Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 11 › Seite 87

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-01-21, Seite 87

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bar macht und dieſe ihrem trelberiſchen Hand⸗
thieren an den Seelen einen Damm entgegen⸗
ſetzen) geben ſich keine geringe Mühe, ſchriftlich
und mündlich den unwiſſenden Lutheranern die
. Beichtanmeldung, als papiſtiſchen Beichtzwang
oder gar Ohrenbeichte, als unevangeliſch und
unamerikaniſch zu verdächtigen und verhaßt zu
nachen.
Ein dritter Grund iſt die ähnliche Geſinnung
in dieſen und jenen Lutheranern, innerhalb der
Gemeinven ſelber, ſei es in Folge der eben er⸗
wähnten Einflüſſe, oder in Folge eigener ſchwär⸗
neriſcher Richtung und vielleicht zugleich einer
nißverſtandenen Anwendung ihrer bürgerlichen
Freiheit auf das kirchliche Gebiet.
Ein vierter Grund endlich jenes Widerſtandes
Eatgen die Einführung der Beichtanmeldung —
b. und zwar nicht der ſchwächſten einer — iſt die
.hoffärtige Dünkelweisheit und böswillige Stör⸗
ngkeit ſolcher in den Gemeinden, die ein gewiſ⸗
Fſes Anſehen über die Andern ausüben und da⸗
durch mehr oder minder die Mehrzahl lenken.
Aus dieſen vier Hauptgründen nun rührt das
ungemeine Widerſtreben her, das ſich gegen dieſe
heilſame Ordnung faſt überall vorfindet.
„ Vie nun aber? Sollte ſie um deßwillen auch
von bekenntnißtreuen Dienern der Kirche aufge⸗
geben werden, wie die Miethsprediger ſie mit
Vergnügen fahren laſſen, ja ſie aus Unwiſſen⸗
heit oder Bosheit mit ihren Miethsherren als
ein Überbleibſel aus den finſtern Zeiten des
abſtthums verdächtigen? Das ſei ferne.
Denn für die Anrichtung und Erhaltung die⸗
r eben ſo nothwendigen und heilſamen, als dem
Cdangelio gemäßen Ordnung ſprechen folgende
Gründe:
Zum Erſten nämlich iſt es, zumal nach eben
geſchehener ÜUbernahme einer Gemeinde, eine
anſte Gewiſſensſache für den Paſtor derſelben,
das hochwürdige Sacrament des Leibes und
Blutes des HErrn Chriſti keinem ſeiner Kirch⸗
linder zu reichen, deſſen Stand chriſtlicher Er⸗
Eenniniß er zuvor nicht geprüft hat. Denn nicht
mur offenbare und unbußfertige Sünder ſind
ungeſchickt zum würdigen Genuß des h. Abend⸗
nahls, ſondern auch die rohen unwiſſenden
geute, die nicht wiſſen, was Geſetz, Buße, Evan⸗
gelium, Glaube, Werke, Taufe, Abſolution und
Abendmahl ſind, auch vielleicht die heil. zehn
Gebote, den Glauben, das heil. Vaterunſer
nicht einmal auswendig können; desgleichen
ſud eben ſo untüchtig dazu die ſelbſtgerechten
Leute, denen das Gehen zum Tiſche des HErrn
ein todtes äußerliches Werk iſt, da ſie keinen wah⸗
nn Glauben haben, obwohl ſie nicht ſo roh ſind,
„als jene. Wenn nun der Diener der Kirche
3. B. ſolche Leute ließe unverhört zum h. Abend⸗
nahle gehen, ſo machte er ſich durch ſolchen Un⸗
feiß oder Menſchenfurcht theilhaftig der in Got⸗
ies Augen nicht geringen Sünde, daß ſie, eben
— auch durch ſeine Schuld, das Sacrament un⸗
wiürdig, alſo zum Gericht empfangen; und es
läuft mithin alſo hinaus, daß er, ſtatt als Mit⸗
aubeiter des heil. Geiſtes, ein Seelenheiland zu
in, vielmehr, als Mithelfer des Teufels, ein
„Seelenverderber iſt.

—57.—

So ſagt denn auch Luther: „Man ſoll Nie⸗
mand zum heil. Sacrament gehen laſſen, er ſei
denn von ſeinem Pfarrherrn inſonderheit verhöret,
ob er zum heil. Saerament zu gehen geſchickt ſei;
denn St. Paulus ſpricht 1 Cor. 11. daß die ſchul⸗
dig ſind am Leibe und Blute des Herrn Chriſti,
die es unwürdiglich nehmen. Nun nehmen die⸗
ſes Sakrament nicht allein, die es unwürdig neh⸗
men, ſondern auch die es mit Unfleiß Unwürdi⸗
gen geben; denn der gemeine Pöbel läuft um
Gewohnheit willen zum Sacrament und weiß
nicht, warum man das Sacrament gebrau⸗
chen ſoll.“

Desgleichen ſchreibt Luther an einem andern
Orte: „Es gefällt uns auch wahrlich nicht, daß
die Abſolution ſollte aus der Kirche kommen und
dieLeute ſo rauch hin laſſen zum Saerament lau⸗
fen. Denn es muß ja eine Form und Zucht in der
Kirche bleiben, welche ohne die Beichte nicht zu
erhalten will ſein. Und ſollte dahin wohl ge⸗
rathen, wo die Leute nicht gewohneten, die
Sünde zu achten und der Abſolution oder Ver⸗
gebung zu warten, daß mit der Zeit die Ab⸗
ſolution und Vergebung der Sünde ganz ver⸗
laſſen und umgekehrt Ding werden ſollte und die
Leute aus eigener Andacht wieder zum Sacra⸗
ment liefen, wie vorhin.“

Zum Andern aber, und im Zuſammenhang
mit dieſem erſten Grunde, iſt die Beichtanmeldung
deshalb ſo heilſam und nütze, weil ſie der eigent⸗
liche Ort für die echt-kirchliche Seelſorge iſt.
Denn für einen treuen Hirten und Vater in
Chriſto iſt es ja Herzens- und Gewiſſensſache,
jedes einzelne Schäflein der ihm befohlnen Heerde
Chriſti möglichſt genau im Auge zu behalten,
und desſelben, je nach deſſen geiſtlicher Noth⸗
durft, getreulich wahrzunehmen. Dazu gehört
aber, daß er nicht blos das hundertſte verlorene
Schäflein ſuche, und dem vom Worte und Sacra⸗
mente abgeirrten nachgehe, um es, ob Gott will⸗
wieder zu beidem zurückzubringen, ſondern daß
er auch durch ſonderliche Zuſprache, Lehre, Ver⸗
mahnung, Strafe und Troſte aus und nach
Gottes Worte das (vom Geſetze) Verwundete
heile, das Schwache ſtärke, das Kleinmüthige
tröſte, das Wankende befeſtige, das Unkundige
berichte, das Ungezogene vermahne, das Wider⸗
ſpenſtige ſtrafe, das Träge antreibe, das Blöde
herzulocke, das Unbeſonnene zurückhalte, das
Gefallene aufrichte, das Freche warne, das
Sichere erſchrecke, kurz als ein geiſtlicher Arzt
mit der gründlich und gewißlich heilenden Arze⸗
nei des göttlichen Wortes alſo zu Hülfe komme,
wie es der beſondere Schade und Mangel der
einzelnen Seele gerade erfordert.

Wo wäre aber für ſolche ärztliche Behandlung
und Pflege ein ſchicklicherer Ort und eine paſſen⸗
dere Zeit, als wenn ſeine geiſtlichen Patienten
ſich anſchicken, den Leib und das Blut ihres
HErrn und Heilandes zu empfangen? Auch da
ſoll er billig ein Mithelfer des h. Geiſtes für je⸗
den Einzelnen ſein, die von dem h. Apoſtel vor
dem Genſſe des h. Abendmahls verlangte heil⸗
ſame Selbſtprüfung auch an ſeinem Theile zu
fördern und den Katechismus dafür in fleißige
Uebung zu ſetzen. Da ſoll er, vom h. Geiſte er⸗

leuchtet und geſalbt, mit väterlicher Liebe und
evangeliſcher Weisheit einem jeglichen ſeiner
Kirchkinder entgegenkommen und ſeiner ſich an⸗
nehmen, wie er nun die ſonderliche Nothdurft
des Einzelnen entweder ſchon kennt oder durch
freundliche Befragung und Lockung eben erſt
kennen lernt. Und da widerfährt auch ſicherlich
dem Einzelnen, der da willig und aufrichtig ſich
aufthut, ein oft eben ſo großer Nutzen, als er
aus der Predigt des Evangelii heimträgt, weil
hier ſeinem beſondern Schaden und Mangel ge⸗
rathen wird. ö

Wie wäre aber dieſe Verrichtung des Dienſtes
am Evangelio möglich, wie wäre dieſer edle nnd
treffliche Nutzen erreichbar, wenn nicht die ein⸗
zelnen Kirchkinder ihrem geiſtlichen Vater ihr Be⸗
gehren anzeigten, zum Tiſche des HErrn herzu⸗
zunahen und bei dieſer Gelegenheit ſich ihm auch
willig erböten, von ihm zur Anleitung und För⸗
derung in ihrer Selbſtprüfung und in Sachen
ihres Seelenheils befragt, berichtet, vermahnt,
geſtraft und getröſtet zu werden? Denn unmög⸗
lich könnte dieſe köſtliche Frucht erzielt werden,
wenn die Leute haufenweiſe zur gemeinen Beich⸗
te, ohne vorherige Anmeldung, herzukämen und
etwa erſt, nach angehörter Beichtrede und em⸗
pfangener Abſolution, ihre Namen anzeigten.
Dagegen träte bei ſolcher Unordnung der unver⸗
meidliche ſchwere Uebelſtand ein, daß gar man⸗
cher offenbar Unwürdige abſolvirt und am Ende
gar noch communicirt würde, was natürlich bei
Gott mit auf die Rechnung des Dieners der
Kirche käme, der durch Einwilligung in ſolche
Unordnung ſich theilhaftig machte fremder Sünde,
indem er es mit herbeiführt, daß eins oder meh⸗
rere ſeiner Kirchkinder (oder gar herzugelaufener
Fremder“) Abſolution und Abendmahl zum Ge⸗
richt empfangen. — Denn ſollte der Paſtor in
Handhabung der Beichtvermahnung auch noch
gewiſſenhaft genug ſein, die Untüchtigen und
Unwürdigen heilſam abzuſchrecken, ſo iſt es doch
leider eine gemeine Erfahrung, daß ſich dadurch
ſchwerlich einer, der im Haufen mit darin ſteht,
wirklich zurückhalten läßt; denn er fürchtet na⸗
türlich nicht Gott, ſondern die Zungen und Mie⸗
nen der Leute, die ihn wohl bei der Beichte /
aber nicht beim h. Abendmahl ſahen und die gro⸗
ßentheils, wie er beſorgt, ſeiner lachen und ſpot⸗
ten würden, wenn er ſich heilſam abſchrecken lie⸗
ße, dermalen zum h. Abendmahl zu kommen.

Zum Dritten iſt auch deshalb die Beichtan⸗
meldung eine ſo wichtige und heilſame Ordnung,
weil ſie die Aufrichtigen und Willigen eben ſo
heilſam herzulockt, als die Falſchen und Störri⸗
gen zurückſchreckt, bis dieſe, ob Gott will, durch
die Predigt des göttlichen Wortes bekehrt und
zum würdigen Genuſſe des h. Abendmahls ge⸗
ſchickt werden.

Was nun jenes erſte Stück betrifft, ſo haben
unleugbar bei der Beichtanmeldung einfältige

*) Selbſt in luth. Synoden, die ſich (dem Namen nach )
zu den luth. Symbolen bekennen, findet hie und da der
gräuliche Unfug ſtatt, daß methodiſtiſch geſinnte Paſtoren
auch Fremde aus andern Confeſſionen zum Genuſſe des h.
Abendmahls mit der Gemeinde einladen. Und die Sonode

läßt ſolch ſchändliches Unweſen nach wie vor geſchehen. —

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