Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 10 › Seite 79
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-01-06, Seite 79
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nicht viel an den Jammer der unzähligen fal⸗
ſchen, abgöttiſchen, mördiſchen Lehren im Pabſt⸗
thum, das iſt, in eurer neuen ſchönen Kirchen,
gedenken.
Zum neunten, wer hat euch befohlen dieſe
freveliche Neuerung zu machen in der Kirchen,
die ein geiſtlich Reich iſt, daß ihr ein leiblich
Haupt ſetzt, und nennet es den Allerheiligſten?
ſo doch kein ander Haupt ſein kann, denn ein
geiſtlichs, welches iſt Chriſtus. Diß iſt der
dritte ärgſte Greuel in eurer allerheiligſten, ja
allerhölliſchſten neuen Kirchen: denn die alte
Kirche weiß nichts davon, iſt bei ihrem Haupt
blieben, gleich wie wir. Daß es aber des Teu⸗
ſels eigen Geſchäfte iſt, und kommen ſollte um
der Sünden willen, das weiß ſie, und hat's
verkündigt klärlich 2 Theſſ. 2, 3. 4: „Der
Menſch der Sünden, und Kind der Verderbniß
wird ſich ſetzen in den Tempel GOttes, und ſich
ſtellen, als ſei er GOtt. Denn er läßt ſich auch
von euch nennen irdiſchen Gott. So hat auch
Daniel geſagt c. 11, 37. er würde die alte
Kirche und den Gott ſeiner Väter ver⸗
achten, und einen andern neuen Gott und
neue Kirchen (die ihm ſeinen neuen Gott helfen
ſtärken,) ſtiften. Wer hat nun eine neue ab⸗
trünnige Kirche? Haben's die Alten und wir,
ſo bei dem alten rechten Haupt blieben ſind,
und den neuen Teufelskopf fliehen und meiden?
Oder ſind's die, ſo den neuen Teufelskopf an⸗
beten, die Füße küſſen, von ſeinen zween Fin⸗
gern ſich ſegnen laſſen, ſeine Lehre über das
Wort GOttes heben, und idas alte rechte Haupt
nicht mit einem Kniebeugen ehren, auch wol
nimmer an ihn gedenken, und ſeines Seegens,
den er mit ſeinem ganzen Leib und Blut uns
erworben, nicht achten? Aber dieſer Greuel iſt
zu greulich, daß wenig davon reden nichts hilft,
und doch recht davon zu reden keiner Engel Zun⸗
gen gnug iſt. Was GOttes eigen Mund Greu⸗
el nennet, das muß ein größerer Greuel ſein,
denn alle Zungen reden können.
Zum zehenten, wer hat euch befohlen, dieſe
neue Abgötterei aufzurichten? daß ihr Heiligen⸗
dienſt ſtiftet, Heiligen canoniſiret, Faſteltage u.
Feiertage ſetzet, ſie zu ehren, gleich als wären ſie
GOtt ſelbſt, daß man auf ihr Verdienſt ſich ver⸗
laſſen und vertröſtet, mehr denn auf Chriſtum
ſelbſt, und auf alle ſein Blut und Verdienſt;
welchen ihr zum Richter uns fürgebildet habt,
den wir durch ſeiner Mutter und aller Heiligen
Verdienſt und Fürbitte, ſamt unſerm Heiligen⸗
dienſt, verſöhnen, und Gnade erwerben müßten.
Daß euer Kirche in dieſem Stücke nichts anders
iſt worden, denn der Heiden Kirchen, die Jovem,
Junonem, Venerem, Dianam und andere ver⸗
ſrorbene Menſchen anbeten, und wie die Römer
ein Pantheon in ihrer Stadt Rom; alſo habt
ibr auch ein Pantheon in der Kirchen gebauet,
das iſt aller Teufel Kirchen. Das werdet ihr
nicht finden in der Apoſtel Schrift, noch in der
jungen Kirchen hernach, die vorzeiten auch der
Heiligen Bilder nicht leiden wollt, und viel.
Bluts drüber vergoſſen iſt: ſchweige daß ſie ſoll⸗
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ten die Heiligen anbeten oder anrufen, das al⸗
lein GOtt gebühret.
Zum eilften, wer hat euch befohlen, dieſe
Neuerung zu machen, daß ihr den Eheſtand ver—
dammt, läſtert und verurtheilet ihn unrein und
untüchtig zu Gottesdienſt? Habt ihr das von
den Apoſteln, oder von der erſten alten Kirchen?
Ja freilich, denn St. Paulus ſagt 1 Tim. 4,
1 ſqq. daß ihr künftig kommen würdet, die ſich
vom Glauben und alten Kirchen abtrennen und
verlaufen würden, als eine rechte Teufelshure,
die würde vom Teufel ſolche Lehre empfahen,
—
und predigen wider den Eheſtand, und doch ſelbſt
in falſcher Heuchelkeuſchheit, das iſt, in allerlei
Unzucht leben. Dieſe Neuerung ſehen wir mit
ihren edlen Früchten, daß euch die Erde nicht
länger tragen will, und GOTT mit ſeinem Ge⸗
richt angefangen drein zu greifen, und ſolche
neue heilige Kirche zu weihen zum hölliſchen
Feuer hinein, und wird ſich nicht abwenden laſ⸗
ſen; das wiſſen wir, GOtt Lob!
Zum zwölften, wer hat euch befohlen, ſolche
Neuerung zu machen, daß ihr mit dem weltli⸗
chen Schwerdt regiert und krieget, und das am.
meiſten braucht, unſchuldig Blut zu vergießen?
Habt ihr's geſehen, ihr ſcharfſichtigen Fleder⸗
mäuſe, daß die Apoſtel oder alte Kirche mit
Schwerdt dit Welt bezwungen, oder mit Krieg
die Kirchen gemehret haben? Wo kommt ihr
denn her, die ihr euch rühmet Erben aus der
alten Kirchen, und uns die neue abtrünnige
Kirche ſcheltet, die wir's mit der alten Kirchen
halten, und aus derſelben herkommen; ibr aber
aus der verlaufenen Teufelshuren, eurer neuen
mörderiſchen Lügenkirchen herkommt.
Es ſind noch viel mehr der neuen Stücke, als
Fegfeuer, Heilth um, Kirchen weihen, und des
Geſchwürms ganze Drecket und Dreckental, und
ſonſt unzählige Bücher voll, von eitel neuen
Fündlein, da die alte Kirche nichts von gewußt,
noch die Apoſtel. Denn wer kann die Menge
dieſes Sands oder Dreckes, ja Gift und Teu⸗
felslügen alle erzehlen? An dieſem ſei es diß⸗
mal gnug, zu bewe iſen, wie ſchändlich die Pa⸗
piſten durch ihre Heinzen lügen, wenn ſie uns
die neue abtrünnige, ketzeriſche Kirchen ſchelten:
ſondern ſolch ihr verlipt Schwerdt durch ihr ſelbſt
Herz gehet, und ſich erfindet, daß ſie die alte
Kirche und ihren alten Bräutigam, als eine Erz⸗
teufelshure, verlaſſen, abtrünnig worden, und
nicht allein ketzeriſch' (denn das Wort iſt zu ge⸗
ringe und zu ehrlich ſolcher Schandbübin,) ſon⸗
dern die wider chriſtiſche und gotteswiderige, ja
die ſich über GOTT erhebt, (wie ihr Bräuti⸗
gam im Himmel auch thun wollt,) des Teufels
letzte und ſchändlichſte Braut iſt. Wir aber,
weil wir alle ſolche Teufelei und Neuerei mei⸗
den und fliehen, uns wieder zu der alten Kir⸗
chen, der Jungfrauen und reinen Braut Chriſti
halten, ſind wir gewißlich die rechte alte Kirche,
ohne alle Hure rei und Neuerei, die bis auf uns
daher blieben, und wir aus derſelben kommen,
ja wiederum auf's neue von ihr geboren ſind,
wie die Galater von St. Paulo, Gal. 4, 19.
Denn wir ſind weiland auch der hölliſchen Hu⸗
ren, des Pahſis neuen Kirchen, im Hintern ge⸗
ſteckt in it ganzem Ernſt, das uns leid iſt, ſo viel.
Zeit und Mühe in dem Loche ſchändlich zubracht.
Aber GOdT Lob und Dank, der uns von der
rothen Läſterhuren erlöſet hat.
mm
Wie der Heide Sokrates aus dem Lichte.
der Vernunft und der natürlichen Gottes⸗
Erkenntniß auch die heutigen Gottesleugner
und abgefallenen Chriſten beſchämt.*)
„Sollte Jemand die Meinung hegen, wie auch
Etliche dieſelbe mündlich und ſchriftlich als Muth⸗
maßung ausgeſprochen haben, Sokrates habe
wohl eine große Fähigkeit gehabt, die Menſchen
zur Tugend zu ermahnen, ſei aber keineswegoͤ
tüchtig geweſen, ſie durch ſein eignes Beiſpiel
dazu anzuführen: der möge in Betrachtung neh⸗
men, nicht nur die Frage, die er Solchen, die
Alles zu wiſſen meinten, vorlegte, um ſie ihrer
Un wiſſenheit zu überſühren und durch ſolche Be⸗
ſchäm ung zu züchtigen; ſendern auch die Reden
die er im täglichen, vertrauten Privatumgang.
mit ſeinen Schülern und Freunden fübrte, ſo
wird er im Stande ſein, zu urtheilen, ob er
tüchtig dazu war, dieſelben zu beſſeren Menſchen
zu machen.
Zu dieſem Zwecke will ich (Xenophon) jetzz;
ein Geſpräch von ihm mit Ariſtodemus, der Klei⸗
ne benannt, über das göttliche Weſen, das ich
ſelbſt mit angehört habe, mittheilen. Denn, da er
wahrnahm, daß Ariſtodemus weder betete zu den
Göttern noch ihnen opferte, noch auch irgend ein
Orakel befragte, ſondern imGegentheil Diejeni⸗
gen, die dieſes thaten, verlachte, ſprach er zu ihm:
Sage mir, Ariſtodemus, giebt es Menſchen, die du
um ihrer Weisheit willen bewunderſt? Aller⸗
dings, ſprach Ariſtodemus. So ſage uns ihre
Namen, ſprach Sokr. Ariſt. Um ſeiner Vortreff⸗
lichkeit willen in der epiſchen Poeſie bewundere
ich wenigſtens beſonders den Homer; um ſeiner
Dithyramben willen den Melanippides, in der
Tragödie den Sophocles, in der Bildhauerk unſt
den Polykletes, und in der Malerkunſt den Zeuxis.
S. Welcher von Beiden ſcheint dir mehr Bewun⸗
derung zu verdienen: Einer, der Bildniſſe ohne
Sſinn, Empfindung und Bewegung verfertigt,
oder Einer, der lebendige Weſen hervorbringen
kann. die mit Verſtand und Thatkräften begabt
ſind? A. Vielmehr doch der, der lebendige We—
ſen hervorbringt; wenn anders dieſelben nicht
durch Zufall entſtanden, ſondern das Werk einer
ordnenden und ſchaffenden Weisheit ſind. S.
Da es aber viele Dinge giebt, von denen es of⸗
fenbar iſt, daß ſie zum Nutzen des Menſchen da
ſind, während wir wieder von anderen nicht ſo
genau und beſtimmt nachweiſen können, warum
ſie vorhanden ſind? welche von beiden Gattun⸗
gen hälſt du für das Werk des Zufalls, und
welche für das Werk der Weisheit? A. Es
will ſich ziemen, ſolche Dinge für Werke der
*) Aus dem Griechiſchen überſekt aus Xenophons me-
morabilia Socratis, di. Denkwürdigkeiten ans dem Leben
des Solra tes. ny.
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