Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 25 › Seite 198

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-19, Seite 198

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auslegung irren, ſind ſogleich Ketzer. Alle Ke⸗
tzer irren zwar in Betzeff des Glaubens ;3. aber
nicht alle, welche (alſo) irren, ſind ſogleich Ke⸗
ßer; was Auguſtinus ſo ausdrückt: „Nicht je⸗
der Irrthum iſt eine Ketzerei, obgleich jede Ke—
terei, die für unrecht angeſehen wird, dies ohne
einen Irrthum nicht ſein kann;“ anderwäris
aber ſchreibt er: „Irren werde ich können,
ein Ketzer werde ich nicht ſein.“ .. Manche
ſtoßen mit ihrem Jrrthumenen ichtge⸗
radezu an den Grund des Glau⸗
bens ſelbſt an, ſondern, indem ſie⸗
den Grund der Kirche beibehalten,
welcher Chriſtus iſt in ſeiner Per⸗
ſon und in ſeinem Amte, bauen ſie
darauf Heu und Stoppeln, 1. Cor.
3, 11. 12; dergleichen der Irrthum Cyprians
war, daß diejenigen wieder zu taufen ſeien, wel⸗
che von Ketzern getauft worden ſind; der Irr⸗
tbum Auguſtins, daß die Kinder mit dem heili⸗
gen Abendmahl zu ſpeiſen ſeien, ze. Solche
aber ſofort für Ketzer anzuſehen, gebührt ſich
keineswegs, da Ketzer außer Chriſto einen ande—
ren Grund ſuchen, dieſe aber auf den wahren
Grund die Stoppeln irriger Meinungen
bauen.—Einige rechnen auch diejenigen zu den
Ketzern, welche privatim im Glauben Irrthümer
hegen, obgleich ſie dieſelben nicht ausſtreuen
noch Andere auf ihre Partei zu ziehen ſich be—
mühen. Aber obgleich ſolche mit großer Gefahr
ihrer Seelen irren, ſo ſind ſie doch, eigentlich und
genau zu reden, keine Ketzer; denn dieſe werden
in der hl. Schrift alſo beſchrieben: daß ſie kom⸗
men zu Anderen, ſie zu verführen, Matth. 7,
15; daß ſic zu dem Schaafſtall des HErrn
kommen, um zu ſtehlen, zu würgen und um⸗
zubringen, Joh. 10, 10; daß ſie nicht. allein
ſelbſt von der Wahrheit, abfallen, ſondern auch
Anderer Glauben verkehren, 2 Tim, 2, 18; daß
ſie irren und Andere in die Gemeinſchaft ihrer
Irrthümer verleiten, verführen und werden ver⸗
führt, 2 Tim. 3, 13;, daß ſie neben einführen
verderbliche Secten, 2 Petri, 2, 1.; daß ſie Ver—
führer ſeien, die in die Welt ausgehen. und
fremde Lehre bringen, 2 Joh. 7. und 10. End⸗
lich, wenn zu einem Irrthum, welcher. wider den
Grund. ſtreitet, nicht Halsſtarrigkeit hinzu
kommt, ſo kann er noch nicht für eine eigentlich
ſogenannte Ketzerei geachtet und erklärt werden.
Denn jenes Laſter iſt nicht blos in dem. Ver⸗
ſtand, noch blos in dem Willen zu ſuchen. Son⸗
dern wie der wahre und ſeligmachende Glanbef
Erkenntniß im Verſtand, Beifall und Zuverſich

im Willen begreift, ſo begreift die Ketzerei Irr⸗
thum:im.Verſtand und.Hartwäckigkeit im Willen
zugleich in ſich; daher die Ketzer Tit. 3, 10.alſo
beſchrielea werden: „Einen ketzeriſchen Men⸗
ſchen meide, wenn er einmal und abermal er⸗
mahnet iſt, und wiſſe, daß ein ſolcher. verkehrt
iſt und ſündiget, als der ſich ſelbſt. verurtheilt
hat,“ d. h., der durch ſein eigenes Urtheil ver⸗
dammt iſt. Von ſolchen heißt es 1, Tim. 1, 19.,
daß ſie Glauben und gutes Gewiſſen von ſich
geſtoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten

haben, und 1 Tim. 4, 2., daß ſie Lrandmaal in

ihrem Gewiſſen haben. Auzußinus, ſchreibt:

196—

„Welche ihre Meinung, obwohl ſie falſch und
verkehrt iſt, doch nicht mit hartnäckigem Eifer
vertheidigen, inſonderheit ſo ſie dieſelbe nicht. in
ſtolzer Vermeſſenheit ſelbſt ausgebrütet, ſondern
von verführten und in Irrthum gefallenen El⸗
tern empfangen haben, die Wahrheit aber emſig
ſuchen, bereit, ſich weiſen zu laſſen, wenn ſie die⸗
ſelbe finden; dieſe ſind keineswegs unter die
Ketzer zu rechnen.“ (Ib. § 370.,

Die Wittenberger theologiſche
Fakultät vom Jahre 1619 (u. A. beſtehend
aus Balduin, Meißner, Franz): „Nun iſt's
wohl an dem, daß nicht ein jeglicher Irrthum in
der Lehre eine verderbliche Secte (oder Rotte) ſei,
denn auch die Apoſtel vor der ſichtbaren Aus⸗
gießung des heiligen Geiſtes über ſie in der Leh—
re geirret, die doch niemand für Sectirer gehal—
ten, denn ſolches von ihnen aus Einfalt und
Unwiſſenheit geſchehen. So iſt auch mancher
Irrthum in der Lehre, der das Fundament des
Glaubens nicht umſtoßet, welchen St. Paulus
dem Heu und Stoppeln vergleichet, die auf das
Fundament gebaut ſind und durch das Feuer
bewährt werden, 1 Cor. 3, 13. Solchen Irr—
thum kann man noch keine verderbliche Sekte
(Rotte) oder Ketzerei nennen. RNechte verderb—
liche Seete aber iſt eigentlich ein Irrthum in der
Lehre, ſo von denen, die in der Kirchen Chriſti
leben, wider das Fundament der Lehre geführet
und halsſtarrig beſtritten wird, auch Zertren⸗
nung und Aergerniß neben der heilſamen Lehre
anrichtet, und ſich daraus nicht weiſen läſſet,
ſondern die, ſo ſolcher Secte anhangen, ver—
harren darinnen ungeachtet vielfältiger War—
nung und Vermahnungen, ſo deswegen an ſie
ergangen. Daher entſpringen vier unterſchiedli⸗
che Stücke, ſo zu einer verderblichen Secte (oder
Rette) gehören:

1. Der Irrthum muß wiid er das Fun.da⸗
ment des chriſtlichen Glaubens laufen.

2. Er muß vorſätzlicher Weiſe vertheidigt
werden.

3. Die Kirche wird dadurch getrennt und
geärgert.

4. Eine verderbliche. Secte läßt ſich gar nicht
weiſen, ſondern will Recht behalten, und blei⸗
bet alſo halsſtarrig auf ihrer Meinung.
Das Fundament dieſer Beſchreibung beruhet

auf dieſen Sprüchen heiliger Schrift: 1. Cor. 3,

11. Gal. 1, 7. 8. Röm. 16, 17. 1. Tim. 6, 3.

2 Tim. 2, 18. 3, 13. Tit. 3, 11.

Consil. theol. Witebergensia. I. f. 526.).
Calov: „Zwiſchen einer Rotte (oder

Secte) und einer- Spaltung (oder Tren⸗

nung) pflegt man ſo zu unterſcheiden, daß eine

Rotte ein Zwieſpalt im Glauben, eine Spal⸗

ung aber ein Zwieſpalt in Betreff. der Ge⸗

bräuche, der Sittennſund der Liebee ſei,
oder auch in dem, was (nur) in einer Be⸗
ziehung zum Glauben (eirca. „dem)
ſteht und nicht geradezu die Regel des Glau⸗
bens betrifft. Aber eine Spaltungenimunt
man entwederallgemein, und dann bezeich⸗
net ſie jede Zerreißung der Kirche; oder man

von einer Secte, verſchieden iſt.

ſe (die Secte) durch Nichtübereinſtimmung“
mit. der Regel und dem Fundament dei
Glaubens eine Zerreißung herbeiführt; dir,
Sp.altzumgaben nicht zwar dunch Zwieſpalt

wird. . . Die Worte, Spaltung und Notte, wenn

Apoſtel durch das Wörtchen „auch“ an, welches

tungen, unter euch, und zum Theil glaube ich.

(Siehe:

nimmt ſie im engeren Sinne, ſofern ſie.
Aiſo, daß di e⸗

im Glauben, ſondern in Fragen, welche ſich auf
den Glauben beziehen, over in Gebräuchen, ſo;
doch, daß der Leib der Kirche dadurch zerriſſen“
man auf den bibliſchen Gebrauch ſieht, ver⸗
halten ſich, wie ein weiterer und engerer Begriff. *
Denn eine- Spaltung bedeutet in der Schrift
jede Trennung, geſchehe ſie nun wegen Glau⸗
bensartikel, odert wegen. Ceremonien. Eine
Rotte aber bedeutet nach der Redeweiſe der.
Schrift eine Secte, welche in einem Hauptarti⸗
kel des Glaubens irrt, entweder wirklich
dergleichen die Seeten. der: Sadducäer waren,
welche die Auferſtehung leugneten, Apſtg. 5. 17,
und der Phariſäer, welche verſchiedene Haupt⸗
ſtücke des Glaubens verkehrten, Apſtg. 15. 5.,
daher auch ein Menſch ein Sectirer (oder Rot⸗
tirer, Ketzer) in dieſem Sinne genannt wird;
oder nach der Mein ung der Leute,
wie man ſprach von einer Secte oder Rotte der.
Nazarener oder Chriſten, Apg. 24, 5. 28, 22.
26. 5. Nach kirchbicher Redeweiſe aber.
heißt eine Spaltunng gewöhnlich eine Kirchen⸗
trennung wegen Ceremoniemoder geringer Strei⸗
tigkeiten, wegen Nebenlehren, wobei die Einig⸗
keit des Glaubens bewahrt wird, wenn nehmlich
kein Glaubensartikel umgeſtoßen, die Liebe aber
und Einigkeit der Kirche aufgelöſt wird; eine
Seete (oder Rotte) aber, wenn die Wahrheit
der Glaubensartikel umgeſtoßen wird. Jene
Verſchiedenheitz beweiſt auch die Stelle 1 Cor.
11, 18, 19. Denn daß eine Rotte etwas
Schlimmeres ſei, als eine Spaltung, zeigt der

hier ſteigernd iſtn „Ich höre, es ſeien Spal⸗

es. Denn es müſſen auch Rotten unter euch,
ſein.“ Der Apoſtel ſagt nehmlich, er glaube
leicht, daß unter ihnen- Spaltungen und Zank.
ſeien über Dinge von geringer Bedeutung, da.
unter ihnen ſelbſt über Artikel des Glaubens.
Streitigkeiten oder Rotten ſein müßten. Hieraus
erhellt, daß hier nicht, wie manche gemeint ha⸗
ben, die Worte Spaltung und Rotte gleichbe⸗
deutend genommen, ſondern unterſchieden wer⸗
den.“ (Bibl. illustr. ad Cor. 1, 10. et 115
18. 19.7

Hieraus erhellt; daß es durchaus unbibliſch.
und unlutheriſch iſt, jeder Spaltung ſogleich das
Prädikat einer Rotte zu geben; es iſt dies aber
ein um ſo größerer Mißbrauch des Wortes Got⸗
tes und um ſo ſündlicher, wenn die Spaltung.
gerechte Urſachen hatte. Findet nehmlich die
Trennung von einer Gemeinſchaft wegen deren .
falſcher Lehre ſtatt, oder weil die G.meinſchaft.
die ſich Trennenden falſcher Lehre beſchuldigte
und ihre reine Lehre verketzerte, ſo iſt die. Tren⸗
nung eine gerechte. Daher ſchreibt der alte
Freund Luther's, der Naumburger Biſchof Ams⸗
dorf von den⸗Adiaphoriſten, welche dem Pabſt
etwas nachgaben: „Dieweil ſie uns heimliche.

Rotten heißen, ſo⸗ können wir kein Sacranen“

English translation

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