Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 25 › Seite 196

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-19, Seite 196

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Fach zu bringen. Da nun aber doch Gott ſei—
nen Segen offenbarlich nach ſeiner großen Gna⸗
de zu unſerem Werke verliehen, alſo, daß die
alten Netze den Segen nicht mehr faſſen wollten,
ſo haben wir, von der Synode nach Deutſchland
an die dortigen Brüder Delegirten bei unſerer
Anweſenheit daſelbſt es gewagt, den letzteren un—
ſere Noth zu klagen und ihre helfende Liebe anzu—
ſprechen. Dieſe unſere Klage und Bitte hat nun
zwar auch eine gute Statt gefunden; es ſind uns
von mehreren Seiten her freundliche Zuſicherun—
gen, daß man nach Kräften mithelfen wolle, ge—
macht worden. Auch haben wir bereits von 3
Plätzen her, von Mecklenburg, Hannover und
Bayern, die Nachricht erhalten, daß daſelbſt für
die Sache unſeres Collegebaues bereits kollektirt
worden ſei. Allein zugleich iſt uns doch auch
die Kunde geworden, daß in faſt allen Theilen
Deutſchlands eine Zeit nicht geringer Noth neu—
erdings eingetreten, daß alſo die Ausbeute der
veranſtalteten Kollekten wohl nicht ſo groß aus—
gefallen ſei, als ſie etwa unter anderen Um⸗
ſtänden ausgefallen ſein dürfte.

Durch die in Deutſchland erhaltenen Zuſiche⸗
rungen ermuntert und im Vertrauen auf Den,
der durch ſeinen unerwarteten Segen einen Wei—
terbau nöthig gemacht hat, ſind denn wir, die
von der Synode für das hieſige Concordia⸗-Col⸗
legium in St. Louis niedergeſetzte Baucommiſ—
ſion, in Gottes Namen zu einem ſolchen Weiter—
bau, nehmlich zur Errichtung des zweiten Flü—
gels, geſchritten. Wir hofften nun freilich, bis
zu dieſer Zeit wenigſtens Etwas von Deutſch⸗
land in unſeren Händen zu haben, womit wir
doch einen Theil der aufgelaufenen Baukoſten
zu decken im Stande ſein würden. Aber ſchon
naht ſich der Bau ſeiner Vollendung und noch
ſind wir ohne Mittel.

Was ſollen wir nun thun? An wen ſollen
wir uns weuden? Wohl ſind wir überzeugt,

wenn wir uns an die Brüder in Deutſchland

nochmals wendeten und denſelben unſere Verle—
genheit vorſtellten, ſie würden das Aeußerſte
ihun, daß das begonnene Werk glücklich zu En⸗
de gebracht würde. Aber wäre es wohl recht
von unſerer Seite, die jenſeitigen theuren Brü⸗
der, die bereits ſo viel für uns hier gethan und
geopfert haben, jetzt, wo ſie ſelbſt von allerlei
Noth umringt ſind, zu neuen Opfern für uns
aufzufordern? Gewiß nicht. Das hieße wahr⸗
lich die Liebe mißbrauchen.
Chriſt des andern Laſt tragen, aber unchriſtlich

und ſchimpflich iſt es für einen Chriſten, die:

Laſt, welche Gott ihem aufgelegt und die er
zu tragen im Stande iſt, einem Anderen aufzu⸗
bürden.

Wohl hätten wir nun, ihr lieben Brüder
hier in Amerika, euch gern verſchont. Wir ge—
ſteben es, es kommt uns ſauer an, ſchon wieder
euch mit Bitten um Beiſteuern zu beſtürmen.
Wir wiſſen es, es iſt hier der Noth ſo viel und
darum des Bittens und Bettelns kein Ende.
Wir wiſſen es, die Meiſten unter, euch haben
wenig mehr, als ſie ſelbſt nothwendig für ſich
und die Ihrigen bedürfen. Wir denken wohl
daran, daß eure Lirbe noch vor wenig Monaten

*

Wohl ſoll ein

— 194—

für das Fort Wayner Seminar in Anſpruch
genommen worden iſt. Uns iſt auch nicht un⸗
bewußt, daß wohl Manche von denen, welche
Gott vor Anderen geſegnet hat an zeitlichen Gü—
tern, oft gerade am kärglichſten geben, daß da⸗
ber die Laſt wieder hauptſächlich auf die Arme—
ren fällt. Aber, ſagt ſelbſt, ihr Lieben, an wen
können wir uns ſonſt wenden, als an euch?
Wenn irgend jemand, ſo ſeid ihr's ja, welche
die Pflicht haben, hier zu helfen. Die An⸗

ſtalt iſt eure Anſtalt. Ihr habt ſie in's Le⸗
ben gerufen, ſie iſt ein von euch gepflanzter
Baum, ſie iſt euer Kind; ihr könnt ſie daher
auch jetzt, da ſie durch Gottes Segen wächſt
und nun freilich auch größere Bedürfniſſe be—
kommt, unmöglich verlaſſen und verkümmern
laſſen. Ihrr habt das Werk in Gottes Na—
men begonnen; ihr könnt es daher nun, da es
Gott ſeinen Fortgang haben läßt, unmöglich
darum liegen laſſen, weil das Fortbeſtehen ei⸗
nige Opfer von eurer Seite erheiſcht. Ihr
habt die Haͤnd an den Pflug gelegt; ihr könnt
ſie nun unmöglich zurückziehen. Es ſind ja
auch eure Söhne, die hier zum Dienſte der
Kirche zubereitet werden; es iſt euer Glaube,
für den hier eine Pflanzſchule beſteht; es ſinr
eure Kinder, die einſt aus dieſer Anſtait Pre⸗
diger und Seelſorger eures Glaubens erhalten
ſollen; es iſt eure lutheriſche und zwar eure
ameritaniſch-lutheriſche Kirche, welcher treue
Arbeiter, Wächter und Streiter hier erz zogen
werden ſollen; es iſt eure neue Heimath, in
der ihr ſo viele Wohlthaten genieße et vor Mil—
lionen eurer Brüver in anderen Ländern, für
welche Zeugen der Wahrheit aus dieſer Schule
hervorgehen ſollen. Ja, ihr ſeid es zum Theil
ſelbſt, die zu ſeiner Zeit aus dieſem Inſtitute
Seelſorger zu erhalten nöthig haben werden;
denn zwar ſind wir bis jetzt noch immer, wenn
Noth um tüchtize Arbeiter war, von unſerer
alten Heimath aus damit verſehen worden:
aber iſt es nicht ein elendes Ding für euch,
wenn ihr euch imnier darauf verlaſſen ſollt,
von dorther Hilfe zu erhalten? Iſt's nicht
unrecht, die deutſche Mutterkirche mit viclen
Koſten und Mühen für uns Arbeiter erziehrn
zu zlaſſen, während wir die Hände, in den
Schooß legen? Iſt's nicht gefährlich, ſich in
die Verlegenheit zu ſetzen, entweder oft längere
Zeit ohne einen Prediger des reinen Evange⸗
liums zu bleiben, oder den erſten beſten unge⸗
prüften zu nehmen? Haben wir nicht auch
ſchon mancher Gemeinde an den wichtigſten
Pläten, die ſich an uns mit der Bitte um ei⸗
nen tüchtigen Prediger wendete, ihre Bitte ab—

ſchlagen und nun ſehen müſſen, daß dieſelbe

in die Hände eines falſchen Apoſtels gefallen
iſt? Wird es nicht immer nothwendiger, daß
wir hier Prediger haben, die hier erzogen
ſind, die die hieſigen Verhältniſſe kennen und
die gerade in den Punkten der Lehre klar und
feſtgewurzelt ſind, in denen gerade wir hier
aͤngefochten ſind und in Verſuchung ſtehen?
Wir haben unſere Kinder aus ihrem alten Va⸗
terlande in dieſes ferne, in Betreff der Religion
ſo gefährliche, Land mit herübergebracht. Was

Anſtrengungen erfordert, wenn hier in Amerika

werden ſie einſt ſagen, wenn wir todt ſind, ſo
wir wohl für ihr beſſeres irdiſches Durch⸗
kommen durch unſere Auswanderung gnt ge⸗
ſorgt hätten, wenn ſie ſich aber dadurch in Be⸗
treff ihrer Religion und ihrer Seelen Seligkeit
verlaſſen und von uns verwahrloſt ſähen? —
Gewiß, ihr werdet mir's zugeſtehen: ihr habta
vorerſt die Pflicht, zu helfen.
Aber werden vielleicht Manche ſagen, mam
ſollte wohl manchts thun, aber wie? wenn:
man es nun nicht thun kannn? — Es iſt
wahr, liebe Brüder, es werden nicht geringe

nach und nach von uns ſo für unſere Kinder
u. Nachkommen inBetreff der Religion u. Kirch
geſorgt werden ſoll, wie einſt unſere Bäter in
Deutſchland für ihre Kinder und Nachkommen
geſorgt haben. Aber bedenket, unſere Väter,
vie ſo Großes gethan haben in Erbauung ſchü⸗
ner großer Kirchen, in Errichtung von latei⸗
niſchen Schulen und Hochſchulen, in Aufbrin⸗
gung von Capitalien und in allerhand milden
Stiftungen, aus denen die errichteten Schulge
bäude in gutem Stande erhalten, neue Bauten
beſtritten, die Lehrer beſoldet und arme Stu⸗
denten unterſtützt werden konnten — bedenket,
dieſe unſere Väter ſind zum großen Theil an i⸗
diſchen Gütern weniger geſegnet geweſen,
als wir. Bedenket ferner, welche ungeheuren
Anſtrengungen machen hier Irrgläubige aller
Art, um ihren Irrglauben zu erhalten und aus⸗
zubreiten? Sollen dieſe uns beſchämen? Sol⸗
len dieſe mehr Eifer zeigen und mehr aufwenden,
den Irrthum, als wir, die ungefälſchte Wahrheit
zu erhalten und auszubreiten? Können dieſe
ſo viel für einen Wahn entbehreu, warum ſoll⸗
ten wir nicht ebenſoviel, ja, mehr entbehren—
können für die Wahrheit? Bedenket endlich,
wie viel wendet die ungläubige ſichere Welt auf
nicht zwar, um ihren Unglauben zu verbreiten
(denn dies würde ja ihr ſelbſt nichts einbrin⸗
gen, daher bisher alle Anſätze zu Miſſons- und
Traktatgeſellſchaften für den Unglauben immer;
um des lieben Geldes willen ohne Fortgang ge⸗
blieben ſind), aber bedenket, ſagen wir, wie viel
die Welt aufwendet, um ihrem Fleiſche nach al—
ler Luſt ihres Herzens zu dienen: Wie viel
wendet ſie auf überflüſſigen Putz und Staar in
Kleidern, Möbeln und ſonſt eitlem Geprängel
Wie viel wendet ſie auf Überfluß in Speiſe und
Trank! Wie viel verſchwenden Tauſende von
Hausvätern und Hausmüttern mit den Ihrigen,
um jedes öffentliche Vergnügen mitzumachen!
Alle dieſe Ausgaben habt ihr, die ihr rechtſchaf⸗
fene Chriſten ſeid, nicht. Das alles, was die
Welt dem Teufel zum Opfer bringt, könnt ihr
dafür eurem Gott, das iſt, eurem armen Räch⸗
ſten und ſeiner armen Kirche, opfern. Ihr dürft
auch nicht meinen, daß wir euch dieſe Zunu⸗
thung machen; dieſe Zumuthung hat Gottts
Wort ſchon allen Chriſten gemacht, wenn z. B.
der heilige Geiſt durch den heiligen Apoſtel Pau—
lus ſchreibt: „Er) arbeite, und ſchaffe mit den
Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben
dem Dürftigen.“ Epheſ. 4, 28. alſo nicht um

reich zu werden, ſollen wir recht fleißig arbeünen,

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