Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 1 › Seite 10

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-09-01, Seite 10

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Dum verlaſſen, Gott mich dafür nicht allein hier
ritlich mit nothdürftiger Nahrung verſorgen,
ſondern auch ewig die Hülle und Fülle, ja das
ewigt Leben, Wohl und Seligkeit ſchenken wird.
„Ich weiß gar wohl, daß mich die Meinigen
und Andere im Papſtthum über dieſem Gott und
den Engeln im Himmel wohlgefälligen und Freu⸗
de erweckenden Werke verfluchen, verachten, ja
gar in den Abgrund der Hölle verdammen wer⸗
tin. Ich achte aber ihren Haß für lauter Nichts,
ich verlache ihre Feindſchaft, ich ſage vielmehr
nit Iſdorus: „Melius est habere malorum
hdium, quam consortium; d. i.: Es iſt beſſer
biſer Leute Feindſchaft, als Gemeinſchaft ha—
ben.“ Und damit ihnen ihr Läſtermaul möge ge⸗
ſopft werden, ſo will ich ihnen in dieſer ge⸗
genwärtigen Revokations-Schrift diejenigen
Gründe und Motiven vor Augen legen, welche
15 verurſachten, daß ich mich von der päpſtlichen
Lchre a bgewendet, hingegegen der rechten, evan⸗
gelichen Religion zu gewendet habe.

Gott öffne euch Papiſten allen eure Augen,
Ohren und Herzen durch ſeinen heiligen Geiſt,
damit ihr erkennen möget, was euch gut ſei! —
Ver Ohren hat, zu hören, der höre, was der
Heiſt Gottes euch Papiſten jetzt ſaget:

Der erſte Grund
meines Abtretens von der papiſtiſchen zur wah⸗
rn, evangeliſchen Lehre iſt geweſen, daß ich durch
die Gnade Gottes und Erleuchtung des heiligen
Geiſtes erkannt habe: Quod extra ecclesiam
leienter volenter viventibus nulla salus speran-
da, d. i. daß alle Diejenigen, welche
wiſſentlich und vorſätzlich außer der

rechtgläubigen chriſtlichen Kirch e
leben, keine Hoffnung des Heils,

den und des ewigen Lebens haben.
Was iſt aber die chriſtliche Kirche? Der heil.
Woſtel Paulus beſchreibt ſie (Epheſ. 5.), daß ſie
eine Gemeine der Heiligen ſei, welche herrlich
it t. Er nennt ſie eine herrliche Gemeine
thels wegen des Stifters dieſer Gemeine, welcher
it JNeſus Chriſtus (Cap. 4. u. 5.), theils wegen
des reinen Wortes, welches in ihr gepredigt und
gehert wird (Joh. 10; 1. Tim. 3; Joh. 8.),
thels wegen der heil. Sakramente, die in ihr
noerfälſcht ausgetheilt werden (1. Cor. 10.),
und theils auch wegen der guten Ordnung, wel⸗
ce in der wahren chriſtlichen Kirche gehalten
vind. Dies ſind alles herrliche Merkmale der
chriſtlichen Kirche, welche ich aber alle mit ein⸗
ander in der papiſtiſch⸗katholiſchen Kirche nicht
ugetroffen habe; denn ſie ſetzt den Papſt zu
hrem Haupte, neben Gottes Wort ſtellt ſie der
Renſchen Tand und Satzungen, die heiligen
Sakramente theilt ſie verſtummelt aus, und erd⸗
lih iſt nichts, als Unordnung in ihr anzutreffen.
SEo wie nun aber Alle, welche nicht in der Arche
bah anzutreffen waren, verderben mußten,
tbenſo werden auch alle Diejenigen, welche außer
t wahren, dwiſtlichen Kirche und Gemeine
ben, und bei dem irrigen Haufen mit Vor⸗
a6z, und wider ihr Gewiſſen, ver⸗
harren, da ſie doch von der recht⸗
glänbigen Kirche genugſame Nach⸗
jicht haben, verloren gehen. Und dies war
er erſte Grund.

der Gnade, der Vergebung der Sün⸗

Der zweite Grund

meines Abtretens von der päpſtlichen zu der wah⸗
ren, evangeliſchen Lehre iſt geweſen, daß ich
durch die Gnade Gottes und Erleuchtung des
heiligen Geiſtes erkannt habe: Quod ex seha
verbi auditione salus, d. h., daß allein aus
dem gepredigten und gehörten Worte
Gottes die ewige Seligkeit komme.
Denn ſo ſpricht Chriſtus Luc. 11: „Selig ſind,
die Gottes Wort hören und bewahren.“
Und Joh. 8. ſpricht er abermals: „So Jemand
mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht
ſehen ewiglich.“ Daraus habe ich nun geſchloſ⸗
ſen, daß Diejenigen, welche das Wort Gottes
weder hören noch bewahren, nicht ſelig werden,
daß ihnen Jeſus Chriſtus das ewige Leben nicht
gibt, ſondern als Übertreter den ewigen Tod
ſehen, verdammt ſein und ewig umkommen müſ⸗
ſen. Wie denn Gott, der Herr, ſelbſt ſolche
Leute verflucht, 3. Moſ. 26, 5. Moſ. 18; nnd
Chriſtus dräuet zeitliches und ewiges Wehe de⸗
nen, die ſein Wort nicht hören und bewahren
(Matth. 11.)

Weil nun die Papiſten Gottes Wort als die
reine Lehre des Evangeliums nicht hören, ſon⸗
dern verfälſchen, läſtern, und des Papſtes De⸗
crete, Comitien und Canones, der Mönche
Träume und altvetteliſchen Fabeln und Legenden
viel lieber hören und haben: ſo erkennen ſie
Chriſtum nicht, und Chriſtus erkennet auch
ſie nicht, und als Unſelige werden ſie den ewi⸗
gen Tod ſehen.

Der dritte Grund

meinesAbtretens von der papiſtiſchen zur wahren,
evangeliſchen Lehre iſt geweſen, daß ich durch
die Gnade Gottes und Erleuchtung des heiligen
Geiſtes erkannt habe: Quod dubitent de sabate
aeterna, d. h. weil ſie lehren, daß man
zweifeln ſolle, ob man Heil und
Vergebung der Sünden habe oder
nicht, ob man in der Zahl der Auserwählten
ſei, oder nicht. In ſolchem Zweifel bleiben ſie
vor, wie nach bei ihren Seelenmeſſen, was ſie
damit beweiſen, daß ſie ſlets ſingen: Requi-
escant in pace, laß ſie in Frieden ruhen; requi-
am aeternam dona eis, Domine! Gieb ihnen,
o Herr! die ewige Ruhe! Sie haben mit ſol⸗

chem Geſchrei weder Ziel noch Maaß, heben das

Lied immer wieder an, einen Tag, wie den an⸗
dern, und ein Jahr wie das andere. Damit
geben ſie zu verſtehen, daß ſie im Leben an der
Ruhe der Seelen gezweifelt haben, ſie auch noch
in ihrem Tode daran zweifeln. Und wie könn⸗
ten ſie denn auch den Troſt und Frieden in Chriſto
und die Ruhe für ihre Seelen bekommen? Denn

der Päpſte, Cardinäke, Biſchöfe, Pfaffen, Mön⸗

che und Nonnen Vorgeben von ihrer Kirche, von
ihrem Glauben, von ihren Traditionen und
Menſchenſatzungen, von ihren Ceremonien und
Predigten iſt ja ein lauterer Betrug, Schinderei,
Finanzerei, Seelenmord und Verzweiflung.
Dahingegen hat die evangeliſche Lehre einen weit
beſſeren und gewiſſeren Troſt des ewigen Lebens,
welches der Apoſtel 1. Cor. 2. beſchreibt: daß
es noch kein Auge geſehen, kein Ohr gehürt, und
in keines Menſchen Herz gekommen ſei, was
Gott bereitet hat denen, die ihn lieb haben.“
Und von den rechten, wahren Chriſten, die im
Herrn ſterben, ſagt das Buch der Weisheit Cap.
3: „Der Gerechten Seelen ſind in Gottes Hand,

und keine Qual rühret ſie an“; und Offenb. 14:
„Selig ſind die Todten, die in dem Herrn ſter⸗
ben, von nun an! ja der Geiſt ſpricht, daß ſie
ruhen von ihrer Arbeit“.

Der vierte Grund

meines Abtretens von der päpſtlichen zu der wah⸗
ren, evangeliſchen Lehre iſt geweſen, daß ich durch
die Gnade Gottes und Erleuchtung des heiligen
Geiſtes habe erkannt: Bonorum operum va-
nam gloriationem, d. h., daß ſie im Papſt⸗
thum viel Prahlens von ihren gu⸗
ten Werken machen, ſich derſelben
rühmen und damit den Himmel ge⸗
denken abzutragen; da doch alle die,
welche ihre Gerechtigkeit und Seligkeit durch gute
Werke ſuchen, die Gerechtigkeit nicht überkom⸗
men. (Nöm. 9); denn „nicht um der Werke
willen der Gerechtigkeit, die wir gethan haben,
ſondern nach Gottes Barmherzigkeit ſind wir
ſelig gemacht“. (Tit. 3.)

Daß aber die Papiſten alle ihre Gerechtigkeit
und Seligkeit durch ihre guten Werke ſuchen,
das iſt genugſam bekannt aus ihren unzählbaren
Mönchs⸗ und Nonnen⸗Orden, Wallfahrten,
ihren erdichteten Weihwaſſern, Fegfeuer, Meß⸗
opfern, römiſchen Bullen und Ablaßbriefen,
Singen, Klingen, Schreien, Murmeln, Faſten,
Wachen, harten Lagern, härenen Hemden, und,
was noch greulicher iſt, aus ihrem Geißeln, Zer⸗
fleiſchen, Zermartern bis aufs rinnende Blut, und
in andern nichtigen Dingen dieſer Welt, da ſie
doch Alles, was und wo ſie es ſuchen, nirgends
finden. Denn die chriſtliche Kirche ſingt:
„Meine guten Werk' die galten nicht, es war
mit ihn'n verloren“; und ferner: „Der Glaub'
ſieht Jeſum Chriſtum an, der hat genug fuͤr uns
gethan.“ Der heil. Apoſtel Paulus macht den
Schluß (Epheſ. 2.), wenn er ſpricht, daß der
Menſch ſelig werde aus Gnaden durd den Glau⸗
ben, derſelbe komme aber nicht aus uns, ſondern
Gottes Gabe ſei es, vielweniger aus den Wer⸗
ken, damit ſich nicht Jemand rühme.

(Schluß folgt.)

——

Geſetz und Evangelium.

In aller Predigt oder Lehre, ſie ſei recht
oder falſch, gehen die zwei Stücke in Brauch:
minae et promissio, Dräuen und Ver⸗
heißung, welche wir heißen Geſetz und Evan⸗
gelium. Denn auch die Gottloſen ihr Ding
nicht könnten erhalten, wo ſie nicht ein falſch
Geſetz vorgäben, das iſt, wo ſie nicht mit fal⸗
ſchen Schrecken und Dräuen die Gewiſſen
zwängen und trieben: wiederum, wo ſie nicht
ein falſch Evangelium vorgäben, das iſt, mit
falſchem Troſt und Verheißungen die Her⸗
zen locketen und aufhielten. Denn eine jeg⸗
liche Lehre muß alſo gethan ſein, daß ſie
das Gewiſſen ſchrecke und tröſte, damit, daß ſie
vorgiebt, dies oder das gebiete Gott und wolle
es haben, und verheiße Gottes Enade und Lohn
zu Troſt denen, die darnach thun.

Luther über Sach. 5, 9.

—

English translation

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