# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 09 01_S6 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Lehre vom rechtfertigenden Glauben und von guten Werken und von der glaubensloſen und unevangeliſchen Geſetztreiberei und Werkerei, darin die Papiſten völlig Eins ſind. Obgleich, nämlich bürgerlich angeſehen, die noraliſche Verpflichtung zur Enthaltung von Branntwein und ähnlichen Getränken manchen äußerlichen Nutzen ſchafft, ſo hat ſie doch, vom Standpunkte des Evangeliums und der darauf gegründeten Kirche Gottes betrachtet, gar keine Berechtigung und Geltung; ja wenn ſolche Temperance⸗Werber und ihre Rekruten in ihrem Auffordern und Folgen etwa meinen, ſie thäten Gott einen Dienſt und ein vor Gott gutes Werk: ſo verhält es ſich nach Gottes Urtheil in ſeinem Wort, das allein Regel und Richtſchnur alles nenſchlichen Handelns iſt und bleibt, die Men⸗ ſchen mnögen es nun dafür anerkennen oder nicht, grade umgekehrt. Gottes Wort aber, das hie⸗ her gehört, richtet alſo: „Was nicht aus dem Glauben gehet, das iſt Sünde“, (Röm. 14, 23) und ferner: „ohne mich (ſpricht. Chriſtus) könn⸗ net ihr nichts thun.“ (Joh. 15, 5.) Faſſen wir nun den Sinn beider Sprüche zu⸗ ſammen, ſo kommt folgende Wahrheit zu Tage: Iedes Werk, das nicht aus dem Glauben kommt, der Chriſtum, als unſre Gerechtigkeit in Evangelio ergreift und fich zueignet und von dem durch dieſen Glauben in uns wohnenden Chriſtus durch und mit uns gewirkt wird, iſt, ſeinem Urſprung und Weſen nach, Sünde. Daraus erhellet, daß nach der Wahrheit des Evangeliums, auch ſolche Werke, die keine offen⸗ baren lÜbertretungen der zehn Gebote ſind, ja vielmehr z. B. für das bürgerliche Gemeinweſen nütlich und wohlthätig ſein können, doch, wenn ſie nicht aus dem gerechten und ſelig machenden Glauben herſtammen und um Chriſti Willen geſchehen, oder ſchließlich, gar noch die eigene Sündenſchuld bedecken und die eigene Gerechtig⸗ ktit vor Gott wirken ſollen, ſündlich, fluchwürdig und verdammlich ſind. Wenn alſo z. B. Jemand nicht aus dem Glauben und nicht um Chriſti willen ſein gan⸗ es Vermögen hergäbe, um ein Armen⸗ und Krankenhaus zu erbauen und zu erhalten und wenn darin barmherzige Schweſtern oder prote⸗ ſantiſche Diakoniſſinnen aus freier Selbſtge⸗ nahtigkeit und Werkheiligkeit die ekelhafteſten Kranken mit der unermüdetſten Sorgfalt pfleg⸗ ten, ſo wäre beider Thun und Werk, obſchon es ſeinem Inhalte nach, nicht böſe iſt, dennoch ſei⸗ uer Wurzel und Geſinnung nach entſchieden böſe und ſündlich. Umgekehrt dagegen, wenn ein Holzhauer und Laſtträger im rechtfertigenden Glauben an den HErrn Chriſtum ſteht und aus dieſem Glauben heraus ſeines Berufs wartet und Um Chriſti willen darin alle guͤte Treue erzeiget, ſo iſt all ſein Thun und Werk eitel gut und hei⸗ lig und ein ſtetiger Gottesdienſt. Aus obiger Wahrheit geht denn auch klärlich hervor, daß Vater Matthew's und all ſeiner römiſchen und broteſtantiſchen Mitgeſellen Temperance-Kräme⸗ ninichts weniger als etwas vor Gott Gutes ſei, da es nicht aus dem Glauben gehet. Denn lebten ſie im rechtfertigenden Glauben —3— und derſelbe in ihnen, der ja ein durch den heil. Geiſt am Lichte des Evangeliums angezündete und durch dasſelbe fortbrennende innere Leuchte im Chriſtenherzen iſt, ſo würden ſie ſchwerlich Land und Meer umziehen, um auf dem Wege mora⸗ liſcher Verpflichtung aus Trunkenbolden ſolche Enthaltſame zu machen, welche hie und da heim⸗ lich ihrem Verſprechen zuwider handeln, jeden⸗ falls aber die böſe Luſt kräftig in ſich behalten und dabei häufig mit dieſer ihrer Enthaltung andere Sünden bei Gott zudecken, ja ihre Ge⸗ rechtigkeit vor Gott darin zu finden meinen. Dann würden ſolche Leutlein, zumal wenn ſie chriſtliche Prediger ſind, nicht weit hinaus auf dieſe einzelne Sünde eine moraliſche Hetzjagd anſtellen, ſondern ſie würden zunächſt fein da⸗ heim bleiben und zuförderſt in den Gemeinden, die ihnen zum Weiden von Gott befohlen ſind, die Trunkenbolde durch Gottes Wort und auf evangeliſche Weiſe zu Chriſto zu bekehren trach⸗ ten; denn allein durch das Evangelium und den rechtfertigenden Glauben würde auch die Sünde der Trunkenheit grünvlich von Innen her ge— heilt und in die entgegengeſetzte Tugend der Nüchternheit, d. i. daß man aller Gaben Got⸗ tes mit Maßen und mit der Herrſchaft über ſeine böſe Luſt gebrauche, verwandelt. Und nur auf dieſe Weiſe wird es verhindert, daß bei aller äußer⸗ lichen Enthaltung dennoch die böſe Luſt nach dem Verbotenen innerlich ſtark und kräftig bleibe, da ſie von einer h. Luſt zu und an Gott verzehrt und verſchlungen wird; nur auf dieſe Weiſe, durch eine rechtſchaffene Bekehrung zu Chriſto und die Pflanzung und Erhaltung des gerechten und ſelig machenden Glaubens kann es geſche⸗ hen, daß der Menſch nicht wie früher in den moraliſch erzwungenen Tugend der Enthaltſam⸗ keit ſeine Gerechtigkeit vor Gott ſuche; denn ſicherlich iſt der arme Menſch noch viel übler daran, wenn nicht der h. Geiſt und der Glaube an den HErrn Chriſtum, ſondern der Hochmuths⸗ teufel den Saufteufel austreibt, da er unter des letzteren Herrſchaft bei zeitweiliger Nüchternheit, ſeinen elenden verlornen Zuſtand, ſeine Tren⸗ nung von Gott und ſeine ſittliche Ohnmacht doch noch empfand und nach Hülfe ſeufzte, unter der Herrſchaft des Hoffartsteufels ſich aber für ſtark und mächtig in eigener Kraft hält und deshalb viel ferner von dem iſt, der allein dem armen Sünder helfen kann. Würde nun aber Vater Matthew u. Comp. mich armen lutheriſchen Ketzer fragen, wie man es denn wohl angreife, um einen Säufer, auf die oben angedeutete evangel. (d. i. luther.) Weiſe zu Chriſto zu bekehren und darin zugleich gründlich von Innen her von dem Laſter ſeiner Trunken⸗ heit zu befreien, ſo würde ich alſo ſagen: „Mein lieber Vater Matthew, ſolches geſchieht nicht we⸗ ſentlich dadurch, daß man blos mit dem Moral⸗ geſetz in ſein Gewiſſen ſchlägt, ihm den Gräuel und die Häßlichkeit dieſer ſeiner Sünde ſammt den entſetzlichen Folgen derſelben für Leib und Seele, ſo wie für Weib und Kinder, wenn er deren hat, recht lebendig und kräftig vormalt; denn ſolches weiß er ſelber gar wohl; die Biſſe ſeines Gewiſſens, das Klägliche ſeines elenden Zuſtandes fühlt er hin und her ſchmerzlich ge⸗ nug; ein ſehnliches Verlangen aus dieſem Jam⸗ merſtande herauszukommen, ergreift ihn bis⸗ weilen mit großer Gewalt; aber gerade weil er meinet, er ſei um ſeiner Sünde willen von Goit unrettbar verſtoßen, es ſei keine Gnadenthür mehr für ihn aufgethan, ſo ſtürzt er ſich denn, um das erwachte Gewiſſen immer mehr zu be⸗ täuben, um ſo mehr in ſeine Lieblingsſünde hinein. Es iſt alſo von Nöthen, daß man mit dem Evangelium dieſem armen verlornen Schafe dergeſtalt nachgehe, daß man ihm nach den drei Artikeln des chriſtlichen Glaubens und nach der herrlichen Auslegung Lutheri die Größe der Liebe Gottes auch zu ihm recht vor die Augen male, und ſonderlich wie auch ihn, obwohl er an ſeinem Saufen die Größe ſeines erbſündli⸗ ſchen Verderbens und ſeiner Trennung von Gott gründlich zu erkennen vermöge, der gnädige und barmherzige Gott nicht verworfen, ſondern auch ſeine Sünde, Schuld und Strafe durch das verdienſtliche Leiden und Sterben, durch das blutige Sühnopfer ſeines lieben Sohnes wirk⸗ lich bereits hinweggenommen und dieſer ihm da⸗ gegen Vergebung der Sünde, Leben und Selig⸗ keit erworben habe. Solch herrlicher und edler Schatz, die Losſprechung von aller Schuld der Sünde in Adam und die Zurechnung des Ver⸗ dienſtes Chriſti ſammt der gnadenreichen Ein⸗ wohnung des h. Geiſtes und der daher rühren⸗ den Kraft zum geiſtlichen Leben ſei ihm auch bereits in der h. Taufe geſchenkt worden, daſelbſt er auch durch den Mund ſeiner Pathen dem Teufel und ſeinem Weſen und Werk abgeſagt und den Glauben an den dreieinigen Gott be⸗ kannt (und vielleicht ſpäter in der Confirmation beides mit eigenem Munde wiederholt) habe. Leider ſei er aber durch den Betrug des Teu⸗ fels, der Welt und ſeines eigenen Fleiſches nun⸗ mehr dahin gerathen, daß er von dieſem ſelig machenden Glauben gefallen ſei, dadurch er ein liebes Kind Gottes geweſen, und ſei durch den ſchnöden Dienſt der Sünde, und ſonderlich des Saufens wieder unter die Herrſchaft des Teu⸗ fels gekommen, der natürlich nichts anders im Sinne habe, als ihn nach Seel und Leib, zeit⸗ lich und ewiglich zu verderben. Der getreue Heiland Jeſus Chriſtus aber, deſſen liebevolles Herz auch nach ſeiner Seligkeit dürſte, wolle auch ihm ſogar aus ſeinem unſeligen und verlornen Zuſtande heraushelfen: und wie er in den Ta⸗ gen ſeines Fleiſches auch groben Sündern nach⸗ gegangen ſei und ihnen zu rechtſchaffener Bekeh⸗ rung verholfen habe, als z. B. einem Zachäus, der Sünderin, der Maria Magdalene nnd dem Schächer am Kreuze, ſo wolle er auch ihm durch ſein Wort dazu verhelfen; es gelte nun, daß er die ſchändliche Sünde des Unglaubens, dadurch er auch in das Laſter der Trunkenheit gerathen, und die herrliche Würde ſeines Chriſtenthums in den Koth getreten, gründlich erkenne und herz⸗ lich bereue, ſonderlich, wenn er hinſchaue nach Gethſemane und Golgatha, allwo der heilige uns gerechte Gott die Sünde jedes Ungläubigen alſo auch Säufers an dem einigen geliebten