Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 1 › Seite 6

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-09-01, Seite 6

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Lehre vom rechtfertigenden Glauben und von
guten Werken und von der glaubensloſen und
unevangeliſchen Geſetztreiberei und Werkerei,
darin die Papiſten völlig Eins ſind.

Obgleich, nämlich bürgerlich angeſehen, die
noraliſche Verpflichtung zur Enthaltung von
Branntwein und ähnlichen Getränken manchen
äußerlichen Nutzen ſchafft, ſo hat ſie doch, vom
Standpunkte des Evangeliums und der darauf

gegründeten Kirche Gottes betrachtet, gar keine
Berechtigung und Geltung; ja wenn ſolche
Temperance⸗Werber und ihre Rekruten in ihrem
Auffordern und Folgen etwa meinen, ſie thäten
Gott einen Dienſt und ein vor Gott gutes Werk:
ſo verhält es ſich nach Gottes Urtheil in ſeinem
Wort, das allein Regel und Richtſchnur alles
nenſchlichen Handelns iſt und bleibt, die Men⸗
ſchen mnögen es nun dafür anerkennen oder nicht,
grade umgekehrt. Gottes Wort aber, das hie⸗
her gehört, richtet alſo: „Was nicht aus dem
Glauben gehet, das iſt Sünde“, (Röm. 14, 23)
und ferner: „ohne mich (ſpricht. Chriſtus) könn⸗
net ihr nichts thun.“ (Joh. 15, 5.)

Faſſen wir nun den Sinn beider Sprüche zu⸗
ſammen, ſo kommt folgende Wahrheit zu Tage:
Iedes Werk, das nicht aus dem Glauben
kommt, der Chriſtum, als unſre Gerechtigkeit
in Evangelio ergreift und fich zueignet und von
dem durch dieſen Glauben in uns wohnenden
Chriſtus durch und mit uns gewirkt wird, iſt,
ſeinem Urſprung und Weſen nach, Sünde.

Daraus erhellet, daß nach der Wahrheit des
Evangeliums, auch ſolche Werke, die keine offen⸗
baren lÜbertretungen der zehn Gebote ſind, ja
vielmehr z. B. für das bürgerliche Gemeinweſen
nütlich und wohlthätig ſein können, doch, wenn
ſie nicht aus dem gerechten und ſelig machenden
Glauben herſtammen und um Chriſti Willen

geſchehen, oder ſchließlich, gar noch die eigene
Sündenſchuld bedecken und die eigene Gerechtig⸗
ktit vor Gott wirken ſollen, ſündlich, fluchwürdig
und verdammlich ſind.

Wenn alſo z. B. Jemand nicht aus dem
Glauben und nicht um Chriſti willen ſein gan⸗
es Vermögen hergäbe, um ein Armen⸗ und
Krankenhaus zu erbauen und zu erhalten und
wenn darin barmherzige Schweſtern oder prote⸗
ſantiſche Diakoniſſinnen aus freier Selbſtge⸗
nahtigkeit und Werkheiligkeit die ekelhafteſten
Kranken mit der unermüdetſten Sorgfalt pfleg⸗
ten, ſo wäre beider Thun und Werk, obſchon es
ſeinem Inhalte nach, nicht böſe iſt, dennoch ſei⸗
uer Wurzel und Geſinnung nach entſchieden böſe
und ſündlich. Umgekehrt dagegen, wenn ein
Holzhauer und Laſtträger im rechtfertigenden
Glauben an den HErrn Chriſtum ſteht und aus
dieſem Glauben heraus ſeines Berufs wartet und
Um Chriſti willen darin alle guͤte Treue erzeiget,
ſo iſt all ſein Thun und Werk eitel gut und hei⸗
lig und ein ſtetiger Gottesdienſt. Aus obiger
Wahrheit geht denn auch klärlich hervor, daß
Vater Matthew's und all ſeiner römiſchen und
broteſtantiſchen Mitgeſellen Temperance-Kräme⸗
ninichts weniger als etwas vor Gott Gutes ſei,
da es nicht aus dem Glauben gehet.

Denn lebten ſie im rechtfertigenden Glauben

—3—

und derſelbe in ihnen, der ja ein durch den heil.
Geiſt am Lichte des Evangeliums angezündete
und durch dasſelbe fortbrennende innere Leuchte
im Chriſtenherzen iſt, ſo würden ſie ſchwerlich Land
und Meer umziehen, um auf dem Wege mora⸗
liſcher Verpflichtung aus Trunkenbolden ſolche
Enthaltſame zu machen, welche hie und da heim⸗
lich ihrem Verſprechen zuwider handeln, jeden⸗
falls aber die böſe Luſt kräftig in ſich behalten
und dabei häufig mit dieſer ihrer Enthaltung

andere Sünden bei Gott zudecken, ja ihre Ge⸗

rechtigkeit vor Gott darin zu finden meinen.
Dann würden ſolche Leutlein, zumal wenn ſie
chriſtliche Prediger ſind, nicht weit hinaus auf
dieſe einzelne Sünde eine moraliſche Hetzjagd
anſtellen, ſondern ſie würden zunächſt fein da⸗
heim bleiben und zuförderſt in den Gemeinden,
die ihnen zum Weiden von Gott befohlen ſind,
die Trunkenbolde durch Gottes Wort und auf
evangeliſche Weiſe zu Chriſto zu bekehren trach⸗

ten; denn allein durch das Evangelium und den

rechtfertigenden Glauben würde auch die Sünde
der Trunkenheit grünvlich von Innen her ge—
heilt und in die entgegengeſetzte Tugend der
Nüchternheit, d. i. daß man aller Gaben Got⸗
tes mit Maßen und mit der Herrſchaft über ſeine
böſe Luſt gebrauche, verwandelt. Und nur auf
dieſe Weiſe wird es verhindert, daß bei aller äußer⸗
lichen Enthaltung dennoch die böſe Luſt nach dem
Verbotenen innerlich ſtark und kräftig bleibe, da
ſie von einer h. Luſt zu und an Gott verzehrt
und verſchlungen wird; nur auf dieſe Weiſe,
durch eine rechtſchaffene Bekehrung zu Chriſto
und die Pflanzung und Erhaltung des gerechten
und ſelig machenden Glaubens kann es geſche⸗
hen, daß der Menſch nicht wie früher in den
moraliſch erzwungenen Tugend der Enthaltſam⸗
keit ſeine Gerechtigkeit vor Gott ſuche; denn
ſicherlich iſt der arme Menſch noch viel übler
daran, wenn nicht der h. Geiſt und der Glaube
an den HErrn Chriſtum, ſondern der Hochmuths⸗
teufel den Saufteufel austreibt, da er unter des
letzteren Herrſchaft bei zeitweiliger Nüchternheit,
ſeinen elenden verlornen Zuſtand, ſeine Tren⸗
nung von Gott und ſeine ſittliche Ohnmacht
doch noch empfand und nach Hülfe ſeufzte, unter
der Herrſchaft des Hoffartsteufels ſich aber für
ſtark und mächtig in eigener Kraft hält und
deshalb viel ferner von dem iſt, der allein dem
armen Sünder helfen kann.

Würde nun aber Vater Matthew u. Comp.
mich armen lutheriſchen Ketzer fragen, wie man
es denn wohl angreife, um einen Säufer, auf die
oben angedeutete evangel. (d. i. luther.) Weiſe zu
Chriſto zu bekehren und darin zugleich gründlich
von Innen her von dem Laſter ſeiner Trunken⸗
heit zu befreien, ſo würde ich alſo ſagen: „Mein
lieber Vater Matthew, ſolches geſchieht nicht we⸗
ſentlich dadurch, daß man blos mit dem Moral⸗
geſetz in ſein Gewiſſen ſchlägt, ihm den Gräuel
und die Häßlichkeit dieſer ſeiner Sünde ſammt
den entſetzlichen Folgen derſelben für Leib und
Seele, ſo wie für Weib und Kinder, wenn er
deren hat, recht lebendig und kräftig vormalt;
denn ſolches weiß er ſelber gar wohl; die Biſſe
ſeines Gewiſſens, das Klägliche ſeines elenden

Zuſtandes fühlt er hin und her ſchmerzlich ge⸗
nug; ein ſehnliches Verlangen aus dieſem Jam⸗
merſtande herauszukommen, ergreift ihn bis⸗
weilen mit großer Gewalt; aber gerade weil er
meinet, er ſei um ſeiner Sünde willen von Goit
unrettbar verſtoßen, es ſei keine Gnadenthür
mehr für ihn aufgethan, ſo ſtürzt er ſich denn,
um das erwachte Gewiſſen immer mehr zu be⸗
täuben, um ſo mehr in ſeine Lieblingsſünde
hinein.
Es iſt alſo von Nöthen, daß man mit dem
Evangelium dieſem armen verlornen Schafe
dergeſtalt nachgehe, daß man ihm nach den drei
Artikeln des chriſtlichen Glaubens und nach
der herrlichen Auslegung Lutheri die Größe der
Liebe Gottes auch zu ihm recht vor die Augen
male, und ſonderlich wie auch ihn, obwohl er
an ſeinem Saufen die Größe ſeines erbſündli⸗
ſchen Verderbens und ſeiner Trennung von Gott
gründlich zu erkennen vermöge, der gnädige
und barmherzige Gott nicht verworfen, ſondern
auch ſeine Sünde, Schuld und Strafe durch das
verdienſtliche Leiden und Sterben, durch das
blutige Sühnopfer ſeines lieben Sohnes wirk⸗
lich bereits hinweggenommen und dieſer ihm da⸗
gegen Vergebung der Sünde, Leben und Selig⸗
keit erworben habe. Solch herrlicher und edler
Schatz, die Losſprechung von aller Schuld der
Sünde in Adam und die Zurechnung des Ver⸗
dienſtes Chriſti ſammt der gnadenreichen Ein⸗
wohnung des h. Geiſtes und der daher rühren⸗
den Kraft zum geiſtlichen Leben ſei ihm auch
bereits in der h. Taufe geſchenkt worden, daſelbſt
er auch durch den Mund ſeiner Pathen dem
Teufel und ſeinem Weſen und Werk abgeſagt
und den Glauben an den dreieinigen Gott be⸗
kannt (und vielleicht ſpäter in der Confirmation
beides mit eigenem Munde wiederholt) habe.
Leider ſei er aber durch den Betrug des Teu⸗
fels, der Welt und ſeines eigenen Fleiſches nun⸗
mehr dahin gerathen, daß er von dieſem ſelig
machenden Glauben gefallen ſei, dadurch er ein
liebes Kind Gottes geweſen, und ſei durch den
ſchnöden Dienſt der Sünde, und ſonderlich des
Saufens wieder unter die Herrſchaft des Teu⸗
fels gekommen, der natürlich nichts anders im
Sinne habe, als ihn nach Seel und Leib, zeit⸗
lich und ewiglich zu verderben. Der getreue
Heiland Jeſus Chriſtus aber, deſſen liebevolles
Herz auch nach ſeiner Seligkeit dürſte, wolle auch
ihm ſogar aus ſeinem unſeligen und verlornen
Zuſtande heraushelfen: und wie er in den Ta⸗
gen ſeines Fleiſches auch groben Sündern nach⸗
gegangen ſei und ihnen zu rechtſchaffener Bekeh⸗
rung verholfen habe, als z. B. einem Zachäus,
der Sünderin, der Maria Magdalene nnd dem
Schächer am Kreuze, ſo wolle er auch ihm durch
ſein Wort dazu verhelfen; es gelte nun, daß er
die ſchändliche Sünde des Unglaubens, dadurch
er auch in das Laſter der Trunkenheit gerathen,
und die herrliche Würde ſeines Chriſtenthums in
den Koth getreten, gründlich erkenne und herz⸗
lich bereue, ſonderlich, wenn er hinſchaue nach
Gethſemane und Golgatha, allwo der heilige
uns gerechte Gott die Sünde jedes Ungläubigen

alſo auch Säufers an dem einigen geliebten

English translation

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