Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 25 › Seite 199

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-19, Seite 199

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von ihnen empfahen, denn ſie verdammen uns
als Ketzer, und rühmen ſich die rechten Chriſten
gu ſein), welches wir nicht dulden, willigen,
noch leiden ſollten, wir wollten denn. Gottes
Wort und uns ſelbſt verdammen.

Nonna.

Unter den Frauen des chriſtlichen Alterthums,
die, obwohl beſcheiden im häuslichen Kreiſe ver—
bleibend, doch durch ihre Söhne weit hinaus-—
wirken durftem auf das Ganze der Kirche, haben
ſich vornehmlich drei dem geſegneten Andenken
der Chriſtenwelt empfohlen: Antihuſa, die
Mutter des Johannes Chryſoſtomus, Moni—
ka, die Mutter des Auguſtinus, und diejenige,
der wir dieſe Blätter widmen, Nanna, die
NMutter des Gregorius von Nazianz. Durch
dieſen Sohn. Gregorius, einen der vorzüg⸗
lichten griechiſchen Kirchenlehrer im vierten
Jabrhundertz wegen eifriger und erfolgreicher
Vertheidigung der Lehre von der Gottheit Chri—
ſti mit dem Beinamen des „Theologen“ beehrt
it auch der Name der Mutter in der Kirche be—
rühmt geworden.

Das Land, in welchem ſie, zuerſt, vielleicht auf
einem Landſitze Arianzus, dann in der kleinen
Stadt Nazianzus lebte, trug damals den Na—
nen Kappadocien und bildete, dem inneren
Kleinaſien angehörig einen Theil des ungeheu—
ten Römerreiches. Die Kappadocier galten für
tapfer, aber auch für treulos, tückiſch und ver⸗
wildert, und waren ſelbſt in einem gangbaren
Sprichwort übel berüchtigt. Gerade unter einem
verwilderten Geſchlecht jedoch erweckt ſich der gött⸗
liche Geiſt oftum ſo kräftigere Werkzeuge, und unter
verdorbenen Umgebungen bildet ſich das chriſtli—
dche Leben um ſo reiner, feſter und ſtrenger heran.
Dazu kam, daß das Chriſtenthum damals in die—
ſen Gegenden zwar weit verbreitet, aber noch
nicht allgemein durchgedrungen war. Es galt
alſo noch Kampf mit dem Heidenthum und einen
ſrengen Gegenſatz gegen alles Heidniſche. Das
alles ſehen wir in dem Weſen der. Nonna ſich
abſpiegeln.

Nonma, aus einer angeſehenen, längſt chriſt⸗
lichen Familie abſtammend, war mit Sorgfalt
in Chriſtenthum erzogen worden. Ihr Gatte
dagegen, welcher auch Gregorius hieß, ge⸗
hörte einer nichtchriſtlichen⸗Religionspartei an,
deren Mitglieder den Ramen Anbeter des Höch⸗
ſten, Hypſiſtarier führten. Der eifrigechriſtlichen
Ronna war es ein tiefer Herzenswunſch, ihren
Ehegenoſſen für das Chriſtenthum zu gewinnen.
Unter ſtetem Flehen zu Gott drang ſie inihn mit
Bitten und Mahnungen; vor allem aber ſuchte
ſie ihm ihren Glauben durch thätige Frömmig—
keit und liebevolle Hingebung zu endfedten Das
ltztere wur ohne Zweifel das wirkfamſte. Daran
lönnen wir nicht zweifeln, wenn wir uns das
Weſen der Nonna mit den Worten ihres Soh⸗
nes vergegenwärtigen : „Sie war eine Hausfrau
nach dem Sinne Salomo's; in allen Dingen
ihrem Gatten nach den Geſetzen der Ehe unier⸗
han, ſchämte ſie ſich nicht, in wahrer Frömmig⸗

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keit ſeine Lehrerin und Führerin zu ſein. Sie

löſte die ſchwere Aufgabe, eine höhere Bildung,

vornehmlich in der Erkenntniß göttlichen Dinge,
und ſtrenge Uebung der Andacht mit pünktlicher
Sorge für ihr Hausweſen zu vereinigen. War
ſie im Hauſe thätig, ſo ſchien ſie von den Uebun⸗
gen der Frömmigkeit nichts zu wiſſen; beſchäf—
tigte ſie ſich mit Gott und ſeiner Verehrung, ſo
ſchien ihr jedes irdiſche Geſchäft fremd zu ſein:
ſo war ſie bei jedem ganz und ungetheilt. Er⸗
fahrungen hatten ihr unbegränztes Vertrauen
auf die Wirkungen des glaubensvollen Gebetes
eingeflößt. Sie war daher die fleißigſte Beterin,
und überwand durch das Gebet auch die tiefſten
Empfindungen des Schmerzes über eigene und
fremde Leiden. Sie hatte dadurch eine ſolche
Gewalt über ihre Seele erlangt, daß ſie bei allem
Traurigen, was ihr begegnete, nie einen Klage—
laut ausſtieß, ehe ſie Gott dafür gedankt hatte.
Am wenigſten hielt ſie es für geziemend, Thrä—
nen zu vergießen oder ein Trauerkleid anzulegen
an den Tagen der chriſtlichen Feſtfreude; ſo voll⸗
ſtändig war ſie durchdrungen. von. dem Gedan⸗
ken: einie gottliebende Seele müſſe
alles Menſchliche dem Göttlichen
unterordnen: Wichtiger als die Uebungen
der Andacht war ihr thätiger Gottesdienſt:
Unterſtützung der Wittwen und Waiſen, Beſu⸗
chen der Armen und Kranken. Unerſchöpflich
war ihre Freigebigkeit,
ausartend, ſa daß ſie —aſich dies ſind die Worte
ihres Sohnes —wohl.zu ſagen pflegte: ſie könn⸗
te, wenn es anginge, ſich ſelbſt und ihre Kinder
verkaufen, um das erlöſte Geld den Armen zu
geben. Ein tägliches Vorbild dieſer Art konnte

ſchluß oder. brachte ihn zu voller Klarheit. Es
war ihm, als ob er die Stelle Pſalm 122, 1.
ſänge: „Ich freue mich deß, das mir!geredet iſt,
daß wir werden in's Haus des Herrn gehen.“

gerade damals zurr erſten großen Kirchenver⸗
ſammlung nach Nicäa reiſten, (325) getauft;
er verblieb nun auch nichtmehr lange im Laien⸗

zum Viſchof der in letzter Zeit vernachläſſigten
Gemeinde von Nazianz verordnet. Dieſes Amt
bekleidete er mit Kraftund Milde 45 Jahre lang
bis zu einem faſt hundertjährigen Alter. „Er
war—um auch über ihn das Zeugniß ſeines
Sohnes anzuführen —ein Mann von feurigem
Geiſt und ruhigem Antlitz; ſein Leben war:voll
Hoheit, ſein Sinn voll Demuth; ſein Weſen
ſchlichttund recht, fromm ohne Scheinheiligkeit;
ſeine Kleidung einfach, ſein Umgang ſanft und
zuvorkommend; er theilte gern mit, aber die
Freude des Gebens überließ er ſeiner Gattin.“

Nachdem in ſolcher. Weiſt Nonna ihren
Gatten für Chriſtenthum und kirchliches Wirken
gewonnen, war der feſte Grund zu einemechriſt⸗
lichen Famälienleben gelegt. Tie El⸗
tern hatten drei Kinder, eine Toͤchter- Gorgonia,
zwei Söhne, Gregorius und Cäſartus. Sie
wareir unter ſich ſehr verſchieden, namentlich' dit

ja faſt in Leidenſchaft

auf den Gatten nicht ohne Einfluß bleiben. Er.
fand ſich zuletzt von ſeiner Gattin überwunden:
und ein Traum befeſtigte entweder ſeinen. Ent⸗

Gregorius wurde im Beiſein von Biſchöfen, die

ſtande, ſondern ward Prieſter und bald nachher.

Brüder. Am nächſten ſtand wohl dem Herzen der
Mutter der Sohn Gregorius, der nachmals be⸗
rühmte Theologe, und auf ihn ging auch am
meiſten, man kann ſagen ſchon mit der Mutter⸗
milch, ihr Geiſt über.

Non na hatte ſich einen Svhmgewünſcht und
denſelben, wenn er ihr zu Theil werden ſollte,
ſchon vor der Geburt dem Dienſte Gottes gelobt.
Als ſie wirklich eines Knaben genas, der nach
dem Vater Gregorius genannt ward, eilte
ſie mit ihm zur Kirche und legte zum Zeichen der
Weihe ſeine zarten Hände auf die heilige Schrift.
Gregorius verglich nachher oft ſeine Mutter mit.
der Anna, die ihren Sohn Samuel auch ſchon
vor der Geburt dem Dienſte des Herrn geheiligt
hatte. Natürlich erzog Nonna den ihr geſchenk⸗
ten Sohn ganz in dem Sinne ihres Gelübdes.
Frühe gab ſie ihm, nach dem Vorbild der erſten
Weihe, die heilige Schrift auch zum Leſen und
zur Beherzigung in die Hand und pflegte in ihm
den ernſten, innerlichen, von der Welt abgezoge⸗
nen Sinn, der einen Grundzug ſeines Weſens
ausmachte.

Die Mutter Nonna überlebte alle die Ihri⸗
gen, mit Ausnahme ihres Sohnes Gregorius,
der auch ihr die letzten Pflichten der Liebe und
Verehrung erweiſen konnte.

Zuerſt ſtarb ums Jahr 368 oder 369 Cä ſa⸗
rius: Als ſeine irdiſchen Reſte zu den Gräbern
der Märtyorer hingetragen wurden, folgte auch
Nonna dem Zuge, nicht im Trauerkleide, ſon⸗
dern im weißen Gewande feſtlicher Freude. Sie
erkannte die chriſtliche Bedeutung des Todes als
einer Geburt zum höheren Leben, und überwand.
ihre Trauer durch heilige Pſalmgeſänge.

Bald darauf folgte im Tode die Schweſter

Gorgon ia. Auch ſie war nach der Weiſe der

Mutter eine wackere Hausfrau und fromme

Chriſtin geweſen. Nach dem Tode ſich ſehnend,
hatte ſie nicht nur ein Vorgefühl deſſelben, ſon⸗
dern auch eine Ahnung von Zeit ſeines Eintre⸗
tens. Sie bereitete ſich darauf vor, wie auf
einen Feſttag, verſammelte Gatten, Kinder und

alle die Ihrigen um ihr Lager und nahm von:
ihnen unterechriſtlichen Geſprächen über ein beſ⸗

ſeres Leben Abſchied. Es war: eine heilige Fei⸗
er, an der auch die alte Mutter Theil nahm.
Schon ſchien die Sterbende nicht mehr zu ath—
men, da bewegten ſich noch einmal ihre Lippen
und hauchten mit dem Geiſte die Worte des

Lobliedes aus: „Ich liege und ſchlafe⸗
ganz mit Frieseen.“

Nach langer-und ſchwerer Krankheif in wel⸗
cher die Tröſtungen des Evangeliums ſeine
Stärkung waren, verſchied, vermuthlich im Früh⸗

ling 374.auch der Vater. Gregorius. Ihm

hat ſein Sohn in einer Leichenrede ein dauern-

des Denkmal geſetzt. In dieſer Rede ruft der

Sohn der einſamen Mutter folgende Worte zu

„Das Leben, meine Mutter, und derrTod, wie⸗
man das nennt, obgleich ſie ſehr verſchieden zu!
ſein ſcheinen, gehen doch in einandergüber: und
treten eines an des andern Stelle. Das Leben
beginnt von Verderbniß, unſerer rallgemeinen

Mutter, und geht durch Verderbniß hindurch,
indem uns das Gegenwärtige immer entriſſen:

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