wenn ſie,
wie Sodom und Gomorrha, untergegangen ſein
wird, wird ihre Feindſchaft aufhören das Reich
Chriſti zu bedrohen. Die Zeit war aber damals
noch nicht gekommen, als Gott erſt ſein eignes
Blut daran wenden wollte, die Welt mit fich zu
verſöhnen, wie ſie denn jetzt noch nicht gekom—
men iſt. Daraus ergibt ſich genugſam, daß ſich
vor dem Jeſuskindlein die Mächte, die in dieſer
Welt herrſchen, nicht neigen konnten, und es
deshalb der Ehre ermangeln mußte, die ihm
doch gebührte.

Das reicht hin, uns darüber zu beruhigen,
wie es doch möglich war, daß Chriſtus vor ei⸗
nem elenden Meuſchen, dem gottloſen Herodes,
flüchtig ward, und auch nach ſeiner Bewahrung
vor deſſen Mordanſchlägen in Nazareth, dem
entlegenen Winkel von Israel, ſich verborgen
hielt.

Wir wollen nun unſer Evangelium näher
anſehen, ſo werden wir finden, daß wir uns
nicht etwa nur über den Inhalt deſſelben zu
verſtändigen haben, damit er unſerem Glauben
keinen Anſtoß gebe, ſondern daß er reich genng
iſt an Licht und Troſt, um uns zur Verſtändi⸗
gung über vieles zu gereichen, das uns ſonſt
gar lricht ärgern, betrüben und entmuthigen
möchte. Es lehrt uns nämlich:

Wie die Kirche, gleich dem

HERRN, unbeſchadet ihrer

Herrlichkeit in dieſer Welt
herbergt.

— —

I., Sie bleibt kaum vor ihr:
1., wegen der Verfolgung,
2., wegen der großen Bedürftigkeit,
3., wegen der noch größern Furchtſamkeit.

II., Sie herrſcht dennoch in ihr:

1., durch der Engel Heer,
2., durch der Frommen Gehorſam,
3., durch Gottes Strafgerichte.

I.

1. Herodes will Jeſum tödten. Sein Mord⸗
anſchlag iſt ſo wohl berechnet, daß er uur durch
ein Wunder verhindert werden kann. Denn
menſchliche Macht darf dem Fürſten nicht weh—
ren, auch dem gottloſen Herodes nicht. Könige
haben ihren Richter droben. — Es iſt das nicht
der einzige Verſuch, das Jeſuskindlein umzu—
bringen. Der Fürſt dieſer Welt, deſſen Werk⸗
zeug Herodes nur war, den dieſer Herodes als
ſein treuer Knecht nur vorſtellt, da er ja ſelbſt
nichts weiter als ein ohnmächtiger Menſch iſt,
ſchnaubt bis an den jüngſten Tag mit viel
größerer Mokdgier gegen das Häuflein der gläu⸗
bigen Kinder Gottes, als damals gegen das
Jeſuskindlein in Bethlehem. Und eben ſo we—
nig wie in dieſer Verfolgung greift in den übri—
gen eine höhere Hand ein, ſie abzuwenden. Die
Welt hat in ihrer Bosheit freien Lauf. Wer
hat ihr gewehrt, Stephanum zu ſteinigen und
die Chriſtengemeine zu Jeruſalem wie eine ver—
ſcheuchte Heerde Schaafe zu zerſtreuen? Wer
hat ſie verhindert, den Apoſtel Jakobus mit dein
Schwert zu enthaupten? Wer hat dem Blut⸗
vergießen Einhalt gethan, wovon der Erdkreis
troff, als das römiſche Reich ſich gegen den
HERRN und Seinen Geſalbten erhob? Wer
hat dem Wüthen der Irrlehrer geſteuert, dem
Zorn des Antichriſts in Rom und ſeinen Schei—
terhaufen Schranken geſetzt? Wer hat dem ent—
feſſelten Fleiſch empörter Völker, hochmüthiger
Spötter, gottloſer Schreiber und Schreier in den
letzten Tagen unterſagt, mit einem furchtbaren
Schlachtgehrul Gott zu bedrohen“ Wer hat
den Teufel zurückgehalten, endlich aus den ge—
ſprengten Reihen der Chriſtenvölker, mitten aus
den Schaaren der Getauften ein Heer zu wer—
ben, das an ſchamloſer Verhöhnung alles Heili—
gen, an frecher Verleugnung jeder Spur des
Ebenbildes Gottes unter den wüthendſten Fein—
den der Chriſtenheit in der alten Heidenwelt ſei—
nes Gleichen nicht hat, das durch den Schrecken,
den es in der Welt auf die mannichfaltigſte
Weiſe, hier mit der Fauſt, dort mit den Waffen
fleiſchlicher Weisheit vor ſich her verbreitet, das
Jeſuskind aus der Welt hinauszuſcheuchen ſich
vermißt?

2. Daß Jeſus fliehen muß, zeigt ſchon, wie
er kaum vor den Mächten bleibt, die in dieſer
Welt herrſchen. Nun geſchieht aber ſeine Be—
wahrung ſo, daß er dadurch eine noch tieftre Er—
niedrigung erleidet. Denn einem armen Men⸗
ſchenkinde wird ſie befohlen. „Stehe auf,“
ſpricht der Engel zu Joſeph, Maria's vertrau⸗
tem Manne, und nimm. das Kindlein und ſei⸗
ne Mutter zu Dir.“ Der allmächtige Gott,
der Schöpfer Himmels und der Erde, wird in
die geringen Arme eines gemeinen Mannes ge⸗

legt, damit es gepflegt und erhalten werde.
Von deſſen Gehorſam gegen das Wort des En⸗
gels hangt es nun ab, ob der Sohn Gottts ge—
rettet werde. Fürſten halten nicht darüber, keine
Obrigkeit bedroht den Pfleger Jeſu, falls dieſer
es unterlaſſen will, um deßwillen, der ſein Kind
nicht iſt, Beſchwerden und Gefahren zu über⸗
nehmen. Wen muß nicht auch dieß übetzeu⸗
gen, daß Jeſus kaum vor der Wett bleibt? —
Das iſt aber nur ein Abbild der Erhaltung un⸗
ſerer Kirche bis an den jüngſten Tag. Wäh⸗
rend die Mächte dieſer Welt ſie bedrohen und
von der Erde zu vertilgen trachten, kann ſie doch
des menſchlichen Armes und ſoll ſie deſſen nicht
entbehren. Sie bedarf ſolcher Pfleger, wie Jo—
ſeph einer war, um nur auf dieſer Welt zu blei⸗
ben. Der HErr empfängt für ſich und ſeine
Jünger von gottſeligen Weibern Unterhalt, dit
ſich ſeiner in ſeiner Armuth annahmen und da⸗ I.
durch ihren Dank für die Rettung ihrer Seelen
bezeugten. Die neugewonneneu Glieder der
Kirche legen ihre Habe zu den Füßen der Apoſtel
nieder und reichen damit dieſen den Schatz dar,
aus welchem die Gemeine Gottes nehmen ſoll,
was ſie bedarf, damit die Apoſtel ihr das Wort
predigen können und die Armen ihre Nothdurit
empfangen, die, weil ſie Chriſten geworden ſind,
von der Welt verlaſſen werden. In den ver⸗
ſchiedenſten Gemeinen ſammeln die Apoſtel Al⸗
moſen, damit in der Zeit großer Bedrängniß die
Stammgemeine in Jeruſalem nicht des leibli⸗
chen Hungers ſterbe, weil ſie den geiſtichen
ſtillte. So iſt es fortgegangen: die das Evan⸗
gelinm predigen, müſſen ſich vom Evangelio
nähren. Damit es gepredigt werden könnt,
müſſen milde Gaben, als freiwillige Opfer der
Liebe Chriſti, Pflanzſtätten treuer Kirchendiener
gründen und erhalten. Gott reicht nur in ganz
beſonders ſchweren Prüfungsſtunden durch En⸗
gels Hand das geröſtete Brot dem Elias dar.
Im Allgemeinen weiſ'r er dem Leibe ſeiner Gläus
bigen den Gebrauch der ordentlichen Mittel an, 1
durch den auch die Ungläubigen erhalten wer⸗
den. Und weil geraͤde diejenigen, durch deren
Dienſt das Bekenntniß des Glaubeus erhalten
und die Kirche fort und fort erbaut werden ſoll,
wenn ſie ihre Arbeit nicht unterlaſſen wollen,
ſelbſt keinen Zugang zu der einzigen Quelle der
Nahrung und Nothdurft dieſes Leibes und Le⸗
bens haben; ſo iſt das Jeſuskindlein den Ar⸗
men dieſes und jenes Joſeph's befohlen, ſo daß
ſein Leben von dem freiwilligen Gehorſam derer
abhangt, die mit dem Worte Gottes auch den
Befehl deſſelben annehmen: „Nimm das Kind⸗-
lein zu dir!“ Es hat deswegen die Kirche nicht
immer gleich kümmerliche Tage, wie ja der HErr
Jeſus von Reichen und Armen zu Gaſte gebeten
wurde. Während ihr zu Zeiten ſelbſt die eig⸗ 4
nen Kinder die Thür zu weiſen ſcheinen, oder
ihr doch zu verſtehen geben, daß Jeſus von Jo⸗
ſeph's Gnade leben müſſe, ſind hin und wieder
auch wohl die Fürſten der Erde ihre Säugam⸗
men, und legen Krone und Scepter, ſammt dem
Purpur königlicher Herrlichkeit auf ihren Altä⸗
ren nieder. Aber ſchon dieſer Wechſel zeigt, wie
kümmerlich auch in den herrlichſten Tagen, die

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