Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 17 › Seite 132
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-04-13, Seite 132
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
bis zu Chriſto und ſeinen Apoſteln, ja, zurück
bis zu den Propheten des alten Bundes und
zu allen Boten Gottes, die von Anfang der
Welt ſein Wort uns Menſchen gebracht haben.
Aber, meine Lieben, meinet nicht, daß man
darum die Chriſten mit Recht beſchuldigen kön—
ne, daß ſie Leute des Rückſchritts ſeien. Rück-
ſchritte thut der, welcher ſich von Gott entfernt;
und wahrhaft vorwärts ſchreitet nur der, wel⸗
cher Gott immer näher kommt. Ein verächtli⸗
cher Sclav iſt der, welcher der Sünde und dem
Laſter dient; wahrhaft frei aber iſt der, welcher
die Sünde überwindet und von ihrer Herrſchaft
ſich frei gemacht hat. Still ſteht der, welcher
in der Beſſerung ſeines Herzens nicht zunimmt;
dem wichtigſten, höchſten Ziele des Menſchen eilt
aber der entgegen, welcher in der Heiligung
immer völliger wird. Vergeblich rühmen daher
die ſich des Fortſchrittes, die ſich von ihrem Gott
mehr und mehr entfernen; ſie ſind die Männer
des Rückſchrittes, deren Weg nicht hinauf, ſon⸗
dern hinab geht in den Abgrund ewiger Unſe—
ligkeit; und vergeblich wirft man den Chriſten
vor, daß ſie mit der Zeit nicht fortgehen; gerade
die Chriſten gehen nicht nur mit der Zeit fort,
ſondern ſie eilen ſelbſt der Zeit vorauus, denn
ſie haben ſtets ihr Angeſicht gewendet nach der
Ewigkeit. Ihr ganzes Leben iſt ein Eilen aus
der Welt nach dem Himmel; ein Sicherheben
von dem, das auf Erden iſt, und ein Trachten
nach dem, das droben iſt; ein Immeifreier
werden von dem Irrthum und der Sünde, und
ein Immervölliger werden in der Liebe Gottes
und ihrer Brüder. Zu dieſem Fortſchreiten
werden die Chriſten auch in unſerer heutigen
Sonntagsepiſtel dringend ermahnt; die andäch—
tige Erwägung dieſer Ermahnung beſchäftige
uns daher jetzt in dieſer Stunde.
Tert: 1 Theſſ. 4, 1—7.
Auf Grund dieſer Epiſtel laßt uns jetzt in
Erwägung ziehen:
Die Ermahnung des heiligen Apoſtels,
immer völliger zu werden,
und zwar:
1. An wen dieſe Ermahnung ge⸗
richtet ſei,
Was der Apoſtel mit dieſer Er⸗
mahnung fordere, und
3. Wie nöthig es ſei, dieſer Er⸗
mahnung Folge zu leiſten.
Herr IEſu, du Herzog unſerer Seligkeit, der
du nicht nur willſt, daß wir Alles verlaſſen,
und zu dir kommen, ſondern, wenn wir zu dir
gekommen ſind, dann auch dir ungeſäumt nach—
folgen, und immer weiter und weiter mit dir
vordringen bis zum ſeligen Ziele: erbarme dich
doch aller derer unter uns, die noch nicht zu
dir gekommen ſind; gehe ihnen doch nach, ſuche
ſie doch auf und klopfe durch dein Wort und
deinen heiligen Geiſt an der Thür ihres Herzens
an, bis ſie dir aufthun, und Du das Abendmahl
der Gnade mit ihnen halten könneſt. Alle aber,
die ſchon die Deinigen geworden ſind, erwecke
und ermuntere doch, daß ſie nicht ſtille ſtehen
und ſo endlich verlieren, was ſie bereits erfaßt
2.
—430—
hatten, ſondern wachſen in Deiner Gnade und
Erkenntniß, wachſen in der Liebe und allen gu⸗
ten Werken, bis ſie endlich ankommen im Lande,
da die Deinen ausruhen von ihrer Arbeit, und
ihre Werke ihnen nachfolgen. Erhöre uns um
Dein ſelbſt willen. Amen.
1.
So klein die Anzahl der Menſchen iſt, welchen
es mit ihrer Frömmigkeit ein Ernſt iſt, ſo groß
iſt doch die Zahl derjenigen, welche immer beſſer
und frömmer werden wollen. Es giebt gewiß
nur ſehr wenige, welche geradezu ſagen, daß ſie
ſich nicht zu beſſern brauchten, oder nicht
beſſern wollten; und ich glaube, hier unter
uns wird es gewiß keinen geben, der nicht
dächte: „Beſſer werden muß freilich auch ich.“
Hiernach wird daher wohl auch mancher mei—
nen, daß die Ermahnung des heil. Apoſtels in
unſerer heutigen Epiſtel, immer völliger zu wer—
den, an uns alle, die wir hier verſammelt ſind,
gerichtet ſei. Wer aber ſo denkt, der irrt ſich
nicht wenig. Laßt uns nur den Apoſtel hören;
wie ſpricht er zu Anfange unſerer Epiſtel? Er
ſpricht: „Weiter, liebe Brüder, bit⸗
ten wir euch und ermahnen in dem
HErrn Jeſu (nachdem ihr von uns
„empfangen“ habt, wie ihr ſollt
wandeln und Gott gefallen), daß
ihr immer völliger werdet.“ Sehet,
mit dieſen Worten redet der heil. Apoſtel allein
diejenigen an, welche das, was er ſchon vorher
ihnen gepredigt hatte, „empfangen,“ d. h. an⸗
genomemen, hatten, und die ſchon ſeine lie—
ben „Brüder“ in Chriſto geworden waren,
alſo mit einem Worte: wahre bekehrte wieder—
geborne lebendig gläubige Chriſten. Welche
daͤher unter den Theſſalonichern noch keine ſol—
chen wiedergebornen Chriſten waren, für die hat
der Apoſtel die Ermahnung, völliger zu werden,
gar nicht gethan.
Und laßt euch das nicht wundern! denn ſagt
ſelbſt: Kann ein Baum ſchon größer wach—
ſen, der noch nicht gepflanzt iſt? kann ein
Menſch ſchon zunehmen, der noch nicht ge—
ſchaffen iſt? kann ein Menſch ſchon ſtärker
werden, der noch todt iſt? kann ein Menſch
dem Ziele immer näher kommen, der den
Weg zum Ziele noch gar nicht betreten hat?
Iſt das nicht unmöglich? — Ebenſo unmöglich
iſt es aber auch, daß der ein immer völligerer
Chriſt werde, welcher ein Chriſt zu ſein noch
nicht angefangen hat. Siehe, willſt du daher,
lieber Zuhörer, wiſſen, ob die Ermahnung des
heil.Apoſtels, immer völliger zu werden, auch an
dich gerichtet ſei, ſo mußt du dich prüfen, ob
du ſchon ein Chriſt biſt.
Hier wird vielleicht wieder mancher unter uns
denken: Ei, ſind wir denn nicht alle Chri—
ſten? Wir ſind ja doch keine Heiden! Wir
ſtammen ja alle von chriſtlichen Eltern ab; wir
ſind ja alle getauft; wir glauben ja alle an
Gottes Wort: was will man alſo mehr? —
Ach, lieber Zuhörer, der du ſo in deinem Her—
zen denkſt, du weißt noch gar nicht, was ein
Chriſt iſt. Ein Chriſt heißt auf deutſch
*
ein Menſch, der mit dem heil. Geiſ
geſalbt iſt. Ein Chriſt iſt alſo nicht ſchon
jeder, welcher äußerlich zu den Chriſten gehött.
Ein Chriſt iſt vielmehr ein Menſch, mit dem in
ſeinem Innern durch die Wirkung des heil. Gei⸗
ſtes eine große Veränderung vorgegangen iſtz
ein Chriſt iſt derjenige, welcher einen ſolchen
lebendigen Glauben an Chriſtum in ſeinem
Herzen trägt, durch den er ein neues Herz be⸗
kommen hat; ein Chriſt iſt ein Menſch, der
nicht nur von chriſtlichen Eltern geboren, ſon⸗
dern der auch von dem heiligen Geiſte wieder—
geboren iſt; ein Chriſt iſt ein Menſch, der
einen ſolchen Sinn bekommen hat, daß er der
Welt und Sünde auf ewig gute Nacht geſagt
hat; der nun lieber ſterben, als auch nur die
geringſte Sünde thun will; der ſeine größte
Freude an Gott und ſeinem Worte hat; dem
daher Gottes Gnade tauſendmal lieber iſt, als
Alles, lieber, als alle ſchönen Kleider, lieber, als
alle ſchönen Häuſer, lieber, als alle koſtbaren
Grunoſtücke, lieber, als alles Gold und Silber,!
lieber, als alle Ehre vor Menſchen, lieber, als
Haus und Hof und Weib und Kind; kurz,
lieber, als die ganze Welt mit allen ihren
Schätzen und Herrlichkeiten. Denn ein Chriſt
iſt bereit, dieß alles taufendmal lieber fahren
zu laſſen, als nur Ein Jota von Gottes Wort
zu verleugnen.
Nun ſrage ich dich: „Bi ſt du ſo ein Chrſſt?
Iſt mit dir ſchon einmal eine ſolche große Ver⸗
änderung vorgegangen? biſt du einmal ein ſol⸗
cher anderer, bekehrter, und durch den heiligen
Geiſt wiedergeborner Menſch geworden? — und
brennt nun ſeit der Zeit dieſer deiner Bekehrung
das Licht des heiligen Geiſtes in deinem Her⸗
zen? — Merkſt du, daß du jetzt nicht mehr
von deinem natürlichen Lichte, oder blos von
deiner buchſtäblichen Erkenniniß, ſondern durch
die Kraft und das Licht des heil. Geiſtes geleiltt
und gefübrt wirſt? — Oder biſt du vielleicht
zuvor wohl ſchon einmal bekehrt und lebemig.
geweſen, biſt aber wieder innerlich abgefal—
len, und wieder geiſtlich geſtorben, und haſt jetzt.
vielleicht nur den Schein des gottſeligen Weſens,
aber ſeine Kraft verleugneſt du? — Oder ach⸗
teſt du vielleicht gar, was jetzt von den Chriſten
geſagt iſt, für Schwärmerei? denkſt, da gehe
man zu weit? — Siehe, da offenbarſt du eben,
daß du noch ein natürlicher, blinder und geiſt⸗
lich todter Menſch biſt, der nichts vom Geiſtt
Gottes verſteht.
Ach, lieber Zuhörer, täuſche dich nicht muth—
willig ſelbſt; halte dich doch um Gottes willen
für keinen Chriſten, wenn du ein blos äußeri⸗
cher Werkchriſt biſt. Was hilft dir's denn, wem
du dir's durchaus nicht nehmen laſſen willt,
daß du ein Chriſt ſeiſt, wenn du es nun einmal;
noch nicht, oder nicht mehr biſt? Dam
wirſt du, wenn du einſt vor Chriſti Richterſtuhl
erſcheinſt, doch hören müſſen, daß Chriſtus zu
dir ſpricht: „Weiche von mir, ich habe dich
noch nie erkannt, du Uebelthäter!“ ö
Du aber, der du noch kein wahrer wiederge⸗
borner Chriſt biſt, wiſſe, die Ermahnung des
Apoſtels, immer völliger zu werden, geht dich
English translation
Not yet translated.