Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 25 › Seite 197

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-19, Seite 197

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ſondern um recht mildthätig ſein zu können; und
wenn Gott unſere Arbeit und unſer Geſchäft
ſegnet, ſo geſchieht alſo auch das nicht darum,
damit wir etwas haben, was wir unter Schloß
und Riegel legen, ſondern was wir zur Ehre
Gettes und zu unſeres Rächſten Nutzen ver⸗
wenden können.
der, wenn ihr dies überlegt, ſo werdet ihr auch
darin mit mir übereinſtimmen: wenn ihr euch
nur ſelbſt überwinden und euer Herz von dem
Sauerworbenen losreißen wollet, ſo könmt
ihr auch helfen.
Und warum ſolltet ihr es endlich auch nicht
thun wollen? Bedenket, wenn die kluge

ö ſe meiſt nicht des Sinnes, ihre Silber⸗ und
Goldſtücke im Kaſten verroſten zu laſſen, ſon-
dern ſie iſt darauf bedacht, das Capital ſo ſchnell
und ſo ſicher als möglich zu verleihen, um daſ—
ſelbe in Sicherheit zu bringen und daraus Zin—
ſen auf Zinſen zu ziehen. Giebt es nicht Tau—
ſende, beſonders in unſerem neuen Vaterlande,
die es für etwas Unverzeihliches anſehn wür⸗
den, wenn ſie auch nur eine kleine Summe eine
kurze Zeit todt bei ſich liegen haben ſollten?
die, ſob ald ſie ein rundes Sümmchen geſam⸗
melt haben, ſchon die Procente berechnen, welche
ihnen daſſelbe in einem Jahre gebracht haben
müſſe, und es daher kaum eine Nacht bei ſich be—
halten mögen? Heißt das nicht klug handeln?
Run, ihr lieben Brüder, in dieſem Punkte könnet
ibr von den Weltkindern viel lernen. Denn
(wie der HErr ſagt): „Die Kinder dieſer Welt
ſind klüger, denn die Kinder des Lichts, in ihrem
Geſchlecht.“ Lue. 16,8. Meine Meinung iſt
jedoch nicht etwa, daß ihr euer Geld auf Inte—
reſſen geben und die Zinſen der Kirche ſchenken
ſollt! O, keineswegs, ihr Lieben; denn dann
müßten ja die, welche euer Geld euch abborgen,
damit Handel und Wandel treiben und das Geld
euch erſt verdienen, was ihr der Kirche geben
wollt; dann hättet alſo eigentlich nicht ihr die
Kirche beſchenkt, ſondern eure Debitoren. Nein
in der heiligen Schrift ſteht: „Wer ſich des
Armen erbarmt, der leihet dem HErrn; der wird
ihm wieder Gutes vergelten.“ Sprüchw. 19, 17.
Sehet da den rechten, gottſeligen Wucher, den ihr
treiben ſollt. Gott nehmlich, den eigenklich nie—
mand zu ſeinem Schuldner machen kann, weil

doch ſo gütig, daß er, wenn jemand ſein Geld
und Gut aus Liebe zu ſeinem Nächſten opfert,

Menſchen anſehen, jede Gabe als ein ihm gelie—
henes Capital in ſein Buch ſchreiben, Zinſen auf
Zinſen berechnen und hier und dort reiche Inte⸗
reſſen auszahlen will. Wie? iſt das nicht ein
guter Weg, ſein Geld wohl anzulegen? Iſt der
nicht ein beſſerer, als den die Weltkinder ein—
ſchlagen? Denn dieſe verlieren nicht nur oft,
trotz aller Vorſicht, ihr verlichenes Capital ſammt
allen Zinſen; ſondern im Tode, wenn ſie nun
darben, haben ſie auch ihr Verleihen nicht zu ge—
nießen. Wer hingegen das Seine für Zwecke
der Liebe verwendet, der hat einen Schuldner,
bei dem ſein Capital ſicherer ſteht, als wenn es

Ich zweifle nicht, liebe Brü-

Welt ein Capital zuſammengebracht hat, ſo iſt

wir Gott uns ſchon ſelbſt ganz ſchuldig ſind, iſt

ſich für den Schuldner eines ſolchen mildthätigen⸗

auf alle Hypotheken der Welt ausgethan würe,
und der nicht nur das Capital richtig wiederer⸗
ſtatten, ſondern auch hier in der Zeit und dort in
alle Ewigkeit ſo hohe Zinſen auszahlen wird,
daß alle Weltkinder darob erſchrecken (Weish.
Sal. Cap. 5.), die Chriſten aber ewig jauchzen
und frohlocken werden.

Wohlan denn, liebe Brüder, hier iſt Gelegen⸗
heit, dem lieben Gott etwas zu leihen. Wer

will es nun wagen auf den Schuldbrief hin, den

Gott ſchon durch Sprüchw. Sal. 19, 17. ausge⸗
ſtellt hat, Gottes Gläubiger zu werden? Nur
ihm, der auch allein die Herzen denken und wil⸗
lig machen kann, ſei die Sache befohlen. Er er⸗
wecke euch alle, euch auch diesmal als fröhliche
Geber zu erweiſen, ſo wird er es auch an ſich
nicht fehlen laſſen und eure Gabe gewißlich ſeg⸗
nen ſowohl an der Anſialt, als an euch ſelbſt,
hier und dort. Amen.

Unſer lieber Synodal-Caſſirer, Herr F. W.
Barthel allhier, wird die Güte haben, einge—
hende Beiſteuern in Empfang zu nehmen und
darüber öffentlich zu quittiren.

9*9399. —

Wer iſt ein Ketzer, und was iſt eine
Rotte oder Seete?

Es gibt in unſeren Tagen und hieſigen Lan⸗
des Lutheraner, welche mit dem Titel: Rotte,
Secte, Roitirer, Ketzer, ꝛc., ziemlich freigebig
umgehen, ſo daß es kein Wunder wäre, wenn
Einfältige über den Begriff von dieſen Dingen
in die größte Verwirrung geriethen. Wir laſ⸗
ſen daher zu heiiſamen Unterrichte für manche
unſerer Leſer über die genannten Ausdrücke ei⸗
nige Zeugniſſe aus Schriften von namhaften
Theologen unſerer Kirche hier folgen.

J. Gerhard: „Daß jemand ein eigentlich ſoge⸗
nannter Ketzer (oder Rottirer) ſei, dazu gehört:
1. Daß er eine Perſon ſei, welche durch das Sa⸗

crament der Taufe in die ſichtbare Kir⸗

che aufgenommen worden iſtz

2. Daß er im Glauben irre, mag er nun
den Irrthum erſt ſelbſt einführen, oder einen
dergleichen von einem anderen angenommenen
hegen; wiewohl jenes einem Erzketzer oder
Ketzerhaupte, dieſes aber einem Ketzer eigen
zu ſein ſcheint;

3. Daß der Irrthum geradezu (directe) an den
Grunddes Glaubens äanſtoße;

4. Daß mit dem Irrthum eine Bosheit
und Hartnäckigkeit verbunden ſei,
vermöge welcher er, auch nachdem er mehr—
mals ermahnt wurde, nichtsdeſtoweniger ſei⸗
nen Irrthum halsſtarrig vertheidigt;

5. Daß er Trennungen und Aerger⸗
niſſe in der Kirche erregt und die Einigkeit
derſelben zerreißt. (Loc. th. XXVI. 8371
J. Gerhard: „Die griechiſchen Wörter,

welche in unſerer Bibel mit den deutſchen Wör—

tern: „Rotte, Secte,“ und Ketzer überſetzt ſind,
kommen von einem griechiſchen Wort her, wel—
ches „auswählen, vorziehen,“ bedeutet; denn ei⸗
ne Ketzerei iſt eine Privatmeinung, welche ſich
jemand vor dem chriſtlichen und (wahrhaft) ka⸗

tholiſchen Glauben auswählt, hegt und hartnä⸗

ckig vertheidigt. Welche aber eigentlich und ſon⸗
derlich Ketzer zu nennen ſeien, dies bedarf einer
genauen Unterſuchung, daher Auguſtinus
ſchreibt, es ſei ſchwer zu definiren, wer ein Ketzer
ſei. Der Pabſt und die päbſtlichen Kirchen⸗
rechtslehrer ſtellen feſt, daß derjenige ein Ketzer

ſei, welcher nicht allen und jeden Dekreten des
Pabſtes gehorche.

So werden denn im päbſtli⸗
chen Reiche für Ketzer gehalten, welche die Bibel
in der Mutterſprache leſen; welche am Freitag
Fleiſch eſſen, ꝛc. Joh. Aventinus berichtet, daß
ein deutſcher Biſchof Virgilius mit Namen, ein
in der Mathematik bewanderter Mann, vom
Pabſt Zacharias nach Rom eitirt und als ein
Ketzer verdammt worden ſei, weil er dafür ge⸗
halten habe, daß es Antipoden (Gegenfüßler) ge⸗
be.—Einige begreifen unter dem Namen der
Ketzer alle Widerſacher der chriſtlichen Religion
und der himmliſchen Wahrheit, mögen ſie ſich
nun innerhalb oder außerhalb der Kirche befin—
den. Nun ſind aber die Ketzer nicht außerhalb
der Kirche zu ſuchen, ſondern in der ſichtbaren
Kirche, in die ſie durch das Einweihungsſakra⸗
meut aufgenommen worden ſind. Vergl. 1. Cor.
11, 29. Matth. 13, 24. Apoſt. 20, 13. Einige
nennen überhaupt denjenigen einen Ketzer, wel⸗
cher nach wiederholter Mahnung zur Beſſerung
nichtsdeſtoweniger Folge zu leiſten ſich weigert.
Aber dieſe Bedeutung iſt zu allgemein, weil auf
dieſe Weiſe alle hartnäckig Widerſpenſtigen Ke⸗
tzer und alle Städte und Häuſer von Ketzern
voll wären. In den Sitten iſt, eigentlich zu re⸗
den, keine Ketzerei, ſondern in der Lehre und im
Bekenntniß, daher die Ketzer ſo beſchrieben wer⸗
den, daß ſie Zertrennung und Aergerniß anrich⸗
ten neben der Lehre. Röm. 16, 17. Indeſſen
leugnen wir nicht, daß Fehler in den Sitten, als
Ehrſucht, Neid, Stolz, Geiz, u. ſ. w. bei den
Ketzern meiſtens mit dem Irrthum verbanden
ſeien. Manche ſehen alle Schismatiker (die eine
Spaltung anrichten) für Ketzer an, aber wenn
man genau und eigentlich reden will, ſo ſind die
Ketzer von den Schismatikern unterſchieden.
Welches aber jener Unterſchied zwiſchen einem
Ketzer und Schismatiker ſei, legt Auguſtinus⸗
aus. „Ketzer,“ ſpricht er, „indem ſie falſch von
Gott glauben, verletzen den Glauben ſelbſt;
Schismatiker aber verlaſſen durch ungerechte
Spaltungen die brüderliche Liebe, obgleich ſie daſ⸗
ſelbe glauben, was wir glauben.“ Es kannjedoch
nicht geleugnet werden, daß zwiſchen einem
Schisma, (einer Spaltung) beſonders wenn es
bereits eingewurzelt iſt und einer Secte eine große
Verwandſchaft ſtattfindet; denn obgleich biswei⸗
len nur eine Trennung entſteht, ſo greift ſie
doch ſchwerlich um ſich und kommt, ſo zu ſagen,
zu Kräften ohne Ketzerei, und ſchwerlich'
wird jemand von der Lauterkeit des Gla u—
bens abgehen, der nicht, wenn er Anhänger
ſindet, eine Trennung von der Kirche, dieſer
Säule der Wahrheit, machen ſollte. Einige er⸗
klären ſchlechthin diejenigen für Ketzer, welche in
Betreff des chriſtlichen Glaubens und der Schrift⸗
auslegung irren. Aber nicht alle, welche in

Betreff des Glaubens und der Schrift⸗

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