# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 07 19_S197 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſondern um recht mildthätig ſein zu können; und wenn Gott unſere Arbeit und unſer Geſchäft ſegnet, ſo geſchieht alſo auch das nicht darum, damit wir etwas haben, was wir unter Schloß und Riegel legen, ſondern was wir zur Ehre Gettes und zu unſeres Rächſten Nutzen ver⸗ wenden können. der, wenn ihr dies überlegt, ſo werdet ihr auch darin mit mir übereinſtimmen: wenn ihr euch nur ſelbſt überwinden und euer Herz von dem Sauerworbenen losreißen wollet, ſo könmt ihr auch helfen. Und warum ſolltet ihr es endlich auch nicht thun wollen? Bedenket, wenn die kluge ö ſe meiſt nicht des Sinnes, ihre Silber⸗ und Goldſtücke im Kaſten verroſten zu laſſen, ſon- dern ſie iſt darauf bedacht, das Capital ſo ſchnell und ſo ſicher als möglich zu verleihen, um daſ— ſelbe in Sicherheit zu bringen und daraus Zin— ſen auf Zinſen zu ziehen. Giebt es nicht Tau— ſende, beſonders in unſerem neuen Vaterlande, die es für etwas Unverzeihliches anſehn wür⸗ den, wenn ſie auch nur eine kleine Summe eine kurze Zeit todt bei ſich liegen haben ſollten? die, ſob ald ſie ein rundes Sümmchen geſam⸗ melt haben, ſchon die Procente berechnen, welche ihnen daſſelbe in einem Jahre gebracht haben müſſe, und es daher kaum eine Nacht bei ſich be— halten mögen? Heißt das nicht klug handeln? Run, ihr lieben Brüder, in dieſem Punkte könnet ibr von den Weltkindern viel lernen. Denn (wie der HErr ſagt): „Die Kinder dieſer Welt ſind klüger, denn die Kinder des Lichts, in ihrem Geſchlecht.“ Lue. 16,8. Meine Meinung iſt jedoch nicht etwa, daß ihr euer Geld auf Inte— reſſen geben und die Zinſen der Kirche ſchenken ſollt! O, keineswegs, ihr Lieben; denn dann müßten ja die, welche euer Geld euch abborgen, damit Handel und Wandel treiben und das Geld euch erſt verdienen, was ihr der Kirche geben wollt; dann hättet alſo eigentlich nicht ihr die Kirche beſchenkt, ſondern eure Debitoren. Nein in der heiligen Schrift ſteht: „Wer ſich des Armen erbarmt, der leihet dem HErrn; der wird ihm wieder Gutes vergelten.“ Sprüchw. 19, 17. Sehet da den rechten, gottſeligen Wucher, den ihr treiben ſollt. Gott nehmlich, den eigenklich nie— mand zu ſeinem Schuldner machen kann, weil doch ſo gütig, daß er, wenn jemand ſein Geld und Gut aus Liebe zu ſeinem Nächſten opfert, Menſchen anſehen, jede Gabe als ein ihm gelie— henes Capital in ſein Buch ſchreiben, Zinſen auf Zinſen berechnen und hier und dort reiche Inte⸗ reſſen auszahlen will. Wie? iſt das nicht ein guter Weg, ſein Geld wohl anzulegen? Iſt der nicht ein beſſerer, als den die Weltkinder ein— ſchlagen? Denn dieſe verlieren nicht nur oft, trotz aller Vorſicht, ihr verlichenes Capital ſammt allen Zinſen; ſondern im Tode, wenn ſie nun darben, haben ſie auch ihr Verleihen nicht zu ge— nießen. Wer hingegen das Seine für Zwecke der Liebe verwendet, der hat einen Schuldner, bei dem ſein Capital ſicherer ſteht, als wenn es Ich zweifle nicht, liebe Brü- Welt ein Capital zuſammengebracht hat, ſo iſt wir Gott uns ſchon ſelbſt ganz ſchuldig ſind, iſt ſich für den Schuldner eines ſolchen mildthätigen⸗ auf alle Hypotheken der Welt ausgethan würe, und der nicht nur das Capital richtig wiederer⸗ ſtatten, ſondern auch hier in der Zeit und dort in alle Ewigkeit ſo hohe Zinſen auszahlen wird, daß alle Weltkinder darob erſchrecken (Weish. Sal. Cap. 5.), die Chriſten aber ewig jauchzen und frohlocken werden. Wohlan denn, liebe Brüder, hier iſt Gelegen⸗ heit, dem lieben Gott etwas zu leihen. Wer will es nun wagen auf den Schuldbrief hin, den Gott ſchon durch Sprüchw. Sal. 19, 17. ausge⸗ ſtellt hat, Gottes Gläubiger zu werden? Nur ihm, der auch allein die Herzen denken und wil⸗ lig machen kann, ſei die Sache befohlen. Er er⸗ wecke euch alle, euch auch diesmal als fröhliche Geber zu erweiſen, ſo wird er es auch an ſich nicht fehlen laſſen und eure Gabe gewißlich ſeg⸗ nen ſowohl an der Anſialt, als an euch ſelbſt, hier und dort. Amen. Unſer lieber Synodal-Caſſirer, Herr F. W. Barthel allhier, wird die Güte haben, einge— hende Beiſteuern in Empfang zu nehmen und darüber öffentlich zu quittiren. 9*9399. — Wer iſt ein Ketzer, und was iſt eine Rotte oder Seete? Es gibt in unſeren Tagen und hieſigen Lan⸗ des Lutheraner, welche mit dem Titel: Rotte, Secte, Roitirer, Ketzer, ꝛc., ziemlich freigebig umgehen, ſo daß es kein Wunder wäre, wenn Einfältige über den Begriff von dieſen Dingen in die größte Verwirrung geriethen. Wir laſ⸗ ſen daher zu heiiſamen Unterrichte für manche unſerer Leſer über die genannten Ausdrücke ei⸗ nige Zeugniſſe aus Schriften von namhaften Theologen unſerer Kirche hier folgen. J. Gerhard: „Daß jemand ein eigentlich ſoge⸗ nannter Ketzer (oder Rottirer) ſei, dazu gehört: 1. Daß er eine Perſon ſei, welche durch das Sa⸗ crament der Taufe in die ſichtbare Kir⸗ che aufgenommen worden iſtz 2. Daß er im Glauben irre, mag er nun den Irrthum erſt ſelbſt einführen, oder einen dergleichen von einem anderen angenommenen hegen; wiewohl jenes einem Erzketzer oder Ketzerhaupte, dieſes aber einem Ketzer eigen zu ſein ſcheint; 3. Daß der Irrthum geradezu (directe) an den Grunddes Glaubens äanſtoße; 4. Daß mit dem Irrthum eine Bosheit und Hartnäckigkeit verbunden ſei, vermöge welcher er, auch nachdem er mehr— mals ermahnt wurde, nichtsdeſtoweniger ſei⸗ nen Irrthum halsſtarrig vertheidigt; 5. Daß er Trennungen und Aerger⸗ niſſe in der Kirche erregt und die Einigkeit derſelben zerreißt. (Loc. th. XXVI. 8371 J. Gerhard: „Die griechiſchen Wörter, welche in unſerer Bibel mit den deutſchen Wör— tern: „Rotte, Secte,“ und Ketzer überſetzt ſind, kommen von einem griechiſchen Wort her, wel— ches „auswählen, vorziehen,“ bedeutet; denn ei⸗ ne Ketzerei iſt eine Privatmeinung, welche ſich jemand vor dem chriſtlichen und (wahrhaft) ka⸗ tholiſchen Glauben auswählt, hegt und hartnä⸗ ckig vertheidigt. Welche aber eigentlich und ſon⸗ derlich Ketzer zu nennen ſeien, dies bedarf einer genauen Unterſuchung, daher Auguſtinus ſchreibt, es ſei ſchwer zu definiren, wer ein Ketzer ſei. Der Pabſt und die päbſtlichen Kirchen⸗ rechtslehrer ſtellen feſt, daß derjenige ein Ketzer ſei, welcher nicht allen und jeden Dekreten des Pabſtes gehorche. So werden denn im päbſtli⸗ chen Reiche für Ketzer gehalten, welche die Bibel in der Mutterſprache leſen; welche am Freitag Fleiſch eſſen, ꝛc. Joh. Aventinus berichtet, daß ein deutſcher Biſchof Virgilius mit Namen, ein in der Mathematik bewanderter Mann, vom Pabſt Zacharias nach Rom eitirt und als ein Ketzer verdammt worden ſei, weil er dafür ge⸗ halten habe, daß es Antipoden (Gegenfüßler) ge⸗ be.—Einige begreifen unter dem Namen der Ketzer alle Widerſacher der chriſtlichen Religion und der himmliſchen Wahrheit, mögen ſie ſich nun innerhalb oder außerhalb der Kirche befin— den. Nun ſind aber die Ketzer nicht außerhalb der Kirche zu ſuchen, ſondern in der ſichtbaren Kirche, in die ſie durch das Einweihungsſakra⸗ meut aufgenommen worden ſind. Vergl. 1. Cor. 11, 29. Matth. 13, 24. Apoſt. 20, 13. Einige nennen überhaupt denjenigen einen Ketzer, wel⸗ cher nach wiederholter Mahnung zur Beſſerung nichtsdeſtoweniger Folge zu leiſten ſich weigert. Aber dieſe Bedeutung iſt zu allgemein, weil auf dieſe Weiſe alle hartnäckig Widerſpenſtigen Ke⸗ tzer und alle Städte und Häuſer von Ketzern voll wären. In den Sitten iſt, eigentlich zu re⸗ den, keine Ketzerei, ſondern in der Lehre und im Bekenntniß, daher die Ketzer ſo beſchrieben wer⸗ den, daß ſie Zertrennung und Aergerniß anrich⸗ ten neben der Lehre. Röm. 16, 17. Indeſſen leugnen wir nicht, daß Fehler in den Sitten, als Ehrſucht, Neid, Stolz, Geiz, u. ſ. w. bei den Ketzern meiſtens mit dem Irrthum verbanden ſeien. Manche ſehen alle Schismatiker (die eine Spaltung anrichten) für Ketzer an, aber wenn man genau und eigentlich reden will, ſo ſind die Ketzer von den Schismatikern unterſchieden. Welches aber jener Unterſchied zwiſchen einem Ketzer und Schismatiker ſei, legt Auguſtinus⸗ aus. „Ketzer,“ ſpricht er, „indem ſie falſch von Gott glauben, verletzen den Glauben ſelbſt; Schismatiker aber verlaſſen durch ungerechte Spaltungen die brüderliche Liebe, obgleich ſie daſ⸗ ſelbe glauben, was wir glauben.“ Es kannjedoch nicht geleugnet werden, daß zwiſchen einem Schisma, (einer Spaltung) beſonders wenn es bereits eingewurzelt iſt und einer Secte eine große Verwandſchaft ſtattfindet; denn obgleich biswei⸗ len nur eine Trennung entſteht, ſo greift ſie doch ſchwerlich um ſich und kommt, ſo zu ſagen, zu Kräften ohne Ketzerei, und ſchwerlich' wird jemand von der Lauterkeit des Gla u— bens abgehen, der nicht, wenn er Anhänger ſindet, eine Trennung von der Kirche, dieſer Säule der Wahrheit, machen ſollte. Einige er⸗ klären ſchlechthin diejenigen für Ketzer, welche in Betreff des chriſtlichen Glaubens und der Schrift⸗ auslegung irren. Aber nicht alle, welche in Betreff des Glaubens und der Schrift⸗