Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 17 › Seite 135

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-04-13, Seite 135

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izleit war für uns, hier eine größere Anzahl ge—
ude von denjenigen beiſammenzuſehen, welche
den Kreis von bayriſchen lutheriſchen Dienern
des Wortes bilden, in deſſen Mitte Herr Paſtor
eöhe ſteht. Gegenwärtig waren außer dem
Genannten ſelbſt, ſo viel wir uns deren noch
erinnern, die Paſtoren Wucherer von Nörd⸗
lingen, Stirner von Fürth, Fiſcher von
gufſeß und Fiſcher von Artelshofen, Volk
von Rüpland, Rödel von Mengersdorf,
Semm von Memmingen; Katechet Bauer
(Vorſtand der Miſſionsanſtalt) von Nürnberg,
und Aſſeſſor Hommel von Erlangen. Ob-
gleich nun auch hier in den Privatunterredun—
gu mit dem einen und anderen der Verſammel⸗—
len bald Lehrdifferenzen zu Tage traten, die
wiſchen uns und ihnen beſtanden, ſo müſſen
vir doch geſtehen, daß der Geiſt, der ſich unter
eitſen theuren Männern kund gab, ihnen bald
unſer ganzes Herz zuwendete. Wir fanden hier
tine Herzenseinfalt, eine Offenheit, eine Lauter⸗
ktit, einen Ernſt, eine Glaubensfreudigkeit, ei—
nen Muth und Eifer, für Gottes Wort und
Chre alles dah in zu geben, und eine Einigkeit,
lepvie wir ſie in Deutſchland in größeren chriſtli⸗
Ichen Gemeinſchaften noch nicht gefunden hat—
len. 7)

Nach Schluß der Conferenz reiſte Paſtor Wy—
neken wieder nach Neuendettelsau zurück, um
da am Sonntag darauf zu predigen, ich über
Nürnberg, wo ich wieder in dem theuren Hauſe
Herrn Volk's übernachtete, nach Erlangen.
Da ich nehmlich, wie ſchon erwähnt, von der
Eonode beauftragt worden war, eine gewiſſe
Schrift auszuarbeiten und dieſelbe in ihrem
Namen in Deutſchland drucken zu laſſen, aber
durch Krankheit gehindert worden war, dieſelbe
hier zu vollenden; ſo entſchloß ich mich, dieß in
Crlangen zu thun, wo ich die zu meiner Arbeit
nöthigen literariſchen Hilfsmittel aus der dorti⸗
Ugen Univerſitätsbibliothek am leichteſten erhalten
Innkönnen hoffte. Ich gedachte nun freilich in
inem Zeitraume von etwa zwei Wochen die
Schrift zum Drucke fertig machen zu können;
alein faſt tägliche Unterbrechungen (welche durch
erbaltene ebenſo freundliche, als ehreuvolle Ein—
ladungen herbeigeführt wurden,) verlängerten
inſeren Aufenthalt in Erlangen — Paſtor Wy—
neken kam mir bald dahin nach — zu einem
nonatlichen. Am 10. Oktober kam ich
in Erlangen an. Ich eilte vor allem zu mei—
nenalten theuren Freund aus meinen Candi—
datenjabren, dem Herrn Dr. Delitzſch, der,
ſimeinem Jahre von Roſtock hieher berufen,
ſl hier als ordentlicher Profeſſor der Theolo—
gie arbeitet. Die Freude des Wiederſehens,
nach einer langen Reihe erfahrungsreicher Jahre,
rar groß. Obgleich unterdeſſen der anſpruchs⸗
leſe Ingendfreund ein gelehrter, einflußreicher
und berühmter deutſcher Profeſſor geworden
war, ſo war er doch noch innner der alte von

7) Intereſſant für uns Amerikaner war bei vieſer Ver⸗
ſartmiung der Umſtand, daß, nachdem die Verhandlungen
Uaonnen hatten, ein Soldat eintrat, welcher eine von hoher
Obrigkeit ihm gegebene Inſruktion vorzeigte, nach welcher
u den Veſehl hatte, die erhandlungen zu überwachen.

— —133—

Herzen Demüthige, der unſeres in der Jugend
geſchloſſenen Freundſchaftsbundes auch jetzt ſich
nicht ſchämte und mir mit jener, ich möchte ſagen,
nur einem Delitzſch eigenen Innigkeit der
Liebe entgegenkam. Durch Profeſſor Delitzſch
wurde ich denn auch alsbald bei ſeinen Herren
Collegen eingeführt, bei denen wir — Paſtor
Wyneken war mit den meiſten derſelben
ſchon vorher perſönlich bekannt — eine, alle
unſere Erwartungen übertreffende, höchſt gütige u.
freundliche Aufnahme fanden. Es waren dies die
Herren Profeſſoren und Doktoren der Theolo—
gie Hofmann, Thomaſius, Höfling
und Schmid; ferner die Herren Profeſſoren
Karl und Rudolph von Raumer und
von Schaden von der philoſophiſchen, und
Herr Profeſſor von Scheuerl von der ju—
riſtiſchen Fakultät. Daß jetzt gerade Ferienzeit
war, war ein glücklicher Umſtand für uns. Dieß
machte es dieſen hochverehrten Herren möglich,
uns mehr Zeit zu widmen, als dieſelben ſonſt
hätten thun können. Es vergingen wenig Ta—
ge, an denen wir nicht bei dem einen oder dem
andern der genannten Herren Profeſſoren, erhal⸗
tener Einladung zufolge, an deren Tiſche aßen
und an Conferenzen derſelben am dritten Orte
theil nahmen. Es würde mich zu weit führen,
wollte ich all' das Intereſſante namhaft machen,
das uns durch den Umgaug mit ſo ausgezeich—
neten Männern dargeboten wurde, und den
Nutzen zu ſchildern, den wir daraus geſchöpft
haben. In Berrff unſerer amerikaniſch-luthe—
riſchen Kirche fanden wir hier das reaſte Inter—
eſſe, inſonderheit für unſere theologiſche Anſtalt
in St. Louis, deren fernere kräftige Unter—
ſtützung man uns mit großer Bereitwilligkeit
zuſagte. Auch hier blieb es jedoch nicht ohne
Kampf. Mit Ausnahme Herrn Profeſſor
Delitzſch'ens nehmlich bekannten ſich ſämmtliche
hieſige theologiſche Profeſſoren zu den Grund⸗
ſätzen von dem heil. Predigtamt, welche Herr
Profeſſor Dr. Höfling jüngſt in mehreren
gegen Herrn Paſtor Löhe gerichteten Schrif—
ten ausgeſprochen und vertheidigt hat. Nach
denſelben ſoll nehmlich das Amt nicht nur, wie
unſere Symbole ſagen, allerdings der Kirche
„unmittelbar“ gegeben ſein und in ihr
der Wurzel nach oder „urſprünglich“
(principaliter) ruhen; ſondern dasſelbe ſoll
auch, ſofern es beſtimmten Perſonen inſonder—
heit übertragen, in einer Gemeinde aufgerichtet
und öffentlich von Gemeinſchaft wegen verwaltet
wird, wicht auf einer beſonderen göttlichen
Einſetzung, michet auf einem ausdrücklichen
Befehl des HErrn ruhen; ſondern allein aus
einer „ſocialen und ethiſchen Nothwendigkeit“
hervorgegangen, das heißt, es ſoll nur darum
in der Kirche in das Leben getreten ſein, weil
ſonſt die Kirche als eine geordnete Geſellſchaſt
nicht beſtehen und ihre Zwecke als ſammelnde
Anſtalt nicht erreichen würde. Das Aeußerſte,
was Herr Profeſſor Höfling hierbei zuge—
ſteht, iſt, daß der HErr allerdings ſeinen Wil—
len, die Kirche möge in der (von jeher üblichen)
Weiſe den ihr gegebenen Befehl, Wort und Sa—
crament zu handhaben, ausrichten, „in d i—

cirt,“ angezeigt, zu verſtehen gegeben habe.
Allein jede göttliche Einſetzung des Pfarramtes
vermittelſt eines beſtimmten göttlichen Befehls
weiſt der Genannte als etwas zurück, was dem
Amte den Charakter einer ceremonialgeſetzlichen
Einrichtung gebe und dem eigentlichſten Prinzip
(höchſten Grundſatz) der evangeliſchen (luthe—
riſchen) Kirche widerſtreite. Dieſer Anſchauung
mußten wir freilich entſchieden widerſprechen,
da unſere Bekenntniſſe auf Grund göttlichen
Wortes vielmehr ausſprechen: „Wir haben eine
gewiſſe Lehre, daß das Predigtamt vom ge—
meinen Beruf der Apoſtel herkommt.
(Schmalk. Art. 1. Anhang. New⸗YNorker Ausg.
Seite 318.).“ Daß aber das apoſtoliſche
Amt auf göttlichem Befehl und auf göttlicher
Einſetzung ruhe, ſtellt auch Herr Prof. Höf—
ling nicht in Abrede. Ferner heißt es in dem
7. Artikel der Apologie: „Die Kirche hat Got⸗
tes Befehl, daß ſie ſoll Prediger
und Diakonos beſtellen.“ Seite 194.)
Hiernach hat alſo die Kirche nicht nur im Allge—
meinen den göttlichen Befehl, die Gnadenmittel
in Uebung zu bringen, ſondern auch den ſpeci⸗
ellen Befehl, das in ihr liegende Amt in der!
Form zu beſtellen, daß es von beſtimmten Per⸗
ſonen, von „Predigern und Diakonen,“ ver⸗
waltet werde; das heilige Amt im engeren Sin—
ne, das Pfarramt oder Presbyterat, iſt alſo
nicht nur mittelbar wegen des Befehls, den
die Kirche überhaupt hat, ſondern eine unmit⸗
telbare göttliche Ordnung und Stiftung.
Wir haben es daher ſchließlich bezeugen müſſen,‚
daß die Auffaſſung des Predigtamtes, wie ſie
nach den Darlegungen Herrn Profeſſor Höf⸗
ling's erſcheint, im Grunde die ſocinianiſche
iſt, welche unſere Kirche fort und fort verworfen
hat.*). Nicht ohne Beſtürzung erfuhren wir!
übrigens aus einer uns mitgetheilten privaten
Correſpondenz, daß auch die ſonſt ebenfalls ſo
vortrefflichen lutheriſchen Theologen auf der
Univerſität zu Dorpat in dieſem Punkte mit der
Majorität derer zu Erlangen durchweg über⸗
einſtimmen.

Eine andere Urſache eines gewiſſen Mißklan⸗—
ges, welcher uns den unbefangenen Genuß der
Gemeinſchaft mit den verehrten Männern in et—
was mindern wollte, war, daß dieſelben die

) Unter Anderen ſchreibt der Socinianer Schmalz:
„Wir lengnen nicht, daß aus jener Gewohnheit der erſen
apoſtoliſchen Kirche folge, daß das noch heut zu Tage mit,
Recht geſchehen könne, was einſt geſchal“ (daß
nehmlich beſondere Perſonen zum Predigtamt berufen und
beſtellt wurden), „aber nicht von Nothwegen, ſon⸗
dern um guter Ordnung und der Schicklichkeit)
oder auch um der Autorität der erſten Kirche willen.“
(In der Schrift gegen Wolfa. Franz p. 377. 40.) Es kann
mir natürlich nicht einfallen, hierdurch den mir ſo theuer ge⸗
wordenen Herrn Prof. Dr. Höfling im Entfernteſten mit
einem ſoeinianiſchen Lehrer paralleliſiren zu wollen, da derſelbe
nicht nur ſonſt in keinem Punkte ſociuianiſche Grundſätze
hegt, ſondern auch writ entfernt, ſolche Schlutzſolgerungen
aus ſeiner Lehre von dem beil. Predigtamte zu ziehen, rie
irgend zu ſocininnlſcher Confuſion führen könnten. Es liegt
dies ſchon darin, daß derſelbe eine ethiſche wie ſociale Noth⸗
wondigkeit jür das Lehr⸗ und Hirtenamt in Anſpruch nimmt.
Ich wollte nur darauf hinweiſen, wie dergleichen Lehre in der
Kiche ſchon dageweſen, aber auch von ihr ſchon überwunden
worden ſei.

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